Sport-Rückblicke: Beim „Head of the River Race“ auf der Themse im Jahr 2006 überrascht Mindener Ruder-Achter Michael Lorenz London/Minden. Rudern auf der Themse in London – die meisten werden damit das legendäre „Boat Race“ zwischen den Universitäts-Teams von Oxford und Cambridge assoziieren. Das „Head of the River Race“ ist im medialen Focus mehrere Nummern kleiner, unter europäischen Ruderern aber immens begehrt. Vor 15 Jahren belegte ein Achter aus Minden, besetzt mit ehemaligen und damals aktuellen Athleten der drei Mindener Gymnasien, in der Metropole Großbritanniens einen bemerkenswerten 143. Platz unter 420 konkurrierenden Bootscrews und landete eine ziemliche Überraschung. Das „Head“, wie es kurz genannt wird, hat eine fast 100-jährige Tradition: Bei der Premiere 1926 nahmen 21 Crews aus London teil. Gerudert wird auf der selben Strecke, auf der das Oxford-Cambridge-Rennen ausgetragen wird, also auf einem hufeisenförmigen Abschnitt der Themse zwischen den Stadtteilen Mortlake und Putney. Anders als beim Boat Race, das bei auflaufender Tide gerudert wird, fährt man beim Head mit dem ablaufenden Wasser. Die Streckenlänge beträgt 6,8 Kilometer. Im Vergleich dazu: Die Olympische Distanz beträgt 2000 Meter. Alle zehn Sekunden startet ein Boot, es wird auf Zeit gerudert. Das Head gilt als weltweit größte Achterregatta. Schlagmann des Mindener Bootes des Jahres 2006 war Christoph Knost, damals 20 Jahre alt und heute Stellvertretender Vorsitzer des Bessel-Ruder-Clubs. Er schildert die Gegebenheiten: „Die Themse hat einen Tidenhub von acht Metern, allein das ist eine gewaltige Herausforderung. Das muss man sich so vorstellen: Bei Ebbe ist die Themse etwa so breit wie die Weser in Minden, bei Flut so breit wie der Rhein in Köln. Wir hatten eine junge Truppe am Start, haben den ganzen Winter trainiert und wollten den Vorjahresplatz 220 unbedingt verbessern. Wir wussten allerdings nicht ganz genau, was uns in London erwartet. Die meisten von uns waren zum ersten Mal dabei, und das war für uns eine ganz große Sache.“ Auf einer geraden Strecke wie der „Alten Fahrt“ in Minden, also auf dem Wasserstraßenkreuz, ist das Rudern etwas ganz anderes als in einem fließenden Gewässer mit Kurven, bei dem auch noch überholt wird. Daher kommt den Steuerleuten eine ganz andere Bedeutung zu, als beim „normalen“ Rudern. Der Umstand, dass ein Boot kentert, ist zudem keine Seltenheit. Knost berichtet: „Das A und O ist beim Head, jemanden am Steuer zu haben, der sein Handwerk versteht. Bei uns war das Maria Ahnefeld, und ich muss sagen, dass sie das sensationell gemacht hat.“ Das es beim Rennen aufgrund des Tidenhubs keine Stege gibt, müssen die Ruderer zunächst durch das Wasser gehen, bis sie am Boot sind. Da die Steuerleute ziemlich dick eingepackt sind, ist es zudem Sitte, dass der Schlagmann den Steuermann oder die Steuerfrau zum Boot trägt. Starker Wind und die unterschiedliche Strömungsgeschwindigkeit je nach der Position, in der man sich auf der Themse befindet, erschweren das Gelingen zudem. An der ersten Zeitmess-Station, an der Barnes Bridge 1,5 Kilometer nach dem Start war der Mindener Achter bereits vom Boot der Bornemouth University überholt worden. Doch Minden ließ sich nicht abschütteln. „Man darf sich von so etwas nicht verrückt machen lassen“, berichtete Knost, „sondern muss genau mit seinen Kräften haushalten.“ Steuerfrau Maria Ahnefeld traf immer wieder die richtige Linie mit der günstigsten Strömung. „Wir dachten auf der langgezogenen Rechtskurve zum Ziel hin zunächst, dass wir die schlechtere Strömung hätten“, so Knost, „sie war aber genau richtig und wir überholten innen. Dennoch war Bornemouth, das ja hinter uns gestartet war, am Ende ein paar Sekunden schneller, aber das war dann nicht mehr so wichtig. Es war ein tolles Kopf-an-Kopf-Rennen, das uns wohl beide schneller gemacht hat. Platz 143 hat uns von den Älteren in Minden jedenfalls keiner zugetraut.“ Nach der Siegerehrung wurde wie üblich zünftig gefeiert, viele Kontakte wurden geknüpft. Knost schildert: „Von den 420 Booten sind in der Regel etwa 370 von den britischen Inseln, und es wird überhaupt nicht gerne gesehen, dass ein kontinental-europäisches Boot gewinnt. In den 90er Jahren hatte einmal der Deutschland-Achter teilgenommen, damals das Maß aller Dinge, und hat natürlich auch gewonnen. Da war die Partystimmung getrübt. Im Jahr 2006 war aber alles im Lot und die Stimmung entsprechend ausgelassen.“

Sport-Rückblicke: Beim „Head of the River Race“ auf der Themse im Jahr 2006 überrascht Mindener Ruder-Achter

Die Mindener Ruderer lassen ihr Rennboot im Jahr 2006 in London zu Wasser. Foto: Alexander Pischke © alexander pischke

London/Minden. Rudern auf der Themse in London – die meisten werden damit das legendäre „Boat Race“ zwischen den Universitäts-Teams von Oxford und Cambridge assoziieren. Das „Head of the River Race“ ist im medialen Focus mehrere Nummern kleiner, unter europäischen Ruderern aber immens begehrt. Vor 15 Jahren belegte ein Achter aus Minden, besetzt mit ehemaligen und damals aktuellen Athleten der drei Mindener Gymnasien, in der Metropole Großbritanniens einen bemerkenswerten 143. Platz unter 420 konkurrierenden Bootscrews und landete eine ziemliche Überraschung.

Das „Head“, wie es kurz genannt wird, hat eine fast 100-jährige Tradition: Bei der Premiere 1926 nahmen 21 Crews aus London teil. Gerudert wird auf der selben Strecke, auf der das Oxford-Cambridge-Rennen ausgetragen wird, also auf einem hufeisenförmigen Abschnitt der Themse zwischen den Stadtteilen Mortlake und Putney. Anders als beim Boat Race, das bei auflaufender Tide gerudert wird, fährt man beim Head mit dem ablaufenden Wasser. Die Streckenlänge beträgt 6,8 Kilometer. Im Vergleich dazu: Die Olympische Distanz beträgt 2000 Meter. Alle zehn Sekunden startet ein Boot, es wird auf Zeit gerudert. Das Head gilt als weltweit größte Achterregatta.

Schlagmann des Mindener Bootes des Jahres 2006 war Christoph Knost, damals 20 Jahre alt und heute Stellvertretender Vorsitzer des Bessel-Ruder-Clubs. Er schildert die Gegebenheiten: „Die Themse hat einen Tidenhub von acht Metern, allein das ist eine gewaltige Herausforderung. Das muss man sich so vorstellen: Bei Ebbe ist die Themse etwa so breit wie die Weser in Minden, bei Flut so breit wie der Rhein in Köln. Wir hatten eine junge Truppe am Start, haben den ganzen Winter trainiert und wollten den Vorjahresplatz 220 unbedingt verbessern. Wir wussten allerdings nicht ganz genau, was uns in London erwartet. Die meisten von uns waren zum ersten Mal dabei, und das war für uns eine ganz große Sache.“

Auf einer geraden Strecke wie der „Alten Fahrt“ in Minden, also auf dem Wasserstraßenkreuz, ist das Rudern etwas ganz anderes als in einem fließenden Gewässer mit Kurven, bei dem auch noch überholt wird. Daher kommt den Steuerleuten eine ganz andere Bedeutung zu, als beim „normalen“ Rudern. Der Umstand, dass ein Boot kentert, ist zudem keine Seltenheit. Knost berichtet: „Das A und O ist beim Head, jemanden am Steuer zu haben, der sein Handwerk versteht. Bei uns war das Maria Ahnefeld, und ich muss sagen, dass sie das sensationell gemacht hat.“ Das es beim Rennen aufgrund des Tidenhubs keine Stege gibt, müssen die Ruderer zunächst durch das Wasser gehen, bis sie am Boot sind. Da die Steuerleute ziemlich dick eingepackt sind, ist es zudem Sitte, dass der Schlagmann den Steuermann oder die Steuerfrau zum Boot trägt.

Starker Wind und die unterschiedliche Strömungsgeschwindigkeit je nach der Position, in der man sich auf der Themse befindet, erschweren das Gelingen zudem. An der ersten Zeitmess-Station, an der Barnes Bridge 1,5 Kilometer nach dem Start war der Mindener Achter bereits vom Boot der Bornemouth University überholt worden. Doch Minden ließ sich nicht abschütteln. „Man darf sich von so etwas nicht verrückt machen lassen“, berichtete Knost, „sondern muss genau mit seinen Kräften haushalten.“ Steuerfrau Maria Ahnefeld traf immer wieder die richtige Linie mit der günstigsten Strömung. „Wir dachten auf der langgezogenen Rechtskurve zum Ziel hin zunächst, dass wir die schlechtere Strömung hätten“, so Knost, „sie war aber genau richtig und wir überholten innen. Dennoch war Bornemouth, das ja hinter uns gestartet war, am Ende ein paar Sekunden schneller, aber das war dann nicht mehr so wichtig. Es war ein tolles Kopf-an-Kopf-Rennen, das uns wohl beide schneller gemacht hat. Platz 143 hat uns von den Älteren in Minden jedenfalls keiner zugetraut.“

Nach der Siegerehrung wurde wie üblich zünftig gefeiert, viele Kontakte wurden geknüpft. Knost schildert: „Von den 420 Booten sind in der Regel etwa 370 von den britischen Inseln, und es wird überhaupt nicht gerne gesehen, dass ein kontinental-europäisches Boot gewinnt. In den 90er Jahren hatte einmal der Deutschland-Achter teilgenommen, damals das Maß aller Dinge, und hat natürlich auch gewonnen. Da war die Partystimmung getrübt. Im Jahr 2006 war aber alles im Lot und die Stimmung entsprechend ausgelassen.“

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