Herford Dem Virus ganz nah: Wie ein Intensivpfleger die Corona-Patienten behandelt Ilja Regier Herford. Dort, wo die schweren Fälle liegen, arbeitet Manfred Keller. Der 52-Jährige ist Krankenpfleger auf der Intensivstation 3 und kümmert sich um Covid-Patienten.19 von ihnen lagen auf dieser Etage bereits im Klinikum Herford isoliert im Koma, Maschinen beatmeten sie, hielten die Erkrankten am Leben, weil die Organe versagten. Sechs konnten nicht mehr gerettet werden, sie überlebten die heftigen Verläufe am Ende nicht. Vor ein paar Monaten war Keller noch einer der systemrelevanten "Helden". Inzwischen ist der Alltag eingekehrt, aber die Corona-Zahlen steigen wieder. Die Intensivstation 3 hat 14 Betten, die Patienten können speziell isoliert werden. Keller tritt den Dienst in den Räumen der Infizierten mit FFP-Schutzmaske, Haar- und Augenschutz, Kittel, und Handschuhen an. Er wäscht die Patienten, pflegt, ernährt sie, legt Katheter und gibt ihnen Medikamente. In manchen Zimmern ist er mehrere Stunden beschäftigt. Während des Lockdowns spielten Keller und seine Kollegen den Koma-Patienten Sprachnachrichten von ihren Angehörigen auf einem Handy vor. "Wir wissen nicht, ob das was gebracht hat - es kam uns aber richtig vor", sagt Keller. Wer wegen Corona auf der Intensivstation landet, muss sich auf einen längeren Aufenthalt einstellen. Das zeigt Kellers Erfahrung: "Viele bleiben mehr als 100 Tage bei uns, vor allem, wenn sie ins künstliche Koma versetzt werden." Manche, die auf die Station kommen, können nach 24 Stunden aufatmen. Dann besteht ein Corona-Verdacht, die Tests zeigen jedoch nach einem Tag einen negativen Befund. In der Regel seien die schwer erkrankten Covid-Patienten älter, bemerkt Keller. Corona traf den Kreis Herford nach wie vor nicht so heftig wie zum Beispiel manche Regionen in Norditalien. "Bislang haben wir Glück gehabt. Wir mussten niemanden abweisen und konnten uns wie vorgesehen um die Kranken kümmern." Dass kreisweit seit der Pandemie nur acht Todesfälle im Zusammenhang mit Corona festgestellt wurden, sei für den Pfleger kein Grund, die Gefahr des Virus herunterzuspielen: "Wir waren nicht überlastet - aber was, wenn es zu einem Ausnahmezustand gekommen wäre? Hätte alles geklappt?" Für Keller sei klar, was Corona auslösen kann, die schweren Fälle hat er selbst gesehen. Zu Beginn der Pandemie herrschte auf der Station Ungewissheit. "Man sah die Bilder aus China und Italien, und plötzlich war das Virus auch bei uns", erinnert sich der 52-Jährige. Über den Umgang mit Krankenhauskeimen seien alle informiert, doch bei Corona war es anders. "Ein Restrisiko besteht immer, dass man sich infiziert und erkrankt." Das sei bei ihm stets im Hinterkopf gewesen. Als systemrelevant möchte der Pfleger sich dennoch nicht bezeichnen. Er arbeitet seit 25 Jahren im Klinikum und hat vorher einen Handwerksberuf gelernt. "In einer Gesellschaft sollte jeder eine Systemrelevanz haben, sonst funktioniert es nicht. Für mich ist das ein Unwort des Jahres", findet Keller. Auch zur Diskussion über mangelnde Löhne in der Pflegebranche hat der 52-Jährige eine pragmatische Meinung: "Alle, die Dienstleistungen anbieten, könnten mehr verdienen. Häufig werden auch diejenigen vergessen, die ihre Angehörigen selbst pflegen und betreuen." In Hinblick auf die Corona-Zahlen wünscht sich Keller, dass alle den Ball flach und Abstand halten, bis die Impfstoffe kommen. "Wir müssen mehr Rücksicht aufeinander nehmen. Auch diejenigen, die finanziell von der Pandemie betroffen sind und die Corona-Maßnahmen nicht verstehen", findet der Krankenpfleger und verabschiedet sich, weil er zum Spätdienst muss. Derzeit ist kein Covid-Patient bei ihm auf der Station. Ob das in ein paar Wochen noch der Fall ist?
Herford

Dem Virus ganz nah: Wie ein Intensivpfleger die Corona-Patienten behandelt

Manfred Keller arbeitet seit 25 Jahren als Pfleger auf der Intensivstation im Klinikum Herford. © Klinikum Herford

Herford. Dort, wo die schweren Fälle liegen, arbeitet Manfred Keller. Der 52-Jährige ist Krankenpfleger auf der Intensivstation 3 und kümmert sich um Covid-Patienten.19 von ihnen lagen auf dieser Etage bereits im Klinikum Herford isoliert im Koma, Maschinen beatmeten sie, hielten die Erkrankten am Leben, weil die Organe versagten. Sechs konnten nicht mehr gerettet werden, sie überlebten die heftigen Verläufe am Ende nicht. Vor ein paar Monaten war Keller noch einer der systemrelevanten "Helden". Inzwischen ist der Alltag eingekehrt, aber die Corona-Zahlen steigen wieder.

Die Intensivstation 3 hat 14 Betten, die Patienten können speziell isoliert werden. Keller tritt den Dienst in den Räumen der Infizierten mit FFP-Schutzmaske, Haar- und Augenschutz, Kittel, und Handschuhen an. Er wäscht die Patienten, pflegt, ernährt sie, legt Katheter und gibt ihnen Medikamente. In manchen Zimmern ist er mehrere Stunden beschäftigt. Während des Lockdowns spielten Keller und seine Kollegen den Koma-Patienten Sprachnachrichten von ihren Angehörigen auf einem Handy vor. "Wir wissen nicht, ob das was gebracht hat - es kam uns aber richtig vor", sagt Keller.

Manfred Keller steht vor dem Gebäude seines Arbeitgebers. - © Ilja Regier
Manfred Keller steht vor dem Gebäude seines Arbeitgebers. - © Ilja Regier

Wer wegen Corona auf der Intensivstation landet, muss sich auf einen längeren Aufenthalt einstellen. Das zeigt Kellers Erfahrung: "Viele bleiben mehr als 100 Tage bei uns, vor allem, wenn sie ins künstliche Koma versetzt werden." Manche, die auf die Station kommen, können nach 24 Stunden aufatmen. Dann besteht ein Corona-Verdacht, die Tests zeigen jedoch nach einem Tag einen negativen Befund. In der Regel seien die schwer erkrankten Covid-Patienten älter, bemerkt Keller.

Corona traf den Kreis Herford nach wie vor nicht so heftig wie zum Beispiel manche Regionen in Norditalien. "Bislang haben wir Glück gehabt. Wir mussten niemanden abweisen und konnten uns wie vorgesehen um die Kranken kümmern." Dass kreisweit seit der Pandemie nur acht Todesfälle im Zusammenhang mit Corona festgestellt wurden, sei für den Pfleger kein Grund, die Gefahr des Virus herunterzuspielen: "Wir waren nicht überlastet - aber was, wenn es zu einem Ausnahmezustand gekommen wäre? Hätte alles geklappt?" Für Keller sei klar, was Corona auslösen kann, die schweren Fälle hat er selbst gesehen.

Zu Beginn der Pandemie herrschte auf der Station Ungewissheit. "Man sah die Bilder aus China und Italien, und plötzlich war das Virus auch bei uns", erinnert sich der 52-Jährige. Über den Umgang mit Krankenhauskeimen seien alle informiert, doch bei Corona war es anders. "Ein Restrisiko besteht immer, dass man sich infiziert und erkrankt." Das sei bei ihm stets im Hinterkopf gewesen.

Als systemrelevant möchte der Pfleger sich dennoch nicht bezeichnen. Er arbeitet seit 25 Jahren im Klinikum und hat vorher einen Handwerksberuf gelernt. "In einer Gesellschaft sollte jeder eine Systemrelevanz haben, sonst funktioniert es nicht. Für mich ist das ein Unwort des Jahres", findet Keller. Auch zur Diskussion über mangelnde Löhne in der Pflegebranche hat der 52-Jährige eine pragmatische Meinung: "Alle, die Dienstleistungen anbieten, könnten mehr verdienen. Häufig werden auch diejenigen vergessen, die ihre Angehörigen selbst pflegen und betreuen."

In Hinblick auf die Corona-Zahlen wünscht sich Keller, dass alle den Ball flach und Abstand halten, bis die Impfstoffe kommen. "Wir müssen mehr Rücksicht aufeinander nehmen. Auch diejenigen, die finanziell von der Pandemie betroffen sind und die Corona-Maßnahmen nicht verstehen", findet der Krankenpfleger und verabschiedet sich, weil er zum Spätdienst muss. Derzeit ist kein Covid-Patient bei ihm auf der Station. Ob das in ein paar Wochen noch der Fall ist?

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