Turnen ist eine Individualsportart: Trotzdem darf nicht trainiert werden - das trifft auch Tuspo Meißen Astrid Plaßhenrich Minden. Es war ein Kraftakt, der sich gelohnt hat. Das Hygienekonzept, das Tuspo Meißen für seine Turnabteilung ausgearbeitet hat, schließt alle Eventualitäten aus. „Wir konnten Mindestabstände problemlos einhalten, haben die Geräte regelmäßig desinfiziert und die Athletinnen der Leistungsgruppe und Kinder im Breitensport- und Nachwuchsbereich haben sich zwischendurch die Hände gewaschen, ohne sich zu begegnen. Zudem haben wir die einzelnen Turngruppen zeitlich auseinandergezogen“, nennt Tuspo-Abteilungsleiterin Ines Gidius einige Eckpfeiler der Maßnahmen. Trotzdem mussten auch die Turnerinnen in den sportlichen Lockdown. „Obwohl wir auch eine Individualsportart sind und auch beim Training vollkommen ohne Kontakt auskommen“, gibt Gidius zu bedenken, „ich hätte mir da eine Differenzierung gewünscht.“Auch Dr. Peter Witte hätte sich für verschiedene Sportarten mehr Handlungsspielraum und eine individuelle Umsetzung gewünscht. Der Direktor des Instituts für Krankenhaushygiene der Mühlenkreiskliniken fragte erst kürzlich im MT-Interview, was denn passieren soll, wenn die Leichtathleten im Stadion an der frischen Luft hintereinander herlaufen. Ähnlich verhalte es sich auch im Turnen. Sogar die Drei- bis Fünfjährigen haben die neuen Regeln schnell verinnerlicht. „Wir haben Ringe mit dem nötigen Abstand auf den Boden gelegt, so dass jedes Kind genau wusste, in welchem Bereich es sich bewegen darf“, erklärt Gidius. Es werde den Kindern zu viel mit dem Sport-Lockdown genommen. „Sie müssen doch eine Möglichkeit haben, Körpererfahrungen zu machen“, sagt die Kunstturn-Trainerin. Wer im ländlichen Raum wohnt, könne sich noch frei bewegen, auch turnspezifische Übungen, wie das Hochhangeln an einem Seil, machen. „Aber was ist mit denen, die in Mietwohnungen ohne Garten in der Stadt leben?“, fragt Gidius.Im Leistungsbereich kommen noch ganz andere Schwierigkeiten auf die Kunstturnerinnen, die bei Tuspo zwischen sechs und 15 Jahre alt sind, zu. Für sie steht – Stand jetzt – Mitte Dezember noch der Leistungsvoraussetzungstest des Deutschen Turner-Bundes (DTB) an. Dieser ist für die Athletinnen zum einen eine Standortbestimmung und zur Überprüfung ihrer eigenen Fähigkeiten. Zum anderen ist der Test aber auch eine zwingende Voraussetzung für eine mögliche Nominierung für den Westfälischen Landeskader. So werden immer im vierten Quartal nach Ende der Wettkämpfe technische Voraussetzungen an den einzelnen Geräten gefordert, aber auch Kraft, Schnelligkeit oder Beweglichkeit. „Wenn wir im Dezember das Training wieder aufnehmen dürfen, ist die Zeit viel zu kurz, um die Turnerinnen auf den Test vorzubereiten. Viele kleine Schritte ergeben das große Ganze. Das können wir nicht in zwei Wochen vermitteln“, meint Ines Gidius, die in Meißen zusammen mit ihren Trainerkollegen nach der Devise „Fördern und fordern“ arbeitet. Die Trainerin sieht die Pandemie-Unterbrechungen sehr kritisch. Die Kunstturnerinnen werden in den wichtigsten Entwicklungsjahren voll ausgebremst. Die turnerische Ausbildung sollte bei Mädchen bis zu ihrem zwölften Lebensjahr für den Leistungsbereich abgeschlossen sein. „Wenn wir mit dem Training wieder starten dürfen, stehen Kraft- und Stabilisierungsübungen zunächst im Vordergrund, um das Verletzungsrisiko zu minimieren“, sagt die B-Lizenz-Inhaberin. Es sei unmöglich den jungen Athletinnen direkt neue Elemente an Barren, Balken oder anderen Geräten und methodische Reihen beizubringen. „Wir haben die klare Vorgabe, die Spitze auszubilden, aber uns wird die Möglichkeit dazu in diesem Jahr genommen, obwohl das unnötig ist, weil wir die Hygieneregeln eben einhalten können“, sagt Gidius, die ihre Leistungsturnerinnen dreimal in der Woche in die Halle bittet. Die Trainerinnen müssen die Kinder immer wieder an die Übungen und auch Geräte gewöhnen. Ein Kaltstart wäre kontraproduktiv. Auch die Turnerinnen des Landeskaders müssen momentan pausieren. Dazu gehören auch die Meißenerinnen Finja Dobrinsky (AK 8) und Laura (AK 7) und Lina Röckemann (AK 9). Letztere trainiert viermal in der Woche am Stützpunkt in Detmold, die anderen beiden sind dort zweimal in der Woche. „Aktuell dürfen nur die Turnerinnen des Bundeskader noch trainieren. In den können die Turnerinnen aber frühestens mit zehn Jahren aufgenommen werden“, erklärt Gidius.Die Tuspo-Abteilungsleiterin nennt noch einen anderen Aspekt, warum das Training für die Kinder so wichtig ist: „Bewegung bildet und fördert nachweislich die Hirnentwicklung. Zudem lernen die Kinder sich zu organisieren.“ Da wirkt sich auch positiv auf der Schule aus. Jetzt aber muss erst einmal das Training per Stream ausreichen. Wie lange noch, ist ungewiss.

Turnen ist eine Individualsportart: Trotzdem darf nicht trainiert werden - das trifft auch Tuspo Meißen

Ein Bild vor dem erneuten sportlichen Lockdown: Eine Tuspo-Turnerin übt am Stufenbarren. Foto: privat © privat

Minden. Es war ein Kraftakt, der sich gelohnt hat. Das Hygienekonzept, das Tuspo Meißen für seine Turnabteilung ausgearbeitet hat, schließt alle Eventualitäten aus. „Wir konnten Mindestabstände problemlos einhalten, haben die Geräte regelmäßig desinfiziert und die Athletinnen der Leistungsgruppe und Kinder im Breitensport- und Nachwuchsbereich haben sich zwischendurch die Hände gewaschen, ohne sich zu begegnen. Zudem haben wir die einzelnen Turngruppen zeitlich auseinandergezogen“, nennt Tuspo-Abteilungsleiterin Ines Gidius einige Eckpfeiler der Maßnahmen. Trotzdem mussten auch die Turnerinnen in den sportlichen Lockdown. „Obwohl wir auch eine Individualsportart sind und auch beim Training vollkommen ohne Kontakt auskommen“, gibt Gidius zu bedenken, „ich hätte mir da eine Differenzierung gewünscht.“Auch Dr. Peter Witte hätte sich für verschiedene Sportarten mehr Handlungsspielraum und eine individuelle Umsetzung gewünscht. Der Direktor des Instituts für Krankenhaushygiene der Mühlenkreiskliniken fragte erst kürzlich im MT-Interview, was denn passieren soll, wenn die Leichtathleten im Stadion an der frischen Luft hintereinander herlaufen. Ähnlich verhalte es sich auch im Turnen. Sogar die Drei- bis Fünfjährigen haben die neuen Regeln schnell verinnerlicht. „Wir haben Ringe mit dem nötigen Abstand auf den Boden gelegt, so dass jedes Kind genau wusste, in welchem Bereich es sich bewegen darf“, erklärt Gidius. Es werde den Kindern zu viel mit dem Sport-Lockdown genommen. „Sie müssen doch eine Möglichkeit haben, Körpererfahrungen zu machen“, sagt die Kunstturn-Trainerin. Wer im ländlichen Raum wohnt, könne sich noch frei bewegen, auch turnspezifische Übungen, wie das Hochhangeln an einem Seil, machen. „Aber was ist mit denen, die in Mietwohnungen ohne Garten in der Stadt leben?“, fragt Gidius.Im Leistungsbereich kommen noch ganz andere Schwierigkeiten auf die Kunstturnerinnen, die bei Tuspo zwischen sechs und 15 Jahre alt sind, zu. Für sie steht – Stand jetzt – Mitte Dezember noch der Leistungsvoraussetzungstest des Deutschen Turner-Bundes (DTB) an. Dieser ist für die Athletinnen zum einen eine Standortbestimmung und zur Überprüfung ihrer eigenen Fähigkeiten. Zum anderen ist der Test aber auch eine zwingende Voraussetzung für eine mögliche Nominierung für den Westfälischen Landeskader. So werden immer im vierten Quartal nach Ende der Wettkämpfe technische Voraussetzungen an den einzelnen Geräten gefordert, aber auch Kraft, Schnelligkeit oder Beweglichkeit. „Wenn wir im Dezember das Training wieder aufnehmen dürfen, ist die Zeit viel zu kurz, um die Turnerinnen auf den Test vorzubereiten. Viele kleine Schritte ergeben das große Ganze. Das können wir nicht in zwei Wochen vermitteln“, meint Ines Gidius, die in Meißen zusammen mit ihren Trainerkollegen nach der Devise „Fördern und fordern“ arbeitet. Die Trainerin sieht die Pandemie-Unterbrechungen sehr kritisch. Die Kunstturnerinnen werden in den wichtigsten Entwicklungsjahren voll ausgebremst. Die turnerische Ausbildung sollte bei Mädchen bis zu ihrem zwölften Lebensjahr für den Leistungsbereich abgeschlossen sein. „Wenn wir mit dem Training wieder starten dürfen, stehen Kraft- und Stabilisierungsübungen zunächst im Vordergrund, um das Verletzungsrisiko zu minimieren“, sagt die B-Lizenz-Inhaberin. Es sei unmöglich den jungen Athletinnen direkt neue Elemente an Barren, Balken oder anderen Geräten und methodische Reihen beizubringen. „Wir haben die klare Vorgabe, die Spitze auszubilden, aber uns wird die Möglichkeit dazu in diesem Jahr genommen, obwohl das unnötig ist, weil wir die Hygieneregeln eben einhalten können“, sagt Gidius, die ihre Leistungsturnerinnen dreimal in der Woche in die Halle bittet. Die Trainerinnen müssen die Kinder immer wieder an die Übungen und auch Geräte gewöhnen. Ein Kaltstart wäre kontraproduktiv. Auch die Turnerinnen des Landeskaders müssen momentan pausieren. Dazu gehören auch die Meißenerinnen Finja Dobrinsky (AK 8) und Laura (AK 7) und Lina Röckemann (AK 9). Letztere trainiert viermal in der Woche am Stützpunkt in Detmold, die anderen beiden sind dort zweimal in der Woche. „Aktuell dürfen nur die Turnerinnen des Bundeskader noch trainieren. In den können die Turnerinnen aber frühestens mit zehn Jahren aufgenommen werden“, erklärt Gidius.Die Tuspo-Abteilungsleiterin nennt noch einen anderen Aspekt, warum das Training für die Kinder so wichtig ist: „Bewegung bildet und fördert nachweislich die Hirnentwicklung. Zudem lernen die Kinder sich zu organisieren.“ Da wirkt sich auch positiv auf der Schule aus. Jetzt aber muss erst einmal das Training per Stream ausreichen. Wie lange noch, ist ungewiss.

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