Bielefeld Für einen Schlafplatz: Immer mehr junge Obdachlose prostituieren sich Jens Reichenbach Bielefeld (nw). Die Experten der Bielefelder Wohnungslosenhilfe schlagen Alarm: Immer mehr junge Leute rutschen sozial so weit ab, dass sie von Obdachlosigkeit nicht mehr nur bedroht sind. Um diesen letzten Abstieg zu verhindern, setzen viele von ihnen auf ständig wechselnde Übernachtungen bei Freunden. Das sogenannte „Sofahopping" birgt aber eine nicht zu unterschätzende Gefahr. 400 wohnungslose Personen waren im Dezember in den Bielefelder Einrichtungen untergebracht, sagt Hendrik Arend von der Abteilung „Soziale Wohnungsnotfälle" beim Sozialamt. 44 von ihnen sind weibliche Einzelpersonen, 129 männlich und 227 Wohnungslose gehören zu 55 betroffenen Familien. Dabei sind aber noch nicht die Untergebrachten in den freien Wohnungslosenhilfen und diejenigen, die tatsächlich „Platte machen". 25 Prozent der obdachlosen Männer ist jünger als 27 Jahre alt Auffällig ist, dass die Gruppe der Wohnungslosen seit Jahren immer jünger wird, sagt Bielefelds Sozialdezernent Ingo Nürnberger. Laut Arend war im Dezember ein Viertel der 54 Männer, die in der Unterkunft Kreuzstraße ein Dach über dem Kopf gefunden haben, jünger als 27 Jahre alt. In der Frauenunterkunft an der Teichsheide liegt der Anteil der jungen Frauen sogar bei knapp einem Drittel. Und dabei sie die Zahl der jungen Menschen, die sich bereits in prekären Verhältnissen befinden, aber noch nicht in der Wohnungslosenhilfe angekommen sind, noch deutlich größer, sagt Nürnberger. Viele Frauen prostituieren sich für einen Schlafplatz Andrea Knoke, Regionalleiterin von „Bethel.regional", erklärt: „Die schlafen lieber bei Freunden, kommen mal hier und mal dort unter." Doch diese vermeintlichen Freundschaften seien oft nicht viel wert. „Das Abhängigkeitsverhältnis wird oft ausgenutzt. Nach dem Motto: Willst Du bei mir pennen, musst Du was dafür tun." Die Betroffenen würden dadurch erpressbar. „Viele Frauen, aber auch Männer, prostituieren sich für ihren Schlafplatz." Patricia Frommer, Leiterin der städtischen Abteilung „Wohnungsnotfälle": „Die Jüngeren wollen das Stigma der Obdachlosigkeit um jeden Preis verhindern. Ihnen ist das Sofahopping lieber." Deshalb kämen sie auch nicht in die Beratungsstellen, wo ihnen gut geholfen werden könnte. Modellprojekt soll die neue Klientel erreichen Um dieser neuen Klientel tatkräftig zu helfen, hat die Stadt jetzt mit Landesmitteln des Projekts „Bekämpfung der Wohnungslosigkeit in NRW" zwei neue Vollzeitstellen geschaffen. Außerdem konnten mit dem Geld zwei Fahrzeuge angeschafft werden. Ein Kleinbus, der den Streetworkern von Bethel.regional (Kava-Trinkerteff, Wohnungslosenhilfe Viktoriastraße und Container-Standort Ernst-Rein-Straße) eine flexiblere Betreuung und Versorgung ermöglichen soll. Und ein Transporter, der dem Sozialamt künftig die Abholung gespendeter Möbel erleichtern soll. „Wir wollen mit dem neuen Personal ein Modellprojekt austesten, um vor allem den jungen Menschen zu helfen, denen Wohnungslosigkeit droht", erklärt Nürnberger. „Denn ist das Leben ohne Wohnung erst Routine, ist es umso schwerer, wieder in ein normales Leben zurückzufinden." Die Gründe: Frühe Schulden, Verwahrlosung und zerrüttete Familien Warum die Gruppe der jungen erwachsenen Obdachlosen so schnell steigt, ist nicht einfach zu beantworten, sagt Hendrik Arend: „Die einen wurden lange Zeit in der Jugendhilfe betreut. Doch dann wurden sie aus dem Hilfenetz entlassen, weil sie nicht kooperativ waren oder weil sie schlicht zwischen 18 und 21 ausscheiden." Plötzlich seien sie selbst für Behördenanträge und Hilfeersuchen verantwortlich. Da sie selbst oft keinerlei Regeln akzeptierten, gehe das oft schief. Die zweite Gefahr seien schlicht Schulden. Viele haben schon im Jugendalter so hohe Ausgaben, dass sich die negativen Schufa-Einträge ansammeln. „Mit so einem Eintrag hat man heute keine Chance mehr auf einen Mietvertrag", sagt Arend. Viele Eltern sind mitschuldig am Absturz der Kinder Sozial- und Jugenddezernent Nürnberger fügt hinzu: „Schon in der Erziehungshilfe kann sich die Situation verschärfen. Wir können oft bei 14-Jährigen nicht mehr effektiv helfen, weil schon zu viel schief gegangen ist." Dabei sei die Art der Probleme vielschichtig: „Wir haben alles von der Wohlstandsverwahrlosung bis zu zerrütteten, prekären Familienverhältnissen, häuslicher Gewalt und letztlich einfach Armut." Laut Andrea Knoke seien aber auch einige Eltern mitschuldig am Absturz ihrer Kinder: „Manche sind nicht bereit oder in der Lage, Unterhalt zu zahlen." Das Verhältnis zu den Kindern sei bereits so fremd, dass nur noch Geld eine Rolle spielt. "Die Betroffenen erhalten aber kein Wohngeld, solange die Eltern theoretisch bis zum Ende der Ausbildung einspringen müssten. Wenn das nicht passiert, sitzen die jungen Leute in der Falle". Bild vom Obdachlosen mit Drogenkarriere und gescheiterter Ehe ist von gestern Dabei hätten die Betroffenen in so einer Situation volle Ansprüche, erklärt Frommer: „Sie müssen ihre persönliche Lage beim Jobcenter erklären und diverse Anträge ausfüllen. Das ist aber so umfangreich, dass sie dabei Hilfe benötigen." Umso wichtiger sei es, dass das neue Modellprojekt die Betroffenen engmaschiger betreue. Auch müssten Hemmungen abgebaut werden, sich in der Wohnungslosenberatung Hilfe zu holen: „Vor allem die Jungen haben immer noch das Bild des typischen Obdachlosen vor Augen, das sie mit sich niemals in Verbindung bringen würden", sagt Arend. „Dabei ist das Bild vom älteren Mann über 50, mit Drogenkarriere und gescheiterter Ehe von früher. Wer angesichts des einsetzendes Winters hilfsbedürftige Menschen auf der Straße entdeckt, sollte sie, wenn möglich ansprechen, und bei Bedarf dem Sozialamt melden unter Tel. (05 21) 51 22 06 oder 51 34 26. Abends und nachts sollte man dies über 110 oder 112 tun.
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Für einen Schlafplatz: Immer mehr junge Obdachlose prostituieren sich

Die Schuhe zweier Obdachlosen stehen vor dem Schlaflager. 400 Wohnungslose hat allein die Stadt derzeit in ihren Einrichtungen untergebracht. Viele bleiben aber auch draußen. © Symbolfoto: picture alliance

Bielefeld (nw). Die Experten der Bielefelder Wohnungslosenhilfe schlagen Alarm: Immer mehr junge Leute rutschen sozial so weit ab, dass sie von Obdachlosigkeit nicht mehr nur bedroht sind. Um diesen letzten Abstieg zu verhindern, setzen viele von ihnen auf ständig wechselnde Übernachtungen bei Freunden. Das sogenannte „Sofahopping" birgt aber eine nicht zu unterschätzende Gefahr.

400 wohnungslose Personen waren im Dezember in den Bielefelder Einrichtungen untergebracht, sagt Hendrik Arend von der Abteilung „Soziale Wohnungsnotfälle" beim Sozialamt. 44 von ihnen sind weibliche Einzelpersonen, 129 männlich und 227 Wohnungslose gehören zu 55 betroffenen Familien. Dabei sind aber noch nicht die Untergebrachten in den freien Wohnungslosenhilfen und diejenigen, die tatsächlich „Platte machen".

25 Prozent der obdachlosen Männer ist jünger als 27 Jahre alt

Sozialdezernent Ingo Nürnberger (v.l.) und Patricia Frommer vor dem neuen Möbeltransporter sowie Friederike Beuter und Dorothee Engelbrecht vom Bethel-Sozialdienst vor dem Kleinbus, mit dem künftig die Wohnungslosen noch flexibler erreicht werden sollen. - © Jens Reichenbach
Sozialdezernent Ingo Nürnberger (v.l.) und Patricia Frommer vor dem neuen Möbeltransporter sowie Friederike Beuter und Dorothee Engelbrecht vom Bethel-Sozialdienst vor dem Kleinbus, mit dem künftig die Wohnungslosen noch flexibler erreicht werden sollen. - © Jens Reichenbach

Auffällig ist, dass die Gruppe der Wohnungslosen seit Jahren immer jünger wird, sagt Bielefelds Sozialdezernent Ingo Nürnberger. Laut Arend war im Dezember ein Viertel der 54 Männer, die in der Unterkunft Kreuzstraße ein Dach über dem Kopf gefunden haben, jünger als 27 Jahre alt. In der Frauenunterkunft an der Teichsheide liegt der Anteil der jungen Frauen sogar bei knapp einem Drittel.

Und dabei sie die Zahl der jungen Menschen, die sich bereits in prekären Verhältnissen befinden, aber noch nicht in der Wohnungslosenhilfe angekommen sind, noch deutlich größer, sagt Nürnberger.

Viele Frauen prostituieren sich für einen Schlafplatz

Andrea Knoke, Regionalleiterin von „Bethel.regional", erklärt: „Die schlafen lieber bei Freunden, kommen mal hier und mal dort unter." Doch diese vermeintlichen Freundschaften seien oft nicht viel wert. „Das Abhängigkeitsverhältnis wird oft ausgenutzt. Nach dem Motto: Willst Du bei mir pennen, musst Du was dafür tun." Die Betroffenen würden dadurch erpressbar. „Viele Frauen, aber auch Männer, prostituieren sich für ihren Schlafplatz."

Patricia Frommer, Leiterin der städtischen Abteilung „Wohnungsnotfälle": „Die Jüngeren wollen das Stigma der Obdachlosigkeit um jeden Preis verhindern. Ihnen ist das Sofahopping lieber." Deshalb kämen sie auch nicht in die Beratungsstellen, wo ihnen gut geholfen werden könnte.

Modellprojekt soll die neue Klientel erreichen

Um dieser neuen Klientel tatkräftig zu helfen, hat die Stadt jetzt mit Landesmitteln des Projekts „Bekämpfung der Wohnungslosigkeit in NRW" zwei neue Vollzeitstellen geschaffen. Außerdem konnten mit dem Geld zwei Fahrzeuge angeschafft werden. Ein Kleinbus, der den Streetworkern von Bethel.regional (Kava-Trinkerteff, Wohnungslosenhilfe Viktoriastraße und Container-Standort Ernst-Rein-Straße) eine flexiblere Betreuung und Versorgung ermöglichen soll. Und ein Transporter, der dem Sozialamt künftig die Abholung gespendeter Möbel erleichtern soll.

„Wir wollen mit dem neuen Personal ein Modellprojekt austesten, um vor allem den jungen Menschen zu helfen, denen Wohnungslosigkeit droht", erklärt Nürnberger. „Denn ist das Leben ohne Wohnung erst Routine, ist es umso schwerer, wieder in ein normales Leben zurückzufinden."

Die Gründe: Frühe Schulden, Verwahrlosung und zerrüttete Familien

Warum die Gruppe der jungen erwachsenen Obdachlosen so schnell steigt, ist nicht einfach zu beantworten, sagt Hendrik Arend: „Die einen wurden lange Zeit in der Jugendhilfe betreut. Doch dann wurden sie aus dem Hilfenetz entlassen, weil sie nicht kooperativ waren oder weil sie schlicht zwischen 18 und 21 ausscheiden." Plötzlich seien sie selbst für Behördenanträge und Hilfeersuchen verantwortlich. Da sie selbst oft keinerlei Regeln akzeptierten, gehe das oft schief.

Die zweite Gefahr seien schlicht Schulden. Viele haben schon im Jugendalter so hohe Ausgaben, dass sich die negativen Schufa-Einträge ansammeln. „Mit so einem Eintrag hat man heute keine Chance mehr auf einen Mietvertrag", sagt Arend.

Viele Eltern sind mitschuldig am Absturz der Kinder

Sozial- und Jugenddezernent Nürnberger fügt hinzu: „Schon in der Erziehungshilfe kann sich die Situation verschärfen. Wir können oft bei 14-Jährigen nicht mehr effektiv helfen, weil schon zu viel schief gegangen ist." Dabei sei die Art der Probleme vielschichtig: „Wir haben alles von der Wohlstandsverwahrlosung bis zu zerrütteten, prekären Familienverhältnissen, häuslicher Gewalt und letztlich einfach Armut."

Laut Andrea Knoke seien aber auch einige Eltern mitschuldig am Absturz ihrer Kinder: „Manche sind nicht bereit oder in der Lage, Unterhalt zu zahlen." Das Verhältnis zu den Kindern sei bereits so fremd, dass nur noch Geld eine Rolle spielt. "Die Betroffenen erhalten aber kein Wohngeld, solange die Eltern theoretisch bis zum Ende der Ausbildung einspringen müssten. Wenn das nicht passiert, sitzen die jungen Leute in der Falle".

Bild vom Obdachlosen mit Drogenkarriere und gescheiterter Ehe ist von gestern

Dabei hätten die Betroffenen in so einer Situation volle Ansprüche, erklärt Frommer: „Sie müssen ihre persönliche Lage beim Jobcenter erklären und diverse Anträge ausfüllen. Das ist aber so umfangreich, dass sie dabei Hilfe benötigen." Umso wichtiger sei es, dass das neue Modellprojekt die Betroffenen engmaschiger betreue. Auch müssten Hemmungen abgebaut werden, sich in der Wohnungslosenberatung Hilfe zu holen: „Vor allem die Jungen haben immer noch das Bild des typischen Obdachlosen vor Augen, das sie mit sich niemals in Verbindung bringen würden", sagt Arend. „Dabei ist das Bild vom älteren Mann über 50, mit Drogenkarriere und gescheiterter Ehe von früher.

Wer angesichts des einsetzendes Winters hilfsbedürftige Menschen auf der Straße entdeckt, sollte sie, wenn möglich ansprechen, und bei Bedarf dem Sozialamt melden unter Tel. (05 21) 51 22 06 oder 51 34 26. Abends und nachts sollte man dies über 110 oder 112 tun.

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