Sportinterview der Woche: Flüchtlingsjunge, elfmaliger Deutscher Meister, NADA-Vorsitzender – ein Gespräch mit Armin Baumert Astrid Plaßhenrich Poing/Minden. Armin Baumert führt das MT-Interview einen Tag vor seinem neunten Zyklus – Chemotherapie. „Ich gehe mit der Krankheit ganz offen um“, sagt der 77-Jährige. In dem anderthalbstündigen Gespräch geht es aber nicht nur um Darmkrebs, sondern auch über seine Kindheit in Petershagen und Minden, seine Karriere als einer der besten Weitspringer Deutschlands in den 60er Jahren und seine Rolle als Vorsitzender der Nationalen Anti-Doping Agentur (NADA). Er spricht von seinem gescheiterten Olympiatraum und von Athleten, die an Folgen des Dopings starben. „Um Doping zu verhindern, müssen wir den Sportlern klarmachen, dass sie mit dem Stigma in allen Bereichen ihres weiteren Lebens weniger Chancen haben. Meine Erfahrung ist, dass man damit mehr erreicht, als ihnen die gesundheitlichen Konsequenzen aufzuzählen“, sagt Baumert. Herr Baumert, wie geht es Ihnen? Den Umständen entsprechend gut. Ich habe eine gute Grundsubstanz, sowohl körperlich als auch geistig. Ich sehe den Krebs als Aufgabe an, ähnlich wie bei einem sportlichen Wettkampf. Und ich werde den Kampf bewältigen, da bin ich sehr, sehr optimistisch. Wie haben Sie die Diagnose aufgenommen? Sie kam aus heiterem Himmel. Ich war jahrzehntelang topfit. Aber Darmkrebs trifft laut Statistik jeden zweiten deutschen Mann – es ist eine Volkskrankheit. Die OP Ende November habe ich sehr gut überstanden. Der Tumor wurde vollständig entfernt, Metastasen hatten sich nicht gebildet. Wie lange wird Sie die Chemotherapie noch begleiten? Ich hoffe, sie im Juni zu beenden. Die Therapie bringt allerlei Nebenwirkungen mit sich: Übelkeit, Appetitlosigkeit, Gewichtsabnahme. Eine andere Nebenwirkung war die Verengung eines Herzkranzgefäßes. Deshalb entschieden die Kardiologen Anfang März, mir einen Stent zu setzen. Auch das lief gut. Ich habe großes Glück, in der Klinik München-Neuperlach bestmöglich behandelt zu werden. Ein Blick zurück: Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Kindheit? Nach unserer Flucht aus Schlesien 1948 lebten wir zunächst in Petershagen, wo ich auch die Volksschule besuchte. Nach der vierten Klasse wechselte ich 1954 ans Besselgymnasium. Das war bereits damals ein Hotspot für den Sport, besonders für Handball und Rudern. Für einen Flüchtlingsjungen war der Sprung auf das Gymnasium ein außergewöhnlicher Weg. Denn die einheimischen Ostwestfalen waren anfänglich nicht aufnahmefreudig. Spielte der Sport bei Ihnen schon immer eine große Rolle? Ja, als Leichtathlet von Eintracht Minden machte ich bereits sehr früh mit meinen Leistungen überkreislich auf mich aufmerksam. Als 16-Jähriger bin ich 1959 bei den deutschen Jugendmeisterschaften in Offenburg gestartet. Viel wichtiger als der Wettkampf war allerdings das deutsch-französische Jugendlager. Dort durften wir unseren früheren Gegnern die Hand reichen und trugen ein Stückweit dazu bei, die Freundschaft der beiden Länder aufzubauen. Zudem hatten wir durch den Sport die Chance, aus Minden herauszukommen. Wie ging es weiter? Bei den deutschen Jugendmeisterschaften in Neuwied belegte ich ein Jahr später im Weitsprung den vierten Platz. Das war mein erster großer Erfolg für Eintracht. Es folgte wenig später am 13. Juli 1960 im Stadion Rote Erde in Dortmund ein Highlight meiner Laufbahn. Bei den Bannerwettkämpfen gewann ich für das Besselgymnasium mit 7,15 Meter. Für mich ist das ein sehr wichtiges Datum, weil der damalige DSB-Präsident Willi Daume nach dem Wettkampf davon sprach, einige der Athleten in Tokio 1964 wiederzusehen. Er nannte keine Namen, aber das war von da an mein Ziel. Wie haben Sie darauf hingearbeitet? Ich bin mit der Mittleren Reife 1961 von der Schule gegangen und zu Bayer Leverkusen gewechselt. Da habe ich eine Ausbildung als Chemielaborant absolviert. Gleichzeitig stellten sich die sportlichen Erfolge in der Leichtathletik ein. Sie waren elfmal Deutscher Meister, sprangen in der Halle mit 7,72 Meter 1966 in Kiel Deutschen Rekord, verbesserten diesen im gleichen Jahr auf 7,79 Meter bei den ersten Europäischen Hallenspielen in Dortmund. Bereits 1963 waren Sie Internationaler Britischer Hallenmeister. Warum blieb Ihnen als Athlet der Traum von Olympia unerfüllt? Ich bin Ende August 1964 in Jena bei den Ausscheidungswettkämpfen zur Bildung der gesamtdeutschen Mannschaft für Tokio knapp gescheitert. Acht Athleten, vier Wessis und vier Ossis, sprangen um drei Tickets. Ich lag bis zum letzten Versuch mit 7,49 Meter auf Platz drei. Dann sprang der Kieler Hans-Helmut Trense vier Zentimeter weiter. Das Pikante war, dass ein befreundeter Funktionär an der Grube sah, dass das Kampfgericht das Stoffbandmaß nicht richtig stramm gezogen hatte. Fühlen Sie sich um Ihre Olympiateilnahme betrogen? Nein. Das war für mich die echte Leichtathletik. Es wurde gemessen, und dann stand das Ergebnis fest. Es wurde hinter den Kulissen nicht gemauschelt oder Noten gewürfelt wie beim Turnen. Ich habe nie unter dieser scheinbaren Niederlage gelitten, im Gegenteil: Denn dadurch, dass ich nur Ersatzmann für Tokio war, habe ich mich entschlossen, in Köln an der Sporthochschule die Aufnahmeprüfung abzulegen. Das war der Grundstein für meine berufliche Karriere. Hatten Sie 1968 noch einmal die Chance auf die Olympiateilnahme? Leider nicht. Ich war auf einem richtig guten Weg. Die Acht-Meter-Marke war im Bereich meines Leistungsspektrums. Aber beim Hockeytraining im Studium habe ich einen Schläger vor mein linkes Schienbein bekommen. Ich habe mir nichts dabei gedacht. Die Saison 1966 konnte ich allerdings nur mit Schmerzen zu Ende bringen, verpasste die EM und habe mich erst mehrere Monate später untersuchen lassen. Die Diagnose: ein angebrochenes Schienbein. Danach habe ich vom linken auf das rechte Sprungbein umgestellt, konnte aber nicht mehr an meine Leistungen anknüpfen. Aber auch das stellte sich als Glück heraus. Warum? Ich kam nie in die Versuchung zu dopen. Das wurde in der Zeit immer mehr, auch bei uns in Leverkusen. Rückblickend spreche ich mich nicht frei, dass ich von Anabolika und Steroiden die Finger gelassen hätte. Von den gesundheitlichen Folgen hatten wir ja noch gar keine Ahnung. Wann wurden Ihnen diese bewusst? Das war ein schleichender Prozess. Immer wieder wurde ich damit konfrontiert. Besonders schmerzlich war der Tod der Siebenkämpferin Birgit Dressels 1987 und der des Hammerwerfers Uwe Beyer 1993, weil ich sie persönlich kannte. Die Doping-Schicksale von Dieter Baumann, Jan Ulrich oder Uta Pippig haben mich auch sehr bewegt. Die können noch so viele Gerichtsprozesse gewinnen, sie werden für immer gebrandmarkt bleiben. Waren das Gründe, warum Sie 2007 Ihrem Ruhestand zurückkehrten und sich zum NADA-Vorsitzenden wählen ließen? Doping ist die Geißel des Sports. Deshalb brauchen wir im Kampf dagegen Menschen, die wissen wie es hinter den Kulissen läuft. Das Wissen hatte ich als langjähriger Sportfunktionär. Es gilt, die Sportler zu schützen. Wir müssen ihnen beibringen, Doping abzulehnen. Birgit Dressler war eine kluge, toughe Frau, aber auch sie konnte nicht Nein sagen, obwohl sie bereits damals die Konsequenzen kannte. Dazu muss das System um den Sportler trocken gelegt werden, das das Doping ermöglicht. Das Umfeld, Trainer, Berater, Ärzte sehen Sportler nur als Kapital an, das ersetzt werden kann, sobald es nicht mehr funktioniert. Seitdem Tennis 1981 ins Olympische Programm aufgenommen wurde, geht es im Sport leider nur noch um Macht und Geld. Ist es in der aktuellen Corona-Zeit für Sportler leichter zu dopen? Für denjenigen, der dopen will, war es immer leicht, weil er genau weiß, wie er vorgehen muss. Das System ist inzwischen sehr ausgeklügelt. In Deutschland gehen wir mit den Kontrollen einen konsequenten Weg, im Rest der Welt gilt dieser aber nicht. Die großen Umsätze mit Doping entstehen aber auch nicht im Leistungs-, sondern im Breiten-, Freizeit- und Fitnesssport. Welche Auswirkungen hat Corona Ihrer Meinung nach auf den Sport? Corona ist nicht der einzige globale Einfluss, der die Welt aktuell massivst verändert. Meine Hoffnung ist, dass der Sport wieder zur schönsten Nebensache der Welt wird. Meine Generation hatte das Glück, keinen Druck zu haben, dass uns kein Funktionär befohlen hat. Fußballer, Tennisspieler und andere Leistungssportler leben heute in Blasen. Diese werden durch Corona hoffentlich platzen. Welche Bedeutung hat Minden und Umgebung heute für Sie? Hier habe ich das Fundament für meinen Lebensweg gelegt. Dafür bin ich Minden, den Menschen und dem Sport sehr dankbar. Deshalb ist es für mich auch eine Herzensangelegenheit, Minden bald mal wieder zu besuchen. Renommierter Sportfunktionär Das MT berichtete erstmals am 14. September 1953 über Armin Baumert: Der damals Zehnjährige holte bei den Bundesjugendspielen des nördlichen Amtsbezirks (Eldagsen, Maaslingen, Petershagen, Meßlingen, Ovenstädt, Hävern und Buchholz) den ersten Platz in seinem Jahrgang. Friedel Schirmer, Zehnkämpfer und Fahnenträger der deutschen Mannschaft bei den Olympischen Spielen 1954 in Helsinki, entdeckte Baumert 1956 bei Bundesjugendspielen. Daraufhin trat er beim TuS Eintracht Minden ein. Sein Weitsprung über die 7,15 Meter bei den Bannerwettkämpfen, den Vergleichswettkämpfen der Schulen, war von 1960 bis 2017 Mindener Kreisrekord in der Altersklasse U18. Dann sprang Maximilian Busse einen Zentimeter weiter. Bei Bayer Leverkusen trainierte ihn Bert Sumser, der auch den Sprinter Armin Hary zu Weltrekord und Olympiasieg führte. Sumser wurde für Baumert zu einem väterlichen Freund. Während seines Studiums an der Sporthochschule Köln war Baumerts Dozent im Fußball Hennes Weisweiler, Gladbachs viermaliger Meistertrainer. Baumert wurde 1971 Lehrer am Megina-Gymnasium in Mayen in der Eifel. Fünf Jahre später begann seine Sportfunktionärs-Laufbahn. Er wechselte als Leitender Landestrainer zum Berliner Leichtathletik-Verband. 1978 zog es Baumert als hauptamtlichen Referenten für Leistungssport und Sportwissenschaften zum Landessportbund Rheinland-Pfalz. Als Leiter des Olympiastützpunktes kehrte er 1987 nach Berlin zurück und trug maßgeblich zur Wiedervereinigung des Berliner Sports bei. Von 1995 bis 2004 war Armin Baumert schließlich Leitender Direktor und Geschäftsführer im Bereich Leistungssport des DSB in Frankfurt unter der Präsidentschaft von Manfred von Richthofen. Bei den Olympischen Spielen 1996 in Atlanta und 2000 in Sydney erfüllte sich sein Olympiatraum doch noch: Er war stellvertretender Chef de Mission des deutschen Olympiateams. Von 2007 bis 2011 war Baumert ehrenamtlicher Vorsitzender der Nationalen Doping-Agentur. Er erhielt 2012 das Bundesverdienstkreuz für seine Verdienste um den humanen Leistungssport. Geboren am 20. April 1943 in Grünberg (Schlesien), wohnt Armin Baumert heute im bayrischen Poing. Seine Tochter Lara und Frau Andrea leben getrennt von ihm in München. „Wir haben aber ein ausgezeichnetes Verhältnis, und dafür bin ich unter den gegenwärtigen Umständen besonders dankbar“, betont er. (apl)

Sportinterview der Woche: Flüchtlingsjunge, elfmaliger Deutscher Meister, NADA-Vorsitzender – ein Gespräch mit Armin Baumert

Poing/Minden. Armin Baumert führt das MT-Interview einen Tag vor seinem neunten Zyklus – Chemotherapie. „Ich gehe mit der Krankheit ganz offen um“, sagt der 77-Jährige. In dem anderthalbstündigen Gespräch geht es aber nicht nur um Darmkrebs, sondern auch über seine Kindheit in Petershagen und Minden, seine Karriere als einer der besten Weitspringer Deutschlands in den 60er Jahren und seine Rolle als Vorsitzender der Nationalen Anti-Doping Agentur (NADA). Er spricht von seinem gescheiterten Olympiatraum und von Athleten, die an Folgen des Dopings starben. „Um Doping zu verhindern, müssen wir den Sportlern klarmachen, dass sie mit dem Stigma in allen Bereichen ihres weiteren Lebens weniger Chancen haben. Meine Erfahrung ist, dass man damit mehr erreicht, als ihnen die gesundheitlichen Konsequenzen aufzuzählen“, sagt Baumert.

An seinem 77. Geburtstag am 20. April kommunizierte Armin Baumert seine Krankheit in der Öffentlichkeit und sammelte mittels einer Spendenaktion 1.150 Euro für die Deutsche Krebshilfe. Das Foto entstand im Zuge des Projekts. - © Foto: Lara Baumert/privat
An seinem 77. Geburtstag am 20. April kommunizierte Armin Baumert seine Krankheit in der Öffentlichkeit und sammelte mittels einer Spendenaktion 1.150 Euro für die Deutsche Krebshilfe. Das Foto entstand im Zuge des Projekts. - © Foto: Lara Baumert/privat

Herr Baumert, wie geht es Ihnen?

Den Umständen entsprechend gut. Ich habe eine gute Grundsubstanz, sowohl körperlich als auch geistig. Ich sehe den Krebs als Aufgabe an, ähnlich wie bei einem sportlichen Wettkampf. Und ich werde den Kampf bewältigen, da bin ich sehr, sehr optimistisch.

Wie haben Sie die Diagnose aufgenommen?

Sie kam aus heiterem Himmel. Ich war jahrzehntelang topfit. Aber Darmkrebs trifft laut Statistik jeden zweiten deutschen Mann – es ist eine Volkskrankheit. Die OP Ende November habe ich sehr gut überstanden. Der Tumor wurde vollständig entfernt, Metastasen hatten sich nicht gebildet.

Wie lange wird Sie die Chemotherapie noch begleiten?

Ich hoffe, sie im Juni zu beenden. Die Therapie bringt allerlei Nebenwirkungen mit sich: Übelkeit, Appetitlosigkeit, Gewichtsabnahme. Eine andere Nebenwirkung war die Verengung eines Herzkranzgefäßes. Deshalb entschieden die Kardiologen Anfang März, mir einen Stent zu setzen. Auch das lief gut. Ich habe großes Glück, in der Klinik München-Neuperlach bestmöglich behandelt zu werden.

Ein Blick zurück: Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Kindheit?

Nach unserer Flucht aus Schlesien 1948 lebten wir zunächst in Petershagen, wo ich auch die Volksschule besuchte. Nach der vierten Klasse wechselte ich 1954 ans Besselgymnasium. Das war bereits damals ein Hotspot für den Sport, besonders für Handball und Rudern. Für einen Flüchtlingsjungen war der Sprung auf das Gymnasium ein außergewöhnlicher Weg. Denn die einheimischen Ostwestfalen waren anfänglich nicht aufnahmefreudig.

Spielte der Sport bei Ihnen schon immer eine große Rolle?

Ja, als Leichtathlet von Eintracht Minden machte ich bereits sehr früh mit meinen Leistungen überkreislich auf mich aufmerksam. Als 16-Jähriger bin ich 1959 bei den deutschen Jugendmeisterschaften in Offenburg gestartet. Viel wichtiger als der Wettkampf war allerdings das deutsch-französische Jugendlager. Dort durften wir unseren früheren Gegnern die Hand reichen und trugen ein Stückweit dazu bei, die Freundschaft der beiden Länder aufzubauen. Zudem hatten wir durch den Sport die Chance, aus Minden herauszukommen.

Wie ging es weiter?

Bei den deutschen Jugendmeisterschaften in Neuwied belegte ich ein Jahr später im Weitsprung den vierten Platz. Das war mein erster großer Erfolg für Eintracht. Es folgte wenig später am 13. Juli 1960 im Stadion Rote Erde in Dortmund ein Highlight meiner Laufbahn. Bei den Bannerwettkämpfen gewann ich für das Besselgymnasium mit 7,15 Meter. Für mich ist das ein sehr wichtiges Datum, weil der damalige DSB-Präsident Willi Daume nach dem Wettkampf davon sprach, einige der Athleten in Tokio 1964 wiederzusehen. Er nannte keine Namen, aber das war von da an mein Ziel.

Wie haben Sie darauf hingearbeitet?

Ich bin mit der Mittleren Reife 1961 von der Schule gegangen und zu Bayer Leverkusen gewechselt. Da habe ich eine Ausbildung als Chemielaborant absolviert. Gleichzeitig stellten sich die sportlichen Erfolge in der Leichtathletik ein.

Sie waren elfmal Deutscher Meister, sprangen in der Halle mit 7,72 Meter 1966 in Kiel Deutschen Rekord, verbesserten diesen im gleichen Jahr auf 7,79 Meter bei den ersten Europäischen Hallenspielen in Dortmund. Bereits 1963 waren Sie Internationaler Britischer Hallenmeister. Warum blieb Ihnen als Athlet der Traum von Olympia unerfüllt?

Ich bin Ende August 1964 in Jena bei den Ausscheidungswettkämpfen zur Bildung der gesamtdeutschen Mannschaft für Tokio knapp gescheitert. Acht Athleten, vier Wessis und vier Ossis, sprangen um drei Tickets. Ich lag bis zum letzten Versuch mit 7,49 Meter auf Platz drei. Dann sprang der Kieler Hans-Helmut Trense vier Zentimeter weiter. Das Pikante war, dass ein befreundeter Funktionär an der Grube sah, dass das Kampfgericht das Stoffbandmaß nicht richtig stramm gezogen hatte.

Fühlen Sie sich um Ihre Olympiateilnahme betrogen?

Nein. Das war für mich die echte Leichtathletik. Es wurde gemessen, und dann stand das Ergebnis fest. Es wurde hinter den Kulissen nicht gemauschelt oder Noten gewürfelt wie beim Turnen. Ich habe nie unter dieser scheinbaren Niederlage gelitten, im Gegenteil: Denn dadurch, dass ich nur Ersatzmann für Tokio war, habe ich mich entschlossen, in Köln an der Sporthochschule die Aufnahmeprüfung abzulegen. Das war der Grundstein für meine berufliche Karriere.

Hatten Sie 1968 noch einmal die Chance auf die Olympiateilnahme?

Leider nicht. Ich war auf einem richtig guten Weg. Die Acht-Meter-Marke war im Bereich meines Leistungsspektrums. Aber beim Hockeytraining im Studium habe ich einen Schläger vor mein linkes Schienbein bekommen. Ich habe mir nichts dabei gedacht. Die Saison 1966 konnte ich allerdings nur mit Schmerzen zu Ende bringen, verpasste die EM und habe mich erst mehrere Monate später untersuchen lassen. Die Diagnose: ein angebrochenes Schienbein. Danach habe ich vom linken auf das rechte Sprungbein umgestellt, konnte aber nicht mehr an meine Leistungen anknüpfen. Aber auch das stellte sich als Glück heraus.

Warum?

Ich kam nie in die Versuchung zu dopen. Das wurde in der Zeit immer mehr, auch bei uns in Leverkusen. Rückblickend spreche ich mich nicht frei, dass ich von Anabolika und Steroiden die Finger gelassen hätte. Von den gesundheitlichen Folgen hatten wir ja noch gar keine Ahnung.

Wann wurden Ihnen diese bewusst?

Das war ein schleichender Prozess. Immer wieder wurde ich damit konfrontiert. Besonders schmerzlich war der Tod der Siebenkämpferin Birgit Dressels 1987 und der des Hammerwerfers Uwe Beyer 1993, weil ich sie persönlich kannte. Die Doping-Schicksale von Dieter Baumann, Jan Ulrich oder Uta Pippig haben mich auch sehr bewegt. Die können noch so viele Gerichtsprozesse gewinnen, sie werden für immer gebrandmarkt bleiben.

Waren das Gründe, warum Sie 2007 Ihrem Ruhestand zurückkehrten und sich zum NADA-Vorsitzenden wählen ließen?

Doping ist die Geißel des Sports. Deshalb brauchen wir im Kampf dagegen Menschen, die wissen wie es hinter den Kulissen läuft. Das Wissen hatte ich als langjähriger Sportfunktionär. Es gilt, die Sportler zu schützen. Wir müssen ihnen beibringen, Doping abzulehnen. Birgit Dressler war eine kluge, toughe Frau, aber auch sie konnte nicht Nein sagen, obwohl sie bereits damals die Konsequenzen kannte. Dazu muss das System um den Sportler trocken gelegt werden, das das Doping ermöglicht. Das Umfeld, Trainer, Berater, Ärzte sehen Sportler nur als Kapital an, das ersetzt werden kann, sobald es nicht mehr funktioniert. Seitdem Tennis 1981 ins Olympische Programm aufgenommen wurde, geht es im Sport leider nur noch um Macht und Geld.

Ist es in der aktuellen Corona-Zeit für Sportler leichter zu dopen?

Für denjenigen, der dopen will, war es immer leicht, weil er genau weiß, wie er vorgehen muss. Das System ist inzwischen sehr ausgeklügelt. In Deutschland gehen wir mit den Kontrollen einen konsequenten Weg, im Rest der Welt gilt dieser aber nicht. Die großen Umsätze mit Doping entstehen aber auch nicht im Leistungs-, sondern im Breiten-, Freizeit- und Fitnesssport.

Welche Auswirkungen hat Corona Ihrer Meinung nach auf den Sport?

Corona ist nicht der einzige globale Einfluss, der die Welt aktuell massivst verändert. Meine Hoffnung ist, dass der Sport wieder zur schönsten Nebensache der Welt wird. Meine Generation hatte das Glück, keinen Druck zu haben, dass uns kein Funktionär befohlen hat. Fußballer, Tennisspieler und andere Leistungssportler leben heute in Blasen. Diese werden durch Corona hoffentlich platzen.

Welche Bedeutung hat Minden und Umgebung heute für Sie?

Hier habe ich das Fundament für meinen Lebensweg gelegt. Dafür bin ich Minden, den Menschen und dem Sport sehr dankbar. Deshalb ist es für mich auch eine Herzensangelegenheit, Minden bald mal wieder zu besuchen.

Renommierter Sportfunktionär

Das MT berichtete erstmals am 14. September 1953 über Armin Baumert: Der damals Zehnjährige holte bei den Bundesjugendspielen des nördlichen Amtsbezirks (Eldagsen, Maaslingen, Petershagen, Meßlingen, Ovenstädt, Hävern und Buchholz) den ersten Platz in seinem Jahrgang.

Friedel Schirmer, Zehnkämpfer und Fahnenträger der deutschen Mannschaft bei den Olympischen Spielen 1954 in Helsinki, entdeckte Baumert 1956 bei Bundesjugendspielen. Daraufhin trat er beim TuS Eintracht Minden ein.

Sein Weitsprung über die 7,15 Meter bei den Bannerwettkämpfen, den Vergleichswettkämpfen der Schulen, war von 1960 bis 2017 Mindener Kreisrekord in der Altersklasse U18. Dann sprang Maximilian Busse einen Zentimeter weiter.

Bei Bayer Leverkusen trainierte ihn Bert Sumser, der auch den Sprinter Armin Hary zu Weltrekord und Olympiasieg führte. Sumser wurde für Baumert zu einem väterlichen Freund.

Während seines Studiums an der Sporthochschule Köln war Baumerts Dozent im Fußball Hennes Weisweiler, Gladbachs viermaliger Meistertrainer.

Baumert wurde 1971 Lehrer am Megina-Gymnasium in Mayen in der Eifel. Fünf Jahre später begann seine Sportfunktionärs-Laufbahn. Er wechselte als Leitender Landestrainer zum Berliner Leichtathletik-Verband. 1978 zog es Baumert als hauptamtlichen Referenten für Leistungssport und Sportwissenschaften zum Landessportbund Rheinland-Pfalz. Als Leiter des Olympiastützpunktes kehrte er 1987 nach Berlin zurück und trug maßgeblich zur Wiedervereinigung des Berliner Sports bei. Von 1995 bis 2004 war Armin Baumert schließlich Leitender Direktor und Geschäftsführer im Bereich Leistungssport des DSB in Frankfurt unter der Präsidentschaft von Manfred von Richthofen.

Bei den Olympischen Spielen 1996 in Atlanta und 2000 in Sydney erfüllte sich sein Olympiatraum doch noch: Er war stellvertretender Chef de Mission des deutschen Olympiateams.

Von 2007 bis 2011 war Baumert ehrenamtlicher Vorsitzender der Nationalen Doping-Agentur. Er erhielt 2012 das Bundesverdienstkreuz für seine Verdienste um den humanen Leistungssport.

Geboren am 20. April 1943 in Grünberg (Schlesien), wohnt Armin Baumert heute im bayrischen Poing. Seine Tochter Lara und Frau Andrea leben getrennt von ihm in München. „Wir haben aber ein ausgezeichnetes Verhältnis, und dafür bin ich unter den gegenwärtigen Umständen besonders dankbar“, betont er. (apl)

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