Corona-Politik spaltet Bad Oeynhausen Ulf Hanke Bad Oeynhausen. Die im Dunkeln wandeln, sind ziemlich gut zu hören. Sogenannte Lichterspaziergänger haben sich am Montagabend mit Plakaten, Kerzen und Lichterketten zum gemeinsamen Spaziergang verabredet. Über ihre Motivation hüllen sie sich öffentlich in Schweigen. Doch ihr Antrieb ist offensichtlich kein nächtlicher Kurstadtbummel, sondern ein schlecht getarnter Protest gegen die herrschende Coronapolitik. Die Lichterspaziergänger spielen Hannes Waders Interpretation von "Die Gedanken sind frei" über Lautsprecher. Es ist nicht der erste Aufzug dieser Art in Bad Oeynhausen und wie üblich verzichten die meisten Mitläufer auf Abstand und Schutz vorm Virus. Diesmal jedoch trafen die Lichterspaziergänger auf lautstarken Widerspruch. Die Grünen in Bad Oeynhausen haben gleichzeitig zur Demonstration "für Demokratie und Solidarität in der Pandemie" vorm Rathaus aufgerufen. Ratsmitglied Christian Fitte hat die Demonstration angemeldet und mit etwa 50 Teilnehmern gerechnet. Nach Polizeiangaben sind allerdings rund 250 Menschen vors Rathaus gekommen, darunter auch Bürgermeister Lars Bökenkröger (CDU). Unter den Demonstranten sind Anhänger der meisten im Stadtrat vertretenen Parteien. Das "Bündnis für Vielfalt" hat ebenso zur Teilnahme aufgerufen wie die "Omas gegen Rechts". Einige haben von der Demo erst durch die Ankündigung durch die redaktionelle Berichterstattung erfahren. Menschen halten Plakate hoch, auf denen steht: "Impfen rettet Leben!" oder "Gegen Hass und Hetze!" Erstmals stellen sich Menschen in der Kurstadt damit den Lichterspaziergängern leibhaftig in den Weg. In den vergangenen Wochen haben die Spaziergänger am Ende ihrer wortlosen Demos stets Kerzen und Zettel mit Botschaften auf der Rathaustreppe hinterlassen und sich dann auf Messengerdiensten für nächste Woche erneut verabredet. "Wir stehen hinter den Schutzmaßnahmen" Der Veranstalter der Grünen-Demo vorm Rathaus macht keinen Hehl daraus, dass genau das der Anlass der Demonstration ist und wie er über die Lichterspaziergänge denkt. Fitte ist für die Coronapolitik der Regierung. "Es geht darum, das Gesundheitssystem vorm Kollaps zu bewahren", sagt er unterm Applaus der Zuhörer. Die Menschen auf dem Rathausvorplatz tragen allesamt Atemschutzmasken und sind darauf bedacht, ihren Mitmenschen nicht zu nahe zu treten, um das Coronavirus oder seine davongaloppierende Mutante namens Omikron nicht unwissentlich zu übertragen. Fitte fordert Solidarität mit den Leidtragenden der Coronakrise, erinnert an die Toten, die Kranken und die möglichen schweren Langzeitfolgen einer Infektion: "Wir stehen hinter den Schutzmaßnahmen." Fitte wendet sich auch an die Kritiker dieser Coronamaßnahmen, die ihn am Montagabend allerdings nicht hören können, weil sie gerade fernab vom Rathaus etwa auf Höhe des Bahnhofs über die Herforder Straße spazieren. Die Grünen-Demo ist eine Reaktion auf den Aufmarsch von Lichterspaziergängern in Minden vorm Wohnhaus der Landrätin. Das sei "ein Einschüchterungsversuch", den er aufs Schärfste kritisiere, sagt Fitte. Gegen diese "demokratiefeindlichen Tendenzen" wendet sich der Grünen-Ratsherr aus Bad Oeynhausen. Zugleich sagt er aber auch: "Jeder hat ein Recht auf seine eigene Meinung." Kritik an der Coronapolitik werde nicht unterdrückt. Es gebe aber "kein Recht auf eigene Fakten", sagt Fitte und erntet großen Applaus der 250 Zuhörer. Bürgermeister Lars Bökenkröger bedankt sich bei den Demonstranten: "Es tut gut zu sehen, dass Bad Oeynhausen in großer Zahl zum Rathaus gekommen ist." Mit Blick auf den Spaziergang vors Wohnhaus der Landrätin sei es gut, "solchen Tendenzen früh entgegenzutreten". Die Menschen zeigten deutlich ihre Haltung in der Pandemie. Bökenkröger: "Danke für das Signal in den in den Kreis!" Nach einer halben Stunde ist alles gesagt, was die Redner auf der Grünen-Demonstration sagen wollten. Trotzdem bleiben viele Zuhörer stehen, sie wollen den Platz vorm Rathaus noch nicht räumen. "Falls die Spaziergänger kommen", sagt Veranstalter Fitte, "lassen Sie sich nicht provozieren!" Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei Die Lichterspaziergänger sind in der Zwischenzeit am Schweinebrunnen angekommen und unterhalten sich angeregt. Nach Polizeiangaben etwa 180 Menschen. Es herrscht ein Gedränge wie früher sonst am Tag vor Weihnachten, beim großen Kurstadt-Wiedersehen an Heiligmorgen. Unter den Spaziergängern sind aber kaum bekannte Gesichter aus der Kurstadt - bis auf eines: Der ehemalige unabhängige Bürgermeisterkandidat Werner Birtsch läuft vorne mit.Bild: demo006 Die Polizei will ein Aufeinandertreffen der beiden Demonstrationen verhindern und stellt zwei Streifenwagen quer. Mehrere Beamte postieren sich auf den Wegen rings um die Auferstehungskirche. Die Spaziergänger laufen über die Paul-Baehr-Straße Richtung Rathaus. Der Polizei-Einsatzleiter geht ihnen schließlich entgegen und weist ausgesucht höflich darauf hin, dass die unangemeldete Demonstration nicht über den Ostkorso zum Rathaus weiterlaufen könne, weil da schon eine Demonstration sei. "Das ist ja mal ein freundlicher Polizist", ruft eine Frauenstimme aus der Menge hörbar begeistert. Trotzdem entwickelt sich in den nächsten Minuten eine Art Katz-und-Maus-Spiel zwischen Polizei und Lichterspaziergängern. Die Menge wabert im Zickzackkurs durch die Stadt zum Rathaus. Kurz vor 20 Uhr lichten sich jedoch die Reihen. Die Grünen-Demo ist längst aufgelöst. Und auch immer mehr Lichterspaziergänger gehen nach Hause. Die Polizei kann ihre Kräfte sammeln. Fürs nächste Mal. Außerdem schreiben die Polizisten noch eine Strafanzeige gegen die Lichterspaziergänger wegen Verstoß gegen das Versammlungsgesetz.

Corona-Politik spaltet Bad Oeynhausen

Mehr als 250 Menschen setzen vor dem Rathaus auf Einladung der Grünen ein Zeichen gegen Hetze und für Solidarität. © Thorsten Gödecker

Bad Oeynhausen. Die im Dunkeln wandeln, sind ziemlich gut zu hören. Sogenannte Lichterspaziergänger haben sich am Montagabend mit Plakaten, Kerzen und Lichterketten zum gemeinsamen Spaziergang verabredet. Über ihre Motivation hüllen sie sich öffentlich in Schweigen. Doch ihr Antrieb ist offensichtlich kein nächtlicher Kurstadtbummel, sondern ein schlecht getarnter Protest gegen die herrschende Coronapolitik. Die Lichterspaziergänger spielen Hannes Waders Interpretation von "Die Gedanken sind frei" über Lautsprecher. Es ist nicht der erste Aufzug dieser Art in Bad Oeynhausen und wie üblich verzichten die meisten Mitläufer auf Abstand und Schutz vorm Virus. Diesmal jedoch trafen die Lichterspaziergänger auf lautstarken Widerspruch.

Die Grünen in Bad Oeynhausen haben gleichzeitig zur Demonstration "für Demokratie und Solidarität in der Pandemie" vorm Rathaus aufgerufen. Ratsmitglied Christian Fitte hat die Demonstration angemeldet und mit etwa 50 Teilnehmern gerechnet. Nach Polizeiangaben sind allerdings rund 250 Menschen vors Rathaus gekommen, darunter auch Bürgermeister Lars Bökenkröger (CDU). Unter den Demonstranten sind Anhänger der meisten im Stadtrat vertretenen Parteien. Das "Bündnis für Vielfalt" hat ebenso zur Teilnahme aufgerufen wie die "Omas gegen Rechts". Einige haben von der Demo erst durch die Ankündigung durch die redaktionelle Berichterstattung erfahren.

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Menschen halten Plakate hoch, auf denen steht: "Impfen rettet Leben!" oder "Gegen Hass und Hetze!" Erstmals stellen sich Menschen in der Kurstadt damit den Lichterspaziergängern leibhaftig in den Weg. In den vergangenen Wochen haben die Spaziergänger am Ende ihrer wortlosen Demos stets Kerzen und Zettel mit Botschaften auf der Rathaustreppe hinterlassen und sich dann auf Messengerdiensten für nächste Woche erneut verabredet.

Der ehemalige Bürgermeisterkandidat Werner Birtsch (l.) spaziert in der ersten Reihe der Kritiker der Corona-Politik. - © Thorsten Gödecker
Der ehemalige Bürgermeisterkandidat Werner Birtsch (l.) spaziert in der ersten Reihe der Kritiker der Corona-Politik. - © Thorsten Gödecker

"Wir stehen hinter den Schutzmaßnahmen"

Der Veranstalter der Grünen-Demo vorm Rathaus macht keinen Hehl daraus, dass genau das der Anlass der Demonstration ist und wie er über die Lichterspaziergänge denkt. Fitte ist für die Coronapolitik der Regierung. "Es geht darum, das Gesundheitssystem vorm Kollaps zu bewahren", sagt er unterm Applaus der Zuhörer. Die Menschen auf dem Rathausvorplatz tragen allesamt Atemschutzmasken und sind darauf bedacht, ihren Mitmenschen nicht zu nahe zu treten, um das Coronavirus oder seine davongaloppierende Mutante namens Omikron nicht unwissentlich zu übertragen. Fitte fordert Solidarität mit den Leidtragenden der Coronakrise, erinnert an die Toten, die Kranken und die möglichen schweren Langzeitfolgen einer Infektion: "Wir stehen hinter den Schutzmaßnahmen."

Fitte wendet sich auch an die Kritiker dieser Coronamaßnahmen, die ihn am Montagabend allerdings nicht hören können, weil sie gerade fernab vom Rathaus etwa auf Höhe des Bahnhofs über die Herforder Straße spazieren. Die Grünen-Demo ist eine Reaktion auf den Aufmarsch von Lichterspaziergängern in Minden vorm Wohnhaus der Landrätin. Das sei "ein Einschüchterungsversuch", den er aufs Schärfste kritisiere, sagt Fitte. Gegen diese "demokratiefeindlichen Tendenzen" wendet sich der Grünen-Ratsherr aus Bad Oeynhausen. Zugleich sagt er aber auch: "Jeder hat ein Recht auf seine eigene Meinung." Kritik an der Coronapolitik werde nicht unterdrückt. Es gebe aber "kein Recht auf eigene Fakten", sagt Fitte und erntet großen Applaus der 250 Zuhörer.

Bürgermeister Lars Bökenkröger bedankt sich bei den Demonstranten: "Es tut gut zu sehen, dass Bad Oeynhausen in großer Zahl zum Rathaus gekommen ist." Mit Blick auf den Spaziergang vors Wohnhaus der Landrätin sei es gut, "solchen Tendenzen früh entgegenzutreten". Die Menschen zeigten deutlich ihre Haltung in der Pandemie. Bökenkröger: "Danke für das Signal in den in den Kreis!"

Nach einer halben Stunde ist alles gesagt, was die Redner auf der Grünen-Demonstration sagen wollten. Trotzdem bleiben viele Zuhörer stehen, sie wollen den Platz vorm Rathaus noch nicht räumen. "Falls die Spaziergänger kommen", sagt Veranstalter Fitte, "lassen Sie sich nicht provozieren!"

Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei

Die Lichterspaziergänger sind in der Zwischenzeit am Schweinebrunnen angekommen und unterhalten sich angeregt. Nach Polizeiangaben etwa 180 Menschen. Es herrscht ein Gedränge wie früher sonst am Tag vor Weihnachten, beim großen Kurstadt-Wiedersehen an Heiligmorgen. Unter den Spaziergängern sind aber kaum bekannte Gesichter aus der Kurstadt - bis auf eines: Der ehemalige unabhängige Bürgermeisterkandidat Werner Birtsch läuft vorne mit.Bild: demo006

Die Polizei will ein Aufeinandertreffen der beiden Demonstrationen verhindern und stellt zwei Streifenwagen quer. Mehrere Beamte postieren sich auf den Wegen rings um die Auferstehungskirche. Die Spaziergänger laufen über die Paul-Baehr-Straße Richtung Rathaus. Der Polizei-Einsatzleiter geht ihnen schließlich entgegen und weist ausgesucht höflich darauf hin, dass die unangemeldete Demonstration nicht über den Ostkorso zum Rathaus weiterlaufen könne, weil da schon eine Demonstration sei. "Das ist ja mal ein freundlicher Polizist", ruft eine Frauenstimme aus der Menge hörbar begeistert. Trotzdem entwickelt sich in den nächsten Minuten eine Art Katz-und-Maus-Spiel zwischen Polizei und Lichterspaziergängern. Die Menge wabert im Zickzackkurs durch die Stadt zum Rathaus.

Kurz vor 20 Uhr lichten sich jedoch die Reihen. Die Grünen-Demo ist längst aufgelöst. Und auch immer mehr Lichterspaziergänger gehen nach Hause. Die Polizei kann ihre Kräfte sammeln. Fürs nächste Mal. Außerdem schreiben die Polizisten noch eine Strafanzeige gegen die Lichterspaziergänger wegen Verstoß gegen das Versammlungsgesetz.

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