Besoffen Gelenkbus gefahren - 21-jähriger Löhner muss dafür in Haft Ulf Hanke Löhne. Ein lauter Knall, dann noch einer. Mitten in der Nacht. Die Zeugin schreckte auf, als sich unterhalb ihres Schlafzimmerfensters ein riesiger Gelenkbus durchs Wohngebiet schlängelte und um 1.30 Uhr zwei Begrenzungspfosten überfuhr. Am Steuer saß ein 21-jähriger Mann aus Löhne. Er hatte offenbar im Drogen-, Medikamenten- und Alkoholrausch ein gestohlenes Fahrrad gegen den Bus getauscht. Und das auch noch mehr oder weniger unter den Augen der Polizei. Der Bus stammte von einem Sammelparkplatz, der sich nur wenige Meter von der rund um die Uhr besetzten Polizeiwache Löhne befindet. Über das Husarenstück mit mehr als 8.000 Euro Sachschaden wurde bundesweit als Posse aus der Provinz berichtet. Für seine nächtliche Spritztour am 12. Oktober 2019 musste sich der 21-jährige Löhner vorm Amtsgericht Bad Oeynhausen verantworten. Sein Anwalt räumte die Tat nun "vollumfänglich" ein. Der Staatsanwalt formulierte allein zur Spritztour quer durch Löhne mehrere Anklagepunkte: Diebstahl, Unfallflucht, Fahren ohne Führerschein und Trunkenheit im Straßenverkehr. "Das ist Wahnsinn", sagte der Staatsanwalt. "So ein Bus wiegt zig Tonnen. Ein Wunder, dass nicht mehr passiert ist." Auf dem Lkw-Parkplatz vor der Zentrale von Karlchens Backstube hatte der Angeklagte zuvor einen wartenden Kühllaster gekapert und daraus Schlüssel, Handy, Tankkarte und Fahrzeugschein gestohlen. Und am Löhner Bahnhof soll er das Fahrrad geklemmt haben, das er später auf dem Busparkplatz stehen ließ. Bus-Klau ist juristisch betrachtet kein Diebstahl Der Richter korrigierte die zahlreichen Anklagepunkte mit einem rechtlichen Hinweis: Der Angeklagte habe den Bus nicht für sich behalten wollen, weshalb statt Diebstahls doch eher Paragraph 248b des Strafgesetzbuches greife: "Unbefugter Gebrauch eines Fahrzeugs." Es war bereits der dritte Verhandlungstermin über die jüngsten Missetaten des polizeibekannten Intensivtäters. Der 21-Jährige war außerdem wegen eines Fahrrad-Wurfs in Ostscheid angeklagt. Im Rausch hatte er sein Rad auf ein fahrendes Auto geworfen und war dann auf Autofahrer und Beifahrer, Vater und Sohn, losgegangen. Außerdem hatte der Löhner auf der Polizeiwache Herford einen Polizisten beleidigt. Derzeit sitzt der Angeklagte im Gefängnis. Das Landgericht Bielefeld hat ihn in zweiter Instanz wegen Vergewaltigung und Körperverletzung zu einem Jahr und neun Monaten ohne Bewährung verurteilt. In dem Urteil, das nach Jugendstrafrecht gefällt und im Gerichtssaal verlesen wurde, wird dem Angeklagten eine Entwicklungsverzögerung zugestanden. Seine Hyperaktivität im Alter von 16 Jahren behandelten Ärzte noch mit Ritalin, doch die Scheidung der Eltern warf ihn dann aus der Bahn. Trotz Aufenthalten in der Kinder- und Jugendpsychiatrie sei er zu keiner eigenständigen Lebensführung in der Lage und nur vermindert schuldfähig; sein Verhalten lasse auf schädliche Neigungen und Erziehungsmängel schließen, urteilte das Landgericht. Der Angeklagte sei nur vermindert schuldfähig. Der Angeklagte zerstörte die Bus-Elektronik und pinkelte hinein Genau das vermochte der Staatsanwalt für den Fahrradwurf nicht erkennen. Auf der Rückbank des Autos habe noch der vierjährige Sohn des Autofahrers miterleben müssen, wie Vater und Bruder grundlos angegriffen wurden. Das wertete der Straatsanwalt strafverschärfend und forderte ein Jahr und zehn Monate Haft ohne Bewährung. Der Verteidiger dagegen erklärte die Spritztour mit dem Gelenkbus zu einer jugendtypischen Straftat. Sein Mandant kurz zuvor 21 Jahre alt geworden, weshalb das Landgericht diese Taten nicht mehr zu einer Gesamt-Jugendstrafe hinzuziehen durfte. Der Anwalt sprach von einem "Gesamtstrafenübel" und forderte einen angemessenen Strafrabatt in dieser Sache für seinen Mandanten, der vollauf geständig sei, sich aber kaum erinnern könne. Sein Vorschlag: ein Jahr und drei Monate Haft. Der Richter verurteilte den Angeklagten zu einem Jahr und sechs Monaten Haft ohne Bewährung und einer Führerscheinsperre für fünf Jahre. Die Taten zeugten von großer Aggression und Zerstörungswut, so der Richter. Der Angeklagte habe nicht nur die Elektronik im Bus zerstört habe, sondern auch noch hinein uriniert. Dass bei der Spritztour außer Sachbeschädigungen nichts weiter passierte, sei "purer Zufall". Für eine Bewährung sehe er keinen Raum. Die Strafvollstreckung werde nur für die Dauer einer geeigneten Therapie zurückgestellt.

Besoffen Gelenkbus gefahren - 21-jähriger Löhner muss dafür in Haft

Der 21-jährige Angeklagte war im Vollrausch mit einem Bus vom Sammelparkplatz hinter der Polizeiwache Löhne unterwegs. © Ulf Hanke

Löhne. Ein lauter Knall, dann noch einer. Mitten in der Nacht. Die Zeugin schreckte auf, als sich unterhalb ihres Schlafzimmerfensters ein riesiger Gelenkbus durchs Wohngebiet schlängelte und um 1.30 Uhr zwei Begrenzungspfosten überfuhr. Am Steuer saß ein 21-jähriger Mann aus Löhne. Er hatte offenbar im Drogen-, Medikamenten- und Alkoholrausch ein gestohlenes Fahrrad gegen den Bus getauscht. Und das auch noch mehr oder weniger unter den Augen der Polizei.

Der Bus stammte von einem Sammelparkplatz, der sich nur wenige Meter von der rund um die Uhr besetzten Polizeiwache Löhne befindet. Über das Husarenstück mit mehr als 8.000 Euro Sachschaden wurde bundesweit als Posse aus der Provinz berichtet. Für seine nächtliche Spritztour am 12. Oktober 2019 musste sich der 21-jährige Löhner vorm Amtsgericht Bad Oeynhausen verantworten. Sein Anwalt räumte die Tat nun "vollumfänglich" ein.

Der 21-jährige Angeklagte räumt die Spritztour mit dem Gelenkbus "vollumfänglich ein", wie sein Anwalt erklärte. - © Ulf Hanke
Der 21-jährige Angeklagte räumt die Spritztour mit dem Gelenkbus "vollumfänglich ein", wie sein Anwalt erklärte. - © Ulf Hanke

Der Staatsanwalt formulierte allein zur Spritztour quer durch Löhne mehrere Anklagepunkte: Diebstahl, Unfallflucht, Fahren ohne Führerschein und Trunkenheit im Straßenverkehr. "Das ist Wahnsinn", sagte der Staatsanwalt. "So ein Bus wiegt zig Tonnen. Ein Wunder, dass nicht mehr passiert ist." Auf dem Lkw-Parkplatz vor der Zentrale von Karlchens Backstube hatte der Angeklagte zuvor einen wartenden Kühllaster gekapert und daraus Schlüssel, Handy, Tankkarte und Fahrzeugschein gestohlen. Und am Löhner Bahnhof soll er das Fahrrad geklemmt haben, das er später auf dem Busparkplatz stehen ließ.

Bus-Klau ist juristisch betrachtet kein Diebstahl

Der Richter korrigierte die zahlreichen Anklagepunkte mit einem rechtlichen Hinweis: Der Angeklagte habe den Bus nicht für sich behalten wollen, weshalb statt Diebstahls doch eher Paragraph 248b des Strafgesetzbuches greife: "Unbefugter Gebrauch eines Fahrzeugs." Es war bereits der dritte Verhandlungstermin über die jüngsten Missetaten des polizeibekannten Intensivtäters. Der 21-Jährige war außerdem wegen eines Fahrrad-Wurfs in Ostscheid angeklagt. Im Rausch hatte er sein Rad auf ein fahrendes Auto geworfen und war dann auf Autofahrer und Beifahrer, Vater und Sohn, losgegangen. Außerdem hatte der Löhner auf der Polizeiwache Herford einen Polizisten beleidigt.

Derzeit sitzt der Angeklagte im Gefängnis. Das Landgericht Bielefeld hat ihn in zweiter Instanz wegen Vergewaltigung und Körperverletzung zu einem Jahr und neun Monaten ohne Bewährung verurteilt. In dem Urteil, das nach Jugendstrafrecht gefällt und im Gerichtssaal verlesen wurde, wird dem Angeklagten eine Entwicklungsverzögerung zugestanden.

Seine Hyperaktivität im Alter von 16 Jahren behandelten Ärzte noch mit Ritalin, doch die Scheidung der Eltern warf ihn dann aus der Bahn. Trotz Aufenthalten in der Kinder- und Jugendpsychiatrie sei er zu keiner eigenständigen Lebensführung in der Lage und nur vermindert schuldfähig; sein Verhalten lasse auf schädliche Neigungen und Erziehungsmängel schließen, urteilte das Landgericht. Der Angeklagte sei nur vermindert schuldfähig.

Der Angeklagte zerstörte die Bus-Elektronik und pinkelte hinein

Genau das vermochte der Staatsanwalt für den Fahrradwurf nicht erkennen. Auf der Rückbank des Autos habe noch der vierjährige Sohn des Autofahrers miterleben müssen, wie Vater und Bruder grundlos angegriffen wurden. Das wertete der Straatsanwalt strafverschärfend und forderte ein Jahr und zehn Monate Haft ohne Bewährung.

Der Verteidiger dagegen erklärte die Spritztour mit dem Gelenkbus zu einer jugendtypischen Straftat. Sein Mandant kurz zuvor 21 Jahre alt geworden, weshalb das Landgericht diese Taten nicht mehr zu einer Gesamt-Jugendstrafe hinzuziehen durfte. Der Anwalt sprach von einem "Gesamtstrafenübel" und forderte einen angemessenen Strafrabatt in dieser Sache für seinen Mandanten, der vollauf geständig sei, sich aber kaum erinnern könne. Sein Vorschlag: ein Jahr und drei Monate Haft.

Der Richter verurteilte den Angeklagten zu einem Jahr und sechs Monaten Haft ohne Bewährung und einer Führerscheinsperre für fünf Jahre. Die Taten zeugten von großer Aggression und Zerstörungswut, so der Richter. Der Angeklagte habe nicht nur die Elektronik im Bus zerstört habe, sondern auch noch hinein uriniert. Dass bei der Spritztour außer Sachbeschädigungen nichts weiter passierte, sei "purer Zufall". Für eine Bewährung sehe er keinen Raum. Die Strafvollstreckung werde nur für die Dauer einer geeigneten Therapie zurückgestellt.

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