City-Center Bad Oeynhausen: Die Angst des Schuhmachers vor dem Großprojekt nebenan Ulf Hanke Bad Oeynhausen (nw). Das City Center soll noch in diesem Winter abgerissen werden. Die Arbeiten am Betonklotz mitten in der Kurstadt werden vermutlich in eine ganze Menge Schutt, Staub und Lärm verursachen. Auf welchen Wegen der Müll aus der Stadt gekarrt wird, ist noch unklar. Hinter den Kulissen wird offenbar noch an den Einzelheiten gefeilt. Klar ist allerdings: Der einzige direkte Nachbar, Schuhmachermeister Bernd Koch, ist über den Abriss gar nicht glücklich. Und nicht, weil er dem City Center eine Träne nachweinen würde. Bernd Koch steht vor seinem Schuhhaus, zieht die Augenbrauen hoch und sagt: „Corona habe ich überlebt.“ Jetzt aber sieht er schwarz für seine Zukunft, soll das wohl heißen. Der Schuhmachermeister mit dem Fachgebiet Orthopädie erwartet eine Großbaustelle nebenan und fürchtet, dass er seine Kunden künftig „im Takt des Presslufthammers bedienen“ muss. Nach dem Abriss soll es erst richtig losgehen, womöglich folgen mehrere Jahre Baustelle mitten in der Stadt. Tür an Tür zum Schuhgeschäft. Bis 2024 soll der Neubau stehen, hat die Immobiliengesellschaft Real Estate Asset Kappa (IGREAK) aus Berlin zuletzt mitgeteilt. Fragen der Redaktion zu den Nachbarschaftsangelegenheiten des 40 Millionen Euro teuren Neubaus lässt IGREAK-Geschäftsführer Christian Ernst über eine PR-Agentur schriftlich beantworten. Demnach hat die Projektgesellschaft dem Schuhhaus Koch „nachbarliche Rücksichtnahme und Absprache zugesagt“. Schaufenster und Haupteingang würden von den Baumaßnahmen „voraussichtlich nicht oder nur unwesentlich beeinträchtigt“. Koch zeigt auf die Außenmauern seines Ladengeschäfts. Das Gebäude hat er von seinem Vater übernommen, der die Werkstatt des Großvaters irgendwann in den 1970er Jahren an den Bahnhof verlegte und einen Pavillon zum Schuhhaus ausbaute. Die Einzelheiten weiß er nicht mehr genau, da müsste er in den Unterlagen nachschlagen, sagt Koch. Aber als das City Center gebaut wurde, erinnert er sich, wurde die Fassade der neuen Optik angepasst. Seitdem sieht es so aus, als wäre das Schuhhaus ein Teil des City Centers. Vor ein paar Wochen, erzählt der Schuhmachermeister, waren Projektplaner und Vertreter der Firma aus Berlin bei ihm zu Gast. Thema des Gesprächs, so Koch, sei die Grenzbebauung gewesen. Die IGREAK bestätigt das auf Nachfrage. Auf dem Gelände des Einkaufszentrums soll ein Gesundheitszentrum namens „Medicampus“ entstehen mit zentralem Empfang, Arztpraxen und Wohnungen. Die Außenwand des Neubaus soll direkt ans Schuhgeschäft gebaut werden. Die Vertreter der Investoren hätten ihm Unterlagen vorgelegt, erzählt Koch. Er sollte zustimmen, dass der Neubau mehrere Geschosse hoch direkt neben seinem Handwerksgeschäft errichtet wird. Ein Haus, so hoch wie das Lenné-Karree gegenüber. Das Schuhgeschäft hat aber von der Herforder Straße aus betrachtet bloß ein Geschoss. Koch verweigerte die Unterschrift. Vor ein paar Monaten hat er mitten in der Coronakrise seinen 60. Geburtstag gefeiert. Da macht man sich Gedanken über die Rente. Sechs Menschen arbeiten im Schuhhaus. Soll er verkaufen? Woanders seinen Laden neu anfangen? Koch entschied sich, den Investoren ein Verkaufsangebot zu unterbreiten. Über den Preis sagt er nichts, nur so viel: „Das ist ein Rechenexempel.“ Die Vertreter der Projektgesellschaft hätten ihm zugesagt, das Angebot den Geldgebern vorzutragen, erzählt Koch. Bis April habe er aber nichts mehr gehört. Dann sei eine E-Mail gekommen. Offenbar plant die IGREAK ohne sein Gebäude, aber weiterhin Wand an Wand. Erst mit vier Metern Abstand soll der Neubau in die Höhe schießen. Dafür braucht es aber nicht mehr das Einverständnis des Schuhmachermeisters. Alles Verhandlungstaktik? Bernd Koch zuckt mit den Schultern und sagt: „Ich hänge im Augenblick in der Luft.“ Die Berliner Immobiliengesellschaft bestätigt Verhandlungen mit Koch. Die Gruppe sei „für umfassende Quartiersentwicklungen bekannt“, heißt es in dem Antwortschreiben und weiter: „Aus diesem Grund wurde auch geprüft, den einzigen direkten Gebäudenachbarn, das Schuhhaus Koch, in die Planung einzubeziehen. Diesbezügliche Verhandlungen mit dem Grundstückseigentümer sind ergebnislos geblieben.“ Auch das Gebäude des Schuhhauses sei direkt auf die Grenze gebaut, so IGREAK-Geschäftsführer Christian Ernst: „Gleiches Recht steht natürlich auch dem Nachbarn zu.“ Der Neubau soll sich jetzt anders in die Nachbarschaft einfügen: Ab dem ersten Obergeschoss, so Ernst, springe die Fassade des geplanten Gesundheitszentrums zurück. Die Rechte des Schuhhauses würden nicht berührt. Und was ist mit den Lastwagen? Und dem Baustellenverkehr? Zeitgleich zu Abriss und Neubau sind wichtige Innenstadtzugänge versperrt, weil die Deutsche Bahn ihre Brücken erneuert. IGREAK-Geschäftsführer Ernst schreibt, das sei „eine große Herausforderung“. Erste Abstimmungsgespräche mit der Planungsbehörde hätten dazu bereits stattgefunden: „Die Zu- und Abfahrtregelung zur künftigen Baustelle ist noch offen.“ Die zuständige Behörde ist die Stadt Bad Oeynhausen. Pressesprecher Volker Müller-Ulrich bestätigt, dass am Dienstag, 9. März, ein erstes digitales Arbeitsgespräch stattgefunden habe, wobei sich das Projektteam der Investoren vorgestellt habe. Die Stadtverwaltung habe „über laufende städtebauliche Planungen“ wie den Radschnellweg, das Stadtentwicklungskonzept und die Bahnbrückenbaustellen informiert und eine Übersicht von Ansprechpartnern zu Fragen der Ver- und Entsorgung weitergereicht. Die Wirtschaftsförderung sei über die geplanten Veränderungen informiert, so Stadtpressesprecher Volker Müller-Ulrich, und „stehe als Ansprechpartner zur Verfügung“.

City-Center Bad Oeynhausen: Die Angst des Schuhmachers vor dem Großprojekt nebenan

Schuhmachermeister Bernd Koch (60) erwartet durch den Abriss des City Centers (links im Bild) mehrere Jahre Dreck und Lärm neben seinem Geschäft. Foto: Ulf Hanke © Ulf Hanke

Bad Oeynhausen (nw). Das City Center soll noch in diesem Winter abgerissen werden. Die Arbeiten am Betonklotz mitten in der Kurstadt werden vermutlich in eine ganze Menge Schutt, Staub und Lärm verursachen. Auf welchen Wegen der Müll aus der Stadt gekarrt wird, ist noch unklar. Hinter den Kulissen wird offenbar noch an den Einzelheiten gefeilt. Klar ist allerdings: Der einzige direkte Nachbar, Schuhmachermeister Bernd Koch, ist über den Abriss gar nicht glücklich. Und nicht, weil er dem City Center eine Träne nachweinen würde.

Bernd Koch steht vor seinem Schuhhaus, zieht die Augenbrauen hoch und sagt: „Corona habe ich überlebt.“ Jetzt aber sieht er schwarz für seine Zukunft, soll das wohl heißen. Der Schuhmachermeister mit dem Fachgebiet Orthopädie erwartet eine Großbaustelle nebenan und fürchtet, dass er seine Kunden künftig „im Takt des Presslufthammers bedienen“ muss.

Nach dem Abriss soll es erst richtig losgehen, womöglich folgen mehrere Jahre Baustelle mitten in der Stadt. Tür an Tür zum Schuhgeschäft. Bis 2024 soll der Neubau stehen, hat die Immobiliengesellschaft Real Estate Asset Kappa (IGREAK) aus Berlin zuletzt mitgeteilt. Fragen der Redaktion zu den Nachbarschaftsangelegenheiten des 40 Millionen Euro teuren Neubaus lässt IGREAK-Geschäftsführer Christian Ernst über eine PR-Agentur schriftlich beantworten. Demnach hat die Projektgesellschaft dem Schuhhaus Koch „nachbarliche Rücksichtnahme und Absprache zugesagt“. Schaufenster und Haupteingang würden von den Baumaßnahmen „voraussichtlich nicht oder nur unwesentlich beeinträchtigt“.

Koch zeigt auf die Außenmauern seines Ladengeschäfts. Das Gebäude hat er von seinem Vater übernommen, der die Werkstatt des Großvaters irgendwann in den 1970er Jahren an den Bahnhof verlegte und einen Pavillon zum Schuhhaus ausbaute. Die Einzelheiten weiß er nicht mehr genau, da müsste er in den Unterlagen nachschlagen, sagt Koch. Aber als das City Center gebaut wurde, erinnert er sich, wurde die Fassade der neuen Optik angepasst. Seitdem sieht es so aus, als wäre das Schuhhaus ein Teil des City Centers. Vor ein paar Wochen, erzählt der Schuhmachermeister, waren Projektplaner und Vertreter der Firma aus Berlin bei ihm zu Gast. Thema des Gesprächs, so Koch, sei die Grenzbebauung gewesen. Die IGREAK bestätigt das auf Nachfrage. Auf dem Gelände des Einkaufszentrums soll ein Gesundheitszentrum namens „Medicampus“ entstehen mit zentralem Empfang, Arztpraxen und Wohnungen. Die Außenwand des Neubaus soll direkt ans Schuhgeschäft gebaut werden.

Die Vertreter der Investoren hätten ihm Unterlagen vorgelegt, erzählt Koch. Er sollte zustimmen, dass der Neubau mehrere Geschosse hoch direkt neben seinem Handwerksgeschäft errichtet wird. Ein Haus, so hoch wie das Lenné-Karree gegenüber. Das Schuhgeschäft hat aber von der Herforder Straße aus betrachtet bloß ein Geschoss.

Koch verweigerte die Unterschrift. Vor ein paar Monaten hat er mitten in der Coronakrise seinen 60. Geburtstag gefeiert. Da macht man sich Gedanken über die Rente. Sechs Menschen arbeiten im Schuhhaus. Soll er verkaufen? Woanders seinen Laden neu anfangen? Koch entschied sich, den Investoren ein Verkaufsangebot zu unterbreiten. Über den Preis sagt er nichts, nur so viel: „Das ist ein Rechenexempel.“

Die Vertreter der Projektgesellschaft hätten ihm zugesagt, das Angebot den Geldgebern vorzutragen, erzählt Koch. Bis April habe er aber nichts mehr gehört. Dann sei eine E-Mail gekommen. Offenbar plant die IGREAK ohne sein Gebäude, aber weiterhin Wand an Wand. Erst mit vier Metern Abstand soll der Neubau in die Höhe schießen. Dafür braucht es aber nicht mehr das Einverständnis des Schuhmachermeisters. Alles Verhandlungstaktik? Bernd Koch zuckt mit den Schultern und sagt: „Ich hänge im Augenblick in der Luft.“

Die Berliner Immobiliengesellschaft bestätigt Verhandlungen mit Koch. Die Gruppe sei „für umfassende Quartiersentwicklungen bekannt“, heißt es in dem Antwortschreiben und weiter: „Aus diesem Grund wurde auch geprüft, den einzigen direkten Gebäudenachbarn, das Schuhhaus Koch, in die Planung einzubeziehen. Diesbezügliche Verhandlungen mit dem Grundstückseigentümer sind ergebnislos geblieben.“

Auch das Gebäude des Schuhhauses sei direkt auf die Grenze gebaut, so IGREAK-Geschäftsführer Christian Ernst: „Gleiches Recht steht natürlich auch dem Nachbarn zu.“ Der Neubau soll sich jetzt anders in die Nachbarschaft einfügen: Ab dem ersten Obergeschoss, so Ernst, springe die Fassade des geplanten Gesundheitszentrums zurück. Die Rechte des Schuhhauses würden nicht berührt.

Und was ist mit den Lastwagen? Und dem Baustellenverkehr? Zeitgleich zu Abriss und Neubau sind wichtige Innenstadtzugänge versperrt, weil die Deutsche Bahn ihre Brücken erneuert. IGREAK-Geschäftsführer Ernst schreibt, das sei „eine große Herausforderung“. Erste Abstimmungsgespräche mit der Planungsbehörde hätten dazu bereits stattgefunden: „Die Zu- und Abfahrtregelung zur künftigen Baustelle ist noch offen.“

Die zuständige Behörde ist die Stadt Bad Oeynhausen. Pressesprecher Volker Müller-Ulrich bestätigt, dass am Dienstag, 9. März, ein erstes digitales Arbeitsgespräch stattgefunden habe, wobei sich das Projektteam der Investoren vorgestellt habe. Die Stadtverwaltung habe „über laufende städtebauliche Planungen“ wie den Radschnellweg, das Stadtentwicklungskonzept und die Bahnbrückenbaustellen informiert und eine Übersicht von Ansprechpartnern zu Fragen der Ver- und Entsorgung weitergereicht.

Die Wirtschaftsförderung sei über die geplanten Veränderungen informiert, so Stadtpressesprecher Volker Müller-Ulrich, und „stehe als Ansprechpartner zur Verfügung“.

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