Bad Oeynhausener Notarzt Georg Gamm sagt nach 35 Jahren adé Nicole Bliesener Bad Oeynhausen (nw). Die Fotos sind gerade im Kasten, schon meldet sich der Pieper wieder. Und Georg Gamm muss an seinem letzten Tag als Notarzt gleich wieder ausrücken. „Der Dienst hatte es noch mal in sich“, wird er 24 Stunden später nach Dienstschluss erzählen. „Normalerweise haben wir fünf, sechs Einsätze pro Schicht. Gestern waren es zehn“, berichtet der 72-jährige Mediziner. Seinen letzten Einsatz ist Gamm nachts gegen drei Uhr gefahren. Dann war Schluss – nach 40-jähriger Tätigkeit als Mediziner und 35 Jahren im Notarztdienst. 35 Jahre, in denen Georg Gamm als Notarzt so viele Wohnungen gesehen hat wie kaum ein Zweiter. „Man erhält einen enorm tiefen Einblick in die Gesellschaft, blickt hinter jede Fassade, von ganz oben bis ganz unten“, erzählt Gamm. Von der Villa bis zur kleinen Drei-Zimmer-Wohnung, in der 12 Flüchtlinge untergebracht sind. „Dieser so wichtige Blick auf die Patienten in ihrem privaten Umfeld ist etwas, was man als Arzt im Krankenhaus nicht erfährt, nicht lernt“, ist Gamm überzeugt. Die wichtigste Frage im Notfall sei immer: „Was ist los?“ In kürzester Zeit müsse der Notarzt am Einsatzort erfassen, was dem Patienten fehle, müsse ihn stabilisieren und nach Vorerkrankungen forschen, um den Patienten dann in die richtige Klinik zu bringen. „Wenn im Herzzentrum alle Katheterplätze belegt sind, müssen wir den Infarktpatienten zu dem nächstgelegenen freien Katheterplatz bringen“, schildert Gamm das Vorgehen. Denn Herzinfarkte und Schlaganfälle sind die häufigsten Notfälle, weiß Gamm aus seiner jahrzehntelangen Erfahrungen. „Schwere Verkehrsunfälle wie etwa der Ende Mai, bei dem eine Radfahrerin getötet und eine weitere schwer verletzt wurde, sind zum Glück eher selten“, sagt der Notarzt. Je älter die Gesellschaft werde, desto häufiger haben Notärzte mit altersbedingten Krankheiten zu tun. „Je weniger Kinder es gibt, desto seltener haben wir mit Kindernotfällen zu tun“, sagt Georg Gamm. Und dennoch zählen Notfälle, in denen es um Kinder geht, zu den schlimmsten Erlebnissen der Ärzte. Auch für Georg Gamm. „Ende der 80er Jahre sind innerhalb kurzer Zeit mehrere Säuglinge gestorben – plötzlicher Kindstod. Und das den völlig geschockten jungen Eltern erklären zu müssen, das ist bis heute meine schrecklichste Erfahrung.“ Offiziell verabschiedet wurde GeorgGamm bereits vor siebeneinhalb Jahren. Denn bis zum Eintritt ins Rentenalter am 31. Dezember 2012 war Gamm Leiter des Einsatzstandorts Bad Oeynhausen. Doch seitdem hat er weiter monatlich fünf 24-Stunden-Dienste absolviert. Zu Beginn seiner letzten Schicht am Dienstag wollten sich nun die Kollegen der Feuer- und Rettungswache von ihrem langjährigen Notarzt verabschieden. Das klappte zur verabredeten Zeit auch gerade so zwischen zwei Einsätzen. Die Gründe, aus denen Gamm sich im Rentenalter nicht ausschließlich seiner Familie und seinen Hobbys Fotografie und der Holzhandwerkskunst gewidmet hat, sondern weiter als Notarzt tätig war, sind vielfältig. „Zum einen wollte ich meine 40 Berufsjahre vollmachen, weil ich so lange studiert habe“, sagt Gamm mit einem Augenzwinkern. Zum anderen seien Notärzte immer knapp. Denn bis ein Klinikarzt als Notarzt eingesetzt werden könne, müsse er einige Zeit in einem Krankenhaus gearbeitet haben, zahlreiche spezielle Weiterbildungen absolviert und mit erfahrenen Notärzten Trainings durchlaufen haben. „Hinzu kommt, dass die Arbeitsverdichtung in den Krankenhäusern heutzutage weitaus größer ist, und so drängt es immer weniger in diese zusätzliche Aufgabe“, weiß Gamm. „Ich habe 1980 mit 32 Jahren mein Mediziner-Examen gemacht“, erzählt er. Allerdings hatte er zu diesem Zeitpunkt schon längst ein Studium der Chemie samt Promotion zum Dr. rer. nat. (Doktor der Naturwissenschaften) in der Tasche. „Zum Zeitpunkt meiner Promotion gab es in der Chemieindustrie aber eine Einstellungsflaute. Und da ich eigentlich schon immer Arzt werden wollte, habe ich dann noch Medizin studiert.“ Seine Mediziner-Karriere begann am 1.Juni 1980 als Anästhesist in einem Bielefelder Krankenhaus. 1984 wechselte Gamm als Oberarzt ins Krankenhaus Bad Oeynhausen. Am 1. September 1985 führte die Stadt Bad Oeynhausen in Kooperation mit dem Krankenhaus das Notarztsystem ein. Die Stadt stellte Fahrzeuge, Material und das Personal für Rettungswagen und Notarztfahrzeuge, das Krankenhaus koordinierte den Einsatz der Ärzte. Für die Notarzttätigkeit begeisterte ihn sein Chef Dr. Zimmermann. „Er übertrug mir alsbald auch die organisatorische und ärztliche Leitung des Standorts“, erzählt Georg Gamm. Während Ende der 80er Jahre die Entscheidung über die Ausstattung der Wagen und die Statistik über die Einsätze in den Händen des Standortleiters lag, gibt es heute Din-Vorschriften über die Ausstattung der Rettungs- und Notarztwagen. „Auch die Inhalte und Anzahl der Kurse und Weiterbildungen, die Notärzte absolvieren müssen, sind standardisiert“, sagt Gamm. Und das sei auch gut so. „Früher gab es diese Weiterbildungen noch nicht“, sagt Gamm, „wir hatten so ein selbst gebasteltes Konzept, mittwochnachmittags gab es immer Vorträge von Kollegen aus verschiedenen Fachrichtungen.“ Und die Ausstattung der Rettungsfahrzeuge wie auch die Ärztliche Leitung im Kreis liegt in den Händen von Gunter Veit, dem Leiter des Rettungsdienstes. Die Notärzte werden von den Mühlenkreiskliniken gestellt. An seinem letzten Dienstmorgen ist Georg Gamm übrigens etwas passiert, was in den 35 Jahren zuvor nicht ein einziges Mal geschehen ist: „Ich habe verschlafen“, gibt Gamm zu. Der nachfolgende Kollege habe ihn geweckt.

Bad Oeynhausener Notarzt Georg Gamm sagt nach 35 Jahren adé

Georg Gamm hat gestern seinen letzten 24-Stunden-Dienst als Notarzt absolviert, dabei ist der 72-Jährige eigentlich seit knapp acht Jahren im Ruhestand. Foto: Nicole Bliesener © Nicole Bliesener

Bad Oeynhausen (nw). Die Fotos sind gerade im Kasten, schon meldet sich der Pieper wieder. Und Georg Gamm muss an seinem letzten Tag als Notarzt gleich wieder ausrücken. „Der Dienst hatte es noch mal in sich“, wird er 24 Stunden später nach Dienstschluss erzählen. „Normalerweise haben wir fünf, sechs Einsätze pro Schicht. Gestern waren es zehn“, berichtet der 72-jährige Mediziner. Seinen letzten Einsatz ist Gamm nachts gegen drei Uhr gefahren. Dann war Schluss – nach 40-jähriger Tätigkeit als Mediziner und 35 Jahren im Notarztdienst.

35 Jahre, in denen Georg Gamm als Notarzt so viele Wohnungen gesehen hat wie kaum ein Zweiter. „Man erhält einen enorm tiefen Einblick in die Gesellschaft, blickt hinter jede Fassade, von ganz oben bis ganz unten“, erzählt Gamm. Von der Villa bis zur kleinen Drei-Zimmer-Wohnung, in der 12 Flüchtlinge untergebracht sind. „Dieser so wichtige Blick auf die Patienten in ihrem privaten Umfeld ist etwas, was man als Arzt im Krankenhaus nicht erfährt, nicht lernt“, ist Gamm überzeugt.

Die wichtigste Frage im Notfall sei immer: „Was ist los?“ In kürzester Zeit müsse der Notarzt am Einsatzort erfassen, was dem Patienten fehle, müsse ihn stabilisieren und nach Vorerkrankungen forschen, um den Patienten dann in die richtige Klinik zu bringen. „Wenn im Herzzentrum alle Katheterplätze belegt sind, müssen wir den Infarktpatienten zu dem nächstgelegenen freien Katheterplatz bringen“, schildert Gamm das Vorgehen.

Denn Herzinfarkte und Schlaganfälle sind die häufigsten Notfälle, weiß Gamm aus seiner jahrzehntelangen Erfahrungen. „Schwere Verkehrsunfälle wie etwa der Ende Mai, bei dem eine Radfahrerin getötet und eine weitere schwer verletzt wurde, sind zum Glück eher selten“, sagt der Notarzt. Je älter die Gesellschaft werde, desto häufiger haben Notärzte mit altersbedingten Krankheiten zu tun. „Je weniger Kinder es gibt, desto seltener haben wir mit Kindernotfällen zu tun“, sagt Georg Gamm. Und dennoch zählen Notfälle, in denen es um Kinder geht, zu den schlimmsten Erlebnissen der Ärzte. Auch für Georg Gamm. „Ende der 80er Jahre sind innerhalb kurzer Zeit mehrere Säuglinge gestorben – plötzlicher Kindstod. Und das den völlig geschockten jungen Eltern erklären zu müssen, das ist bis heute meine schrecklichste Erfahrung.“

Offiziell verabschiedet wurde GeorgGamm bereits vor siebeneinhalb Jahren. Denn bis zum Eintritt ins Rentenalter am 31. Dezember 2012 war Gamm Leiter des Einsatzstandorts Bad Oeynhausen. Doch seitdem hat er weiter monatlich fünf 24-Stunden-Dienste absolviert. Zu Beginn seiner letzten Schicht am Dienstag wollten sich nun die Kollegen der Feuer- und Rettungswache von ihrem langjährigen Notarzt verabschieden. Das klappte zur verabredeten Zeit auch gerade so zwischen zwei Einsätzen.

Die Gründe, aus denen Gamm sich im Rentenalter nicht ausschließlich seiner Familie und seinen Hobbys Fotografie und der Holzhandwerkskunst gewidmet hat, sondern weiter als Notarzt tätig war, sind vielfältig. „Zum einen wollte ich meine 40 Berufsjahre vollmachen, weil ich so lange studiert habe“, sagt Gamm mit einem Augenzwinkern. Zum anderen seien Notärzte immer knapp. Denn bis ein Klinikarzt als Notarzt eingesetzt werden könne, müsse er einige Zeit in einem Krankenhaus gearbeitet haben, zahlreiche spezielle Weiterbildungen absolviert und mit erfahrenen Notärzten Trainings durchlaufen haben. „Hinzu kommt, dass die Arbeitsverdichtung in den Krankenhäusern heutzutage weitaus größer ist, und so drängt es immer weniger in diese zusätzliche Aufgabe“, weiß Gamm.

„Ich habe 1980 mit 32 Jahren mein Mediziner-Examen gemacht“, erzählt er. Allerdings hatte er zu diesem Zeitpunkt schon längst ein Studium der Chemie samt Promotion zum Dr. rer. nat. (Doktor der Naturwissenschaften) in der Tasche. „Zum Zeitpunkt meiner Promotion gab es in der Chemieindustrie aber eine Einstellungsflaute. Und da ich eigentlich schon immer Arzt werden wollte, habe ich dann noch Medizin studiert.“

Seine Mediziner-Karriere begann am 1.Juni 1980 als Anästhesist in einem Bielefelder Krankenhaus. 1984 wechselte Gamm als Oberarzt ins Krankenhaus Bad Oeynhausen. Am 1. September 1985 führte die Stadt Bad Oeynhausen in Kooperation mit dem Krankenhaus das Notarztsystem ein. Die Stadt stellte Fahrzeuge, Material und das Personal für Rettungswagen und Notarztfahrzeuge, das Krankenhaus koordinierte den Einsatz der Ärzte.

Für die Notarzttätigkeit begeisterte ihn sein Chef Dr. Zimmermann. „Er übertrug mir alsbald auch die organisatorische und ärztliche Leitung des Standorts“, erzählt Georg Gamm. Während Ende der 80er Jahre die Entscheidung über die Ausstattung der Wagen und die Statistik über die Einsätze in den Händen des Standortleiters lag, gibt es heute Din-Vorschriften über die Ausstattung der Rettungs- und Notarztwagen. „Auch die Inhalte und Anzahl der Kurse und Weiterbildungen, die Notärzte absolvieren müssen, sind standardisiert“, sagt Gamm.

Und das sei auch gut so. „Früher gab es diese Weiterbildungen noch nicht“, sagt Gamm, „wir hatten so ein selbst gebasteltes Konzept, mittwochnachmittags gab es immer Vorträge von Kollegen aus verschiedenen Fachrichtungen.“ Und die Ausstattung der Rettungsfahrzeuge wie auch die Ärztliche Leitung im Kreis liegt in den Händen von Gunter Veit, dem Leiter des Rettungsdienstes. Die Notärzte werden von den Mühlenkreiskliniken gestellt.

An seinem letzten Dienstmorgen ist Georg Gamm übrigens etwas passiert, was in den 35 Jahren zuvor nicht ein einziges Mal geschehen ist: „Ich habe verschlafen“, gibt Gamm zu. Der nachfolgende Kollege habe ihn geweckt.

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