Lübbecke/Bad Oeynhausen/Bielefeld Betrug, Untreue, Insolvenzverschleppung: Lübbecker muss zehn Jahre in Haft Sandra Spieker,Nils Middelhauve Lübbecke/Bad Oeynhausen/Bielefeld. Ein solches Verfahren gibt es auch vor der Wirtschaftsstrafkammer des Bielefelder Landgerichts nicht oft: Wegen Betruges in 184 Fällen und Untreue in Tateinheit mit Bankrott in 501 Fällen ist ein ehemaliger Lübbecker Unternehmer jetzt zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von zehn Jahren verurteilt worden. Es sind ungeheure Vorwürfe gegen den 59-Jährigen, die das Gericht nun mit dem Urteil bestätigte. Im Jahr 2008 wurde der seinerzeit noch in Löhne lebende Peter F. (Namen aller Betroffenen geändert) zum alleinigen Geschäftsführer der Firma EW Energy World 24 GmbH bestellt. Man könnte sagen, dass er damit einen kometenhaften Aufstieg in dem Unternehmen hingelegt hatte – war es doch erst an jenem Tag von seiner Ehefrau gemeinsam mit einem Steuerberater gegründet worden. In der Folgezeit überzeugte Peter F. gutgläubige Anlageberater, für ihn als Vermittler in der Kundenakquise tätig zu werden. Die Firma wendete sich in ihren Hochglanzprospekten an potenzielle Anleger, die im zukunftsträchtigen Sektor der erneuerbaren Energien investieren wollten. Schneeballsystem funktionierte nur kurz Das Geschäftsmodell sah vor, dass die Kunden über die Firma aus Bad Oeynhausen vermittelte Anteile an Blockheizkraftwerken erwarben, die sie wiederum über einen Zeitraum von 20 Jahren an die EW Energy World 24 verpachteten. Den Kaufpreis für den Erwerb der Anteile zahlten die Kunden auf die Firmenkonten. Tatsächlich aber verfügte das Unternehmen weder über die angegebenen Geschäftsbeziehungen zu griechischen, italienischen und litauischen Energiedienstleistern, noch über irgendwelche Heizkraftwerke. Zwar wurden tatsächlich zu Beginn der betrügerischen Machenschaften an einige der ersten Kunden noch Pachtzahlungen ausgeschüttet – diese erwirtschaftete die Firma jedoch lediglich in einem Schneeballsystem durch neu abgeschlossene Verträge. Spätestens 2011 zeichnete sich jedoch ab, dass sich dieses System nicht mehr lange würde aufrechterhalten lassen. Das Unternehmen konnte den vertraglichen Verpflichtungen zu offensichtlich nicht mehr nachkommen. Hochglanzprospekte, die "erstklassige Technik" anpriesen Gleichwohl wollten Peter F. und seine Ehefrau das Modell jedoch weiterführen. Daher riefen sie nach einem ähnlichen Muster die Astom Energy Systems GmbH ins Leben, deren Geschäftsführer abermals Peter F. wurde. Diese Firma umwarb Kunden nun nicht mehr mit Heizkraftwerken, sondern mit Modulen von Solaranlagen in Italien. Tatsächlich baute das Unternehmen eine derartige Anlage auf dem Dach einer Reithalle im italienischen Modena – diese erfüllte jedoch nicht einmal im Ansatz die vertraglich mit den Kunden vereinbarten Maßgaben. Die Anlage wurde nach zweijähriger Betriebszeit 2015 bereits wieder stillgelegt. Weitere in den Prospekten angekündigte Anlagen hatte das Unternehmen weder zu bauen begonnen, noch dieses vorgehabt. Auch verfügte die Firma zu keinem Zeitpunkt über die in den Prospekten angepriesene „erstklassige Technik". "Überzogenes, rücksichtsloses und sittlich anstößiges Gewinnstreben" Spätestens im Juli 2015 muss es Peter F. laut Anklage klar gewesen sein, dass die beiden Firmen zahlungsunfähig waren. Einen Insolvenzantrag stellte er dennoch nicht. Stattdessen bestritt er weiterhin bis zum September 2015 den Lebensunterhalt seiner Familie nebst Rückzahlung von Schulden von den Firmenkonten. Das Amtsgericht Charlottenburg eröffnete letztlich 2016 die entsprechenden Insolvenzverfahren. Insgesamt hatte das Ehepaar den Unternehmenskonten rund 2,6 Millionen Euro für private Zwecke entnommen, hieß es. Seit Dezember 2019 befindet sich Peter F. in Untersuchungshaft. Vor Haftantritt lebte er einige Zeit in Lübbecke. Laut Staatsanwaltschaft habe er aus „überzogenem, rücksichtslosem und sittlich anstößigem Gewinnstreben" gehandelt. Der Prozess gegen ihn vor dem Landgericht Bielefeld wurde im September 2020 eröffnet. Die Schadenssumme des Verfahrens, das Tobias Wiegmann von der Pressestelle des Landgerichts Bielefeld als eher "unaufgeregt" beschreibt, beläuft sich auf mehr als vier Millionen Euro. Es endete nun mit einer Überraschung: Die Staatsanwaltschaft hatte eine Freiheitsstrafe von neun Jahren gefordert, die Verteidigung beantragte eine Strafe unter sechs Jahren. Das Gericht ging mit nun zehn Jahren Gesamtfreiheitsstrafe - auch aufgrund der hohen Schadenssumme - über das geforderte Strafmaß hinaus.
Lübbecke/Bad Oeynhausen/Bielefeld

Betrug, Untreue, Insolvenzverschleppung: Lübbecker muss zehn Jahre in Haft

Mit seinem windigen Geschäftsmodell hat der Unternehmer zahlreiche Anleger betrogen. © Pixabay (Symbolbild)

Lübbecke/Bad Oeynhausen/Bielefeld. Ein solches Verfahren gibt es auch vor der Wirtschaftsstrafkammer des Bielefelder Landgerichts nicht oft: Wegen Betruges in 184 Fällen und Untreue in Tateinheit mit Bankrott in 501 Fällen ist ein ehemaliger Lübbecker Unternehmer jetzt zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von zehn Jahren verurteilt worden.

Es sind ungeheure Vorwürfe gegen den 59-Jährigen, die das Gericht nun mit dem Urteil bestätigte. Im Jahr 2008 wurde der seinerzeit noch in Löhne lebende Peter F. (Namen aller Betroffenen geändert) zum alleinigen Geschäftsführer der Firma EW Energy World 24 GmbH bestellt. Man könnte sagen, dass er damit einen kometenhaften Aufstieg in dem Unternehmen hingelegt hatte – war es doch erst an jenem Tag von seiner Ehefrau gemeinsam mit einem Steuerberater gegründet worden.

In der Folgezeit überzeugte Peter F. gutgläubige Anlageberater, für ihn als Vermittler in der Kundenakquise tätig zu werden. Die Firma wendete sich in ihren Hochglanzprospekten an potenzielle Anleger, die im zukunftsträchtigen Sektor der erneuerbaren Energien investieren wollten.

Schneeballsystem funktionierte nur kurz

Das Geschäftsmodell sah vor, dass die Kunden über die Firma aus Bad Oeynhausen vermittelte Anteile an Blockheizkraftwerken erwarben, die sie wiederum über einen Zeitraum von 20 Jahren an die EW Energy World 24 verpachteten. Den Kaufpreis für den Erwerb der Anteile zahlten die Kunden auf die Firmenkonten. Tatsächlich aber verfügte das Unternehmen weder über die angegebenen Geschäftsbeziehungen zu griechischen, italienischen und litauischen Energiedienstleistern, noch über irgendwelche Heizkraftwerke.

Zwar wurden tatsächlich zu Beginn der betrügerischen Machenschaften an einige der ersten Kunden noch Pachtzahlungen ausgeschüttet – diese erwirtschaftete die Firma jedoch lediglich in einem Schneeballsystem durch neu abgeschlossene Verträge. Spätestens 2011 zeichnete sich jedoch ab, dass sich dieses System nicht mehr lange würde aufrechterhalten lassen. Das Unternehmen konnte den vertraglichen Verpflichtungen zu offensichtlich nicht mehr nachkommen.

Hochglanzprospekte, die "erstklassige Technik" anpriesen

Gleichwohl wollten Peter F. und seine Ehefrau das Modell jedoch weiterführen. Daher riefen sie nach einem ähnlichen Muster die Astom Energy Systems GmbH ins Leben, deren Geschäftsführer abermals Peter F. wurde. Diese Firma umwarb Kunden nun nicht mehr mit Heizkraftwerken, sondern mit Modulen von Solaranlagen in Italien. Tatsächlich baute das Unternehmen eine derartige Anlage auf dem Dach einer Reithalle im italienischen Modena – diese erfüllte jedoch nicht einmal im Ansatz die vertraglich mit den Kunden vereinbarten Maßgaben.

Die Anlage wurde nach zweijähriger Betriebszeit 2015 bereits wieder stillgelegt. Weitere in den Prospekten angekündigte Anlagen hatte das Unternehmen weder zu bauen begonnen, noch dieses vorgehabt. Auch verfügte die Firma zu keinem Zeitpunkt über die in den Prospekten angepriesene „erstklassige Technik".

"Überzogenes, rücksichtsloses und sittlich anstößiges Gewinnstreben"

Spätestens im Juli 2015 muss es Peter F. laut Anklage klar gewesen sein, dass die beiden Firmen zahlungsunfähig waren. Einen Insolvenzantrag stellte er dennoch nicht. Stattdessen bestritt er weiterhin bis zum September 2015 den Lebensunterhalt seiner Familie nebst Rückzahlung von Schulden von den Firmenkonten. Das Amtsgericht Charlottenburg eröffnete letztlich 2016 die entsprechenden Insolvenzverfahren. Insgesamt hatte das Ehepaar den Unternehmenskonten rund 2,6 Millionen Euro für private Zwecke entnommen, hieß es.

Seit Dezember 2019 befindet sich Peter F. in Untersuchungshaft. Vor Haftantritt lebte er einige Zeit in Lübbecke. Laut Staatsanwaltschaft habe er aus „überzogenem, rücksichtslosem und sittlich anstößigem Gewinnstreben" gehandelt. Der Prozess gegen ihn vor dem Landgericht Bielefeld wurde im September 2020 eröffnet. Die Schadenssumme des Verfahrens, das Tobias Wiegmann von der Pressestelle des Landgerichts Bielefeld als eher "unaufgeregt" beschreibt, beläuft sich auf mehr als vier Millionen Euro.

Es endete nun mit einer Überraschung: Die Staatsanwaltschaft hatte eine Freiheitsstrafe von neun Jahren gefordert, die Verteidigung beantragte eine Strafe unter sechs Jahren. Das Gericht ging mit nun zehn Jahren Gesamtfreiheitsstrafe - auch aufgrund der hohen Schadenssumme - über das geforderte Strafmaß hinaus.

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