Corona-Tests Eltern gegen Testpflicht in Schulen: Großer Widerstand in Freikirchen Carolin Nieder-Entgelmeier Düsseldorf/Bielefeld. Während die Zahl der Corona-Infektionen in NRW steigt, setzen sich immer mehr Eltern gegen die Corona-Testpflicht in Schulen zur Wehr. Mit Klagen vor dem Oberverwaltungsgericht Münster und offenen Briefen an die Landesregierung wollen sie die Tests stoppen, die Voraussetzung für die Teilnahme am Präsenzunterricht sind. Viele Schulleiter rechnen deshalb damit, dass sie ab Montag viele Schüler nach Hause schicken müssen, mitunter 50 Prozent. Doch warum proben so viele Eltern den Aufstand? Einige befürchten, dass sich ihre Kinder mit dem Teststäbchen verletzen oder dass positiv Getestete stigmatisiert werden. Besonders groß ist der Widerstand jedoch bei Eltern, die in freikirchlichen Gemeinden aktiv sind. Theologe Martin Fritz erklärt, was das mit christlichem Enthusiasmus zu tun hat. Wie schon bei den auffällig vielen Verstößen gegen die Schutzauflagen und Corona-Ausbrüchen in Gottesdiensten, ist auch die Ablehnung von anderen staatlichen Vorgaben wie der Testpflicht im Umfeld von Freikirchen nach Einschätzung von Fritz kein Zufall. „Freikirchen leben ein enthusiastisches Christentum. Ihnen geht es tendenziell um ein entschiedenes Christentum, womit sie sich von den großen Kirchen und in einigen Fällen auch von der säkularen Welt und damit vom Staat abgrenzen." Das kann laut Fritz dazu führen, dass die Vorgaben der Gemeinde wichtiger sind als die des Staates, so dass staatliche Regeln wie die Testpflicht abgelehnt werden und die Anfälligkeit für Verschwörungstheorien steigt. Das betrifft nach Angaben des Theologen von der Universität Gießen jedoch nur eine kleine Minderheit der freikirchlichen Gemeinden, häufig Evangeliums-Christen, die nicht in Verbänden organisiert sind. „Doch diese wenigen Gemeinden fallen aktuell besonders auf, da Verstöße gegen Corona-Regeln schwerwiegende Folgen haben können", sagt Fritz, wissenschaftlicher Referent der evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen. „Damit schaden wenige Regelbrecher dem Ansehen aller Freikirchen, die sich mitunter massiven Anfeindungen ausgesetzt sehen, obwohl sie sich vorbildlich an alle Vorgaben halten." Doch die betreffenden Gemeinden denken nicht an einen christlichen oder gar gesellschaftlichen Zusammenhalt, sondern nur an ihre eigene Gemeinde, erklärt Fritz. In freikirchliche Gemeinden, die sich so massiv von der säkularen Welt abgrenzen, haben nach Angaben des Theologen häufig Frömmigkeit, Gottverbundenheit und auch Biblizismus eine große Bedeutung. „Damit verbunden ist oft der Glaube, dass Gott ihr Leben in der Hand hat und auch über Gesundheit und Krankheit bestimmt." Mitunter werde dieser Glaube damit begründet, dass in der Bibel steht, dass man Gott mehr gehorchen soll als Menschen. „Das kann schnell fanatische Züge annehmen", weiß Fritz. Die Folge: „Menschen agieren zunehmend irrational." Das gilt laut Fritz allerdings nicht nur für Menschen, die die Ablehnung der Corona-Regeln mit ihrer Religion begründen. „In der Querdenker-Bewegung kommen viele verschiedene Strömungen zusammen." Trotz der massiven Kritik vonseiten vieler Eltern an der Corona-Testpflicht in Schulen hält NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) an ihrem Konzept fest. „Ich bin und bleibe der festen Überzeugung, dass unsere Schulen im Interesse unserer Kinder als erstes geöffnet und als letztes geschlossen werden müssen. Es muss unser aller Ziel sein, das Recht der Kinder auf Bildung und den Infektionsschutz miteinander in Einklang zu bringen." Wie wichtig das flächendeckende Testen von Kindern und Jugendlichen ist, zeigt aktuell eine Studie aus Bayern. Im Kreis Tirschenreuth, zeitweise Deutschlands größter Corona-Hotspot, sind in der ersten Jahreshälfte 2020 80 Prozent der Infektionen mit dem Coronavirus unentdeckt geblieben. Laut einer Untersuchung kamen auf eine Person, bei der eine Infektion mit dem Coronavirus mittels Test registriert worden war, vier Personen, die Antikörper aufwiesen und somit infiziert waren, ohne es gewusst zu haben. Den Berechnungen zufolge hatten bis Juni 2020 8,6 Prozent der Bevölkerung im Kreis Tirschenreuth eine Infektion durchlaufen. Am höchsten war die Dunkelziffer mit 92 Prozent unentdeckter Infektionen in der Altersgruppe der 14- bis 20-Jährigen, also vor allem bei Schülern. Die Folge: Wegen der hohen Zahl unentdeckter Infektionen konnte das Gesundheitsamt Infektionsketten nicht durchbrechen und das Coronavirus konnte sich nahezu ungehindert ausbreiten. Um solche Ausbrüche zu verhindern, sieht die Testpflicht in Schulen in NRW laut Schulministerium vor, dass alle Schüler, Lehrer und Beschäftigten zwei Mal pro Woche in der Schule getestet werden. Das gilt für alle Schulen, unabhängig von der Inzidenz im jeweiligen Kreis. Ohne diese Tests sei die Teilnahme am Präsenzunterricht oder der Aufenthalt in der Schule nicht gestattet, erklärt ein Sprecher. Das gelte für Schüler, Lehrer und sonstige Beschäftigte. „Anspruch auf Distanzunterricht gibt es für die Tage des Präsenzunterrichts nicht." Eltern, die mit einer Testung ihres Kindes in der Schule nicht einverstanden sind, steht nach Angaben des Sprechers jedoch die Möglichkeit offen, der Schule alternativ einen negativen Bürgertest des Kindes vorzulegen, der nicht länger als 48 Stunden zurückliegt. Trotz dieser Möglichkeit, die viele Experten kritisieren, da Tests zu Hause keine Aussagekraft haben, lehnen mitunter 50 Prozent der Eltern von Schülern Tests ab, wie das Beispiel Augustdorf im Kreis Lippe zeigt. Augustdorfs Bürgermeister Thomas Katzer (SPD) setzte sich deshalb in der vergangenen Woche bei der Landesregierung für die Einführung einer Testpflicht an Schulen ein. Zum Schutz der Schüler, denn viele Eltern sorgen sich wegen einer Verbreitung des Coronavirus aufgrund der hohen Zahl nicht getesteter Schüler. Katzer vergleicht die Ablehnung der Tests mit einer „Form der latenten Körperverletzung".
Corona-Tests

Eltern gegen Testpflicht in Schulen: Großer Widerstand in Freikirchen

In NRW müssen sich Schüler zwei Mal pro Woche auf das Coronavirus testen. © picture alliance

Düsseldorf/Bielefeld. Während die Zahl der Corona-Infektionen in NRW steigt, setzen sich immer mehr Eltern gegen die Corona-Testpflicht in Schulen zur Wehr. Mit Klagen vor dem Oberverwaltungsgericht Münster und offenen Briefen an die Landesregierung wollen sie die Tests stoppen, die Voraussetzung für die Teilnahme am Präsenzunterricht sind. Viele Schulleiter rechnen deshalb damit, dass sie ab Montag viele Schüler nach Hause schicken müssen, mitunter 50 Prozent.

Doch warum proben so viele Eltern den Aufstand? Einige befürchten, dass sich ihre Kinder mit dem Teststäbchen verletzen oder dass positiv Getestete stigmatisiert werden. Besonders groß ist der Widerstand jedoch bei Eltern, die in freikirchlichen Gemeinden aktiv sind. Theologe Martin Fritz erklärt, was das mit christlichem Enthusiasmus zu tun hat.

Wie schon bei den auffällig vielen Verstößen gegen die Schutzauflagen und Corona-Ausbrüchen in Gottesdiensten, ist auch die Ablehnung von anderen staatlichen Vorgaben wie der Testpflicht im Umfeld von Freikirchen nach Einschätzung von Fritz kein Zufall. „Freikirchen leben ein enthusiastisches Christentum. Ihnen geht es tendenziell um ein entschiedenes Christentum, womit sie sich von den großen Kirchen und in einigen Fällen auch von der säkularen Welt und damit vom Staat abgrenzen." Das kann laut Fritz dazu führen, dass die Vorgaben der Gemeinde wichtiger sind als die des Staates, so dass staatliche Regeln wie die Testpflicht abgelehnt werden und die Anfälligkeit für Verschwörungstheorien steigt.

Theologe Martin Fritz von der Universität Gießen warnt vor pauschaler Kritik freikirchlicher Gemeinden.  - © Rudi Ott
Theologe Martin Fritz von der Universität Gießen warnt vor pauschaler Kritik freikirchlicher Gemeinden.  - © Rudi Ott

Das betrifft nach Angaben des Theologen von der Universität Gießen jedoch nur eine kleine Minderheit der freikirchlichen Gemeinden, häufig Evangeliums-Christen, die nicht in Verbänden organisiert sind. „Doch diese wenigen Gemeinden fallen aktuell besonders auf, da Verstöße gegen Corona-Regeln schwerwiegende Folgen haben können", sagt Fritz, wissenschaftlicher Referent der evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen. „Damit schaden wenige Regelbrecher dem Ansehen aller Freikirchen, die sich mitunter massiven Anfeindungen ausgesetzt sehen, obwohl sie sich vorbildlich an alle Vorgaben halten." Doch die betreffenden Gemeinden denken nicht an einen christlichen oder gar gesellschaftlichen Zusammenhalt, sondern nur an ihre eigene Gemeinde, erklärt Fritz.

In freikirchliche Gemeinden, die sich so massiv von der säkularen Welt abgrenzen, haben nach Angaben des Theologen häufig Frömmigkeit, Gottverbundenheit und auch Biblizismus eine große Bedeutung. „Damit verbunden ist oft der Glaube, dass Gott ihr Leben in der Hand hat und auch über Gesundheit und Krankheit bestimmt." Mitunter werde dieser Glaube damit begründet, dass in der Bibel steht, dass man Gott mehr gehorchen soll als Menschen. „Das kann schnell fanatische Züge annehmen", weiß Fritz.

Die Folge: „Menschen agieren zunehmend irrational." Das gilt laut Fritz allerdings nicht nur für Menschen, die die Ablehnung der Corona-Regeln mit ihrer Religion begründen. „In der Querdenker-Bewegung kommen viele verschiedene Strömungen zusammen."

Trotz der massiven Kritik vonseiten vieler Eltern an der Corona-Testpflicht in Schulen hält NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) an ihrem Konzept fest. „Ich bin und bleibe der festen Überzeugung, dass unsere Schulen im Interesse unserer Kinder als erstes geöffnet und als letztes geschlossen werden müssen. Es muss unser aller Ziel sein, das Recht der Kinder auf Bildung und den Infektionsschutz miteinander in Einklang zu bringen."

Wie wichtig das flächendeckende Testen von Kindern und Jugendlichen ist, zeigt aktuell eine Studie aus Bayern. Im Kreis Tirschenreuth, zeitweise Deutschlands größter Corona-Hotspot, sind in der ersten Jahreshälfte 2020 80 Prozent der Infektionen mit dem Coronavirus unentdeckt geblieben. Laut einer Untersuchung kamen auf eine Person, bei der eine Infektion mit dem Coronavirus mittels Test registriert worden war, vier Personen, die Antikörper aufwiesen und somit infiziert waren, ohne es gewusst zu haben.

Den Berechnungen zufolge hatten bis Juni 2020 8,6 Prozent der Bevölkerung im Kreis Tirschenreuth eine Infektion durchlaufen. Am höchsten war die Dunkelziffer mit 92 Prozent unentdeckter Infektionen in der Altersgruppe der 14- bis 20-Jährigen, also vor allem bei Schülern. Die Folge: Wegen der hohen Zahl unentdeckter Infektionen konnte das Gesundheitsamt Infektionsketten nicht durchbrechen und das Coronavirus konnte sich nahezu ungehindert ausbreiten.

Um solche Ausbrüche zu verhindern, sieht die Testpflicht in Schulen in NRW laut Schulministerium vor, dass alle Schüler, Lehrer und Beschäftigten zwei Mal pro Woche in der Schule getestet werden. Das gilt für alle Schulen, unabhängig von der Inzidenz im jeweiligen Kreis. Ohne diese Tests sei die Teilnahme am Präsenzunterricht oder der Aufenthalt in der Schule nicht gestattet, erklärt ein Sprecher. Das gelte für Schüler, Lehrer und sonstige Beschäftigte. „Anspruch auf Distanzunterricht gibt es für die Tage des Präsenzunterrichts nicht."

Eltern, die mit einer Testung ihres Kindes in der Schule nicht einverstanden sind, steht nach Angaben des Sprechers jedoch die Möglichkeit offen, der Schule alternativ einen negativen Bürgertest des Kindes vorzulegen, der nicht länger als 48 Stunden zurückliegt. Trotz dieser Möglichkeit, die viele Experten kritisieren, da Tests zu Hause keine Aussagekraft haben, lehnen mitunter 50 Prozent der Eltern von Schülern Tests ab, wie das Beispiel Augustdorf im Kreis Lippe zeigt.

Bürgermeister Thomas Katzer aus Augustdorf (Kreis Lippe) kritisiert Eltern, die Corona-Tests bei ihren Kindern verweigern, scharf. - © Nadine Uphoff
Bürgermeister Thomas Katzer aus Augustdorf (Kreis Lippe) kritisiert Eltern, die Corona-Tests bei ihren Kindern verweigern, scharf. - © Nadine Uphoff

Augustdorfs Bürgermeister Thomas Katzer (SPD) setzte sich deshalb in der vergangenen Woche bei der Landesregierung für die Einführung einer Testpflicht an Schulen ein. Zum Schutz der Schüler, denn viele Eltern sorgen sich wegen einer Verbreitung des Coronavirus aufgrund der hohen Zahl nicht getesteter Schüler. Katzer vergleicht die Ablehnung der Tests mit einer „Form der latenten Körperverletzung".

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