Ärzte in OWL verärgert nach Biontech-Deckelung: "Moderna ist keine Resterampe" Jessica Eberle,Anneke Quasdorf Bielefeld/Paderborn. Mit seiner Forderung nach einer Deckelung für Biontech hat Gesundheitsminister Jens Spahn für heftige Kritik gesorgt. Ärzte in OWL appellieren an den CDU-Politiker, die Biontech-Dosen nicht zu beschränken. Sie fühlen sich zurückgesetzt in Zeiten des Kommunikationsdebakels um den Impfstoff Astrazeneca. Das Telefon klingelt im Sekundentakt im Medicum Brake. Patientinnen und Patienten erkundigen sich nach Impfterminen. "Die Nachfrage können wir kaum mehr bedienen", sagt der Facharzt und Leiter der Praxis, Tim Niedergassel. Seit der Forderung von Gesundheitsminister Spahn nach einer Biontech-Deckelung müssten er und sein Team ständig erklären, dass der Moderna-Impfstoff "keine Resterampe" sei. "In der Kommunikation ist so viel falsch gelaufen", sagt er. Einige hätten nun den Eindruck bekommen, dass sie mit Moderna einen Impfstoff erhalten, der "sowieso bald wegkommt", so Niedergassel. Das sei ein Trugschluss, betont der Allgemeinmediziner. Moderna und Biontech seien als mRNA-Impfstoffe gleichwertig gute Impfstoffe. Eine Kombination aus beiden, also eine Kreuzimpfung, würde sogar einen besseren Schutz bieten."Beim Boostern, also bei der dritten Impfung, reicht bei Moderna sogar nur die halbe Dosis, um die gleiche Wirkung zu erhalten wie bei einer vollen Dosis Biontech", so Niedergassel. "Kommunikation ist zeitaufwendig" Doch die Aufklärung kostet Zeit. Eine zusätzliche Belastung, die auch Marcus Heidemann, Sprecher der Kinder- und Jugendärzte Westfalen-Lippe, kritisiert: "Mag sein, dass es Kollegen gibt, die sich in der derzeitigen Lage noch die Zeit nehmen wollen, ausführlich zu erklären, dass eine Kombination unterschiedlicher Impfstoffe eine bessere Wirksamkeit erzeugt. Der überwiegende Teil kann das zeitlich aber schlichtweg nicht leisten. Diese Art der Kommunikation ist zeitlich derzeit viel zu aufwendig." Ein weiteres Problem: Durch die Deckelung der Biontech-Dosen stehen den Ärzten maximal noch 30 Exemplare des Impfstoffs pro Woche zur Verfügung. "Das reicht bei Weitem nicht aus", betont Tim Niedergassel. Der Mediziner fordert mehr Ehrlichkeit und klare Worte vonseiten des Gesundheitsministeriums: "Jens Spahn hätte ehrlicher kommunizieren müssen, dass zwar nicht jeder Biontech erhalten kann, der Moderna-Impfstoff aber keinesfalls die schlechtere Wahl ist", so Niedergassel. Er selbst glaubt nicht daran, dass Spahn seine Forderung zurücknimmt. Genau das möchte allerdings der Hausärzteverband Westfalen-Lippe. Anke Richter-Scheer, erste Vorsitzende, findet deutliche Worte: „Anhaltend wird Druck auf uns ausgeübt oder wir müssen uns beleidigen lassen, dass wir nur für Geld arbeiteten oder unsere Freizeit uns wichtiger sei als unsere Patienten. Es kann nicht sein, dass wir die Fehlentscheidungen der Politik vor Ort mit unseren Patienten diskutieren müssen. Auch jetzt wird wieder ein Chaos angerichtet, für das wir nicht verantwortlich sind, es aber ausbaden müssen", so Richter-Scheer. Die Praxen hätten Impftermine bis weit in den Januar hinein vergeben, basierend auf der vorher zugesagten unbegrenzten Liefermenge von Biontech. Zuvor hatte die Kassenärztliche Vereinigung ebenfalls die Rücknahme der Biontech-Deckelung gefordert. "Das Personal trägt die Konsequenzen" Auch in der Praxis von Allgemeinmediziner Ulrich Polenz wurden bis Februar Biontech-Dosen eingeplant. "Was sollen wir den Leuten jetzt sagen? Oh prima, wir haben nur noch Dosen für unter 30-Jährige und Kinder übrig?", berichtet der Mediziner. Es sei keine Freude, dass diese Neuerung so kurzfristig an die Praxen herangetragen wurde, sagt der Allgemeinarzt. Die gesamte Impfkampagne würde dadurch unnötig gebremst werden. "Termine werden den Leuten aus der Hand gerissen und das geschieht alles auf den Rücken der medizinischen Fachangestellten." Bezüglich der Nebenwirkungen beim Moderna-Impfstoff kann Polenz die Sorgen der verunsicherten Patienten und Patientinnen relativieren. Eine von 100.000 Personen, die mit Biontech geimpft wurden und zwei von 100.000 Moderna-Geimpften würden an einer Herzmuskelentzündung erkranken - das Risiko sei bei beiden Impfstoffen sehr gering.

Ärzte in OWL verärgert nach Biontech-Deckelung: "Moderna ist keine Resterampe"

Der Biontech-Impfstoff ist immer noch der begehrteste Impfstoff - das bekommen auch die Ärztinnen und Ärzte bei der Impfkampagne zu spüren. © Symbolbild/Pixabay

Bielefeld/Paderborn. Mit seiner Forderung nach einer Deckelung für Biontech hat Gesundheitsminister Jens Spahn für heftige Kritik gesorgt. Ärzte in OWL appellieren an den CDU-Politiker, die Biontech-Dosen nicht zu beschränken. Sie fühlen sich zurückgesetzt in Zeiten des Kommunikationsdebakels um den Impfstoff Astrazeneca.

Das Telefon klingelt im Sekundentakt im Medicum Brake. Patientinnen und Patienten erkundigen sich nach Impfterminen. "Die Nachfrage können wir kaum mehr bedienen", sagt der Facharzt und Leiter der Praxis, Tim Niedergassel. Seit der Forderung von Gesundheitsminister Spahn nach einer Biontech-Deckelung müssten er und sein Team ständig erklären, dass der Moderna-Impfstoff "keine Resterampe" sei. "In der Kommunikation ist so viel falsch gelaufen", sagt er.

Einige hätten nun den Eindruck bekommen, dass sie mit Moderna einen Impfstoff erhalten, der "sowieso bald wegkommt", so Niedergassel. Das sei ein Trugschluss, betont der Allgemeinmediziner. Moderna und Biontech seien als mRNA-Impfstoffe gleichwertig gute Impfstoffe. Eine Kombination aus beiden, also eine Kreuzimpfung, würde sogar einen besseren Schutz bieten."Beim Boostern, also bei der dritten Impfung, reicht bei Moderna sogar nur die halbe Dosis, um die gleiche Wirkung zu erhalten wie bei einer vollen Dosis Biontech", so Niedergassel.

"Kommunikation ist zeitaufwendig"

Doch die Aufklärung kostet Zeit. Eine zusätzliche Belastung, die auch Marcus Heidemann, Sprecher der Kinder- und Jugendärzte Westfalen-Lippe, kritisiert: "Mag sein, dass es Kollegen gibt, die sich in der derzeitigen Lage noch die Zeit nehmen wollen, ausführlich zu erklären, dass eine Kombination unterschiedlicher Impfstoffe eine bessere Wirksamkeit erzeugt. Der überwiegende Teil kann das zeitlich aber schlichtweg nicht leisten. Diese Art der Kommunikation ist zeitlich derzeit viel zu aufwendig."

Ein weiteres Problem: Durch die Deckelung der Biontech-Dosen stehen den Ärzten maximal noch 30 Exemplare des Impfstoffs pro Woche zur Verfügung. "Das reicht bei Weitem nicht aus", betont Tim Niedergassel. Der Mediziner fordert mehr Ehrlichkeit und klare Worte vonseiten des Gesundheitsministeriums: "Jens Spahn hätte ehrlicher kommunizieren müssen, dass zwar nicht jeder Biontech erhalten kann, der Moderna-Impfstoff aber keinesfalls die schlechtere Wahl ist", so Niedergassel. Er selbst glaubt nicht daran, dass Spahn seine Forderung zurücknimmt.

Genau das möchte allerdings der Hausärzteverband Westfalen-Lippe. Anke Richter-Scheer, erste Vorsitzende, findet deutliche Worte: „Anhaltend wird Druck auf uns ausgeübt oder wir müssen uns beleidigen lassen, dass wir nur für Geld arbeiteten oder unsere Freizeit uns wichtiger sei als unsere Patienten. Es kann nicht sein, dass wir die Fehlentscheidungen der Politik vor Ort mit unseren Patienten diskutieren müssen. Auch jetzt wird wieder ein Chaos angerichtet, für das wir nicht verantwortlich sind, es aber ausbaden müssen", so Richter-Scheer. Die Praxen hätten Impftermine bis weit in den Januar hinein vergeben, basierend auf der vorher zugesagten unbegrenzten Liefermenge von Biontech. Zuvor hatte die Kassenärztliche Vereinigung ebenfalls die Rücknahme der Biontech-Deckelung gefordert.

"Das Personal trägt die Konsequenzen"

Auch in der Praxis von Allgemeinmediziner Ulrich Polenz wurden bis Februar Biontech-Dosen eingeplant. "Was sollen wir den Leuten jetzt sagen? Oh prima, wir haben nur noch Dosen für unter 30-Jährige und Kinder übrig?", berichtet der Mediziner. Es sei keine Freude, dass diese Neuerung so kurzfristig an die Praxen herangetragen wurde, sagt der Allgemeinarzt. Die gesamte Impfkampagne würde dadurch unnötig gebremst werden. "Termine werden den Leuten aus der Hand gerissen und das geschieht alles auf den Rücken der medizinischen Fachangestellten."

Bezüglich der Nebenwirkungen beim Moderna-Impfstoff kann Polenz die Sorgen der verunsicherten Patienten und Patientinnen relativieren. Eine von 100.000 Personen, die mit Biontech geimpft wurden und zwei von 100.000 Moderna-Geimpften würden an einer Herzmuskelentzündung erkranken - das Risiko sei bei beiden Impfstoffen sehr gering.

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