91-Jähriger aus Bad Oeynhausen wegen fahrlässiger Tötung zu acht Monaten Haft auf Bewährung verurteilt Ulf Hanke Bad Oeynhausen (nw). Das Aufstehen fällt dem Angeklagten schwer. Er stützt sich mit beiden Händen am Tisch auf, drückt die Knie durch und streckt dann den Rest vom Körper. Seine Krücke lehnt neben seinem Stuhl an der Wand des Gerichtssaals, daran baumelt eine schwarze Baseballkappe. Für seine 91 Jahre steht der Unfallfahrer kerzengerade, als der Richter gestern Nachmittag das Urteil verkündet. Das Amtsgericht Bad Oeynhausen hat demnach keine Zweifel, dass der Angeklagte, ein mehrfach vorerkrankter Diabetiker, sich am 29. Mai 2020 nicht mehr ans Steuer seines Autos hätte setzen dürfen. Der Richter spricht den Angeklagten wegen fahrlässiger Tötung, fahrlässiger Körperverletzung und Straßenverkehrsgefährdung schuldig. Freitagabend vor Pfingsten 2020 hat der 91-Jährige auf dem Nachhauseweg vom WEZ auf dem Alten Postweg die Kontrolle über sein Auto verloren und zwei Radfahrerinnen auf dem Rad- und Gehweg überfahren. Die 57-jährige Radlerin überlebte schwer verletzt, die 58-jährige Radlerin starb noch auf der Straße. Im Rettungswagen stellte der Notarzt eine leichte Unterzuckerung fest. Der Altersdiabetes ist jedoch nicht die einzige Erkrankung des Angeklagten. Sein Hausarzt zählt eine ganze Reihe weiterer chronischer Krankheiten auf, die allesamt zu Schwächeanfällen hätten führen können. Während des ganzen Prozesses hat der 91-Jährige geschwiegen. An den Unfall habe er keine Erinnerung, hat sein Verteidiger erklärt und im Namen seines Mandanten den Angehörigen und der Verletzten „tiefes Bedauern“ ausgedrückt. Zum Schluss des Prozesses liegt dem 91-jährigen dann aber eine Sache offenbar nachhaltig quer und er macht deshalb von seinem letzten Wort Gebrauch: „Ich wollte nicht mehr zum Rossmann!“ Sein Sohn habe den Drogerie-Einkaufszettel bei ihm in der Tasche gefunden, der sei aber vom Vortag und längst abgearbeitet gewesen. „Bei der Abfahrt am WEZ habe ich mich durchaus fahrtüchtig gefühlt“, sagt der Angeklagte und schiebt hinterher: „Ich hatte keinerlei Beschwerden.“ Der Verteidiger des Angeklagten schildert den Ablauf vorm Unfall dagegen so: Der Angeklagte habe sich beim Einkauf im WEZ „nicht wohl gefühlt“, sei vorzeitig nach Hause gefahren und habe den tragischen Verkehrsunfall verursacht. Sein Mandant sei ein erfahrener und gut eingestellter Diabetiker. Die mögliche Unterzuckerung habe er nicht erkennen können. Ihm sei einfach unwohl gewesen, argumentierte der Verteidiger: „Wenn ich mich nicht mehr hinters Steuer setzen darf, weil ich mich nicht ganz wohl fühle, wäre ich zu 80 Prozent der Tage Fußgänger.“ Der Unfall selbst war unstrittig. Die Juristen stritten allerdings über die Folgen für den Angeklagten. Der Staatsanwalt machte deutlich, dass er angesichts der zahlreichen Vorerkrankungen des Angeklagten fast schon von Vorsatz ausgeht. Das Verhalten des 91-Jährigen sei grob fahrlässig, das Auto ein gefährliches Werkzeug. Auch weil der Unfallfahrer 2014 bereits von zwei Polizisten in Minden nur mit Mühe nach mehreren Fahrfehlern aus dem Verkehr gezogen worden sei. „Sie sind ein Risikopatient mit fragilem körperlichen Zustand“, sagt der Staatsanwalt und Blick auf dessen auf Alter, Herzschwäche und Durchblutungsstörungen. Neben einer Unterzuckerung könnten das alles Gründe für eine Bewusstlosigkeit am Steuer sein und damit als Unfallursache infrage kommen. Der Staatsanwalt forderte acht Monate Freiheitsstrafe, die zwei Jahre zur Bewährung ausgesetzt werden sollen. Der Nebenklagevertreter der getöteten Radfahrerin schließt sich an und macht klar, dass Hinterbliebene nach deutschem Recht erst seit 2017 ein recht karges Hinterbliebenengeld zusteht. Er fordert wie der Staatsanwalt 3.000 Euro für die Hinterbliebenen und 3.000 Euro für die Verletzte. Das Geld soll nicht auf die Schmerzensgeldzahlungen der Versicherung angerechnet werden dürfen. Der Nebenklagevertreter der schwerverletzten Radfahrerin verweist auf die lebenslangen Folgen des Unfalls und fordert 10.000 Euro für die Hinterbliebenen des Opfers und 15.000 Euro für seine verletzte Mandantin. Der Richter orientiert sich an den Schlussanträgen des Staatsanwalts und geht ausdrücklich auf die letzten Worte des Angeklagten ein. Sie sind schließlich auch die einzigen, die der Angeklagte im Gericht zum Unfallhergang sagt und widersprechen teilweise der Darstellung des Verteidigers. „Das ist nicht mehr glaubhaft“, sagt der Richter und verurteilt den 91-jährigen Rentner aus Dehme zu acht Monaten Freiheitsstrafe, die zwei Jahre zur Bewährung ausgesetzt werden. Außerdem muss der Rentner jeweils 3.000 Euro an die Hinterbliebenen und die Verletzte zahlen, die nicht aufs Schmerzensgeld angerechnet werden dürfen. Und auch wenn der Angeklagte seinen Führerschein nach dem Unfall längst freiwillig bei der Polizei abgegeben hat, verhängt der Richter eine Sperre von 18 Monaten. Der Angeklagte hat eine Woche Zeit, Rechtsmittel gegen das Urteil einzulegen. Sein Verteidiger will das mit ihm in Ruhe besprechen. Die Nebenklagevertreter zeigen sich dagegen zufrieden mit dem Urteil.

91-Jähriger aus Bad Oeynhausen wegen fahrlässiger Tötung zu acht Monaten Haft auf Bewährung verurteilt

Der Unfallfahrer (91) geht am Stock, hat Altersdiabetes, eine Herzschwäche und Durchblutungsstörungen. Foto: Ulf Hanke © Ulf Hanke

Bad Oeynhausen (nw). Das Aufstehen fällt dem Angeklagten schwer. Er stützt sich mit beiden Händen am Tisch auf, drückt die Knie durch und streckt dann den Rest vom Körper. Seine Krücke lehnt neben seinem Stuhl an der Wand des Gerichtssaals, daran baumelt eine schwarze Baseballkappe. Für seine 91 Jahre steht der Unfallfahrer kerzengerade, als der Richter gestern Nachmittag das Urteil verkündet.

Das Amtsgericht Bad Oeynhausen hat demnach keine Zweifel, dass der Angeklagte, ein mehrfach vorerkrankter Diabetiker, sich am 29. Mai 2020 nicht mehr ans Steuer seines Autos hätte setzen dürfen. Der Richter spricht den Angeklagten wegen fahrlässiger Tötung, fahrlässiger Körperverletzung und Straßenverkehrsgefährdung schuldig.

Freitagabend vor Pfingsten 2020 hat der 91-Jährige auf dem Nachhauseweg vom WEZ auf dem Alten Postweg die Kontrolle über sein Auto verloren und zwei Radfahrerinnen auf dem Rad- und Gehweg überfahren. Die 57-jährige Radlerin überlebte schwer verletzt, die 58-jährige Radlerin starb noch auf der Straße. Im Rettungswagen stellte der Notarzt eine leichte Unterzuckerung fest. Der Altersdiabetes ist jedoch nicht die einzige Erkrankung des Angeklagten. Sein Hausarzt zählt eine ganze Reihe weiterer chronischer Krankheiten auf, die allesamt zu Schwächeanfällen hätten führen können.

Während des ganzen Prozesses hat der 91-Jährige geschwiegen. An den Unfall habe er keine Erinnerung, hat sein Verteidiger erklärt und im Namen seines Mandanten den Angehörigen und der Verletzten „tiefes Bedauern“ ausgedrückt. Zum Schluss des Prozesses liegt dem 91-jährigen dann aber eine Sache offenbar nachhaltig quer und er macht deshalb von seinem letzten Wort Gebrauch: „Ich wollte nicht mehr zum Rossmann!“

Sein Sohn habe den Drogerie-Einkaufszettel bei ihm in der Tasche gefunden, der sei aber vom Vortag und längst abgearbeitet gewesen. „Bei der Abfahrt am WEZ habe ich mich durchaus fahrtüchtig gefühlt“, sagt der Angeklagte und schiebt hinterher: „Ich hatte keinerlei Beschwerden.“

Der Verteidiger des Angeklagten schildert den Ablauf vorm Unfall dagegen so: Der Angeklagte habe sich beim Einkauf im WEZ „nicht wohl gefühlt“, sei vorzeitig nach Hause gefahren und habe den tragischen Verkehrsunfall verursacht. Sein Mandant sei ein erfahrener und gut eingestellter Diabetiker. Die mögliche Unterzuckerung habe er nicht erkennen können. Ihm sei einfach unwohl gewesen, argumentierte der Verteidiger: „Wenn ich mich nicht mehr hinters Steuer setzen darf, weil ich mich nicht ganz wohl fühle, wäre ich zu 80 Prozent der Tage Fußgänger.“

Der Unfall selbst war unstrittig. Die Juristen stritten allerdings über die Folgen für den Angeklagten. Der Staatsanwalt machte deutlich, dass er angesichts der zahlreichen Vorerkrankungen des Angeklagten fast schon von Vorsatz ausgeht. Das Verhalten des 91-Jährigen sei grob fahrlässig, das Auto ein gefährliches Werkzeug. Auch weil der Unfallfahrer 2014 bereits von zwei Polizisten in Minden nur mit Mühe nach mehreren Fahrfehlern aus dem Verkehr gezogen worden sei.

„Sie sind ein Risikopatient mit fragilem körperlichen Zustand“, sagt der Staatsanwalt und Blick auf dessen auf Alter, Herzschwäche und Durchblutungsstörungen. Neben einer Unterzuckerung könnten das alles Gründe für eine Bewusstlosigkeit am Steuer sein und damit als Unfallursache infrage kommen. Der Staatsanwalt forderte acht Monate Freiheitsstrafe, die zwei Jahre zur Bewährung ausgesetzt werden sollen.

Der Nebenklagevertreter der getöteten Radfahrerin schließt sich an und macht klar, dass Hinterbliebene nach deutschem Recht erst seit 2017 ein recht karges Hinterbliebenengeld zusteht. Er fordert wie der Staatsanwalt 3.000 Euro für die Hinterbliebenen und 3.000 Euro für die Verletzte. Das Geld soll nicht auf die Schmerzensgeldzahlungen der Versicherung angerechnet werden dürfen.

Der Nebenklagevertreter der schwerverletzten Radfahrerin verweist auf die lebenslangen Folgen des Unfalls und fordert 10.000 Euro für die Hinterbliebenen des Opfers und 15.000 Euro für seine verletzte Mandantin.

Der Richter orientiert sich an den Schlussanträgen des Staatsanwalts und geht ausdrücklich auf die letzten Worte des Angeklagten ein. Sie sind schließlich auch die einzigen, die der Angeklagte im Gericht zum Unfallhergang sagt und widersprechen teilweise der Darstellung des Verteidigers. „Das ist nicht mehr glaubhaft“, sagt der Richter und verurteilt den 91-jährigen Rentner aus Dehme zu acht Monaten Freiheitsstrafe, die zwei Jahre zur Bewährung ausgesetzt werden.

Außerdem muss der Rentner jeweils 3.000 Euro an die Hinterbliebenen und die Verletzte zahlen, die nicht aufs Schmerzensgeld angerechnet werden dürfen. Und auch wenn der Angeklagte seinen Führerschein nach dem Unfall längst freiwillig bei der Polizei abgegeben hat, verhängt der Richter eine Sperre von 18 Monaten.

Der Angeklagte hat eine Woche Zeit, Rechtsmittel gegen das Urteil einzulegen. Sein Verteidiger will das mit ihm in Ruhe besprechen. Die Nebenklagevertreter zeigen sich dagegen zufrieden mit dem Urteil.

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