Training in der Krise: Leichtathleten wechseln von der Tartanbahn in den Garten Astrid Plaßhenrich Minden/Porta Westfalica. Leichtathleten hatten in gewisser Weise noch Glück. Anders als Handballer, Fußballer und Volleyballer wurden die Springer, Werfer und Läufer nicht aus ihrem laufenden Wettkampfbetrieb gerissen. Als der Corona-Lockdown Mitte März den Sport traf, hatten die Leichtathleten ihre Wintersaison gerade beendet. Alle Hallen-, Crosslauf-und Winterwurf-Meisterschaften wurden noch ausgetragen. Nach einer Regenerationsphase hätte das gemeinsame Training beim SV 1860 Minden und SC Porta Westfalica Nammen Ende März wieder starten sollen. Jetzt ist allerdings auch bei den Leichtathleten Kreativität gefragt, um ihre Sportler bei Laune zu halten. Gleichzeitig setzen die 1860-Trainer Adrian Schürmann und Tapio Linnemöller sowie SC-Coach Klaus Vogt auf die Eigenmotivation ihrer Athleten. Natürlich sagten die 1860-Verantwortlichen das Trainingslager in der Sportschule Lastrup (Kreis Cloppenburg) in der letzten Osterferienwoche frühzeitig ab. Stattdessen erhielten die etwa 40 Jugendlichen der Altersklassen U14 bis U20 noch im März detaillierte Trainingspläne, um sich auf die Sommersaison vorzubereiten. „All diese Übungen können auch individuell ausgeführt werden“, sagt Adrian Schürmann und ergänzt: „Wer die Pläne konsequent durchzieht, ist topfit und hat die nötigen Grundlagen geschaffen.“ Sprung-, Kraft-, Beweglichkeits- und Stabilisierungsübungen sowie Tempo- und Dauerläufe sind gefordert. Je nach Alter variiert Intensität und Häufigkeit. Im Grundsatz sind die Pläne aber für jeden 1860-Athleten gleich. „Alle Übungen sind auf Feldwegen, im Wald oder teilweise auch in der Wohnung durchführbar. Die Tempoläufe können beispielsweise von Straßenlaterne zu Straßenlaterne absolviert werden“, sagt Tapio Linnemöller. Das ist für die Athleten auch nichts Neues. In der Vorbereitung verlegten die 1860-Trainer immer mal wieder Einheiten vom Weserstadion ins Glacis, um Abwechslung zu schaffen. Jetzt kommt allerdings der Knackpunkt: Auf das Grundlagen- folgt das Techniktraining für Sprinter und Hürdenläufer, Diskus- und Speerwerfer oder Weit- und Hochspringer, um sich explizit auf die Wettkämpfe vorzubereiten. Das fällt nun flach. Am Beispiel „Hürdenlauf“ lässt sich das gut erklären. „Zwar haben sich einige Athleten einzelne Hürden in den Garten gebaut, aber der nötige Rhythmus, der über die 110 oder 400 Meter entscheidend ist, lässt sich damit nicht erzielen. Zudem ist das Abdruckverhalten mit einem Turnschuh ein ganz anderes als mit Spikes, und der Untergrund von Tartanbahn zu Garten, Asphalt oder Pflaster spielt natürlich auch eine große Rolle“, sagt Linnemöller. Zudem gibt SC-Trainer Klaus Vogt zu bedenken, dass sich Bewegungsabläufe falsch einprägen können. Die Portaner Trainer haben ihren Athleten keinen Trainingsplan an die Hand gegeben. „Jeder weiß, welche Übungen er machen kann. Und jetzt zeigt sich sehr deutlich, wer für den Sport brennt“, erklärt Vogt. Er steht regelmäßig mit den Athleten in Kontakt, bekommt Fotos vom Heimtraining zugeschickt. „Einige muss ich sogar bremsen, damit sie die wichtigen Erholungsphasen einhalten“, erzählt der SC-Trainer. Vogt hofft, dass die geplanten Lockerungen in den kommenden Wochen auch für den Sport greifen. „In der Leichtathletik können wir den Abstand mit Pylonen und Bändern während des Trainings problemlos regeln“, meint der Portaner, der aber auch zu bedenken gibt: „Kabinen und Duschräume müssten davon ausgenommen werden.“ Beim SV 1860 Minden glauben die Trainer nicht daran, dass die Sportanlagen in absehbarer Zeit geöffnet werden. Aber auch wenn der Trainingsbetrieb langsam wieder starten sollte und Weitspringer in die Sandgrube fliegen oder Diskuswerfer in ihrem Ring stehen dürfen, fehlt in den kommenden Monaten ein Ziel. Der Fußball- und Leichtathletikverband Westfalen (FLVW) setzt alle Leichtathletikwettkämpfe bis mindestens Ende August aus. Der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) hofft zwar weiterhin auf Wettkämpfe in der zweiten Sommerhälfte, sagt aber gleichzeitig immer mehr Veranstaltungen von Juli bis September ab. „Wir müssen jetzt kreativ werden und Wettkämpfe simulieren“, sagt Adrian Schürmann. Das sei beim Tracken eines Fünf-Kilometer-Laufes noch einfach. Und dass das momentan erfolgversprechend ist, hat der diesjährige Paderborner Osterlauf gezeigt, bei dem sich 9.416 Läufer digital beteiligten. Aber es geht auch darum, Leistungen in Sprungkraft oder Werfen vergleichen zu können. „Die Leichtathletik lebt von ihren Wettkämpfen – und bis September müssen wir uns mindestens gedulden. Deswegen werden wir uns jetzt zeitnah etwas einfallen lassen“, sagt Schürmann. Konkrete Pläne gibt es bislang aber noch nicht. Und bis dahin appellieren die Leichtathletik-Trainer an die Eigenmotivation ihrer Sportler. Denn wie schon die Kugelstoß-Olympiasiegerin, Europameisterin und dreimalige Weltmeisterin Astrid Kumbernuss gesagt hat: „Der größte Muskel eines Sportlers ist der Wille.“ Das zeigt sich in Corona-Zeiten besonders deutlich. Training in der Krise Der Sport steht still, Athleten und Trainer hängen in der Luft: Wann geht es endlich wieder los? Wann werden die Sportstätten geöffnet? Wann gehen Wettbewerbe und Meisterschaften weiter? Mit der MT-Serie „Training in der Krise“ gibt die Sportredaktion einen Überblick, wie sich die heimischen Sportler in Zeiten des Coronavirus fit halten.

Training in der Krise: Leichtathleten wechseln von der Tartanbahn in den Garten

Training im Garten, Teil 1: Die Schwestern Nike (vorne) und Mia Linnemöller vom SV 1860 Minden können zusammen im Garten die Grundlagenübungen durchziehen. © Foto: privat

Minden/Porta Westfalica. Leichtathleten hatten in gewisser Weise noch Glück. Anders als Handballer, Fußballer und Volleyballer wurden die Springer, Werfer und Läufer nicht aus ihrem laufenden Wettkampfbetrieb gerissen. Als der Corona-Lockdown Mitte März den Sport traf, hatten die Leichtathleten ihre Wintersaison gerade beendet. Alle Hallen-, Crosslauf-und Winterwurf-Meisterschaften wurden noch ausgetragen. Nach einer Regenerationsphase hätte das gemeinsame Training beim SV 1860 Minden und SC Porta Westfalica Nammen Ende März wieder starten sollen. Jetzt ist allerdings auch bei den Leichtathleten Kreativität gefragt, um ihre Sportler bei Laune zu halten. Gleichzeitig setzen die 1860-Trainer Adrian Schürmann und Tapio Linnemöller sowie SC-Coach Klaus Vogt auf die Eigenmotivation ihrer Athleten.

Natürlich sagten die 1860-Verantwortlichen das Trainingslager in der Sportschule Lastrup (Kreis Cloppenburg) in der letzten Osterferienwoche frühzeitig ab. Stattdessen erhielten die etwa 40 Jugendlichen der Altersklassen U14 bis U20 noch im März detaillierte Trainingspläne, um sich auf die Sommersaison vorzubereiten. „All diese Übungen können auch individuell ausgeführt werden“, sagt Adrian Schürmann und ergänzt: „Wer die Pläne konsequent durchzieht, ist topfit und hat die nötigen Grundlagen geschaffen.“

Training im Garten, Teil 2: Auch Emma van Ruiten (11) und ihr Bruder Lasse (13) lassen trotz der Wettkampfpause nicht aus dem Trainingskonzept bringen. - © Foto: privat
Training im Garten, Teil 2: Auch Emma van Ruiten (11) und ihr Bruder Lasse (13) lassen trotz der Wettkampfpause nicht aus dem Trainingskonzept bringen. - © Foto: privat

Sprung-, Kraft-, Beweglichkeits- und Stabilisierungsübungen sowie Tempo- und Dauerläufe sind gefordert. Je nach Alter variiert Intensität und Häufigkeit. Im Grundsatz sind die Pläne aber für jeden 1860-Athleten gleich. „Alle Übungen sind auf Feldwegen, im Wald oder teilweise auch in der Wohnung durchführbar. Die Tempoläufe können beispielsweise von Straßenlaterne zu Straßenlaterne absolviert werden“, sagt Tapio Linnemöller. Das ist für die Athleten auch nichts Neues. In der Vorbereitung verlegten die 1860-Trainer immer mal wieder Einheiten vom Weserstadion ins Glacis, um Abwechslung zu schaffen.

Jetzt kommt allerdings der Knackpunkt: Auf das Grundlagen- folgt das Techniktraining für Sprinter und Hürdenläufer, Diskus- und Speerwerfer oder Weit- und Hochspringer, um sich explizit auf die Wettkämpfe vorzubereiten. Das fällt nun flach. Am Beispiel „Hürdenlauf“ lässt sich das gut erklären. „Zwar haben sich einige Athleten einzelne Hürden in den Garten gebaut, aber der nötige Rhythmus, der über die 110 oder 400 Meter entscheidend ist, lässt sich damit nicht erzielen. Zudem ist das Abdruckverhalten mit einem Turnschuh ein ganz anderes als mit Spikes, und der Untergrund von Tartanbahn zu Garten, Asphalt oder Pflaster spielt natürlich auch eine große Rolle“, sagt Linnemöller.

Zudem gibt SC-Trainer Klaus Vogt zu bedenken, dass sich Bewegungsabläufe falsch einprägen können. Die Portaner Trainer haben ihren Athleten keinen Trainingsplan an die Hand gegeben. „Jeder weiß, welche Übungen er machen kann. Und jetzt zeigt sich sehr deutlich, wer für den Sport brennt“, erklärt Vogt. Er steht regelmäßig mit den Athleten in Kontakt, bekommt Fotos vom Heimtraining zugeschickt. „Einige muss ich sogar bremsen, damit sie die wichtigen Erholungsphasen einhalten“, erzählt der SC-Trainer. Vogt hofft, dass die geplanten Lockerungen in den kommenden Wochen auch für den Sport greifen. „In der Leichtathletik können wir den Abstand mit Pylonen und Bändern während des Trainings problemlos regeln“, meint der Portaner, der aber auch zu bedenken gibt: „Kabinen und Duschräume müssten davon ausgenommen werden.“

Beim SV 1860 Minden glauben die Trainer nicht daran, dass die Sportanlagen in absehbarer Zeit geöffnet werden. Aber auch wenn der Trainingsbetrieb langsam wieder starten sollte und Weitspringer in die Sandgrube fliegen oder Diskuswerfer in ihrem Ring stehen dürfen, fehlt in den kommenden Monaten ein Ziel. Der Fußball- und Leichtathletikverband Westfalen (FLVW) setzt alle Leichtathletikwettkämpfe bis mindestens Ende August aus. Der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) hofft zwar weiterhin auf Wettkämpfe in der zweiten Sommerhälfte, sagt aber gleichzeitig immer mehr Veranstaltungen von Juli bis September ab.

„Wir müssen jetzt kreativ werden und Wettkämpfe simulieren“, sagt Adrian Schürmann. Das sei beim Tracken eines Fünf-Kilometer-Laufes noch einfach. Und dass das momentan erfolgversprechend ist, hat der diesjährige Paderborner Osterlauf gezeigt, bei dem sich 9.416 Läufer digital beteiligten. Aber es geht auch darum, Leistungen in Sprungkraft oder Werfen vergleichen zu können. „Die Leichtathletik lebt von ihren Wettkämpfen – und bis September müssen wir uns mindestens gedulden. Deswegen werden wir uns jetzt zeitnah etwas einfallen lassen“, sagt Schürmann. Konkrete Pläne gibt es bislang aber noch nicht. Und bis dahin appellieren die Leichtathletik-Trainer an die Eigenmotivation ihrer Sportler. Denn wie schon die Kugelstoß-Olympiasiegerin, Europameisterin und dreimalige Weltmeisterin Astrid Kumbernuss gesagt hat: „Der größte Muskel eines Sportlers ist der Wille.“ Das zeigt sich in Corona-Zeiten besonders deutlich.

Training in der Krise

Der Sport steht still, Athleten und Trainer hängen in der Luft: Wann geht es endlich wieder los? Wann werden die Sportstätten geöffnet? Wann gehen Wettbewerbe und Meisterschaften weiter? Mit der MT-Serie „Training in der Krise“ gibt die Sportredaktion einen Überblick, wie sich die heimischen Sportler in Zeiten des Coronavirus fit halten.

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