Sport-Rückblicke: Als Lütti für Eintracht Minden zwei Tore gegen Japan warf Astrid Plaßhenrich Minden. Schließlich ging es in Schapers Bierklause. Die Handballerinnen des TuS Eintracht Minden hatten gerade das Testspiel gegen die japanische Nationalmannschaft nach einer starken ersten Halbzeit und 7:6-Führung noch deutlich mit 7:16 verloren, doch Grund zur schlechten Laune gab es keinen. Und so ging es für die Mindenerinnen zusammen mit ihren Gegenspielerinnen am frühen Abend des 28. November 1971 in die legendäre Kneipe. Spätestens da waren die Japanerinnen in einer völlig fremden Welt angekommen. Die Nationalspielerinnen aus Fernost befanden sich in Vorbereitung auf die Weltmeisterschaft in den Niederlanden auf Europatournee und hatten bereits das dänische Nationalteam, den amtierenden schwedischen Meister Borlänge HK sowie eine Stockholmer, Hamburger und Düsseldorfer Stadtauswahl geschlagen. Der Vergleich mit dem TuS war das vorletzte Testspiel vor dem WM-Auftakt, den die Japanerinnen in der Katharinenhalle von Utrecht am 11. Dezember gegen die deutsche Auswahl mit 7:10 verloren. Das fand ebenfalls mit Mindener Beteiligung statt: Eintrachts Nationalspielerin Veronika Kind, heute Maaß, zeichnete sich mit insgesamt vier Turniertreffern aus. Zuvor in Minden durften die Japanerinnen ausnahmsweise den Zapfenstreich überziehen. Wie immer war das Ziel der Eintracht-Spielerinnen nach ihren Partien die Bierklause. „Wir haben ein paar Lieder gesungen“, erinnert sich Maaß’ Zwillingsschwester Ilona Sundermeier, „die Stimmung war wie immer gut.“Damit der WM-Teilnehmer für das Testspiel überhaupt an die Weser kam, musste der TuS an den japanischen Verband einen gewissen Betrag überweisen und ging ein finanzielles Risiko ein. Doch das zahlte sich aus. In die erst kurz zuvor ans Netz gegangenen Kreissporthalle kamen 1.000 Zuschauer. „Es war das erste Mal, dass wir überhaupt in der heutigen Kampa-Halle spielen durften“, sagt Margarete Weber. Die hieß damals noch Koslowski, war zarte 16 Jahre alt und erst im Sommer 1971 vom TuS Freya Friedewalde zum Regionalligisten gewechselt. Auch wenn später noch große Spiele um Deutsche Meisterschaften und im Europapokal folgten, blieb das Spiel in Erinnerung. „Lütti“, wie die ehemalige Sportlehrerin des Herder-Gymnasiums noch heute von vielen genannt wird und sie sich selbst so auch am Telefon meldet, warf vor der großen Kulisse gleich zwei Tore. „Ich war jung und habe unbedarft gespielt“, erzählt Weber rückblickend.Das MT berichtete, die Mindenerinnen haben sich in der ersten Halbzeit selbst übertroffen: „Das Publikum war hellauf begeistert.“ Eine höhere Führung als das 7:6 sei sogar möglich gewesen, doch Veronika Kind hatte kurz vor dem Seitenwechsel nur den Innenpfosten getroffen und einen Strafwurf neben das Tor gesetzt. Nach Wiederanpfiff musste das Team von Trainer Hans Steuernagel dem hohen Tempo der ersten Halbzeit Tribut zollen. Der zweite Durchgang ging mit 0:10 verloren. „Die Japanerinnen waren jung, klein, schnell und technisch unheimlich gut“, sagt Margarete Weber. Tatsächlich waren die Nationalspielerinnen erst zwischen 21 und 23 Jahre alt. Die Kleinste maß 1,53 Meter, die Längste – Torhüterin Chika Kitaoka – war 1,68 Meter groß.Den japanischen Trainern Toshikazu Utsuno und Kaoru Li schienen die zwei Tage in Minden, aber auch das Spiel der Eintracht gefallen zu haben. Sie luden die Gelb-Blauen zu einer 14-tägigen Gastspielreise in ihre Heimat ein, wobei die Mindenerinnen nur die Flugkosten hätten tragen müssen. „Dazu ist es aber leider nie gekommen. Den Grund kenne ich aber nicht“, erzählt Ilona Sudermeier, die später wie ihre Schwester Nationalspielerin wurde und 99 Länderspiele bestritt: „Das Hundertste blieb mir verwehrt, weil wir gleichzeitig ein Europapokalspiel in Sofia hatten.“Für die Mindenerinnen folgte nach dem Spiel gegen Japan eine sehr erfolgreiche Zeit. Die Blau-Gelben feierten 1973, 1975, 1976 und 1978 die Deutsche Meisterschaft, holten dazu 1977 und 1978 den DHB-Pokal und zogen 1979 ins Europapokal-Halbfinale ein. Die Ära hat die Spielerinnen geprägt – und schweißt sie bis heute zusammen. „Wir pflegen Kontakt, sehen uns regelmäßig“, sagt „Lütti“ Weber. Spätestens im übernächsten Jahr steht dann mal wieder eine große Feier an: die erste Deutsche Meisterschaft vor 50 Jahren. Leider wird die Party nicht in der Bierklause steigen, denn die gibt es nicht mehr. Gesungen wird aber sicherlich. Übrigens: Die Deutschen kamen bei der WM 1971 auf Platz fünf, Japan wurde Neunter und damit Letzter.Eintracht Minden: Niepötter (ab 34. Kleinefinke) – Papendieck 1, Estermann, Margis, I. Kind 1, U. Röckemann, Price, V. Kind 2, E. Röckemann 1, Koslowski 2. ZUM THEMA: Eintracht-Lütti und die GWD-Lüttis Margarete Weber war einst die erste Handball-Lütti im Mindener Land. Aber die Flügelflitzerin blieb nicht die einzige. Ihr folgte Torwart Jörg-Uwe Lütt, der von 1997 bis 2001 in der Bundesliga für GWD Minden spielte. Und auch der dritte „Lütti“ ist Torhüter: GWD-Keeper Carstens Lichtlein hört ebenfalls auf den Spitznamen. Bei Margarete Weber stammt der Kosename aus der Jugendzeit. „Meine beiden älteren Schwestern spielten bereits in Friedewalde Handball, als ich auch dort anfing. Damals sagte Renate Wischmann: ’Eure Lütte spielt auch mit.’ Da war ich dann die Lütte und später Lütti. So ist der Name entstanden.“Bei Jörg-Uwe Lütt leitete sich Lütti vom Nachnamen ab. Bei Lichtlein stand Lütt Pate. Denn Lichtleins eigentümlicher Gang erinnerte Frank von Behren bei der Nationalmannschaft an seinen ehemaligen GWD-Teamkollegen: „Du gehst ja wie Lütti.“ Und so wurde der Spitzname auf den 2,02 Meter langen Lichtlein übertragen.

Sport-Rückblicke: Als Lütti für Eintracht Minden zwei Tore gegen Japan warf

Interessante Idee: Ins China-Restaurant von Tjam wurde im November 1971 die Nationalmannschaft Japans zum Treffen mit dem Team von Eintracht Minden geladen. Hier haben die Mindener Spielerinnen Veronika Maaß (heute Kind) und Erika Röckemann (von links) sowie Ingrid Estermann (heute Ortmann/4.v. links) und Margarete „Lütti“ Koslowski (heute Weber/3.v. rechts) am Tisch der Japanerinnen Platz genommen. Repro: MT © MT-Archiv

Minden. Schließlich ging es in Schapers Bierklause. Die Handballerinnen des TuS Eintracht Minden hatten gerade das Testspiel gegen die japanische Nationalmannschaft nach einer starken ersten Halbzeit und 7:6-Führung noch deutlich mit 7:16 verloren, doch Grund zur schlechten Laune gab es keinen. Und so ging es für die Mindenerinnen zusammen mit ihren Gegenspielerinnen am frühen Abend des 28. November 1971 in die legendäre Kneipe. Spätestens da waren die Japanerinnen in einer völlig fremden Welt angekommen.

Die Nationalspielerinnen aus Fernost befanden sich in Vorbereitung auf die Weltmeisterschaft in den Niederlanden auf Europatournee und hatten bereits das dänische Nationalteam, den amtierenden schwedischen Meister Borlänge HK sowie eine Stockholmer, Hamburger und Düsseldorfer Stadtauswahl geschlagen. Der Vergleich mit dem TuS war das vorletzte Testspiel vor dem WM-Auftakt, den die Japanerinnen in der Katharinenhalle von Utrecht am 11. Dezember gegen die deutsche Auswahl mit 7:10 verloren. Das fand ebenfalls mit Mindener Beteiligung statt: Eintrachts Nationalspielerin Veronika Kind, heute Maaß, zeichnete sich mit insgesamt vier Turniertreffern aus.

Mit Freude berichtet Margarete "Lütti" Weber vom Länderspielwochenende im November 1971. MT-Archivfoto: Riechmann - © Marcus Riechmann
Mit Freude berichtet Margarete "Lütti" Weber vom Länderspielwochenende im November 1971. MT-Archivfoto: Riechmann - © Marcus Riechmann

Zuvor in Minden durften die Japanerinnen ausnahmsweise den Zapfenstreich überziehen. Wie immer war das Ziel der Eintracht-Spielerinnen nach ihren Partien die Bierklause. „Wir haben ein paar Lieder gesungen“, erinnert sich Maaß’ Zwillingsschwester Ilona Sundermeier, „die Stimmung war wie immer gut.“

Damit der WM-Teilnehmer für das Testspiel überhaupt an die Weser kam, musste der TuS an den japanischen Verband einen gewissen Betrag überweisen und ging ein finanzielles Risiko ein. Doch das zahlte sich aus. In die erst kurz zuvor ans Netz gegangenen Kreissporthalle kamen 1.000 Zuschauer. „Es war das erste Mal, dass wir überhaupt in der heutigen Kampa-Halle spielen durften“, sagt Margarete Weber. Die hieß damals noch Koslowski, war zarte 16 Jahre alt und erst im Sommer 1971 vom TuS Freya Friedewalde zum Regionalligisten gewechselt. Auch wenn später noch große Spiele um Deutsche Meisterschaften und im Europapokal folgten, blieb das Spiel in Erinnerung. „Lütti“, wie die ehemalige Sportlehrerin des Herder-Gymnasiums noch heute von vielen genannt wird und sie sich selbst so auch am Telefon meldet, warf vor der großen Kulisse gleich zwei Tore. „Ich war jung und habe unbedarft gespielt“, erzählt Weber rückblickend.

Das MT berichtete, die Mindenerinnen haben sich in der ersten Halbzeit selbst übertroffen: „Das Publikum war hellauf begeistert.“ Eine höhere Führung als das 7:6 sei sogar möglich gewesen, doch Veronika Kind hatte kurz vor dem Seitenwechsel nur den Innenpfosten getroffen und einen Strafwurf neben das Tor gesetzt. Nach Wiederanpfiff musste das Team von Trainer Hans Steuernagel dem hohen Tempo der ersten Halbzeit Tribut zollen. Der zweite Durchgang ging mit 0:10 verloren. „Die Japanerinnen waren jung, klein, schnell und technisch unheimlich gut“, sagt Margarete Weber. Tatsächlich waren die Nationalspielerinnen erst zwischen 21 und 23 Jahre alt. Die Kleinste maß 1,53 Meter, die Längste – Torhüterin Chika Kitaoka – war 1,68 Meter groß.

Den japanischen Trainern Toshikazu Utsuno und Kaoru Li schienen die zwei Tage in Minden, aber auch das Spiel der Eintracht gefallen zu haben. Sie luden die Gelb-Blauen zu einer 14-tägigen Gastspielreise in ihre Heimat ein, wobei die Mindenerinnen nur die Flugkosten hätten tragen müssen. „Dazu ist es aber leider nie gekommen. Den Grund kenne ich aber nicht“, erzählt Ilona Sudermeier, die später wie ihre Schwester Nationalspielerin wurde und 99 Länderspiele bestritt: „Das Hundertste blieb mir verwehrt, weil wir gleichzeitig ein Europapokalspiel in Sofia hatten.“

Für die Mindenerinnen folgte nach dem Spiel gegen Japan eine sehr erfolgreiche Zeit. Die Blau-Gelben feierten 1973, 1975, 1976 und 1978 die Deutsche Meisterschaft, holten dazu 1977 und 1978 den DHB-Pokal und zogen 1979 ins Europapokal-Halbfinale ein. Die Ära hat die Spielerinnen geprägt – und schweißt sie bis heute zusammen. „Wir pflegen Kontakt, sehen uns regelmäßig“, sagt „Lütti“ Weber. Spätestens im übernächsten Jahr steht dann mal wieder eine große Feier an: die erste Deutsche Meisterschaft vor 50 Jahren. Leider wird die Party nicht in der Bierklause steigen, denn die gibt es nicht mehr. Gesungen wird aber sicherlich.

Das MT berichtete über das Gastspiel der japanischen Nationalmannschaft in Minden ausführlich. Foto: MT-Archiv - © Mindener Tageblatt
Das MT berichtete über das Gastspiel der japanischen Nationalmannschaft in Minden ausführlich. Foto: MT-Archiv - © Mindener Tageblatt

Übrigens: Die Deutschen kamen bei der WM 1971 auf Platz fünf, Japan wurde Neunter und damit Letzter.

Eintracht Minden: Niepötter (ab 34. Kleinefinke) – Papendieck 1, Estermann, Margis, I. Kind 1, U. Röckemann, Price, V. Kind 2, E. Röckemann 1, Koslowski 2.

ZUM THEMA: Eintracht-Lütti und die GWD-Lüttis

Margarete Weber war einst die erste Handball-Lütti im Mindener Land. Aber die Flügelflitzerin blieb nicht die einzige. Ihr folgte Torwart Jörg-Uwe Lütt, der von 1997 bis 2001 in der Bundesliga für GWD Minden spielte. Und auch der dritte „Lütti“ ist Torhüter: GWD-Keeper Carstens Lichtlein hört ebenfalls auf den Spitznamen.

Bei Margarete Weber stammt der Kosename aus der Jugendzeit. „Meine beiden älteren Schwestern spielten bereits in Friedewalde Handball, als ich auch dort anfing. Damals sagte Renate Wischmann: ’Eure Lütte spielt auch mit.’ Da war ich dann die Lütte und später Lütti. So ist der Name entstanden.“

Bei Jörg-Uwe Lütt leitete sich Lütti vom Nachnamen ab. Bei Lichtlein stand Lütt Pate. Denn Lichtleins eigentümlicher Gang erinnerte Frank von Behren bei der Nationalmannschaft an seinen ehemaligen GWD-Teamkollegen: „Du gehst ja wie Lütti.“ Und so wurde der Spitzname auf den 2,02 Meter langen Lichtlein übertragen.

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