Beete verwüstet, Mülltonnen geplündert: Waschbären entwickeln sich zur Plage Nicole Sielermann Bad Oeynhausen (nw). Der Waschbär ist auf dem Vormarsch und entwickelt sich oftmals zu einer echten Plage. Zumal er auch Krankheiten übertragen kann. Immer häufiger treffen auch Kurstädter den "maskierten" Eindringling im eigenen Garten, auf der Terrasse oder dem Balkon. Der nachtaktive Kleinbär verwüstet Blumenbeete oder räumt Mülltonnen aus. Er liebt Komposthaufen und schläft gerne unter unten offenen Holzlagern. In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Population vervielfacht. Seriöse Zahlen darüber, wie viele Tiere heute in Deutschland leben, gibt es nicht. Schätzungen gehen von mehreren Hunderttausend aus. "Ein halbes Dutzend Tiere auf einem einzigen abgeernteten Maisacker war im vergangenen Jahr keine Seltenheit", sagt der Vorsitzende der Kreisjägerschaft, Walter Jäcker. Die Jäger haben den Kampf gegen die Waschbären, die vor allem in den heimischen Weserauen eine Gefahr für geschützte Bodenbrüter sind, längst aufgegeben. Ursprünglich stammt der kleine Bär aus Nordamerika. Als Zuchttier kam er einst nach Europa. Sein dichtes, langhaariges Fell galt als begehrte Beute. Doch aus den Pelztierzuchtfarmen konnten die etwa katzengroßen Tiere immer wieder entwischen. In den Wäldern fanden sie Futter, Wohnhöhlen und konnten sich durch das Fehlen natürlicher Feinde ungestört vermehren. Die rasant ansteigende Populationsdichte des Waschbären hat insbesondere auch auf die heimischen Vögel negative Auswirkungen. Infolge der Plünderung ihrer Nester können einzelne Vogelarten lokal sogar ganz verschwinden. "Lerche, Kiebitz, Brachvogel", zählt Walter Jäcker auf, seien durch den Waschbären stark gefährdet. Der Vorsitzende der Kreisjägerschaft Minden-Lübbecke weiß aber auch, dass das Tier schlecht zu jagen ist und vor allem Lebendfallen aufgestellt werden müssten. Markenzeichen: Maske Markenzeichen des Waschbären sind die auffällige Gesichtszeichnung mit der schwarzen Maske und der geringelte Schwanz. Der ausgezeichnet kletternde und gut schwimmende Waschbär gilt als sehr anpassungsfähig. Er ist Allesfresser. Auf dem Speiseplan stehen Beeren, Nüsse, Insekten, Würmer, Frösche und gelegentlich Vögel oder Kleinsäuger. Auch hat sich der Waschbär in den vergangenen Jahren viele Nahrungsquellen in Siedlungsnähe erschlossen, liebt Mülltonnen und schläft gerne auf Dachböden oder Scheunen. Seinen Namen trägt der Waschbär übrigens wegen einer bestimmten Verhaltensweise: Er bewegt seine Nahrung, die er auch im Wasser sucht, mit den Vorderpfoten hin und her und prüft sie genau. Das erweckt oft den Eindruck, er würde seine Nahrung waschen. "Wenn wir Jäger nicht revierübergreifend handeln, ist der Zug für uns abgefahren", erklärt Walter Jäcker. Gejagt werden darf ganzjährig, mit Ausnahme der Tiere, die Junge aufziehen. Somit müssten derzeit Alttiere wieder freigelassen werden. "Wenn es öffentlich gewollt ist, können wir Jäger in den Vogelschutzgebieten eingreifen", sagt Jäcker. Dort seien vor allem die Bodenbrüter gefährdet. "Dann würden wir entlang der Weser in jedem Revier Fallen aufstellen müssen." Aufwändig. Zumal jeder Jäger dafür einen Lehrgang absolviert haben muss, Lebendfallen täglich kontrolliert und mit einem elektronischen Meldesystem versehen sein müssen. Pro Falle werden da schnell mehrere 100 Euro fällig. "Der Aufwand steht in keinem Verhältnis", so Jäcker. Waschbären lieben Katzenfutter Einziges Gegenmittel: "Wir dürfen dem Waschbären den Lebensraum nicht so vorbereiten, dass er sich freut." Sprich, Holzlager und Gartenhäuser unten abdichten, Küchenabfälle unerreichbar entsorgen und Ordnung auf dem Grundstück schaffen. "Die bedienen sich auch gerne am Katzenfutter, das vor der Tür steht", weiß Jäcker. Und Waschbären würden es sogar schaffen, Dachpfannen hochzuschieben und sich wie Steinmarder und Füchse auf Dachböden einrichten. "Die sind wahre Klettermeister. Wir hatten in Bad Oeynhausen auch schon mal einen Waschbären im Eulenkasten." Und gerade im Frühjahr hat ein Tier den Eulenkasten auf dem Dachboden des Museumshofes geplündert und dabei den First des Strohdaches ramponiert. So putzig die kleinen Bären auch aussehen - ungefährlich sind sie nicht. Fühlen sie sich in die Enge getrieben, wehren sie sich gerne mit ihren scharfen Zähnen und Krallen. "Außerdem übertragen sie Krankheiten - auch auf den Menschen", warnt Walter Jäcker. In manchen Regionen ist das Tier Träger des Waschbärspulwurms – der eine Infektion (über oral aufgenommene Spulwurmeier) auslöst, die beim Menschen durch die Larva migrans zu schwerwiegenden Gewebe- und Nervenschädigungen führen kann. Auch überträgt der Waschbär Staupe durch Tröpfcheninfektion auf Haustiere. "Wenn der Hund an solchen Spuren schnüffelt, ist er ohne Impfung ein Todeskandidat." Jagdzahlen haben sich vervielfacht Wie viele Tiere genau in der heimischen Region unterwegs sind, ist unklar. "Es gibt keine Wildzählungen wie beim Schalenwild", erklärt Walter Jäcker. Das liege auch daran, dass die Kleinbären wie Wildschweine nachts kaum gesehen werden. Vor allem im Osten Deutschlands und in Hessen explodieren die Populationen. Die Stadt Kassel gilt inzwischen als heimliche Hauptstadt der Waschbären. Dort leben nach Angaben des World Wide Fund For Nature (WWF) rund 100 Tiere auf 100 Hektar – mehr als irgendwo sonst in Deutschland. In Bad Oeynhausen und dem Kreis Minden-Lübbecke ist zumindest die sogenannte Jagdstrecke vermerkt. Während 2009/2010 in der Kurstadt nur ein Tier bei der Jagd erlegt wurde, waren es 2019/2020 schon 137 - darunter 16 Waschbären, die im Straßenverkehr starben. Im gesamten Kreis Minden-Lübbecke wurden vor zehn Jahren 38 tote Tiere registriert - und in dieser Jagdsaison 1.396 mit 97 "Verkehrstoten".

Beete verwüstet, Mülltonnen geplündert: Waschbären entwickeln sich zur Plage

Der Waschbär ist auf dem Vormarsch und schlecht zu jagen - dabei gefährdet er gefährdete Vogelarten. © Pixabay

Bad Oeynhausen (nw). Der Waschbär ist auf dem Vormarsch und entwickelt sich oftmals zu einer echten Plage. Zumal er auch Krankheiten übertragen kann. Immer häufiger treffen auch Kurstädter den "maskierten" Eindringling im eigenen Garten, auf der Terrasse oder dem Balkon. Der nachtaktive Kleinbär verwüstet Blumenbeete oder räumt Mülltonnen aus. Er liebt Komposthaufen und schläft gerne unter unten offenen Holzlagern. In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Population vervielfacht.

Seriöse Zahlen darüber, wie viele Tiere heute in Deutschland leben, gibt es nicht. Schätzungen gehen von mehreren Hunderttausend aus. "Ein halbes Dutzend Tiere auf einem einzigen abgeernteten Maisacker war im vergangenen Jahr keine Seltenheit", sagt der Vorsitzende der Kreisjägerschaft, Walter Jäcker. Die Jäger haben den Kampf gegen die Waschbären, die vor allem in den heimischen Weserauen eine Gefahr für geschützte Bodenbrüter sind, längst aufgegeben.

Jagd-Experte und Vorsitzender der Kreisjägerschaft, Walter Jäcker. - © privat
Jagd-Experte und Vorsitzender der Kreisjägerschaft, Walter Jäcker. - © privat

Ursprünglich stammt der kleine Bär aus Nordamerika. Als Zuchttier kam er einst nach Europa. Sein dichtes, langhaariges Fell galt als begehrte Beute. Doch aus den Pelztierzuchtfarmen konnten die etwa katzengroßen Tiere immer wieder entwischen. In den Wäldern fanden sie Futter, Wohnhöhlen und konnten sich durch das Fehlen natürlicher Feinde ungestört vermehren. Die rasant ansteigende Populationsdichte des Waschbären hat insbesondere auch auf die heimischen Vögel negative Auswirkungen.

Infolge der Plünderung ihrer Nester können einzelne Vogelarten lokal sogar ganz verschwinden. "Lerche, Kiebitz, Brachvogel", zählt Walter Jäcker auf, seien durch den Waschbären stark gefährdet. Der Vorsitzende der Kreisjägerschaft Minden-Lübbecke weiß aber auch, dass das Tier schlecht zu jagen ist und vor allem Lebendfallen aufgestellt werden müssten.

Markenzeichen: Maske

Markenzeichen des Waschbären sind die auffällige Gesichtszeichnung mit der schwarzen Maske und der geringelte Schwanz. Der ausgezeichnet kletternde und gut schwimmende Waschbär gilt als sehr anpassungsfähig. Er ist Allesfresser. Auf dem Speiseplan stehen Beeren, Nüsse, Insekten, Würmer, Frösche und gelegentlich Vögel oder Kleinsäuger. Auch hat sich der Waschbär in den vergangenen Jahren viele Nahrungsquellen in Siedlungsnähe erschlossen, liebt Mülltonnen und schläft gerne auf Dachböden oder Scheunen.

Seinen Namen trägt der Waschbär übrigens wegen einer bestimmten Verhaltensweise: Er bewegt seine Nahrung, die er auch im Wasser sucht, mit den Vorderpfoten hin und her und prüft sie genau. Das erweckt oft den Eindruck, er würde seine Nahrung waschen.

"Wenn wir Jäger nicht revierübergreifend handeln, ist der Zug für uns abgefahren", erklärt Walter Jäcker. Gejagt werden darf ganzjährig, mit Ausnahme der Tiere, die Junge aufziehen. Somit müssten derzeit Alttiere wieder freigelassen werden. "Wenn es öffentlich gewollt ist, können wir Jäger in den Vogelschutzgebieten eingreifen", sagt Jäcker. Dort seien vor allem die Bodenbrüter gefährdet. "Dann würden wir entlang der Weser in jedem Revier Fallen aufstellen müssen." Aufwändig. Zumal jeder Jäger dafür einen Lehrgang absolviert haben muss, Lebendfallen täglich kontrolliert und mit einem elektronischen Meldesystem versehen sein müssen. Pro Falle werden da schnell mehrere 100 Euro fällig. "Der Aufwand steht in keinem Verhältnis", so Jäcker.

Waschbären lieben Katzenfutter

Einziges Gegenmittel: "Wir dürfen dem Waschbären den Lebensraum nicht so vorbereiten, dass er sich freut." Sprich, Holzlager und Gartenhäuser unten abdichten, Küchenabfälle unerreichbar entsorgen und Ordnung auf dem Grundstück schaffen. "Die bedienen sich auch gerne am Katzenfutter, das vor der Tür steht", weiß Jäcker. Und Waschbären würden es sogar schaffen, Dachpfannen hochzuschieben und sich wie Steinmarder und Füchse auf Dachböden einrichten. "Die sind wahre Klettermeister. Wir hatten in Bad Oeynhausen auch schon mal einen Waschbären im Eulenkasten." Und gerade im Frühjahr hat ein Tier den Eulenkasten auf dem Dachboden des Museumshofes geplündert und dabei den First des Strohdaches ramponiert.

So putzig die kleinen Bären auch aussehen - ungefährlich sind sie nicht. Fühlen sie sich in die Enge getrieben, wehren sie sich gerne mit ihren scharfen Zähnen und Krallen. "Außerdem übertragen sie Krankheiten - auch auf den Menschen", warnt Walter Jäcker. In manchen Regionen ist das Tier Träger des Waschbärspulwurms – der eine Infektion (über oral aufgenommene Spulwurmeier) auslöst, die beim Menschen durch die Larva migrans zu schwerwiegenden Gewebe- und Nervenschädigungen führen kann. Auch überträgt der Waschbär Staupe durch Tröpfcheninfektion auf Haustiere. "Wenn der Hund an solchen Spuren schnüffelt, ist er ohne Impfung ein Todeskandidat."

Jagdzahlen haben sich vervielfacht

Wie viele Tiere genau in der heimischen Region unterwegs sind, ist unklar. "Es gibt keine Wildzählungen wie beim Schalenwild", erklärt Walter Jäcker. Das liege auch daran, dass die Kleinbären wie Wildschweine nachts kaum gesehen werden. Vor allem im Osten Deutschlands und in Hessen explodieren die Populationen. Die Stadt Kassel gilt inzwischen als heimliche Hauptstadt der Waschbären. Dort leben nach Angaben des World Wide Fund For Nature (WWF) rund 100 Tiere auf 100 Hektar – mehr als irgendwo sonst in Deutschland.

In Bad Oeynhausen und dem Kreis Minden-Lübbecke ist zumindest die sogenannte Jagdstrecke vermerkt. Während 2009/2010 in der Kurstadt nur ein Tier bei der Jagd erlegt wurde, waren es 2019/2020 schon 137 - darunter 16 Waschbären, die im Straßenverkehr starben. Im gesamten Kreis Minden-Lübbecke wurden vor zehn Jahren 38 tote Tiere registriert - und in dieser Jagdsaison 1.396 mit 97 "Verkehrstoten".

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