OWL Crime Der brutale Mord am Bielefelder Disko-König "Büben" Eickhoff Thomas Zorn Enger. Alles schien gut bestellt in der alten Bundesrepublik im Jahr 1985. Der wirtschaftliche Aufschwung hielt an. Der August schrieb keine großen Schlagzeilen. Der neue sowjetische Parteichef Michail Gorbatschow kündigte ein Atomtest-Moratorium an. US-Rockstar Bruce Springsteen beendete seine Tournee und Springreiter Paul Schockemöhle wurde mal wieder Europameister. Sonst passierte nicht viel. Meist bricht das Grauen unvermittelt ein. Der 25. August war für Hans-Günter Eickhoff ein ganz normaler Sonntag auf seinem Reiterhof in Enger-Oldinghausen. Abends saß der ehemalige Bielefelder Kneipenkönig mit seiner jungen Freundin Annette S., seinem Mitarbeiter Volker V. und einem Bekannten im Wohnzimmer beisammen. Man schaute Fernsehen. Es war lebhaft und laut, bis der Bekannte das einsam gelegene Anwesen verließ. Zwei Kriminelle, die Großes vorhatten Unbemerkt hatte inzwischen ein Fremder das Haus betreten. Er hieß Michael M. (Name geändert), ein Kleinkrimineller, der bereits vor Monaten dort bei einem Einbruch 30.000 D-Mark erbeutet hatte. Zusammen mit seinem Komplizen Wolfgang J. (Name geändert) wollte er ein ganz großes Ding drehen. Sie planten einen Raubüberfall. Beide kannten Eickhoff flüchtig, hatten früher in seinen Läden verkehrt. Gerüchte liefen um, in seinem Tresor lägen  50.000 D-Mark. Sie wollten endlich in eine andere kriminelle Liga aufsteigen. Bislang hatten sich die beiden als Einbrecher über Wasser gehalten. Sie träumten von einem anderen Lebensstil, von Anerkennung. Was dann geschah, protokollierte M. später  so: „Es war ungefähr 23.30 Uhr, als ich durch die Glastür, die offenstand, ging und in einem großen Raum stand. Gleich am Anfang war ein Billardtisch, und links daneben ging eine Holztreppe hinauf. Ich hörte, wie Eickhoff zu V. sagte, wir gehen ins Bett. Daraufhin versteckte ich mich in einer Türnische. Kurz darauf kam der V., um sich sein Bettzeug zu holen. Er ging zu der Glastür, verschloss sie und ließ den Schlüssel stecken. Als ich wieder aus meinem Versteck heraustrat, sah ich, wie das Licht im Wohnzimmer ausging. Ich wartete noch ein paar Minuten und ging dann zur Glastür und schloss sie auf. Draußen wartete Wolfgang. Ich sagte ihm, es wäre alles o.k. Die Herrschaften seien schlafen gegangen. So zog ich meine Maske über. Wolfgang stellte sich vor die Schlafzimmertür von V., und ich stand vor dem Schlafzimmer, wo Eickhoff und Annette S. sich aufhielten. Wir standen beide mit gezogenen Waffen und warteten, dass es Mitternacht wird. Dann hörten wir Eickhoff zu V. rufen: ,Happy birthday und eine gute Nacht.‘ Das war das Zeichen." Er drückte fünfmal ab Da Eickhoffs Schlafzimmertür verschlossen war, stürmte M. in den Raum, in dem J. inzwischen Volker V. mit der Waffe bedrohte. Als Eickhoff rief, was denn los sei, antwortete der: „Es ist ein Überfall." In dem Moment trat M. gegen die Verbindungstür, so berichtete er es in seinen Aufzeichnungen. Im gleichen Augenblick hörte er einen Knall aus Eickhoffs Schreckschusspistole und drückte mit seiner 6,35er Röhm fünfmal ab. Dann gab er dem Sterbenden einen „Fangschuss". Erst am folgenden Abend stießen die Beamten, die  alarmiert worden waren, auf die Spuren des schrecklichen Geschehens, das einer Hinrichtung glich. Eickhoff, Annette S. und Volker V. lagen in ihrem Blut. Alle Zimmer waren durchwühlt. Die Obduktion ergab, dass für den 42 Jahre alten Eickhoff ein Lungenschuss und ein Hinterkopfschuss tödlich waren. Auf Annette S., 21, wurde viermal, auf den 28-jährigen Volker V. zweimal geschossen. Eickhoff: Ein Mann, der polarisierte Kaum ein Verbrechen hat die Menschen in der Region so bewegt wie dieser Dreifach-Mord. Eickhoff, Sohn eines Kleiderfabrikanten, hatte Ostwestfalen mit dem Diskofieber infiziert. Er polarisierte. Im Gesellschaftshaus am Bielefelder Klosterplatz mit Klubs und Bars wurden Gäste gern mal abgewiesen, wenn sie wegen ihrer Kleidung oder der Hautfarbe nicht ins Bild passten. Die Einlasspraxis war ein Dauerthema in der Lokalberichterstattung. Auf viele wirkte der kleine eitle Mann, der „Büben" genannt wurde, arrogant und abgehoben. In den 70er Jahren beherrschte er die Nachtszene der Stadt fast ganz allein und baute ein kleines Imperium auf. Doch dann gab es einen Knick. Gäste blieben aus, und es gab reichlich Ärger mit dem Finanzamt. War der Dreifachmord ein Racheakt? 1983 musste sich Eickhoff von allen Läden trennen. Angeblich plante er ein Comeback. Doch dazu kam es nicht mehr. Von Machtkämpfen und Eifersucht war nach der Bluttat die Rede. Eickhoff galt als Liebhaber schöner Frauen, exklusiver Sportwagen und edler Pferde. Ihn plagten hohe Schulden. Doch immer wieder konnte er Geld auftreiben, um die Versteigerung seines Hofes abzuwenden. War der dreifache Mord ein Racheakt? Die Spekulationen dauerten nicht lange. Schnell gerieten Michael M. und Wolfgang J. ins Visier der aus 30 Personen bestehenden Sonderkommission. Eickhoff hatte die beiden nach dem Einbruch im Mai beschuldigt, ihn bestohlen zu haben. Sie wurden seit Monaten per Strafbefehl gesucht. Doch erst jetzt, nach Eickhoffs Tod, setzte eine Fahndung ein. Dazu gab es einen Tipp. Zwei Tage nach der Tat stürmte ein Einsatzkommando eine Wohnung in Bochum, in der Wolfgang J. zuletzt gewohnt hatte. Sie war auch die erste Station der Gangster auf der Flucht. Den Polizisten fiel eine Videokassette mit der Aufzeichnung von Fernsehnachrichten zum Dreifach-Mord in die Hände, außerdem Michael M.s Waffe. 15 Projektile steckten in Decke und Wänden. Irres Szenario wie aus einem Film Die beiden hatten dort vor dem Überfall ihre schallgedämpften Pistolen getestet. Ein Szenario wie aus einem Film. Es passte zu Michael M. und Wolfgang J., die von ganz unten kamen und um jeden Preis nach oben wollten. Eickhoff, der von Geburt an oben war, stellte für die Außenseiter das ideale Opfer dar.  Nun wurde nach dem Duo europaweit gefahndet: Wolfgang J., 25 Jahre, geboren in Detmold; 1,80 Meter groß, schlank, kurze dunkle Haare und blaugraue Augen; linker Arm voll tätowiert, unter anderem mit einem Totenkopf. Michael M., 23 Jahre, geboren bei Lemgo; 1,75 Meter groß, schlank, blondes strähniges Haar und blaue Augen; zuletzt mit Schnäuzer. Doch nicht die Personenbeschreibungen und Fahndungsfotos, sondern Dummheiten führten zu ihrer Verhaftung. Michael M. hatte sich nach Spanien an die Costa Brava abgesetzt und rief von dort eine Freundin in Deutschland an, die abgehört wurde. Das Gespräch konnte genau verortet werden. Um 1 Uhr nachts am 4. September wurde M. im Badeort Llafranc bei Barcelona gefasst. Festnahme in Frankreich Eine Woche später wurde auch Wolfgang J. in Frankreich geschnappt. Er war noch immer mit seinem gesuchten roten Golf GTI unterwegs. Einem deutschen Begleiter, den er kurz zuvor kennengelernt hatte, erzählte er im Wagen prahlend von den Morden. Der wollte nur noch aussteigen. Es kam zu einem Handgemenge und zu einem Unfall auf der Autobahn bei Mâcon. Während Wolfgang J. am Unfallort festsaß, konnte der andere entkommen und die Polizei informieren. Die nahm den Lipper fest. J. schob die Schuld an den Morden seinem Komplizen  zu. Er selbst habe in Enger keinen Schuss abgegeben.  M. dagegen zeigte sich in den Verhören geständig. Als ob er stolz auf sein verpfuschtes Leben sei, schrieb er der Neuen Westfälischen Zeitung aus der Abschiebehaft in Madrid einen sechsseitigen Brief, in dem er den Tathergang detailliert schilderte. Verstörendes Dokument absoluter Mitleidlosigkeit In Absprache mit der Staatsanwaltschaft erschienen Auszüge des auch wegen seiner Kaltschnäuzigkeit erschütternden Berichts zwischen dem 22. bis 28. Februar 1986 in der NW. In der Gerichtsverhandlung wurde die Darstellung Michael M.s im Wesentlichen bestätigt. Es handelte sich um ein verstörendes Dokument absoluter Mitleidlosigkeit. Etwas von dem Schrecken, den der berühmte Roman „In Cold Blood" ("Kaltblütig") von Truman Capote erzeugte, stellte sich auch hier ein. Der US-Schriftsteller hatte einen Mordfall aus dem Jahr 1959 nachgezeichnet. Die angesehene Familie Clutter aus Holcomb in Westkansas wurde von zwei Burschen ausgelöscht, die sich im Leben zu kurz gekommen fühlten. Auch die Mörder von Enger hatten früh den Eindruck gewonnen, alles richte sich gegen sie. Die Möglichkeit, sich in der Gesellschaft zu behaupten, ohne ihre Gebote zu verletzen, sahen sie trotz ihrer Intelligenz spätestens seit der Pubertät nicht mehr. Zu ihrer Biografie gehörten schwierige Familienverhältnisse, Aufenthalte im Heim, Schulversagen, Gelegenheitsjobs und schließlich das Hineinrutschen in die berufsmäßige Kriminalität. Vergeblich flehte sie um ihr Leben Die Tat von Enger beschrieb Michael M. ganz ungerührt. Nachdem er Eickhoff erschossen hatte, ging er ins Nachbarzimmer, in dem Volker V. von Wolfgang J. mit einem Kopfschuss aus einer 7,65er Walther getötet worden war, offenbar weil er ihn erkannt hatte. Dann tötete Michael M. die junge Frau, nachdem sie den Tresorschlüssel und einen Wagenschlüssel herausgegeben hatte. Vergeblich flehte Annette S. um ihr Leben. Im Safe befanden sich nur 5.000 statt der erhofften 50.000 D-Mark. Als Walfried Woiwode am 3. Juni 1987 die Angeklagten Michael M. und Wolfgang J. wegen Mordes in drei Fällen zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilte, war niemand vom Urteil der 10. Strafkammer am Bielefelder Landgericht überrascht. Die Behauptung Wolfgang J.s, keinen Schuss abgegeben zu haben, sei gänzlich unglaubwürdig, führte der Richter aus. „Die Motive von M. und J. waren nicht nur materieller Art", befand er. „Da war auch der Wille, keine Zeugen zu hinterlassen." Die Tat sei „außerordentlich brutal und verwerflich" gewesen.
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Der brutale Mord am Bielefelder Disko-König "Büben" Eickhoff

Der Reiterhof in Enger ist 1985 zum Schauplatz eines gnadenlosen Verbrechens geworden. © Frank-Michael Kiel-Steinkamp (Archivfoto)

Enger. Alles schien gut bestellt in der alten Bundesrepublik im Jahr 1985. Der wirtschaftliche Aufschwung hielt an. Der August schrieb keine großen Schlagzeilen. Der neue sowjetische Parteichef Michail Gorbatschow kündigte ein Atomtest-Moratorium an. US-Rockstar Bruce Springsteen beendete seine Tournee und Springreiter Paul Schockemöhle wurde mal wieder Europameister. Sonst passierte nicht viel.

Meist bricht das Grauen unvermittelt ein. Der 25. August war für Hans-Günter Eickhoff ein ganz normaler Sonntag auf seinem Reiterhof in Enger-Oldinghausen. Abends saß der ehemalige Bielefelder Kneipenkönig mit seiner jungen Freundin Annette S., seinem Mitarbeiter Volker V. und einem Bekannten im Wohnzimmer beisammen. Man schaute Fernsehen. Es war lebhaft und laut, bis der Bekannte das einsam gelegene Anwesen verließ.

Zwei Kriminelle, die Großes vorhatten

Unbemerkt hatte inzwischen ein Fremder das Haus betreten. Er hieß Michael M. (Name geändert), ein Kleinkrimineller, der bereits vor Monaten dort bei einem Einbruch 30.000 D-Mark erbeutet hatte. Zusammen mit seinem Komplizen Wolfgang J. (Name geändert) wollte er ein ganz großes Ding drehen. Sie planten einen Raubüberfall. Beide kannten Eickhoff flüchtig, hatten früher in seinen Läden verkehrt. Gerüchte liefen um, in seinem Tresor lägen  50.000 D-Mark. Sie wollten endlich in eine andere kriminelle Liga aufsteigen. Bislang hatten sich die beiden als Einbrecher über Wasser gehalten. Sie träumten von einem anderen Lebensstil, von Anerkennung.

Was dann geschah, protokollierte M. später  so: „Es war ungefähr 23.30 Uhr, als ich durch die Glastür, die offenstand, ging und in einem großen Raum stand. Gleich am Anfang war ein Billardtisch, und links daneben ging eine Holztreppe hinauf. Ich hörte, wie Eickhoff zu V. sagte, wir gehen ins Bett. Daraufhin versteckte ich mich in einer Türnische. Kurz darauf kam der V., um sich sein Bettzeug zu holen. Er ging zu der Glastür, verschloss sie und ließ den Schlüssel stecken. Als ich wieder aus meinem Versteck heraustrat, sah ich, wie das Licht im Wohnzimmer ausging. Ich wartete noch ein paar Minuten und ging dann zur Glastür und schloss sie auf. Draußen wartete Wolfgang. Ich sagte ihm, es wäre alles o.k. Die Herrschaften seien schlafen gegangen. So zog ich meine Maske über. Wolfgang stellte sich vor die Schlafzimmertür von V., und ich stand vor dem Schlafzimmer, wo Eickhoff und Annette S. sich aufhielten. Wir standen beide mit gezogenen Waffen und warteten, dass es Mitternacht wird. Dann hörten wir Eickhoff zu V. rufen: ,Happy birthday und eine gute Nacht.‘ Das war das Zeichen."

Er drückte fünfmal ab

Da Eickhoffs Schlafzimmertür verschlossen war, stürmte M. in den Raum, in dem J. inzwischen Volker V. mit der Waffe bedrohte. Als Eickhoff rief, was denn los sei, antwortete der: „Es ist ein Überfall." In dem Moment trat M. gegen die Verbindungstür, so berichtete er es in seinen Aufzeichnungen. Im gleichen Augenblick hörte er einen Knall aus Eickhoffs Schreckschusspistole und drückte mit seiner 6,35er Röhm fünfmal ab. Dann gab er dem Sterbenden einen „Fangschuss".

Ermordet: Hans-Günter Eickhoff (42). Angeblich stand der Kneipier kurz vor einem Comeback. - © Frank-Michael Kiel-Steinkamp (Archivfoto)
Ermordet: Hans-Günter Eickhoff (42). Angeblich stand der Kneipier kurz vor einem Comeback. - © Frank-Michael Kiel-Steinkamp (Archivfoto)

Erst am folgenden Abend stießen die Beamten, die  alarmiert worden waren, auf die Spuren des schrecklichen Geschehens, das einer Hinrichtung glich. Eickhoff, Annette S. und Volker V. lagen in ihrem Blut. Alle Zimmer waren durchwühlt. Die Obduktion ergab, dass für den 42 Jahre alten Eickhoff ein Lungenschuss und ein Hinterkopfschuss tödlich waren. Auf Annette S., 21, wurde viermal, auf den 28-jährigen Volker V. zweimal geschossen.

Eickhoff: Ein Mann, der polarisierte

Kaum ein Verbrechen hat die Menschen in der Region so bewegt wie dieser Dreifach-Mord. Eickhoff, Sohn eines Kleiderfabrikanten, hatte Ostwestfalen mit dem Diskofieber infiziert. Er polarisierte. Im Gesellschaftshaus am Bielefelder Klosterplatz mit Klubs und Bars wurden Gäste gern mal abgewiesen, wenn sie wegen ihrer Kleidung oder der Hautfarbe nicht ins Bild passten. Die Einlasspraxis war ein Dauerthema in der Lokalberichterstattung.

Auf viele wirkte der kleine eitle Mann, der „Büben" genannt wurde, arrogant und abgehoben. In den 70er Jahren beherrschte er die Nachtszene der Stadt fast ganz allein und baute ein kleines Imperium auf. Doch dann gab es einen Knick. Gäste blieben aus, und es gab reichlich Ärger mit dem Finanzamt.

War der Dreifachmord ein Racheakt?

1983 musste sich Eickhoff von allen Läden trennen. Angeblich plante er ein Comeback. Doch dazu kam es nicht mehr. Von Machtkämpfen und Eifersucht war nach der Bluttat die Rede. Eickhoff galt als Liebhaber schöner Frauen, exklusiver Sportwagen und edler Pferde. Ihn plagten hohe Schulden. Doch immer wieder konnte er Geld auftreiben, um die Versteigerung seines Hofes abzuwenden. War der dreifache Mord ein Racheakt?

Die Beamten suchen rund um das Anwesen nach möglichen Spuren. - © Frank-Michael Kiel-Steinkamp (Archivfoto)
Die Beamten suchen rund um das Anwesen nach möglichen Spuren. - © Frank-Michael Kiel-Steinkamp (Archivfoto)

Die Spekulationen dauerten nicht lange. Schnell gerieten Michael M. und Wolfgang J. ins Visier der aus 30 Personen bestehenden Sonderkommission. Eickhoff hatte die beiden nach dem Einbruch im Mai beschuldigt, ihn bestohlen zu haben. Sie wurden seit Monaten per Strafbefehl gesucht. Doch erst jetzt, nach Eickhoffs Tod, setzte eine Fahndung ein.

Dazu gab es einen Tipp. Zwei Tage nach der Tat stürmte ein Einsatzkommando eine Wohnung in Bochum, in der Wolfgang J. zuletzt gewohnt hatte. Sie war auch die erste Station der Gangster auf der Flucht. Den Polizisten fiel eine Videokassette mit der Aufzeichnung von Fernsehnachrichten zum Dreifach-Mord in die Hände, außerdem Michael M.s Waffe. 15 Projektile steckten in Decke und Wänden.

Irres Szenario wie aus einem Film

Die beiden hatten dort vor dem Überfall ihre schallgedämpften Pistolen getestet. Ein Szenario wie aus einem Film. Es passte zu Michael M. und Wolfgang J., die von ganz unten kamen und um jeden Preis nach oben wollten. Eickhoff, der von Geburt an oben war, stellte für die Außenseiter das ideale Opfer dar.

 Nun wurde nach dem Duo europaweit gefahndet: Wolfgang J., 25 Jahre, geboren in Detmold; 1,80 Meter groß, schlank, kurze dunkle Haare und blaugraue Augen; linker Arm voll tätowiert, unter anderem mit einem Totenkopf. Michael M., 23 Jahre, geboren bei Lemgo; 1,75 Meter groß, schlank, blondes strähniges Haar und blaue Augen; zuletzt mit Schnäuzer.

Doch nicht die Personenbeschreibungen und Fahndungsfotos, sondern Dummheiten führten zu ihrer Verhaftung. Michael M. hatte sich nach Spanien an die Costa Brava abgesetzt und rief von dort eine Freundin in Deutschland an, die abgehört wurde. Das Gespräch konnte genau verortet werden. Um 1 Uhr nachts am 4. September wurde M. im Badeort Llafranc bei Barcelona gefasst.

Festnahme in Frankreich

Eine Woche später wurde auch Wolfgang J. in Frankreich geschnappt. Er war noch immer mit seinem gesuchten roten Golf GTI unterwegs. Einem deutschen Begleiter, den er kurz zuvor kennengelernt hatte, erzählte er im Wagen prahlend von den Morden. Der wollte nur noch aussteigen. Es kam zu einem Handgemenge und zu einem Unfall auf der Autobahn bei Mâcon. Während Wolfgang J. am Unfallort festsaß, konnte der andere entkommen und die Polizei informieren. Die nahm den Lipper fest.

Spurensuche der Polizei auf einem Feld in der Nähe des Tatortes. - © Frank-Michael Kiel-Steinkamp (Archivfoto)
Spurensuche der Polizei auf einem Feld in der Nähe des Tatortes. - © Frank-Michael Kiel-Steinkamp (Archivfoto)

J. schob die Schuld an den Morden seinem Komplizen  zu. Er selbst habe in Enger keinen Schuss abgegeben.  M. dagegen zeigte sich in den Verhören geständig. Als ob er stolz auf sein verpfuschtes Leben sei, schrieb er der Neuen Westfälischen Zeitung aus der Abschiebehaft in Madrid einen sechsseitigen Brief, in dem er den Tathergang detailliert schilderte.

Verstörendes Dokument absoluter Mitleidlosigkeit

In Absprache mit der Staatsanwaltschaft erschienen Auszüge des auch wegen seiner Kaltschnäuzigkeit erschütternden Berichts zwischen dem 22. bis 28. Februar 1986 in der NW. In der Gerichtsverhandlung wurde die Darstellung Michael M.s im Wesentlichen bestätigt. Es handelte sich um ein verstörendes Dokument absoluter Mitleidlosigkeit. Etwas von dem Schrecken, den der berühmte Roman „In Cold Blood" ("Kaltblütig") von Truman Capote erzeugte, stellte sich auch hier ein. Der US-Schriftsteller hatte einen Mordfall aus dem Jahr 1959 nachgezeichnet. Die angesehene Familie Clutter aus Holcomb in Westkansas wurde von zwei Burschen ausgelöscht, die sich im Leben zu kurz gekommen fühlten.

Auch die Mörder von Enger hatten früh den Eindruck gewonnen, alles richte sich gegen sie. Die Möglichkeit, sich in der Gesellschaft zu behaupten, ohne ihre Gebote zu verletzen, sahen sie trotz ihrer Intelligenz spätestens seit der Pubertät nicht mehr. Zu ihrer Biografie gehörten schwierige Familienverhältnisse, Aufenthalte im Heim, Schulversagen, Gelegenheitsjobs und schließlich das Hineinrutschen in die berufsmäßige Kriminalität.

Vergeblich flehte sie um ihr Leben

Die Tat von Enger beschrieb Michael M. ganz ungerührt. Nachdem er Eickhoff erschossen hatte, ging er ins Nachbarzimmer, in dem Volker V. von Wolfgang J. mit einem Kopfschuss aus einer 7,65er Walther getötet worden war, offenbar weil er ihn erkannt hatte. Dann tötete Michael M. die junge Frau, nachdem sie den Tresorschlüssel und einen Wagenschlüssel herausgegeben hatte. Vergeblich flehte Annette S. um ihr Leben. Im Safe befanden sich nur 5.000 statt der erhofften 50.000 D-Mark.

Als Walfried Woiwode am 3. Juni 1987 die Angeklagten Michael M. und Wolfgang J. wegen Mordes in drei Fällen zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilte, war niemand vom Urteil der 10. Strafkammer am Bielefelder Landgericht überrascht. Die Behauptung Wolfgang J.s, keinen Schuss abgegeben zu haben, sei gänzlich unglaubwürdig, führte der Richter aus. „Die Motive von M. und J. waren nicht nur materieller Art", befand er. „Da war auch der Wille, keine Zeugen zu hinterlassen." Die Tat sei „außerordentlich brutal und verwerflich" gewesen.

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