Viruswelle in NRW "Der Kittel brennt an beiden Enden" - Kinderarztpraxen vor dem Kollaps Anneke Quasdorf Kinderärzte haben es im Sommer angekündigt, nun ist es so weit: Seit Wochen grassieren Krankheiten in Kitas und Schulen, folgt ein Infekt dem nächsten. Die Viruswelle ist eine Folge des Lockdowns vom vergangenen Winter. Und sorgt in NRWs Kinderarztpraxen für den absoluten Ausnahmezustand. „So eine Infektwelle habe ich selten erlebt", sagt Kinderarzt Michael Achenbach, Sprecher des Verbandes der Kinder- und Jugendärzte Westfalen-Lippe mit Praxissitz in Plettenberg. „Wir hatten hier innerhalb einer Woche 1.200 Anrufe, teilweise 90 Anrufe innerhalb einer halben Stunde. Das ist nicht zu bewältigen – vor allem nicht in einer Einzelpraxis wie meiner." Auch sein Kollege Marcus Heidemann, Vorsitzender des Verbandes der Kinder- und Jugendärzte Westfalen-Lippe, kennt das Szenario. „Das ist ein Ansturm, die Praxen sind alle am Limit." Im Alltag sieht das so aus, dass Eltern, die beim Arzt anrufen, tagelang nur Besetzt-Zeichen hören und auf gut Glück in die Praxis fahren müssen. Eine Bielefelder Praxis gab in der vergangenen Woche per Anrufbeantworter direkt den Hinweis, dass sie nur noch Unfälle annehme und alle anderen Patienten an den Notdienst verweise, der um 19 Uhr beginne. „Das ist dann für Eltern, deren Kinder richtig krank sind, dramatisch", sagt Kinderarzt Achenbach. „Und Teil des Problems: Viele Eltern kommen mit Kindern, die eigentlich gar keinen Arzt bräuchten. Das frisst viel Zeit und kostbare Termine." Fehlt Eltern das Verständnis? Viele Kinderärzte beklagen neben der immensen Belastung auch das mangelnde Verständnis von Eltern für die Situation. Auseinandersetzungen an den Rezeptionen seien an der Tagesordnung. "Das trifft natürlich vor allem die Medizinischen Fachangestellten", sagt Achenbach, der aus eigener Erfahrung spricht. "Ich war vergangene Woche zwei Tage erkrankt, konnte nicht praktizieren. Da haben Eltern meine Angestellten angeschrien, weil ihr Termin platzte." Achenbach hat Verständnis für die Situation. "Ein krankes Kind bedeutet für Eltern immer Stress, und natürlich möchte man, dass es die bestmögliche Behandlung bekommt." Dennoch beobachtet er in den vergangenen Jahren: "Immer mehr Eltern geht der richtige Maßstab in Bezug auf das eigene Kind verloren. Das hat schon deutlich zugenommen." "Es gibt zu wenig Kinderärzte" Doch nicht nur die Viruswelle ist schuld an dem Chaos, sondern auch alte oder neue strukturelle Probleme. „Grundsätzlich gibt es zu wenig Kinderärzte", sagt Heidemann. „Außerdem haben wir einen gravierenden Mangel an Medizinischen Fachangestellten, das schlägt sich massiv auf die telefonische Erreichbarkeit nieder. Und wegen Corona verlangen Schulen und Kitas für alles Atteste und Bescheinigungen. Das lähmt die Praxen." Sein Kollege Achenbach formuliert es kurz und knapp: „Wir kommen vor lauter Verwalten nicht mehr zum Behandeln. Verschieben monatelang vereinbarte Vorsorgetermine – und wissen trotzdem nicht, wie wir die Akutfälle unterbringen sollen." Auch die Notdienste sind voll Entsprechend voll sind auch die Notdienste. „Das Szenario in den Praxen spiegelt sich seit Mitte September in den Notdiensten wider", sagt eine Sprecherin der Kassenärztlichen Vereinigung. Dr. Sebastian Gaus, Leitender Arzt in der Notaufnahme des Kinderzentrums des Evangelischen Klinikums Bethel, bringt es knapp auf den Punkt: „Der Kittel brennt an beiden Enden."
Viruswelle in NRW

"Der Kittel brennt an beiden Enden" - Kinderarztpraxen vor dem Kollaps

Eine Kinderärztin untersucht einen kleinen Jungen (Symbolfoto). © picture alliance / dpa Themendienst

Kinderärzte haben es im Sommer angekündigt, nun ist es so weit: Seit Wochen grassieren Krankheiten in Kitas und Schulen, folgt ein Infekt dem nächsten. Die Viruswelle ist eine Folge des Lockdowns vom vergangenen Winter. Und sorgt in NRWs Kinderarztpraxen für den absoluten Ausnahmezustand.

„So eine Infektwelle habe ich selten erlebt", sagt Kinderarzt Michael Achenbach, Sprecher des Verbandes der Kinder- und Jugendärzte Westfalen-Lippe mit Praxissitz in Plettenberg. „Wir hatten hier innerhalb einer Woche 1.200 Anrufe, teilweise 90 Anrufe innerhalb einer halben Stunde. Das ist nicht zu bewältigen – vor allem nicht in einer Einzelpraxis wie meiner."

Auch sein Kollege Marcus Heidemann, Vorsitzender des Verbandes der Kinder- und Jugendärzte Westfalen-Lippe, kennt das Szenario. „Das ist ein Ansturm, die Praxen sind alle am Limit." Im Alltag sieht das so aus, dass Eltern, die beim Arzt anrufen, tagelang nur Besetzt-Zeichen hören und auf gut Glück in die Praxis fahren müssen.

Marcus Heidemann, Vorsitzender des Verbandes der Kinder- und Jugendärzte Westfalen-Lippe. - © Sarah Jonek
Marcus Heidemann, Vorsitzender des Verbandes der Kinder- und Jugendärzte Westfalen-Lippe. - © Sarah Jonek

Eine Bielefelder Praxis gab in der vergangenen Woche per Anrufbeantworter direkt den Hinweis, dass sie nur noch Unfälle annehme und alle anderen Patienten an den Notdienst verweise, der um 19 Uhr beginne. „Das ist dann für Eltern, deren Kinder richtig krank sind, dramatisch", sagt Kinderarzt Achenbach. „Und Teil des Problems: Viele Eltern kommen mit Kindern, die eigentlich gar keinen Arzt bräuchten. Das frisst viel Zeit und kostbare Termine."

Fehlt Eltern das Verständnis?

Viele Kinderärzte beklagen neben der immensen Belastung auch das mangelnde Verständnis von Eltern für die Situation. Auseinandersetzungen an den Rezeptionen seien an der Tagesordnung. "Das trifft natürlich vor allem die Medizinischen Fachangestellten", sagt Achenbach, der aus eigener Erfahrung spricht. "Ich war vergangene Woche zwei Tage erkrankt, konnte nicht praktizieren. Da haben Eltern meine Angestellten angeschrien, weil ihr Termin platzte."

Achenbach hat Verständnis für die Situation. "Ein krankes Kind bedeutet für Eltern immer Stress, und natürlich möchte man, dass es die bestmögliche Behandlung bekommt." Dennoch beobachtet er in den vergangenen Jahren: "Immer mehr Eltern geht der richtige Maßstab in Bezug auf das eigene Kind verloren. Das hat schon deutlich zugenommen."

"Es gibt zu wenig Kinderärzte"

Doch nicht nur die Viruswelle ist schuld an dem Chaos, sondern auch alte oder neue strukturelle Probleme. „Grundsätzlich gibt es zu wenig Kinderärzte", sagt Heidemann. „Außerdem haben wir einen gravierenden Mangel an Medizinischen Fachangestellten, das schlägt sich massiv auf die telefonische Erreichbarkeit nieder. Und wegen Corona verlangen Schulen und Kitas für alles Atteste und Bescheinigungen. Das lähmt die Praxen."

Sein Kollege Achenbach formuliert es kurz und knapp: „Wir kommen vor lauter Verwalten nicht mehr zum Behandeln. Verschieben monatelang vereinbarte Vorsorgetermine – und wissen trotzdem nicht, wie wir die Akutfälle unterbringen sollen."

Sebastian Gaus, Leitender Arzt in der Notaufnahme des Kinderzentrums des Evangelischen Klinikums Bethel. - © EvKB
Sebastian Gaus, Leitender Arzt in der Notaufnahme des Kinderzentrums des Evangelischen Klinikums Bethel. - © EvKB

Auch die Notdienste sind voll

Entsprechend voll sind auch die Notdienste. „Das Szenario in den Praxen spiegelt sich seit Mitte September in den Notdiensten wider", sagt eine Sprecherin der Kassenärztlichen Vereinigung. Dr. Sebastian Gaus, Leitender Arzt in der Notaufnahme des Kinderzentrums des Evangelischen Klinikums Bethel, bringt es knapp auf den Punkt: „Der Kittel brennt an beiden Enden."

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