Sport-Rückblicke: Vor 15 Jahren feierte das Feuerwerk der Turnkunst mit der "Dolce Vita"-Tour Premiere in Minden Thomas Kühlmann Minden. Der Beifall wollte kein Ende nehmen, die fast 4.000 Zuschauer in der ausverkauften Kampa-Halle standen schon lange, als die Alexis Brothers die Auftakt-Show des Feuerwerks der Turnkunst in Minden vor 15 Jahren im Januar 2007 mit einer atemberaubenden Partnerakrobatik beendeten. Ein würdiges Finale. Doch bevor die beiden mit ihren unvergleichlichen, gleichermaßen unfassbar kraftvollen und dabei ästhetischen Bewegungen im Zeitlupentempo die Massen von den Sitzen rissen, gab es bereits zahlreiche Programmpunkte, die in ihrer Gesamtheit eine hochkarätige und wundervoll unterhaltsame Mischung ergaben. „La Dolce Vita – das süße Leben“ wurde seinerzeit zum 20. Geburtstag der Tournee des Niedersächsischen Turnerbundes in allen Variationen zelebriert. Facettenreich und bunt ging es zu auf der Bühne, mal tänzerisch, mal akrobatisch, mal kraftvoll oder verspielt. Regisseurin Heidi Aguilar hatte es liebevoll und logisch inszeniert. Ein Genuss für die Augen. Und dabei wurde die Basis, das turnerische Element, trotz der unübersehbaren Professionalisierung, trotz der Öffnung für circensische und besonders glamouröse Momente, nicht vergessen. Das zeigten Artem Ghazaryan und Thomas Greifenstein, zwei Bundesligaturner, mit bewundernswerter Coolness und Charme an klassischen Turngeräten. Konstantin Mouraviev hatte das Rhönrad zu seinem erklärten Sportgerät erwählt und Boytsov den russischen Barren. Dazu bunte Lichter, gleißende Spots, passende Musik – und schon wurden Geschichten dargestellt. Für einen ganz besonderen Moment sorgte Alona Jouravel. Die 15-Jährige interpretierte das turnerische Element des Handstandes mit einer Mischung aus Akrobatik und Erotik – und alles in einem Quader aus Stahl, der zu ihrem Turngerät wurde. Als hintergründiger Wortakrobat verband der Clown Housch-Ma-Housch die einzelnen Darbietungen. Sein Abschiedskommentar war kurz und passend: „Wow“. Neun Jahre lang gaben sich Show-Acts der Superlative und Turnstars aus dem Leistungsbereich, ergänzt durch Aktive der Showgruppe des Niedersächsischen Turnerbundes, in Minden die Klinke in die Hand. Zudem hatten in diesen Jahren auch die Turnerinnen aus den heimischen Sportvereinen Tuspo Meißen, TG Vennebeck und TV Hille bei den Events regelmäßig ihre großen Auftritte und begeisterten die Fans in der jedes Mal ausverkauften Kampa-Halle mit ihren verschiedenen Choreographien. 2015 war jedoch nach der „Vertigo-Tour“ Schluss. Aus einfachem Grund: Die Kampa-Halle war für die immer spektakuläreren Acts wegen der Statik und der zu geringen Höhe schlichtweg nicht mehr tauglich. Zum Abschied zeigte das mitunter spektakuläre Akrobatik-Spektakel, warum es dem Zweckbau an der Hahler Straße entwachsen war. „Vier Nummern standen zur Disposition“, sagte Produktionsleiter Wolfram Wehr-Reinhold seinerzeit im MT-Gespräch, „Für Minden müssen wir immer in die Trickkiste greifen“. Betroffen waren zwei Nummern unter dem Hallendach sowie zwei weitere mit hohem Abspanngewicht. Vor allem bei der Strapaten-Vorführung von Stephan Melnyk mussten die Manegen-Manager improvisieren: Während der Artist sonst von einem Motor hochgezogen wurde, hievten ihn in Minden vier starke Männer aus dem Tour-Team in die Luft. „Wir haben eigentlich eine spezielle Künstler-Traverse, die wir hier aber nicht aufhängen können“, erklärte Wehr-Reinhold. Davon betroffen war auch Lisa Rinne: Ihre Strickleiter mit schwingendem Trapez wurde einfach an einem Stahlträger der Kampa-Halle befestigt. Mit viel Aufwand machte das Feuerwerk-Team auch die Auftritte der Gruppe „Rokashkov“ am Vierer-Reck sowie von „Marcel et ses Droles Femmes“ im Fangstuhl möglich. So kam Minden zum Abschied in den Genuss des vollen mehr als zweistündigen Programms, das von Jahr zu Jahr spektakulärer wurde.Ursprünglich war das Feuerwerk der Turnkunst ein Dankeschön. Als Würdigung ihrer Leistungen lud der Niedersächsische Turner-Bund (NTB) 1988 erstmals Ehrenamtliche seiner Vereine zu einer Neujahrsschau in die Stadionsporthalle Hannover. In den folgenden Jahren entwickelte sich das Feuerwerk langsam weiter: 1990 gab es in Hameln erstmals einen zweiten Auftrittsort, 1994 folgte die erste kleine Tournee durch fünf Städte. Das Programm wuchs, bestand aber hauptsächlich aus Turnern niedersächsischer Vereine. In den folgenden Jahren expandierte das Feuerwerk weiter und hatte 2000 schon 16 Vorstellungen – unter anderem die NRW-Premiere in Bielefeld. Das Programm wurde zunehmend internationaler und bot mit der Zeit auch Varieté-Elemente. Der Erfolg riss nicht ab, mittlerweile gastiert das Feuerwerk in den großen Arenen der gesamten Republik. Westfalenhalle Dortmund, Barclaycard-Arena Hamburg, Olympiahalle München – auch dank dieser Auftrittsorte kommt die Veranstaltung auf mehr als zwei Millionen Zuschauer. Allerdings musste sich auch das Feuerwerk der Turnkunst der Corona-Pandemie beugen, denn bereits zum dritten Mal musste jüngst die „Hard Beat“-Tournee abgesagt werden – sehr zum Leidwesen der Künstler, aber auch der Zuschauer in ganz Deutschland. 2023 will Europas erfolgreichste Turnshow mit der „Spirit“-Show einen Neuanfang starten. Historische Seite auf MT.de

Sport-Rückblicke: Vor 15 Jahren feierte das Feuerwerk der Turnkunst mit der "Dolce Vita"-Tour Premiere in Minden

Turnerische Höchstleistungen, wie hier 2007 bei der Premiere in der Kampa-Halle, hatte das Feuerwerk der Turnkunst ebenso im Programm wie Akrobatik-Acts. MT-Foto: Archiv/Thomas Kühlmann

Minden. Der Beifall wollte kein Ende nehmen, die fast 4.000 Zuschauer in der ausverkauften Kampa-Halle standen schon lange, als die Alexis Brothers die Auftakt-Show des Feuerwerks der Turnkunst in Minden vor 15 Jahren im Januar 2007 mit einer atemberaubenden Partnerakrobatik beendeten. Ein würdiges Finale.

Doch bevor die beiden mit ihren unvergleichlichen, gleichermaßen unfassbar kraftvollen und dabei ästhetischen Bewegungen im Zeitlupentempo die Massen von den Sitzen rissen, gab es bereits zahlreiche Programmpunkte, die in ihrer Gesamtheit eine hochkarätige und wundervoll unterhaltsame Mischung ergaben. „La Dolce Vita – das süße Leben“ wurde seinerzeit zum 20. Geburtstag der Tournee des Niedersächsischen Turnerbundes in allen Variationen zelebriert. Facettenreich und bunt ging es zu auf der Bühne, mal tänzerisch, mal akrobatisch, mal kraftvoll oder verspielt. Regisseurin Heidi Aguilar hatte es liebevoll und logisch inszeniert. Ein Genuss für die Augen. Und dabei wurde die Basis, das turnerische Element, trotz der unübersehbaren Professionalisierung, trotz der Öffnung für circensische und besonders glamouröse Momente, nicht vergessen. Das zeigten Artem Ghazaryan und Thomas Greifenstein, zwei Bundesligaturner, mit bewundernswerter Coolness und Charme an klassischen Turngeräten. Konstantin Mouraviev hatte das Rhönrad zu seinem erklärten Sportgerät erwählt und Boytsov den russischen Barren. Dazu bunte Lichter, gleißende Spots, passende Musik – und schon wurden Geschichten dargestellt. Für einen ganz besonderen Moment sorgte Alona Jouravel. Die 15-Jährige interpretierte das turnerische Element des Handstandes mit einer Mischung aus Akrobatik und Erotik – und alles in einem Quader aus Stahl, der zu ihrem Turngerät wurde. Als hintergründiger Wortakrobat verband der Clown Housch-Ma-Housch die einzelnen Darbietungen. Sein Abschiedskommentar war kurz und passend: „Wow“.

Neun Jahre lang gaben sich Show-Acts der Superlative und Turnstars aus dem Leistungsbereich, ergänzt durch Aktive der Showgruppe des Niedersächsischen Turnerbundes, in Minden die Klinke in die Hand. Zudem hatten in diesen Jahren auch die Turnerinnen aus den heimischen Sportvereinen Tuspo Meißen, TG Vennebeck und TV Hille bei den Events regelmäßig ihre großen Auftritte und begeisterten die Fans in der jedes Mal ausverkauften Kampa-Halle mit ihren verschiedenen Choreographien.

2015 war jedoch nach der „Vertigo-Tour“ Schluss. Aus einfachem Grund: Die Kampa-Halle war für die immer spektakuläreren Acts wegen der Statik und der zu geringen Höhe schlichtweg nicht mehr tauglich. Zum Abschied zeigte das mitunter spektakuläre Akrobatik-Spektakel, warum es dem Zweckbau an der Hahler Straße entwachsen war.

„Vier Nummern standen zur Disposition“, sagte Produktionsleiter Wolfram Wehr-Reinhold seinerzeit im MT-Gespräch, „Für Minden müssen wir immer in die Trickkiste greifen“. Betroffen waren zwei Nummern unter dem Hallendach sowie zwei weitere mit hohem Abspanngewicht. Vor allem bei der Strapaten-Vorführung von Stephan Melnyk mussten die Manegen-Manager improvisieren: Während der Artist sonst von einem Motor hochgezogen wurde, hievten ihn in Minden vier starke Männer aus dem Tour-Team in die Luft.

„Wir haben eigentlich eine spezielle Künstler-Traverse, die wir hier aber nicht aufhängen können“, erklärte Wehr-Reinhold. Davon betroffen war auch Lisa Rinne: Ihre Strickleiter mit schwingendem Trapez wurde einfach an einem Stahlträger der Kampa-Halle befestigt. Mit viel Aufwand machte das Feuerwerk-Team auch die Auftritte der Gruppe „Rokashkov“ am Vierer-Reck sowie von „Marcel et ses Droles Femmes“ im Fangstuhl möglich. So kam Minden zum Abschied in den Genuss des vollen mehr als zweistündigen Programms, das von Jahr zu Jahr spektakulärer wurde.

Ursprünglich war das Feuerwerk der Turnkunst ein Dankeschön. Als Würdigung ihrer Leistungen lud der Niedersächsische Turner-Bund (NTB) 1988 erstmals Ehrenamtliche seiner Vereine zu einer Neujahrsschau in die Stadionsporthalle Hannover. In den folgenden Jahren entwickelte sich das Feuerwerk langsam weiter: 1990 gab es in Hameln erstmals einen zweiten Auftrittsort, 1994 folgte die erste kleine Tournee durch fünf Städte. Das Programm wuchs, bestand aber hauptsächlich aus Turnern niedersächsischer Vereine.

In den folgenden Jahren expandierte das Feuerwerk weiter und hatte 2000 schon 16 Vorstellungen – unter anderem die NRW-Premiere in Bielefeld. Das Programm wurde zunehmend internationaler und bot mit der Zeit auch Varieté-Elemente. Der Erfolg riss nicht ab, mittlerweile gastiert das Feuerwerk in den großen Arenen der gesamten Republik. Westfalenhalle Dortmund, Barclaycard-Arena Hamburg, Olympiahalle München – auch dank dieser Auftrittsorte kommt die Veranstaltung auf mehr als zwei Millionen Zuschauer.

Allerdings musste sich auch das Feuerwerk der Turnkunst der Corona-Pandemie beugen, denn bereits zum dritten Mal musste jüngst die „Hard Beat“-Tournee abgesagt werden – sehr zum Leidwesen der Künstler, aber auch der Zuschauer in ganz Deutschland. 2023 will Europas erfolgreichste Turnshow mit der „Spirit“-Show einen Neuanfang starten.

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