Ausgebremst: Nur noch wenige Fahrschüler dürfen derzeit überhaupt hinters Steuer der Bad Oeynhausener Fahrschulautos. Nicole Sielermann Bad Oeynhausen (nw). Dass Ulrich Rolfsmeyer seinen Beruf als Fahrlehrer lebt, macht sich auch in seinem Sprachjargon bemerkbar, wenn er von einem Betrieb mit „angezogener Handbremse“ spricht. Aber genauso lässt sich derzeit die Situation in den heimischen Fahrschulen darstellen. Nur noch wenige Fahrschüler dürfen während des Lockdowns überhaupt hinters Steuer, unterrichtet wird online. Rolfsmeyer sowie seine Kollegen Sascha Walther und Jens Wittemeier haben deshalb ellenlange Wartelisten. Sorge, dass viele Jugendliche niemals einen Schein machen werden, haben sie nicht. „Die Dorfjugend ist scharf auf Trecker und Moped fahren“, sagt Jens Wittemeier lachend. Vier. Das ist der letzte Rest, der bei Ulrich Rolfsmeyer (57) überhaupt noch hinters Steuer darf. Maximal sechs bis acht Fahrstunden macht das für den Fahrlehrer pro Woche. „Ein Arbeitstag statt sechs“, bilanziert er. Denn durch die aktuelle Corona-Schutzverordnung dürfen nur noch die Fahrschüler ihre Fahrstunden fortsetzen, die mindestens die Hälfte der Sonderfahrten absolviert haben. Also kurz vor der Prüfung stehen. „Ich weine derzeit um jeden, der besteht“, sagt Rolfsmeyer lachend. Seit Mitte Dezember trifft der Lockdown auch die Fahrschulen. Theoretischen Unterricht gibt es nur noch per Videokonferenz, Fahrstunden kaum noch. Wer vor dem Lockdown noch mit den ersten Stunden begonnen hat, fängt im Falle einer Öffnung nahezu wieder bei Null an. Dabei, so sagt Ulrich Rolfsmeyer, sei eine Fahrstunde äußerst sicher: „FFP2-Masken für Fahrer und Lehrer, Desinfektion vor dem Besteigen des Autos sowie eigene Schutzbezüge für jeden Schüler und dann noch die Mittellüftung“, zählt Rolfsmeyer, der seit 20 Jahren seine Fahrschule in Werste hat, auf. „Das sind deutlich strengere Regeln als im ÖPNV.“ Das Auto sei clean. „Ich habe schon so viel desinfiziert – da ist kaum noch Leder am Lenkrad.“ Die Zahlen in den Fahrschulen sind auf einem Tiefstand. „Die jungen Menschen sind in den vergangenen Monaten träge geworden“, hat Jens Wittemeier beobachtet. Der 50-Jährige hat eine Zweigstelle der Familienfahrschule in Dehme und führt die Trägheit auch auf das Homeschooling zurück: „Derzeit ist es für die Jugend nicht notwendig, rauszukommen.“ Weshalb „viele länger rumdocktern am Schein“. Auch der theoretische Unterricht in der Online-Variante birgt Gefahren: „Die Jugendlichen sind des Videounterrichtes müde.“ Hinzu kämen verschobene Bio-Rhythmen durch das Fehlen des täglichen Ablaufes, hat Wittemeier beobachtet. Stillstand. So bezeichnet Sascha Walther die Situation seiner gleichnamigen Fahrschule. Mit drei Standorten und der Lkw-Ausbildung ist sie eine der größeren in Bad Oeynhausen. Acht Angestellte machen Kurzarbeit, acht Autos stehen still. Und auch der Lastwagen ist weniger ausgelastet als üblich. Der Vorteil: „Berufsbedingte Führerscheine dürfen gemacht werden“, erklärt Walther. Stillstand bedeutet auch fehlende Einnahmen: „Man hatte Angespartes. Hatte. Lange reicht das nicht mehr.“ Deshalb hat Sascha Walther Investitionen nach hinten geschoben: „Wir wollten eigentlich ein neues Bürogebäude bauen. Das haben wir erstmal zurückgestellt.“ Noch steht auch die Fahrschule Wittemeier gut da. „Natürlich haben wir deutlich weniger zu tun, aber mein Kostenapparat ist zum Glück auch nicht so groß“, sagt Jens Wittemeier. „Klein und mein“ sei dieses Mal von Vorteil, um eine gewisse Zeit zu überbrücken. Hat er 2020 noch Überbrückungshilfen beantragt, verzichtet er dieses Mal: „Bis das Geld da ist, ist der Lockdown vorbei.“ Sorgen, dass diese Zeit eine Fahrschulgeneration Corona hervorbringt die niemals einen Führerschein macht, hat Jens Wittemeier nicht: „Wir sind im Dorf. Die Jugendlichen kommen von nebenan. In den Städten ist das sicherlich problematischer. Aber hier auf dem Land braucht man – anders als in der Stadt – einen Führerschein.“ Letztlich sei es egal, ob der Führerschein mit 17,5, 18 oder erst mit 22,5 Jahren gemacht werde. Und gemacht werden wird er wohl. Davon zeugt die Warteliste in den Fahrschulen. „Das Geld kommt irgendwann“, hofft Ulrich Rolfsmeyer. „Sobald es weitergeht, wird es voll“, prophezeit er. Dann wird es wohl nicht nur eine Unterrichtseinheit am Abend sein. Sondern eher zwei bis drei hintereinander. „Urlaub fällt 2021 aus – wir müssen erst einmal abarbeiten und Geld reinarbeiten.“ Unbefriedigend, nennt Ulrich Rolfsmeyer die Situation. „Wir Fahrschulen kommen uns vergessen vor“, sagt der 57-Jährige. „Unser Beruf lebt vom Fragenstellen, vom Kontakt mit den Schülern.“ Fehlen die, fehlt auch das Geld im Portemonnaie. Überleben kann Ulrich Rolfsmeyer auf Dauer mit diesen wenigen Fahrschülern nicht. „Die laufenden Kosten lassen sich mit diesen Einnahmen nicht decken“, winkt er ab. Auch wenn er im Vergleich zu vielen jungen Kollegen ein finanzielles Polster habe. „Aber derzeit zahle ich drei Monate Miete für nichts.“ Reserven ja, aber: „Die will ich eigentlich nicht verpulvern, ich gehe schließlich auf die Rente zu. Aber derzeit geht das Ersparte in die Fahrschule.“ Wann es weitergeht, weiß derzeit niemand. „Letztes Mal durften wir mit den Schulen wieder öffnen. Dieses Mal nicht“, erklärt Sascha Walther. Der nun, wie seine Kollegen, auf den 7. März hofft. „Anmeldungen haben wir alle genug.“ Und auch der neue Fahrsimulator und ein neuer Mitarbeiter stehen bei Sascha Walther in der Warteschleife für die Wiederaufnahme des Betriebes. Dessen Vorteil sind verschiedene Standbeine: Neben der Fahrschule sind das Gutachtertätigkeiten und Kraftfahrer-Fortbildungen. Trotzdem sagt auch er: „Das ist schon eine nervliche Belastung, wenn ein gutes Unternehmen plötzlich nach 18 Jahren dahinsiecht.“

Ausgebremst: Nur noch wenige Fahrschüler dürfen derzeit überhaupt hinters Steuer der Bad Oeynhausener Fahrschulautos.

Natalia Zacharias (32) absolviert derzeit bei Ulrich Rolfsmeyer die letzten Fahrstunden vor der Prüfung. Foto: Nicole Sielermann © Nicole Sielermann

Bad Oeynhausen (nw). Dass Ulrich Rolfsmeyer seinen Beruf als Fahrlehrer lebt, macht sich auch in seinem Sprachjargon bemerkbar, wenn er von einem Betrieb mit „angezogener Handbremse“ spricht. Aber genauso lässt sich derzeit die Situation in den heimischen Fahrschulen darstellen. Nur noch wenige Fahrschüler dürfen während des Lockdowns überhaupt hinters Steuer, unterrichtet wird online. Rolfsmeyer sowie seine Kollegen Sascha Walther und Jens Wittemeier haben deshalb ellenlange Wartelisten. Sorge, dass viele Jugendliche niemals einen Schein machen werden, haben sie nicht. „Die Dorfjugend ist scharf auf Trecker und Moped fahren“, sagt Jens Wittemeier lachend.

Vier. Das ist der letzte Rest, der bei Ulrich Rolfsmeyer (57) überhaupt noch hinters Steuer darf. Maximal sechs bis acht Fahrstunden macht das für den Fahrlehrer pro Woche. „Ein Arbeitstag statt sechs“, bilanziert er. Denn durch die aktuelle Corona-Schutzverordnung dürfen nur noch die Fahrschüler ihre Fahrstunden fortsetzen, die mindestens die Hälfte der Sonderfahrten absolviert haben. Also kurz vor der Prüfung stehen. „Ich weine derzeit um jeden, der besteht“, sagt Rolfsmeyer lachend.

Seit Mitte Dezember trifft der Lockdown auch die Fahrschulen. Theoretischen Unterricht gibt es nur noch per Videokonferenz, Fahrstunden kaum noch. Wer vor dem Lockdown noch mit den ersten Stunden begonnen hat, fängt im Falle einer Öffnung nahezu wieder bei Null an. Dabei, so sagt Ulrich Rolfsmeyer, sei eine Fahrstunde äußerst sicher: „FFP2-Masken für Fahrer und Lehrer, Desinfektion vor dem Besteigen des Autos sowie eigene Schutzbezüge für jeden Schüler und dann noch die Mittellüftung“, zählt Rolfsmeyer, der seit 20 Jahren seine Fahrschule in Werste hat, auf. „Das sind deutlich strengere Regeln als im ÖPNV.“ Das Auto sei clean. „Ich habe schon so viel desinfiziert – da ist kaum noch Leder am Lenkrad.“

Die Zahlen in den Fahrschulen sind auf einem Tiefstand. „Die jungen Menschen sind in den vergangenen Monaten träge geworden“, hat Jens Wittemeier beobachtet. Der 50-Jährige hat eine Zweigstelle der Familienfahrschule in Dehme und führt die Trägheit auch auf das Homeschooling zurück: „Derzeit ist es für die Jugend nicht notwendig, rauszukommen.“ Weshalb „viele länger rumdocktern am Schein“. Auch der theoretische Unterricht in der Online-Variante birgt Gefahren: „Die Jugendlichen sind des Videounterrichtes müde.“ Hinzu kämen verschobene Bio-Rhythmen durch das Fehlen des täglichen Ablaufes, hat Wittemeier beobachtet.

Stillstand. So bezeichnet Sascha Walther die Situation seiner gleichnamigen Fahrschule. Mit drei Standorten und der Lkw-Ausbildung ist sie eine der größeren in Bad Oeynhausen. Acht Angestellte machen Kurzarbeit, acht Autos stehen still. Und auch der Lastwagen ist weniger ausgelastet als üblich. Der Vorteil: „Berufsbedingte Führerscheine dürfen gemacht werden“, erklärt Walther. Stillstand bedeutet auch fehlende Einnahmen: „Man hatte Angespartes. Hatte. Lange reicht das nicht mehr.“ Deshalb hat Sascha Walther Investitionen nach hinten geschoben: „Wir wollten eigentlich ein neues Bürogebäude bauen. Das haben wir erstmal zurückgestellt.“

Noch steht auch die Fahrschule Wittemeier gut da. „Natürlich haben wir deutlich weniger zu tun, aber mein Kostenapparat ist zum Glück auch nicht so groß“, sagt Jens Wittemeier. „Klein und mein“ sei dieses Mal von Vorteil, um eine gewisse Zeit zu überbrücken. Hat er 2020 noch Überbrückungshilfen beantragt, verzichtet er dieses Mal: „Bis das Geld da ist, ist der Lockdown vorbei.“

Sorgen, dass diese Zeit eine Fahrschulgeneration Corona hervorbringt die niemals einen Führerschein macht, hat Jens Wittemeier nicht: „Wir sind im Dorf. Die Jugendlichen kommen von nebenan. In den Städten ist das sicherlich problematischer. Aber hier auf dem Land braucht man – anders als in der Stadt – einen Führerschein.“ Letztlich sei es egal, ob der Führerschein mit 17,5, 18 oder erst mit 22,5 Jahren gemacht werde.

Und gemacht werden wird er wohl. Davon zeugt die Warteliste in den Fahrschulen. „Das Geld kommt irgendwann“, hofft Ulrich Rolfsmeyer. „Sobald es weitergeht, wird es voll“, prophezeit er. Dann wird es wohl nicht nur eine Unterrichtseinheit am Abend sein. Sondern eher zwei bis drei hintereinander. „Urlaub fällt 2021 aus – wir müssen erst einmal abarbeiten und Geld reinarbeiten.“

Unbefriedigend, nennt Ulrich Rolfsmeyer die Situation. „Wir Fahrschulen kommen uns vergessen vor“, sagt der 57-Jährige. „Unser Beruf lebt vom Fragenstellen, vom Kontakt mit den Schülern.“ Fehlen die, fehlt auch das Geld im Portemonnaie. Überleben kann Ulrich Rolfsmeyer auf Dauer mit diesen wenigen Fahrschülern nicht. „Die laufenden Kosten lassen sich mit diesen Einnahmen nicht decken“, winkt er ab. Auch wenn er im Vergleich zu vielen jungen Kollegen ein finanzielles Polster habe. „Aber derzeit zahle ich drei Monate Miete für nichts.“ Reserven ja, aber: „Die will ich eigentlich nicht verpulvern, ich gehe schließlich auf die Rente zu. Aber derzeit geht das Ersparte in die Fahrschule.“

Wann es weitergeht, weiß derzeit niemand. „Letztes Mal durften wir mit den Schulen wieder öffnen. Dieses Mal nicht“, erklärt Sascha Walther. Der nun, wie seine Kollegen, auf den 7. März hofft. „Anmeldungen haben wir alle genug.“ Und auch der neue Fahrsimulator und ein neuer Mitarbeiter stehen bei Sascha Walther in der Warteschleife für die Wiederaufnahme des Betriebes. Dessen Vorteil sind verschiedene Standbeine: Neben der Fahrschule sind das Gutachtertätigkeiten und Kraftfahrer-Fortbildungen. Trotzdem sagt auch er: „Das ist schon eine nervliche Belastung, wenn ein gutes Unternehmen plötzlich nach 18 Jahren dahinsiecht.“

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