Rinteln Als Flüchtling aus Armenien nach Rinteln - jetzt leitet er ein Corona-Testlabor Cornelia Kurth Rinteln (szlz). Lauter Fünfen in den naturwissenschaftlichen Fächern, so sah das Zeugnis von Dr. Kin Ovanesov in der zehnten Klasse am Gymnasium Ernestinum aus. „Ich konnte ja nicht mal richtig bruchrechnen“, sagt er. Heute aber ist er promovierter Mikrobiologe und leitet seit Kurzem in der Schweiz den Bereich „Qualitätskontrolle Mikrobiologie Analytik“ des Pharmazulieferers Lonza mit 4000 Mitarbeitern. Dort wird auch der Wirkstoff der Corona-Impfung der amerikanischen Firma „Moderna“ produziert und aufwendigen Qualitätsprüfungen unterzogen. Dass er mal eine echte Leidenschaft für die Naturwissenschaften entwickeln würde, hätte Kin Ovanesov sich nie vorstellen können. Er kam als 17-jähriger Teenager mit seinem Vater, einem Historiker, aus der von Armeniern und Aserbaidschanern so umkämpften Region Bergkarabach nach Deutschland. Zunächst in ein Flüchtlingslager bei Jena. Damals sprach er noch kein Wort Deutsch, und das wurde in den nächsten anderthalb Jahren auch nicht viel besser, weil es keine Sprachkurse gab, natürlich auch noch kein Internet. Mit 19 Jahren landeten Sohn und Vater schließlich im Auetal, Kathrinhagen, an, als endlich anerkannte Asylsuchende. Neben armenisch konnte Ovanesov russisch sprechen und suchte sich Vokabeln aus seinem russisch-deutschen Wörterbuch zusammen. „Ich versuchte, rauszubekommen, welche Schulformen es hier gibt und wo ich zur Schule gehen könnte“, sagt Ovanesov heute. Er entdeckte den Ausdruck „Hauptschule“, übersetzt, „die wichtigste Schule“, und dachte sich, das muss es wohl sein. Schnell aber stellte sich heraus, dass er viel zu alt war, um dort ohne Deutschkenntnisse einzusteigen. Der damaligen Küsterin Stephanie Schulte-Rolfes gelang es, ihm eine Empfehlung für die Berufsschule zu besorgen, um Babysitter zu werden. „Babysitter!“, sagt er. „Ich war wirklich verzweifelt.“ Naturwissenschaftlichen Unterricht gab es dort kaum, sein Zeugnis zählte hier gar nichts. Trotzdem startete Kin Ovanesov zusammen mit seinem Vater einen letzten Versuch, um einen vernünftigen Schulabschluss machen zu können. „Wir zogen uns schick an, mit Anzug und Krawatte, und sprachen im Ernestinum bei Schulleiter Lüthen vor“, sagt er. Immer noch sei er zutiefst dankbar, dass Lüthen ihm gegen alle Regeln ein halbes Probejahr ermöglichte, in der zehnten Klasse. Auch andere Lehrer hätten ihm dann sehr geholfen. Einen Sprachkurs gab es allerdings nicht für ihn. In der ersten Zeit habe er nur „Denglisch“ gesprochen, aber sein Deutschlehrer erlaubte ihm, bei den Klausuren Wörterbücher zu nutzen. Bald entdeckte der junge Mann zu seinem eigenen Erstaunen, dass ihn neben Mathematik auch die Chemie ganz besonders interessierte. „Meine eindrücklichste Erfahrung war: In diesem Land gibt es Gerechtigkeit“, sagt er. „Wenn ich hart arbeite, werde ich durch gute Noten belohnt und kann wirklich was erreichen.“ In Armenien nämlich herrsche leider viel Korruption an Schulen und Universitäten, Begabung und Fleiß zähle im Vergleich zu Beziehungen nur wenig. Das Gefühl nun, selbst für seinen Erfolg verantwortlich zu sein, habe ihn geradezu beflügelt. Schließlich nahm er sogar erfolgreich an der internationalen Chemie-Olympiade teil. Sein Abitur gehörte zu den Besten des Jahrgangs, die offene Tür zu einem Studium seiner Wahl. Zunächst war das Chemie. Doch bald wechselte er zur Mikrobiologie. „Ich wollte mit der Natur zu tun haben, an etwas Lebendigem, an den uralten Mikroben in unseren Körpern forschen“, sagt er. Er schloss sein Studium am Max-Planck-Institut in Bremen ab, promovierte, arbeitete zwei Jahre in einem Pharmaunternehmen in Heidelberg und bewarb sich dann Anfang dieses Jahres auf die ausgeschriebene Stelle des Leiters der Qualitätskontrolle „Mikrobiologie Analytik“ beim Pharmazulieferer Lonza. Dabei reizte ihn auch die Verantwortung, an dem Erfolg des neuen Corona-Impfstoffs mitzuwirken. „Jede bei uns produzierte Charge des Moderna-Wirkstoffs wird nach vorgegeben Regeln und Protokollen im Testlabor geprüft“, erklärt Ovanesov. „Wenn ich eine Charge freigebe, haben wir eine richtige Detektivarbeit hinter uns, um auf keinen Fall einen möglichen Fehler zu übersehen.“ Den Umzug mit seiner Familie in den Schweizer Kanton Wallis nimmt er für diese neuen Herausforderungen gern in Kauf. „Das zusätzlich Schöne ist: Die Berge des Wallis erinnern mich an meine eigentliche Heimat, an Armenien, an Bergkarabach. Das vermisse ich nämlich noch immer.“
Rinteln

Als Flüchtling aus Armenien nach Rinteln - jetzt leitet er ein Corona-Testlabor

Laoborleiter Kin Ovanesov aus Bergkarabach Foto: pr © coenelia kurth

Rinteln (szlz). Lauter Fünfen in den naturwissenschaftlichen Fächern, so sah das Zeugnis von Dr. Kin Ovanesov in der zehnten Klasse am Gymnasium Ernestinum aus. „Ich konnte ja nicht mal richtig bruchrechnen“, sagt er.

Heute aber ist er promovierter Mikrobiologe und leitet seit Kurzem in der Schweiz den Bereich „Qualitätskontrolle Mikrobiologie Analytik“ des Pharmazulieferers Lonza mit 4000 Mitarbeitern. Dort wird auch der Wirkstoff der Corona-Impfung der amerikanischen Firma „Moderna“ produziert und aufwendigen Qualitätsprüfungen unterzogen. Dass er mal eine echte Leidenschaft für die Naturwissenschaften entwickeln würde, hätte Kin Ovanesov sich nie vorstellen können. Er kam als 17-jähriger Teenager mit seinem Vater, einem Historiker, aus der von Armeniern und Aserbaidschanern so umkämpften Region Bergkarabach nach Deutschland.

Zunächst in ein Flüchtlingslager bei Jena. Damals sprach er noch kein Wort Deutsch, und das wurde in den nächsten anderthalb Jahren auch nicht viel besser, weil es keine Sprachkurse gab, natürlich auch noch kein Internet.

Mit 19 Jahren landeten Sohn und Vater schließlich im Auetal, Kathrinhagen, an, als endlich anerkannte Asylsuchende. Neben armenisch konnte Ovanesov russisch sprechen und suchte sich Vokabeln aus seinem russisch-deutschen Wörterbuch zusammen. „Ich versuchte, rauszubekommen, welche Schulformen es hier gibt und wo ich zur Schule gehen könnte“, sagt Ovanesov heute.

Er entdeckte den Ausdruck „Hauptschule“, übersetzt, „die wichtigste Schule“, und dachte sich, das muss es wohl sein. Schnell aber stellte sich heraus, dass er viel zu alt war, um dort ohne Deutschkenntnisse einzusteigen. Der damaligen Küsterin Stephanie Schulte-Rolfes gelang es, ihm eine Empfehlung für die Berufsschule zu besorgen, um Babysitter zu werden. „Babysitter!“, sagt er. „Ich war wirklich verzweifelt.“

Naturwissenschaftlichen Unterricht gab es dort kaum, sein Zeugnis zählte hier gar nichts. Trotzdem startete Kin Ovanesov zusammen mit seinem Vater einen letzten Versuch, um einen vernünftigen Schulabschluss machen zu können. „Wir zogen uns schick an, mit Anzug und Krawatte, und sprachen im Ernestinum bei Schulleiter Lüthen vor“, sagt er. Immer noch sei er zutiefst dankbar, dass Lüthen ihm gegen alle Regeln ein halbes Probejahr ermöglichte, in der zehnten Klasse. Auch andere Lehrer hätten ihm dann sehr geholfen. Einen Sprachkurs gab es allerdings nicht für ihn. In der ersten Zeit habe er nur „Denglisch“ gesprochen, aber sein Deutschlehrer erlaubte ihm, bei den Klausuren Wörterbücher zu nutzen.

Bald entdeckte der junge Mann zu seinem eigenen Erstaunen, dass ihn neben Mathematik auch die Chemie ganz besonders interessierte. „Meine eindrücklichste Erfahrung war: In diesem Land gibt es Gerechtigkeit“, sagt er. „Wenn ich hart arbeite, werde ich durch gute Noten belohnt und kann wirklich was erreichen.“ In Armenien nämlich herrsche leider viel Korruption an Schulen und Universitäten, Begabung und Fleiß zähle im Vergleich zu Beziehungen nur wenig. Das Gefühl nun, selbst für seinen Erfolg verantwortlich zu sein, habe ihn geradezu beflügelt.

Schließlich nahm er sogar erfolgreich an der internationalen Chemie-Olympiade teil. Sein Abitur gehörte zu den Besten des Jahrgangs, die offene Tür zu einem Studium seiner Wahl.

Zunächst war das Chemie. Doch bald wechselte er zur Mikrobiologie. „Ich wollte mit der Natur zu tun haben, an etwas Lebendigem, an den uralten Mikroben in unseren Körpern forschen“, sagt er. Er schloss sein Studium am Max-Planck-Institut in Bremen ab, promovierte, arbeitete zwei Jahre in einem Pharmaunternehmen in Heidelberg und bewarb sich dann Anfang dieses Jahres auf die ausgeschriebene Stelle des Leiters der Qualitätskontrolle „Mikrobiologie Analytik“ beim Pharmazulieferer Lonza. Dabei reizte ihn auch die Verantwortung, an dem Erfolg des neuen Corona-Impfstoffs mitzuwirken.

„Jede bei uns produzierte Charge des Moderna-Wirkstoffs wird nach vorgegeben Regeln und Protokollen im Testlabor geprüft“, erklärt Ovanesov. „Wenn ich eine Charge freigebe, haben wir eine richtige Detektivarbeit hinter uns, um auf keinen Fall einen möglichen Fehler zu übersehen.“ Den Umzug mit seiner Familie in den Schweizer Kanton Wallis nimmt er für diese neuen Herausforderungen gern in Kauf. „Das zusätzlich Schöne ist: Die Berge des Wallis erinnern mich an meine eigentliche Heimat, an Armenien, an Bergkarabach. Das vermisse ich nämlich noch immer.“

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