Wie ein Mindener mit nur einem Lungenflügel trainiert Astrid Plaßhenrich Minden. Die Hufschmiede ist für ihn eine Herausforderung. Die kleine Straße in der Mindener Innenstadt ist kaum 150 Meter lang, geht aber stetig und rasch bergauf. Wenn Andreas S. sie hochläuft, muss er mindestens eine, manchmal auch zwei Pausen einlegen. Nach seiner Krebserkrankung haben Chirurgen dem Mindener den rechten Lungenflügel entfernt. Doch obwohl ihn die Krankheit körperlich einschränkt, bleibt Sport ein Anker in seinem Alltag. Dreimal die Woche geht es zum Training. Andreas S. möchte anonym bleiben, deshalb ist sein Name geändert. Er ist knapp über 60, jetzt im Sommer braun gebrannt – und sieht fit aus. Aber das Leben mit nur einem Lungenflügel strengt an. „Wenn ich Treppen steige, bin ich schnell aus der Puste, an Radtouren ohne E-Bike ist genauso wenig zu denken wie an lange Spaziergänge“, erzählt er. Trotzdem bewegt sich Andreas S. so gut es eben geht. Und: Das Training in einem Mindener Fitnessstudio macht ihm Spaß. „Es ist egal mit welchem Arzt ich gesprochen haben, sei es hier in Minden oder in der Reha: Immer hieß es, dass sportliche Aktivität unerlässlich ist, um möglichst wieder fit zu werden.“ Schließlich bedeutet Bewegungsfreiheit gleichzeitig ein Stückweit Lebensqualität. Bereits in der Reha saß er auf dem Ergometer, machte anfangs ganz leichte Übungen. Bis heute hat Andreas S. das beibehalten. Das Training auf dem „stationären Fahrrad“ verhindert unter anderem den Muskelabbau und stärkt es das Immunsystem. Zudem ist für den Patienten schnell eine Leistungssteigerung zu sehen. Deshalb gewinnen sie nicht nur an physischer, sondern auch an psychischer Stärke. Und auch während der Chemotherapie oder Bestrahlung ist das Training mit dem Ergometer häufig möglich. Daneben macht Andreas S. regelmäßig Zirkeltraining. Dabei werden in einer vorgegebenen Reihenfolge verschiedene Übungen an unterschiedlichen Stationen absolviert. Es verbessert Kraft, Ausdauer, Beweglichkeit, Schnelligkeit und Koordinationsfähigkeit, während alle großen Muskelgruppen beansprucht werden. Der Trainingsumfang ist bei Andreas S. von mal zu mal unterschiedlich. „Manchmal unterhalte ich mich mehr, als das ich etwas mache“, gibt er zu. Das sei einfach tagesformabhängig. „Hin und wieder kostet es mich auch unheimlich Überwindung, meine Tasche zu packen“, sagt er, „ich mache es dann meistens aber doch, weil sonst würde ich körperlich rapide abbauen.“ Auch im Genius Sport- und Gesundheitszentrum in Kutenhausen trainieren regelmäßig Krebspatienten. „Viele nehmen zunächst unsere Physiotherapie in Anspruch, dann schließt sich der Rehasport an“, sagt Inhaber Marc Raulwing. Der Übergang sei oft fließend, die Hemmschwelle deshalb niedrig. Die Trainingspläne werden individuell erstellt. „Für viele Lungenkrebspatienten sind Mobilitäts- und Dehnübungen wichtig, um die Beweglichkeit des Brustkorbs zu trainieren“, erklärt Raulwing. Zudem nehmen viele nach Operationen eine Schonhaltung an. „Die Wirbelsäule muss dann beispielsweise mit verschiedenen Übungen wieder aufgerichtet werden, dann können viele Patienten auch wieder besser atmen.“ Im Winter 2009 bekam Andreas S. die Diagnose. Er fühlte sich schlapp, kraftlos, hatte zwar keine Schmerzen, bekam allerdings kaum Luft. Die Hausärztin schickte ihn direkt zum Röntgen. Der Schatten auf der Lunge stellte sich schließlich als bösartiger Tumor am rechten Oberlappen heraus. Von einem Tag auf den anderen änderte sich sein Leben. Es schlossen sich eine viermonatige Chemotherapie und Bestrahlung an. Nach weiteren fünf Monaten kehrte der Tumor wieder zurück. Operieren – so hieß es zunächst – ginge nicht. Etliche Untersuchungen und Behandlung später wurde der Lungenflügel im November 2010 doch entfernt. Die Narbe, die sich von der Brustmitte bis kurz vor die Wirbelsäule zieht, bleibt für immer. Vor der Diagnose war Andreas S. fit, hatte einen Beruf, der ihn körperlich forderte. „Vielleicht war das mein Glück“, blickt er auf anstrengende Wochen im Krankenhaus und in der Reha zurück. Er appelliert an Krebspatienten, zu hinterfragen und mitzudenken: „Die Therapien, die die Ärzte vorschlagen, müssen nicht für jeden das richtige sein. Wer sich unsicher fühlt, sollte sich eine Zweitmeinung einholen.“

Wie ein Mindener mit nur einem Lungenflügel trainiert

Manchmal fällt das Packen der Sporttasche schwer: Dennoch trainiert Andreas S. regelmäßig, um nach Chemotherapie, Bestrahlung und OP so gut es geht fit zu bleiben. MT-Symbolfoto: Astrid Plaßhenrich © Astrid Plaßhenrich

Minden. Die Hufschmiede ist für ihn eine Herausforderung. Die kleine Straße in der Mindener Innenstadt ist kaum 150 Meter lang, geht aber stetig und rasch bergauf. Wenn Andreas S. sie hochläuft, muss er mindestens eine, manchmal auch zwei Pausen einlegen. Nach seiner Krebserkrankung haben Chirurgen dem Mindener den rechten Lungenflügel entfernt. Doch obwohl ihn die Krankheit körperlich einschränkt, bleibt Sport ein Anker in seinem Alltag. Dreimal die Woche geht es zum Training.

Andreas S. möchte anonym bleiben, deshalb ist sein Name geändert. Er ist knapp über 60, jetzt im Sommer braun gebrannt – und sieht fit aus. Aber das Leben mit nur einem Lungenflügel strengt an. „Wenn ich Treppen steige, bin ich schnell aus der Puste, an Radtouren ohne E-Bike ist genauso wenig zu denken wie an lange Spaziergänge“, erzählt er. Trotzdem bewegt sich Andreas S. so gut es eben geht. Und: Das Training in einem Mindener Fitnessstudio macht ihm Spaß. „Es ist egal mit welchem Arzt ich gesprochen haben, sei es hier in Minden oder in der Reha: Immer hieß es, dass sportliche Aktivität unerlässlich ist, um möglichst wieder fit zu werden.“ Schließlich bedeutet Bewegungsfreiheit gleichzeitig ein Stückweit Lebensqualität.

Bereits in der Reha saß er auf dem Ergometer, machte anfangs ganz leichte Übungen. Bis heute hat Andreas S. das beibehalten. Das Training auf dem „stationären Fahrrad“ verhindert unter anderem den Muskelabbau und stärkt es das Immunsystem. Zudem ist für den Patienten schnell eine Leistungssteigerung zu sehen. Deshalb gewinnen sie nicht nur an physischer, sondern auch an psychischer Stärke. Und auch während der Chemotherapie oder Bestrahlung ist das Training mit dem Ergometer häufig möglich.

Daneben macht Andreas S. regelmäßig Zirkeltraining. Dabei werden in einer vorgegebenen Reihenfolge verschiedene Übungen an unterschiedlichen Stationen absolviert. Es verbessert Kraft, Ausdauer, Beweglichkeit, Schnelligkeit und Koordinationsfähigkeit, während alle großen Muskelgruppen beansprucht werden.

Der Trainingsumfang ist bei Andreas S. von mal zu mal unterschiedlich. „Manchmal unterhalte ich mich mehr, als das ich etwas mache“, gibt er zu. Das sei einfach tagesformabhängig. „Hin und wieder kostet es mich auch unheimlich Überwindung, meine Tasche zu packen“, sagt er, „ich mache es dann meistens aber doch, weil sonst würde ich körperlich rapide abbauen.“

Auch im Genius Sport- und Gesundheitszentrum in Kutenhausen trainieren regelmäßig Krebspatienten. „Viele nehmen zunächst unsere Physiotherapie in Anspruch, dann schließt sich der Rehasport an“, sagt Inhaber Marc Raulwing. Der Übergang sei oft fließend, die Hemmschwelle deshalb niedrig. Die Trainingspläne werden individuell erstellt. „Für viele Lungenkrebspatienten sind Mobilitäts- und Dehnübungen wichtig, um die Beweglichkeit des Brustkorbs zu trainieren“, erklärt Raulwing. Zudem nehmen viele nach Operationen eine Schonhaltung an. „Die Wirbelsäule muss dann beispielsweise mit verschiedenen Übungen wieder aufgerichtet werden, dann können viele Patienten auch wieder besser atmen.“

Im Winter 2009 bekam Andreas S. die Diagnose. Er fühlte sich schlapp, kraftlos, hatte zwar keine Schmerzen, bekam allerdings kaum Luft. Die Hausärztin schickte ihn direkt zum Röntgen. Der Schatten auf der Lunge stellte sich schließlich als bösartiger Tumor am rechten Oberlappen heraus. Von einem Tag auf den anderen änderte sich sein Leben. Es schlossen sich eine viermonatige Chemotherapie und Bestrahlung an. Nach weiteren fünf Monaten kehrte der Tumor wieder zurück. Operieren – so hieß es zunächst – ginge nicht. Etliche Untersuchungen und Behandlung später wurde der Lungenflügel im November 2010 doch entfernt. Die Narbe, die sich von der Brustmitte bis kurz vor die Wirbelsäule zieht, bleibt für immer.

Vor der Diagnose war Andreas S. fit, hatte einen Beruf, der ihn körperlich forderte. „Vielleicht war das mein Glück“, blickt er auf anstrengende Wochen im Krankenhaus und in der Reha zurück. Er appelliert an Krebspatienten, zu hinterfragen und mitzudenken: „Die Therapien, die die Ärzte vorschlagen, müssen nicht für jeden das richtige sein. Wer sich unsicher fühlt, sollte sich eine Zweitmeinung einholen.“

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