Training in der Krise: Judo hat ein Abstandsproblem. Das erfordert kreative Lösungen. Marcus Riechmann Minden. Sanft liegt Nieselregen in der Luft, junge Menschen traben über den feuchten Rasen des Jahn-Sportplatzes. Auch wenn Sporthallen gewohnt sind: Das Training unter freiem Himmel stört sie nicht. Judoka sind offenbar keine Schönwetter-Athleten. „Es juckt allen in den Fingern, alle wollen, dass es endlich wieder losgeht“, sagt Martin Dodd. Deshalb habe man, sobald es wieder möglich war, „die Matten auf den Rasen geworfen.“ Zunächst mit Online-Training hatte man beim SV 1860 Minden versucht, trotz der Corona-Beschränkungen irgendwie Training zu ermöglichen, berichtet der 33-jährige Judo-Abteilungsleiter. „Das war eine gute Überbrückung, wir bieten das auch immer noch an, aber es war irgendwann klar: Wir brauchen wieder echten Kontakt, wir müssen uns sehen“, erzählt der B-Lizenz-Trainer. Wie gut den Athleten das gemeinsam Training tut, zeigte sich am Montag: Trotz der unsicheren Wetterprognose war klar: „Egal ob es regnet oder nicht, wir trainieren auf jeden Fall.“ Nach dem lockeren Aufwärmprogramm auf dem Rasenplatz zwischen Weserufer und Eisenbahnbrücke dirigiert Maria Schröder die Gruppe unter das Vordach des Vereinsheims. Die jungen Athleten schlüpfen in ihre Uwagi, die weiße Judojacke, und schnüren sie mit dem Gürtel (Obi) zusammen. Sie stellen sich auf die mit Abstand zu kleinen Inseln zusammenlegten Matten, die gerade mal ein bis zwei Quadratmeter Platz für die Übungen bieten. Trainerin Maria Schröder unterrichtet die heute 15 Schüler umfassende und äußerst heterogene Gruppe frontal, aber zugleich individuell. Die 26-Jährige formuliert klare Anweisungen und sanfte Korrekturen. „Seio Otoshi“, fordert sie einen jungen Kämpfer, der allein auf seiner Matte steht, zur Trockenübung des Schulterwurfes auf. Fokussiert folgen die Kinder und Jugendlichen in den 90 Trainingsminuten den Instruktionen. Sie haben Spaß. Trotzdem sagt die B-Lizenz-Trainerin: „Das ist ein völlig anderes Training. Die Partner fehlen, die Fläche auf den Matten ist klein. Da geht vieles einfach nicht.“ Teilweise trainieren die Sportler paarweise, teils alleine. Nur feste Partner und Familienangehörige dürfen gemeinsam arbeiten. Und so hat mancher Judoka Unterstützung von Zuhause dabei. Oliver Bierhaus, Fußballtrainer bei der SV Kutenhausen/Todtenhausen, unterstützt beispielsweise seinen Sohn bei den Partnerübungen. Das erhöht den Spaßfaktor enorm, denn: „Alleine ist das Training nur halb so schön. Im normalen Jugendtraining gibt es das auch gar nicht, da trainiert jeder mit jedem“, sagt Dodd. „Tandoku Renshu, eine Art Judo spezifisches Schattenboxen, und schlichtes Techniktraining, wie es manche Kinder auf den kleinen Mattenquadraten praktizieren müssen, ist nur eine Notlösung. Genau da liegt das Problem der Judoka: „Judo fängt eigentlich erst an, wenn man seinen Partner anfassen kann“, erzählt Dodd. Und damit genau dort, wo die Corona-Schutzregeln ansetzen. Kampfsportarten wie Judo, Boxen oder Ringen haben ein „Abstandsproblem“ und hängen damit am Ende der Pipeline. Sie dürfen als intensivste aller Kontaktsportarten als Letzte auf die völlige Freigabe ihres Sportes hoffen. „Es wäre schön, wenn es bald wieder losgehen würde, aber so schnell rechne ich nicht damit“, sagt Gerd Wilde. Der 69-Jährige, der vor rund 50 Jahren beim TV Jahn seine Liebe zum Judosport entdeckte, beschreibt ein weiteres Problem: „Auch die Trainer dürfen die Schüler nicht berühren. Verbale Anleitung ersetzt das richtige Training aber nicht.“ Und so muss Wilde, „Mr. Judo“ beim SV 1860, unter einem weiteren Gebäudeüberstand beim Vorbereitungstraining zur Grün-Gürtel-Prüfung mit zwei älteren Judoka improvisieren. Überhaupt sei das Training unter freiem Himmel nicht mit dem Hallentraining zu vergleichen. Wo sonst eine riesige Mattenfläche aufgebaut ist und die Sportler miteinander üben, ist nun Abstand angesagt. „32 Quadratmeter pro Paar hat der Verband in der Halle vorgegeben. Da können aber nur ein paar Leute trainieren“, sagt Dodd. Daher gilt: Die 1860-Judoka bleiben bis auf weiteres draußen. „Da gehen wir auf Nummer sicher“, betont Dodd auch den gesundheitlichen Aspekt. Dodd stammt wie Wilde aus dem TV Jahn Minden. Seit 1995 trainiert er Judo. Er sagt: „Das lebt man irgendwann.“ Mit Gründung des SV 1860 hat er vor vier Jahren die Leitung der zusammengeführten Abteilung übernommen. Das hält ihn geschäftig. Sehr. „Mit Beginn der Corona-Zeit konnte man mal durchatmen, die totale Auszeit habe ich etwa drei Wochen genossen. Aber dann hat man gemerkt: Das zieht sich. Jetzt hofft man einfach ständig auf die nächsten Lockerungen“, wartet er auf die Rückkehr einer Normalität. Am Montag ist er direkt von der Arbeit zum Training gekommen. Fürs Umziehen war keine Zeit. In Firmen-T-Shirt und Cargo-Shorts hält er den beiden anderen Coaches den Rücken frei und kümmert sich um die organisatorischen Dinge. Er führt die Namensliste, achtet auf die Einhaltung der Corona-Regeln, hilft, wenn Maria Schröder zu Vorführzwecken die „Beine“, eine ausgestopfte Judohose, verlangt, und er springt ein, wenn sie einen Partner benötigt, um eine Wurftechnik zu zeigen. Dann streift Dodd die stahlbekappten Arbeitsschuhe ab und schlüpft in die Assistentenrolle. Berührungsangst muss er bei den Übungen nicht haben. Maria Schröder ist auch privat seine Partnerin. Da ist Abstand halten auch beim Judo nicht notwendig. MT-Serie: Training in der Krise Der Sport stand still. Erst nach und nach gibt es für Athleten und Trainer Lockerungen. An einen Normalbetrieb ist trotzdem nicht zu denken. Deshalb gibt die Sportredaktion mit der MT-Serie „Training in der Krise“ weiterhin einen Überblick, wie sich die heimischen Sportler in Zeiten des Coronavirus fit halten.

Training in der Krise: Judo hat ein Abstandsproblem. Das erfordert kreative Lösungen.

Nur in besonderen Konstellationen sind Partnerübung erlaubt, wie hier bei den Trainern Maria Schröder und Martin Dodd. MT- © Foto: Riechmann

Minden. Sanft liegt Nieselregen in der Luft, junge Menschen traben über den feuchten Rasen des Jahn-Sportplatzes. Auch wenn Sporthallen gewohnt sind: Das Training unter freiem Himmel stört sie nicht. Judoka sind offenbar keine Schönwetter-Athleten.

„Es juckt allen in den Fingern, alle wollen, dass es endlich wieder losgeht“, sagt Martin Dodd. Deshalb habe man, sobald es wieder möglich war, „die Matten auf den Rasen geworfen.“ Zunächst mit Online-Training hatte man beim SV 1860 Minden versucht, trotz der Corona-Beschränkungen irgendwie Training zu ermöglichen, berichtet der 33-jährige Judo-Abteilungsleiter. „Das war eine gute Überbrückung, wir bieten das auch immer noch an, aber es war irgendwann klar: Wir brauchen wieder echten Kontakt, wir müssen uns sehen“, erzählt der B-Lizenz-Trainer. Wie gut den Athleten das gemeinsam Training tut, zeigte sich am Montag: Trotz der unsicheren Wetterprognose war klar: „Egal ob es regnet oder nicht, wir trainieren auf jeden Fall.“

Bei schönem Wetter findet das Training direkt auf dem Sportplatz statt. Dort haben die Judoka mehr Platz für "richiges" Training als unter dem Vordach des Vereinsheims. - © Foto: privat
Bei schönem Wetter findet das Training direkt auf dem Sportplatz statt. Dort haben die Judoka mehr Platz für "richiges" Training als unter dem Vordach des Vereinsheims. - © Foto: privat

Nach dem lockeren Aufwärmprogramm auf dem Rasenplatz zwischen Weserufer und Eisenbahnbrücke dirigiert Maria Schröder die Gruppe unter das Vordach des Vereinsheims. Die jungen Athleten schlüpfen in ihre Uwagi, die weiße Judojacke, und schnüren sie mit dem Gürtel (Obi) zusammen. Sie stellen sich auf die mit Abstand zu kleinen Inseln zusammenlegten Matten, die gerade mal ein bis zwei Quadratmeter Platz für die Übungen bieten.

Aufwärmen im Regen: Die Judo-Gruppe nutzt den Jahn-Platz dieses Mal nur für eine kurze Laufeinheit. MT- - © Foto: Riechmann
Aufwärmen im Regen: Die Judo-Gruppe nutzt den Jahn-Platz dieses Mal nur für eine kurze Laufeinheit. MT- - © Foto: Riechmann

Trainerin Maria Schröder unterrichtet die heute 15 Schüler umfassende und äußerst heterogene Gruppe frontal, aber zugleich individuell. Die 26-Jährige formuliert klare Anweisungen und sanfte Korrekturen. „Seio Otoshi“, fordert sie einen jungen Kämpfer, der allein auf seiner Matte steht, zur Trockenübung des Schulterwurfes auf. Fokussiert folgen die Kinder und Jugendlichen in den 90 Trainingsminuten den Instruktionen. Sie haben Spaß. Trotzdem sagt die B-Lizenz-Trainerin: „Das ist ein völlig anderes Training. Die Partner fehlen, die Fläche auf den Matten ist klein. Da geht vieles einfach nicht.“

Improvisation unterm Vordach: Gerd Wilde (links) und Maria Schröder arbeiten mit den jungen Judoka. MT-Fotos: Riechmann
Improvisation unterm Vordach: Gerd Wilde (links) und Maria Schröder arbeiten mit den jungen Judoka. MT-Fotos: Riechmann

Teilweise trainieren die Sportler paarweise, teils alleine. Nur feste Partner und Familienangehörige dürfen gemeinsam arbeiten. Und so hat mancher Judoka Unterstützung von Zuhause dabei. Oliver Bierhaus, Fußballtrainer bei der SV Kutenhausen/Todtenhausen, unterstützt beispielsweise seinen Sohn bei den Partnerübungen. Das erhöht den Spaßfaktor enorm, denn: „Alleine ist das Training nur halb so schön. Im normalen Jugendtraining gibt es das auch gar nicht, da trainiert jeder mit jedem“, sagt Dodd. „Tandoku Renshu, eine Art Judo spezifisches Schattenboxen, und schlichtes Techniktraining, wie es manche Kinder auf den kleinen Mattenquadraten praktizieren müssen, ist nur eine Notlösung.

Genau da liegt das Problem der Judoka: „Judo fängt eigentlich erst an, wenn man seinen Partner anfassen kann“, erzählt Dodd. Und damit genau dort, wo die Corona-Schutzregeln ansetzen. Kampfsportarten wie Judo, Boxen oder Ringen haben ein „Abstandsproblem“ und hängen damit am Ende der Pipeline. Sie dürfen als intensivste aller Kontaktsportarten als Letzte auf die völlige Freigabe ihres Sportes hoffen.

„Es wäre schön, wenn es bald wieder losgehen würde, aber so schnell rechne ich nicht damit“, sagt Gerd Wilde. Der 69-Jährige, der vor rund 50 Jahren beim TV Jahn seine Liebe zum Judosport entdeckte, beschreibt ein weiteres Problem: „Auch die Trainer dürfen die Schüler nicht berühren. Verbale Anleitung ersetzt das richtige Training aber nicht.“ Und so muss Wilde, „Mr. Judo“ beim SV 1860, unter einem weiteren Gebäudeüberstand beim Vorbereitungstraining zur Grün-Gürtel-Prüfung mit zwei älteren Judoka improvisieren.

Überhaupt sei das Training unter freiem Himmel nicht mit dem Hallentraining zu vergleichen. Wo sonst eine riesige Mattenfläche aufgebaut ist und die Sportler miteinander üben, ist nun Abstand angesagt. „32 Quadratmeter pro Paar hat der Verband in der Halle vorgegeben. Da können aber nur ein paar Leute trainieren“, sagt Dodd. Daher gilt: Die 1860-Judoka bleiben bis auf weiteres draußen. „Da gehen wir auf Nummer sicher“, betont Dodd auch den gesundheitlichen Aspekt.

Dodd stammt wie Wilde aus dem TV Jahn Minden. Seit 1995 trainiert er Judo. Er sagt: „Das lebt man irgendwann.“ Mit Gründung des SV 1860 hat er vor vier Jahren die Leitung der zusammengeführten Abteilung übernommen. Das hält ihn geschäftig. Sehr. „Mit Beginn der Corona-Zeit konnte man mal durchatmen, die totale Auszeit habe ich etwa drei Wochen genossen. Aber dann hat man gemerkt: Das zieht sich. Jetzt hofft man einfach ständig auf die nächsten Lockerungen“, wartet er auf die Rückkehr einer Normalität.

Am Montag ist er direkt von der Arbeit zum Training gekommen. Fürs Umziehen war keine Zeit. In Firmen-T-Shirt und Cargo-Shorts hält er den beiden anderen Coaches den Rücken frei und kümmert sich um die organisatorischen Dinge. Er führt die Namensliste, achtet auf die Einhaltung der Corona-Regeln, hilft, wenn Maria Schröder zu Vorführzwecken die „Beine“, eine ausgestopfte Judohose, verlangt, und er springt ein, wenn sie einen Partner benötigt, um eine Wurftechnik zu zeigen. Dann streift Dodd die stahlbekappten Arbeitsschuhe ab und schlüpft in die Assistentenrolle. Berührungsangst muss er bei den Übungen nicht haben. Maria Schröder ist auch privat seine Partnerin. Da ist Abstand halten auch beim Judo nicht notwendig.

MT-Serie: Training in der Krise

Der Sport stand still. Erst nach und nach gibt es für Athleten und Trainer Lockerungen. An einen Normalbetrieb ist trotzdem nicht zu denken. Deshalb gibt die Sportredaktion mit der MT-Serie „Training in der Krise“ weiterhin einen Überblick, wie sich die heimischen Sportler in Zeiten des Coronavirus fit halten.

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