Sport-Rückblicke: Bernhard Knubel ist bis heute der einzige Olympiasieger im Mindener Land - vor 60 Jahren holte er in Rom Gold Astrid Plaßhenrich Minden/Petershagen. Die Party ging bis Mitternacht. Bernhard Knubel und Heinz Renneberg hatten sich am Samstagabend, den 3. September 1960, einige Bier gegönnt. Dazu hatten sie auch allen Grund. Wenige Stunden zuvor hatten die beiden Ruderer zusammen mit Klaus Zerta die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen in Rom im Zweier mit Steuermann gewonnen. Knubel war in Petershagen aufgewachsen, lernte das Rudern beim Mindener Ruderverein und gilt bis dato als einziger Olympiasieger im Mindener Land. Es war der sportliche Höhepunkt im kurzen Leben des 1,97 Meter langen Modellathleten, das auch von traurigen Momenten geprägt war. An jenem 3. September vor 60 Jahren schien die Sonne in Castel Gandolfo. Der Albaner See zu Füßen des päpstlichen Sommersitzes lag ruhig. Mehr als 20.000 Zuschauer, darunter IOC-Präsident Avery Brundage und die niederländische Königin Juliane, säumten die Regattastrecke, die etwa 25 Kilometer von der italienischen Hauptstadt entfernt liegt. Bei optimalen Bedingungen und vor der stimmungsvollen Kulisse stiegen Bernhard Knubel, Heinz Renneberg und ihr Steuermann Klaus Zerta um kurz nach 16 Uhr in den Zweier. Der Startschuss ihres 2000 Meter langen Rennens fiel um 16.30 Uhr. Die Deutschen hielten sich auf den ersten 1000 Meter taktisch klug zurück, setzten dann aber nach 1300 Metern zu einem starken Spurt an. Knubel und Renneberg erhöhten ihre Schlagzahl auf 41 pro Minute und wehrten den letzten Angriff der Russen 150 Meter vor dem Ziel erfolgreich ab. Nach 7:29,14 Minuten überquerte das Trio die Ziellinie. Da war sie, die Goldmedaille – der perfekte Moment. Die Russen folgten in 7:30,17 Minuten, die USA in 7:34,58 Minuten. Die Deutschen waren als Favoriten in das Finale gestartet, hatten sie doch auch den Vorlauf in 7:31,64 Minuten für sich entschieden. Nach diesem ersten Rennen schrieb Knubel eine Postkarte an den Mindener Ruderverein. Der damals 22-Jährige hatte seine alten Kameraden nicht vergessen und hoffte auf eine Medaille. Der Wunsch sollte sich drei Tage später erfüllen. Knubels Vater war als Bezirksschornsteinfegermeister nach dem Zweiten Weltkrieg nach Petershagen gekommen. Dort wohnte die Familie in der Vornbaumstraße über der ehemaligen Sparkasse. Die ersten Versuche als Ruderer unternahm der spätere Olympiasieger auf der Weser – allerdings nicht mit Booten, sondern mit umgebauten Hundeschlitten, die im Krieg zum Verwundetentransport dienten. Doch zunächst schlug sein Herz für den Handball: 1948 schloss sich Knubel dem TV Gut Heil Petershagen an und war ab 1958 zwei Jahre lang der Kapitän der 1. Mannschaft. Das Rudern betrieb er erst ernsthaft als er nach der achten Klasse von der Petershäger Volksschule ans Besselgymnasium nach Minden gewechselt war. Dort brachte ihm sein Lehrer Erich Domeier den Leistungssport näher. Der war auch gleichzeitig im Vorstand des Mindener Rudervereins aktiv und hatte den Club nach 1945 mit aufgebaut. Knubel schaffte schnell den Sprung in den Vierer, der bei Regatten für den MRV startete und bei Schülerwettkämpfen als Bessel-Ruderriege antrat. Als Steuermann saß oft der zwei Jahre jüngere Dr. Helmut Domeier mit im Boot. „Bernhard fuhr immer mit dem Rad von Petershagen nach Minden zum Training. Als er einmal eine halbe Stunde zu spät kam, musste er sich erstmal eine Standpauke anhören“, erinnert sich der heute 80-jährige Domeier. Knubel habe dann erklärt, dass er schon lange vorher in der Stadt gewesen sei und noch am Weserstadion vorbeigeschaut hätte. „Dort hat Bernhard einige Kameraden getroffen und machte spontan beim Kreis-Waldlauf mit, den er prompt gewann.“ Alles lief gut, Knubel hatte inzwischen eine Lehre auf der Weserwerft begonnen. Doch dann die Zäsur. Sein Vater starb, als er 18 war. Seine Mutter zog zurück nach Gelsenkirchen. Ihr Sohn musste mit. Doch der tat sich schwer im Ruhrpott, fühlte sich nicht wohl. Es gebe nur Schalke 04 und Fußball, schrieb er an Erich Domeier. Sein alter Ruderlehrer setzte sich ein, dass Knubel beim Ruderverein Gelsenkirchen unterkam. Dort traf er dann auf Heinz Renneberg, seinem kongenialen Schlagmann, der bereits damals in der internationalen Spitze ruderte. Gemeinsam mit Steuermann Zerta sicherten sie sich 1960 den zweiten Platz bei der Deutschen Meisterschaften. Wenige Wochen später traten Knubel & Co. bei der gesamtdeutschen Olympiaqualifikation gegen den BRD-Meister sowie den beiden stärksten Teams aus der DDR in Duisburg an. Sie gewannen, durften nach Rom und kehrten als Olympiasieger zurück. „Vom Gelsenkirchener Hauptbahnhof bis zum Vereinsgelände jubelten uns die Fans zu“, blickt Klaus Zerta zurück. Der hätte in Rom überhaupt nicht dabei sein dürfen. „Der Steuermann musste damals theoretisch 14 Jahre alt sein. Mir haben drei Monate gefehlt. Aber da wir im Ruderverein Gelsenkirchen keinen anderen hatten, hat das Olympische Komitee beide Augen zugedrückt“, sagte Zerta später gegenüber der „Bild“. Sein Alter war es auch, warum der Steuermann bei der Party nicht bis zum Schluss dabei sein durfte. „Heinz und Bernhard haben mich praktisch mitgeschleift, weil sie gesagt haben, dass ich dazugehöre. Um 18 oder 19 Uhr haben sie mich aber zurück ins Olympische Dorf geschickt. Gegen Mitternacht kamen sie johlend und voll bis obenhin in mein Zimmer und haben mich mit einem Kissen geweckt. Es war großartig“, erinnert sich Zerta, der mit 13 Jahren und 283 Tagen bis heute jüngster deutscher Olympiasieger ist. Bernhard Knubel, im März 1938 in Brotdorf im Landkreis Merzig-Wadern (Saarland) geboren, hatte nach den Spielen in Rom kein Glück. Er starb mit 34 Jahren in Gelsenkirchen an Krebs. Heute erinnert in Petershagen eine Straße an den einzigen Olympiasieger aus dem Mindener Land. Ehrung Der damalige Bundespräsident Heinrich Lübke verlieh Bernhard Knubel 1960 das Silberne Lorbeerblatt, das als die höchste verliehene sportliche Auszeichnung in der Bundesrepublik Deutschland gilt. Alle Medaillengewinner der Olympischen Spiele 1952, 1956, 1960 und 1964 erhielten das Lorbeerblatt. Das Besondere: Nur auf diesen Exemplaren sind rückwärtig die olympischen Ringen eingraviert. (apl)

Sport-Rückblicke: Bernhard Knubel ist bis heute der einzige Olympiasieger im Mindener Land - vor 60 Jahren holte er in Rom Gold

Nach dem Goldrennen: Bernhard Knubel (rechts) feiert zusammen mit dem 13-jährigen Steuermann Klaus Zerta (Mitte) und Heinz Renneberg den Olympiasieg. Reproduktion: Lutz von Staegmann

Minden/Petershagen. Die Party ging bis Mitternacht. Bernhard Knubel und Heinz Renneberg hatten sich am Samstagabend, den 3. September 1960, einige Bier gegönnt. Dazu hatten sie auch allen Grund. Wenige Stunden zuvor hatten die beiden Ruderer zusammen mit Klaus Zerta die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen in Rom im Zweier mit Steuermann gewonnen. Knubel war in Petershagen aufgewachsen, lernte das Rudern beim Mindener Ruderverein und gilt bis dato als einziger Olympiasieger im Mindener Land. Es war der sportliche Höhepunkt im kurzen Leben des 1,97 Meter langen Modellathleten, das auch von traurigen Momenten geprägt war.

An jenem 3. September vor 60 Jahren schien die Sonne in Castel Gandolfo. Der Albaner See zu Füßen des päpstlichen Sommersitzes lag ruhig. Mehr als 20.000 Zuschauer, darunter IOC-Präsident Avery Brundage und die niederländische Königin Juliane, säumten die Regattastrecke, die etwa 25 Kilometer von der italienischen Hauptstadt entfernt liegt.

Bernhard Knubel (rechts) nahm 1970 bei einer Regatta im Mindener Industriehafen teil. Mit im Boot: Dr. Helmut Domeier. - © Foto: privat
Bernhard Knubel (rechts) nahm 1970 bei einer Regatta im Mindener Industriehafen teil. Mit im Boot: Dr. Helmut Domeier. - © Foto: privat

Bei optimalen Bedingungen und vor der stimmungsvollen Kulisse stiegen Bernhard Knubel, Heinz Renneberg und ihr Steuermann Klaus Zerta um kurz nach 16 Uhr in den Zweier. Der Startschuss ihres 2000 Meter langen Rennens fiel um 16.30 Uhr. Die Deutschen hielten sich auf den ersten 1000 Meter taktisch klug zurück, setzten dann aber nach 1300 Metern zu einem starken Spurt an. Knubel und Renneberg erhöhten ihre Schlagzahl auf 41 pro Minute und wehrten den letzten Angriff der Russen 150 Meter vor dem Ziel erfolgreich ab. Nach 7:29,14 Minuten überquerte das Trio die Ziellinie. Da war sie, die Goldmedaille – der perfekte Moment. Die Russen folgten in 7:30,17 Minuten, die USA in 7:34,58 Minuten.

Die Deutschen waren als Favoriten in das Finale gestartet, hatten sie doch auch den Vorlauf in 7:31,64 Minuten für sich entschieden. Nach diesem ersten Rennen schrieb Knubel eine Postkarte an den Mindener Ruderverein. Der damals 22-Jährige hatte seine alten Kameraden nicht vergessen und hoffte auf eine Medaille. Der Wunsch sollte sich drei Tage später erfüllen.

Knubels Vater war als Bezirksschornsteinfegermeister nach dem Zweiten Weltkrieg nach Petershagen gekommen. Dort wohnte die Familie in der Vornbaumstraße über der ehemaligen Sparkasse. Die ersten Versuche als Ruderer unternahm der spätere Olympiasieger auf der Weser – allerdings nicht mit Booten, sondern mit umgebauten Hundeschlitten, die im Krieg zum Verwundetentransport dienten. Doch zunächst schlug sein Herz für den Handball: 1948 schloss sich Knubel dem TV Gut Heil Petershagen an und war ab 1958 zwei Jahre lang der Kapitän der 1. Mannschaft.

Das Rudern betrieb er erst ernsthaft als er nach der achten Klasse von der Petershäger Volksschule ans Besselgymnasium nach Minden gewechselt war. Dort brachte ihm sein Lehrer Erich Domeier den Leistungssport näher. Der war auch gleichzeitig im Vorstand des Mindener Rudervereins aktiv und hatte den Club nach 1945 mit aufgebaut. Knubel schaffte schnell den Sprung in den Vierer, der bei Regatten für den MRV startete und bei Schülerwettkämpfen als Bessel-Ruderriege antrat. Als Steuermann saß oft der zwei Jahre jüngere Dr. Helmut Domeier mit im Boot. „Bernhard fuhr immer mit dem Rad von Petershagen nach Minden zum Training. Als er einmal eine halbe Stunde zu spät kam, musste er sich erstmal eine Standpauke anhören“, erinnert sich der heute 80-jährige Domeier. Knubel habe dann erklärt, dass er schon lange vorher in der Stadt gewesen sei und noch am Weserstadion vorbeigeschaut hätte. „Dort hat Bernhard einige Kameraden getroffen und machte spontan beim Kreis-Waldlauf mit, den er prompt gewann.“

Alles lief gut, Knubel hatte inzwischen eine Lehre auf der Weserwerft begonnen. Doch dann die Zäsur. Sein Vater starb, als er 18 war. Seine Mutter zog zurück nach Gelsenkirchen. Ihr Sohn musste mit. Doch der tat sich schwer im Ruhrpott, fühlte sich nicht wohl. Es gebe nur Schalke 04 und Fußball, schrieb er an Erich Domeier. Sein alter Ruderlehrer setzte sich ein, dass Knubel beim Ruderverein Gelsenkirchen unterkam. Dort traf er dann auf Heinz Renneberg, seinem kongenialen Schlagmann, der bereits damals in der internationalen Spitze ruderte.

Gemeinsam mit Steuermann Zerta sicherten sie sich 1960 den zweiten Platz bei der Deutschen Meisterschaften. Wenige Wochen später traten Knubel & Co. bei der gesamtdeutschen Olympiaqualifikation gegen den BRD-Meister sowie den beiden stärksten Teams aus der DDR in Duisburg an. Sie gewannen, durften nach Rom und kehrten als Olympiasieger zurück. „Vom Gelsenkirchener Hauptbahnhof bis zum Vereinsgelände jubelten uns die Fans zu“, blickt Klaus Zerta zurück. Der hätte in Rom überhaupt nicht dabei sein dürfen. „Der Steuermann musste damals theoretisch 14 Jahre alt sein. Mir haben drei Monate gefehlt. Aber da wir im Ruderverein Gelsenkirchen keinen anderen hatten, hat das Olympische Komitee beide Augen zugedrückt“, sagte Zerta später gegenüber der „Bild“.

Sein Alter war es auch, warum der Steuermann bei der Party nicht bis zum Schluss dabei sein durfte. „Heinz und Bernhard haben mich praktisch mitgeschleift, weil sie gesagt haben, dass ich dazugehöre. Um 18 oder 19 Uhr haben sie mich aber zurück ins Olympische Dorf geschickt. Gegen Mitternacht kamen sie johlend und voll bis obenhin in mein Zimmer und haben mich mit einem Kissen geweckt. Es war großartig“, erinnert sich Zerta, der mit 13 Jahren und 283 Tagen bis heute jüngster deutscher Olympiasieger ist.

Bernhard Knubel, im März 1938 in Brotdorf im Landkreis Merzig-Wadern (Saarland) geboren, hatte nach den Spielen in Rom kein Glück. Er starb mit 34 Jahren in Gelsenkirchen an Krebs. Heute erinnert in Petershagen eine Straße an den einzigen Olympiasieger aus dem Mindener Land.

Ehrung

Der damalige Bundespräsident Heinrich Lübke verlieh Bernhard Knubel 1960 das Silberne Lorbeerblatt, das als die höchste verliehene sportliche Auszeichnung in der Bundesrepublik Deutschland gilt.

Alle Medaillengewinner der Olympischen Spiele 1952, 1956, 1960 und 1964 erhielten das Lorbeerblatt. Das Besondere: Nur auf diesen Exemplaren sind rückwärtig die olympischen Ringen eingraviert. (apl)

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