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Ü30-Erstsemester - Später Start und schnelle Landung

Von Tanja Watermann

Aus dem Berufsleben aus- und in ein karges Studentenleben einzusteigen ist nicht leicht, könnte sich aber lohnen

Minden (tw). Mit 21 Jahren beginnt der deutsche Abiturient im Durchschnitt sein Studium. Doch es gibt auch immer mehr Erstsemester, die sich erst nach ihrem 30. Geburtstag zum späten Studium entscheiden. Thomas Bothe ist einer von ihnen.

Allein unter jüngeren Erstsemestern: Thomas Bothe (46) leitet neben seinem Architekturstudium noch die Modellwerkstatt auf dem Campus Minden. Der späte Student fühlt sich mit seiner Entscheidung wohl, auch wenn sie ein ganz neues Leben bedeutet. - © Foto: Tanja Watermann
Allein unter jüngeren Erstsemestern: Thomas Bothe (46) leitet neben seinem Architekturstudium noch die Modellwerkstatt auf dem Campus Minden. Der späte Student fühlt sich mit seiner Entscheidung wohl, auch wenn sie ein ganz neues Leben bedeutet. (© Foto: Tanja Watermann)

Der jüngste Student auf dem Campus Minden ist 18 Jahre alt, der älteste treibt den Schnitt mit seinen stolzen 59 Jahren nach oben. Im neuen Wintersemester 2013/2014 gibt es auf dem Campus Minden (FH Bielefeld) neun Ü30-Erstsemester-Studenten.

Für viele spätentschlossene Ü30-Erstsemesterstudenten ist es ein großer Schritt, das sichere Berufsleben zu verlassen und noch mal von vorne zu beginnen. Statt eines regelmäßigen Einkommens, einem schicken Auto und einem gehobenen Lebensstil ist der Schritt zurück in ein spartanisches Studentenleben zunächst schwierig. Andererseits stellt mancher nach zehn oder mehr Jahren im Beruf fest, dass manche Sprossen auf der Karriereleiter ohne Studienabschluss nicht zu erklimmen sind.

Wer einmal den Mut gefasst hat, zieht das Studium dann allerdings meist in Rekordzeit durch, zeigen die Erfahrungen nicht nur am Campus Minden. Die Spätstarter gelten dank ihrer Berufs- und Praxiserfahrung als strukturierter und zielgerichteter. Auch die teilweise hohe Arbeitsbelastung kennen sie vom Beruf und geraten in Klausurzeiten nur selten in echten Stress.

Verena Kukuk, Sprecherin der FH Bielefeld, weist darauf hin, dass die FH Bielefeld verschiedene Studienformen anbietet, die ein berufs- oder familienbegleitendes Studium ermöglichen. Für viele ist ein klassisches Vollzeitstudium nicht umsetzbar. Die drei praxisintegrierten Studiengänge Wirtschaftsingenieurwesen, Maschinenbau und Elektrotechnik in Minden richten sich sowohl an Abiturienten als auch an berufstätige Fachkräfte, die sich weiterqualifizieren möchten.

Im Informatikstudiengang wird eine Vier-Tage-Woche absolviert. "Es geht uns als Fachhochschule vor allem darum, Fachkräfte in der Region zu halten und weiter zu qualifizieren. Ältere Studienanfänger und frischgebackene Abiturienten ergänzen sich gut und profitieren voneinander", weiß Kukuk zu berichten.

Kommilitonen könnten seine Kinder sein

Thomas Bothe (46) aus Stadthagen ist einer dieser Ü30-Erstsemester, der gerade sein Vollzeit-Architekturstudium in Minden begonnen hat.

Sein Lebenslauf unterstreicht sein Motto, dass Stillstand Rückschritt ist. Neben Ausbildungen zum Zimmermann, Maurer, Dachdecker, die er alle noch mit der Meisterschule gekrönt hat, leitete er lange Jahre sein eigenes Bauunternehmen. Alle Handgriffe, die zum Bau eines Mehrfamilienhauses notwendig sind, hat er von der Pike auf gelernt. Alles, was er am Zeichenbrett plant, kann er eigenhändig bauen. Schon einmal spielte er mit dem Gedanken, Architektur zu studieren, doch der Numerus clausus (NC) schreckte ihn ab. Seine Vision ist es, große Objekte im Städtebau zu planen und zu entwickeln. "Ich fühle mich auf dem Campus wohl, obwohl ich schon auffalle. Die Kommilitonen könnten meine Kinder sein", erklärt er lachend und zollt den jüngeren Studenten gleichzeitig seinen Respekt. "Ich habe ein hohes Fachwissen, da fällt es mir leicht zu folgen, auch wenn wir hier mit Arbeit zugepackt werden", beschreibt er die Tatsache, dass fast jede Woche Hausarbeiten abgegeben werden müssen.

Ersti-Partys müssen nicht unbedingt sein

Aber wenn sich Bothe ein Ziel setzt, zieht er es durch. Er strahlt die Aura eines Machers aus, eines Zugpferdes. Bothe hat selber ausgebildet und weiß, worauf es ankommt. "Ich muss einen Sinn in dem vermittelten Fachwissen sehen. Das ist mein Motor, das treibt mich an. Das Umfeld und die Intellektualität auf der Uni tun mir gut", analysiert er.

Sein Leben hat sich seit dem Beginn des Studiums gewandelt. Seine große Wohnung hat er aufgegeben, die Erstsemesterpartys hingegen waren nicht sein Ding. Sein Ziel ist es, in den Semesterferien viel und praxisnah zu arbeiten, um sich während der Uni voll auf die Vorlesungen konzentrieren zu können. Auf dem Campus leitet er mit einem weiteren Kommilitonen außerdem die Modellwerkstatt.

Für den Ü30-Studenten Bothe fühlt sich die Entscheidung zum Studium richtig an. "Ich hoffe, dass ich durch mein Fachwissen ungefähr ein Jahr verkürzen kann, sodass ich noch vor meinem 50. Geburtstag mein Studium abschließe", zeigt er sich zielstrebig.

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StudierenÜ30-Erstsemester - Später Start und schnelle LandungAus dem Berufsleben aus- und in ein karges Studentenleben einzusteigen ist nicht leicht, könnte sich aber lohnenVon Tanja WatermannMinden (tw). Mit 21 Jahren beginnt der deutsche Abiturient im Durchschnitt sein Studium. Doch es gibt auch immer mehr Erstsemester, die sich erst nach ihrem 30. Geburtstag zum späten Studium entscheiden. Thomas Bothe ist einer von ihnen.Der jüngste Student auf dem Campus Minden ist 18 Jahre alt, der älteste treibt den Schnitt mit seinen stolzen 59 Jahren nach oben. Im neuen Wintersemester 2013/2014 gibt es auf dem Campus Minden (FH Bielefeld) neun Ü30-Erstsemester-Studenten.Für viele spätentschlossene Ü30-Erstsemesterstudenten ist es ein großer Schritt, das sichere Berufsleben zu verlassen und noch mal von vorne zu beginnen. Statt eines regelmäßigen Einkommens, einem schicken Auto und einem gehobenen Lebensstil ist der Schritt zurück in ein spartanisches Studentenleben zunächst schwierig. Andererseits stellt mancher nach zehn oder mehr Jahren im Beruf fest, dass manche Sprossen auf der Karriereleiter ohne Studienabschluss nicht zu erklimmen sind.Wer einmal den Mut gefasst hat, zieht das Studium dann allerdings meist in Rekordzeit durch, zeigen die Erfahrungen nicht nur am Campus Minden. Die Spätstarter gelten dank ihrer Berufs- und Praxiserfahrung als strukturierter und zielgerichteter. Auch die teilweise hohe Arbeitsbelastung kennen sie vom Beruf und geraten in Klausurzeiten nur selten in echten Stress.Verena Kukuk, Sprecherin der FH Bielefeld, weist darauf hin, dass die FH Bielefeld verschiedene Studienformen anbietet, die ein berufs- oder familienbegleitendes Studium ermöglichen. Für viele ist ein klassisches Vollzeitstudium nicht umsetzbar. Die drei praxisintegrierten Studiengänge Wirtschaftsingenieurwesen, Maschinenbau und Elektrotechnik in Minden richten sich sowohl an Abiturienten als auch an berufstätige Fachkräfte, die sich weiterqualifizieren möchten.Im Informatikstudiengang wird eine Vier-Tage-Woche absolviert. "Es geht uns als Fachhochschule vor allem darum, Fachkräfte in der Region zu halten und weiter zu qualifizieren. Ältere Studienanfänger und frischgebackene Abiturienten ergänzen sich gut und profitieren voneinander", weiß Kukuk zu berichten.Kommilitonen könnten seine Kinder seinThomas Bothe (46) aus Stadthagen ist einer dieser Ü30-Erstsemester, der gerade sein Vollzeit-Architekturstudium in Minden begonnen hat.Sein Lebenslauf unterstreicht sein Motto, dass Stillstand Rückschritt ist. Neben Ausbildungen zum Zimmermann, Maurer, Dachdecker, die er alle noch mit der Meisterschule gekrönt hat, leitete er lange Jahre sein eigenes Bauunternehmen. Alle Handgriffe, die zum Bau eines Mehrfamilienhauses notwendig sind, hat er von der Pike auf gelernt. Alles, was er am Zeichenbrett plant, kann er eigenhändig bauen. Schon einmal spielte er mit dem Gedanken, Architektur zu studieren, doch der Numerus clausus (NC) schreckte ihn ab. Seine Vision ist es, große Objekte im Städtebau zu planen und zu entwickeln. "Ich fühle mich auf dem Campus wohl, obwohl ich schon auffalle. Die Kommilitonen könnten meine Kinder sein", erklärt er lachend und zollt den jüngeren Studenten gleichzeitig seinen Respekt. "Ich habe ein hohes Fachwissen, da fällt es mir leicht zu folgen, auch wenn wir hier mit Arbeit zugepackt werden", beschreibt er die Tatsache, dass fast jede Woche Hausarbeiten abgegeben werden müssen.Ersti-Partys müssen nicht unbedingt seinAber wenn sich Bothe ein Ziel setzt, zieht er es durch. Er strahlt die Aura eines Machers aus, eines Zugpferdes. Bothe hat selber ausgebildet und weiß, worauf es ankommt. "Ich muss einen Sinn in dem vermittelten Fachwissen sehen. Das ist mein Motor, das treibt mich an. Das Umfeld und die Intellektualität auf der Uni tun mir gut", analysiert er.Sein Leben hat sich seit dem Beginn des Studiums gewandelt. Seine große Wohnung hat er aufgegeben, die Erstsemesterpartys hingegen waren nicht sein Ding. Sein Ziel ist es, in den Semesterferien viel und praxisnah zu arbeiten, um sich während der Uni voll auf die Vorlesungen konzentrieren zu können. Auf dem Campus leitet er mit einem weiteren Kommilitonen außerdem die Modellwerkstatt.Für den Ü30-Studenten Bothe fühlt sich die Entscheidung zum Studium richtig an. "Ich hoffe, dass ich durch mein Fachwissen ungefähr ein Jahr verkürzen kann, sodass ich noch vor meinem 50. Geburtstag mein Studium abschließe", zeigt er sich zielstrebig.