Bemerkenswerte Erklärung des Richters im Mordfall Andrea K. Sabine Lüers-Grulke Nienburg/Verden (DH). Mit seinem Wunsch nach „transparenter Prozessführung“ leitete Volker Stronczyk, Vorsitzender Richter der 1. Großen Strafkammer am Landgericht Verden, ein bemerkenswertes Rechtsgespräch im Mordfall Andrea K. („Weserleiche“) ein. Darin erklärte er den Prozessbeteiligten und auch den Zuhörern, warum „ein lebendiges Reinwerfen in die Weser sich rechtlich zugunsten der Angeklagten auswirken“ könnte. Eine der Strafverteidigerinnen war nach den Ausführungen des Richters so perplex, dass sie um eine Pause bat. Seit Anfang des Jahres stehen drei Nienburger vor Gericht: ein seinerzeit 40-Jähriger, seine damals 39-jährige Lebensgefährtin und sein 53-jähriger Kumpel. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen Mord vor: Sie sollen Anfang April 2020 die 19-jährige Andrea K. aus Schöningen (Kreis Helmstedt) an eine Betonplatte gefesselt und im Schleusenkanal der Weser bei Balge ertränkt haben. Zuvor soll das psychisch kranke Opfer als Prostituierte mehrere Freier bedient haben und danach etwa zwei Tage in der Garage des Hauptangeklagten festgehalten worden sein. Laut Richter Stronczyk sei mit der Beweisaufnahme das Geschehen bis dahin, also bis zum 7. April 2020, „recht gut aufgeklärt“. Was jedoch geschehen sei, nachdem die 19-Jährige in die Garage gebracht wurde und welche Tatbeteiligungen es gäbe, darüber hätte die Kammer nur „gewisse schlaglichtartige Informationen“. Die seinerzeit erhobene Anklage ging von „versuchtem oder vollendetem Mord zur Verdeckung einer Straftat“ aus und sah laut Richter Stronczyk „keinen Tötungsvorsatz für das Geschehen in der Garage“. Was aber, wenn die 19-Jährige dort schon zu Tode gekommen sei und von den Angeklagten lediglich in der Weser versenkt wurde, damit die Leiche nicht gefunden wird? Oder wenn die Angeklagten nur dachten, sie sei tot? Dann läge nur ein „versuchtes Tötungsdelikt“ vor, und das anschließende Werfen in die Weser, bei dem sie letztlich ertrank, wäre dann ein „fahrlässiges Tötungsdelikt“. Möglicherweise auch nur eine „Körperverletzung mit Todesfolge“. Die Kammer, die damit den Angeklagten quasi eine Blaupause für die künftige Verteidigung an die Hand gab, verwies auf einen Strafrechtsklassiker aus dem Jurastudium, den sogenannten „Jauchegrubenfall“: Darin kommt eine vermeintlich getötete Person erst dadurch zu Tode, dass der/die Täterin sie anschließend in eine Jauchegrube wirft. (Anmerkung der Redaktion: In besagtem Fall hatte der Bundesgerichtshof allerdings in letzter Instanz doch auf vollendeten Totschlag entschieden.) Turbulent ging es auch schon vor dem Rechtsgespräch zu: Weil die einzige Zeugin des Verhandlungstages, die 29-jährige Ex-Freundin des angeklagten 53-Jährigen, akustisch auf der Zuhörertribüne trotz Mikrofon und Lautsprecherboxen nicht zu verstehen war, gab der Vorsitzende Richter dem Publikum und der Presse zu bedenken, dass „in so einem Fall auch mal was zurückstehen müsse“. Zuvor hatte die Zeugin zum zweiten Mal Rede und Antwort stehen müssen, nachdem sie bereits vergangene Woche vor der Kammer ausgesagt hatte. Nun nahm Staatsanwältin Dr. Annette Marquardt sie ins Verhör. Ihre Antworten waren dennoch von Nichtwissen oder Nicht-mehr-erinnern-können geprägt und unterschieden sich zum Teil erheblich von ihren früheren Aussagen vor der Polizei. Sie soll ihrer Mutter beispielsweise erzählt haben, dass der Hauptangeklagte das Opfer gewürgt und ihr Ex-Freund sie wiederbelebt haben soll. Laut Richter hat sie „etwa fünf verschiedene Varianten erzählt“. Anders als noch am Montag verkündet, will das Gericht nun auch kein ergänzendes Gutachten mehr zum vermuteten Ertrinkungstod der 19-Jährigen von Prof. Dr. Verhoff aus Frankfurt. Dem Leiter des rechtsmedizinischen Instituts warf Richter Stronczyk „fehlende Gründlichkeit“ vor: „Das Gutachten zeichnet sich durch Oberflächlichkeit aus.“ Am Montag hatte Verhoff noch dargelegt, dass seiner Einschätzung nach nur Ertrinken als Todesursache in Betracht komme. Stattdessen soll nun ein neuer Gutachter klären, ob die Zahl der Kieselalgen (Diatomeen) im Körper des Opfers das belegt. Die drei Angeklagten schweigen bisher zu allen Vorwürfen, „was ihr gutes Recht ist“, so der vorsitzende Richter. Er forderte sie aber auch auf, sich, wenn, möglichst zeitnah zu äußern. Der Prozess wird am Donnerstag, 10. Juni, ab 9 Uhr fortgesetzt.

Bemerkenswerte Erklärung des Richters im Mordfall Andrea K.

Von einer Brücke über den Schleusenkanal sollen die drei Angeklagten die 19-jährige Andrea K. aus Schöningen, gefesselt an eine Betonplatte, in der Weser bei Balge versenkt haben. Ob sie zu dem Zeitpunkt noch lebte, darüber sind sich Gutachter und Gericht nicht einig. Foto: Sabine Lüers-Grulke © Sabine Lüers-Grulke

Nienburg/Verden (DH). Mit seinem Wunsch nach „transparenter Prozessführung“ leitete Volker Stronczyk, Vorsitzender Richter der 1. Großen Strafkammer am Landgericht Verden, ein bemerkenswertes Rechtsgespräch im Mordfall Andrea K. („Weserleiche“) ein. Darin erklärte er den Prozessbeteiligten und auch den Zuhörern, warum „ein lebendiges Reinwerfen in die Weser sich rechtlich zugunsten der Angeklagten auswirken“ könnte. Eine der Strafverteidigerinnen war nach den Ausführungen des Richters so perplex, dass sie um eine Pause bat.

Seit Anfang des Jahres stehen drei Nienburger vor Gericht: ein seinerzeit 40-Jähriger, seine damals 39-jährige Lebensgefährtin und sein 53-jähriger Kumpel. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen Mord vor: Sie sollen Anfang April 2020 die 19-jährige Andrea K. aus Schöningen (Kreis Helmstedt) an eine Betonplatte gefesselt und im Schleusenkanal der Weser bei Balge ertränkt haben.

Zuvor soll das psychisch kranke Opfer als Prostituierte mehrere Freier bedient haben und danach etwa zwei Tage in der Garage des Hauptangeklagten festgehalten worden sein.

Laut Richter Stronczyk sei mit der Beweisaufnahme das Geschehen bis dahin, also bis zum 7. April 2020, „recht gut aufgeklärt“. Was jedoch geschehen sei, nachdem die 19-Jährige in die Garage gebracht wurde und welche Tatbeteiligungen es gäbe, darüber hätte die Kammer nur „gewisse schlaglichtartige Informationen“.

Die seinerzeit erhobene Anklage ging von „versuchtem oder vollendetem Mord zur Verdeckung einer Straftat“ aus und sah laut Richter Stronczyk „keinen Tötungsvorsatz für das Geschehen in der Garage“. Was aber, wenn die 19-Jährige dort schon zu Tode gekommen sei und von den Angeklagten lediglich in der Weser versenkt wurde, damit die Leiche nicht gefunden wird? Oder wenn die Angeklagten nur dachten, sie sei tot? Dann läge nur ein „versuchtes Tötungsdelikt“ vor, und das anschließende Werfen in die Weser, bei dem sie letztlich ertrank, wäre dann ein „fahrlässiges Tötungsdelikt“. Möglicherweise auch nur eine „Körperverletzung mit Todesfolge“.

Die Kammer, die damit den Angeklagten quasi eine Blaupause für die künftige Verteidigung an die Hand gab, verwies auf einen Strafrechtsklassiker aus dem Jurastudium, den sogenannten „Jauchegrubenfall“: Darin kommt eine vermeintlich getötete Person erst dadurch zu Tode, dass der/die Täterin sie anschließend in eine Jauchegrube wirft. (Anmerkung der Redaktion: In besagtem Fall hatte der Bundesgerichtshof allerdings in letzter Instanz doch auf vollendeten Totschlag entschieden.)

Turbulent ging es auch schon vor dem Rechtsgespräch zu: Weil die einzige Zeugin des Verhandlungstages, die 29-jährige Ex-Freundin des angeklagten 53-Jährigen, akustisch auf der Zuhörertribüne trotz Mikrofon und Lautsprecherboxen nicht zu verstehen war, gab der Vorsitzende Richter dem Publikum und der Presse zu bedenken, dass „in so einem Fall auch mal was zurückstehen müsse“.

Zuvor hatte die Zeugin zum zweiten Mal Rede und Antwort stehen müssen, nachdem sie bereits vergangene Woche vor der Kammer ausgesagt hatte. Nun nahm Staatsanwältin Dr. Annette Marquardt sie ins Verhör. Ihre Antworten waren dennoch von Nichtwissen oder Nicht-mehr-erinnern-können geprägt und unterschieden sich zum Teil erheblich von ihren früheren Aussagen vor der Polizei. Sie soll ihrer Mutter beispielsweise erzählt haben, dass der Hauptangeklagte das Opfer gewürgt und ihr Ex-Freund sie wiederbelebt haben soll. Laut Richter hat sie „etwa fünf verschiedene Varianten erzählt“.

Anders als noch am Montag verkündet, will das Gericht nun auch kein ergänzendes Gutachten mehr zum vermuteten Ertrinkungstod der 19-Jährigen von Prof. Dr. Verhoff aus Frankfurt. Dem Leiter des rechtsmedizinischen Instituts warf Richter Stronczyk „fehlende Gründlichkeit“ vor: „Das Gutachten zeichnet sich durch Oberflächlichkeit aus.“

Am Montag hatte Verhoff noch dargelegt, dass seiner Einschätzung nach nur Ertrinken als Todesursache in Betracht komme. Stattdessen soll nun ein neuer Gutachter klären, ob die Zahl der Kieselalgen (Diatomeen) im Körper des Opfers das belegt. Die drei Angeklagten schweigen bisher zu allen Vorwürfen, „was ihr gutes Recht ist“, so der vorsitzende Richter. Er forderte sie aber auch auf, sich, wenn, möglichst zeitnah zu äußern. Der Prozess wird am Donnerstag, 10. Juni, ab 9 Uhr fortgesetzt.

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