Seinem Körper wieder vertrauen: In einer Sportgruppe in Nammen erarbeiten sich Krebspatienten ihr Selbstwertgefühl zurück Astrid Plaßhenrich Porta Westfalica. Auch wenn der Krebs ernst und schwierig ist – gelacht werden darf über die Krankheit auch. In der Sportgruppe für Krebsnachsorge des SC Porta Westfalica Nammen ist das regelmäßig der Fall. Beispielsweise dann, wenn die Teilnehmer über Situationskomik im Aufwachraum oder kleine Geschichten über vergessene Gummibrüste erzählen. Überhaupt wird in den 90 Minuten am Donnerstagabend viel gesprochen, und das zeigt: Die von Kirsten Grotemeyer geleitete Übungsstunde ist so viel mehr als Gymnastik, Ballspiele und Ausdauertraining. 130, 90, 95 – 133, 85, 95 – 134, 64, 73. Bevor es mit dem Sport losgeht, wird vor jedem Training Blutdruck und Puls gemessen. Und auch während und nach der Übungsstunde werden die Werte überprüft. „Das gibt allen Sicherheit“, sagt Kirsten Grotemeyer, die jede einzelne Messung in ihrer Kladde protokolliert. Die studierte Gesundheitswissenschaftlerin hat vor zweieinhalb Jahren die Sportgruppe in der Turnhalle der alten Grundschule in Nammen übernommen – und die ist ihr schnell ans Herz gewachsen. „Wir sind eine kleine, eingeschworene Gemeinschaft, die mich herzlich aufgenommen hat und auch jeden, der neu dazukommt, herzlich aufnimmt“, erzählt die 51-Jährige. Anfangs kamen noch etwa 15 Männer und Frauen mit unterschiedlichen Krebserkrankungen zum Training. Aktuell sind nur noch fünf Teilnehmerinnen im Alter von 45 bis 80 Jahren regelmäßig dabei. Dass die Gruppe sich verkleinerte, hat verschiedene Gründe, einige sind einfach zu alt geworden, andere starben. „Wir würden uns über neue Mitstreiter sehr freuen“, sagt Heidrun Schäfer. Sie gehört zu den ersten Mitgliedern der 2008 gegründeten Gruppe: „Mir bringen diese 90 Minuten unglaublich viel. Wenn die Musik läuft, bekomme ich gleich gute Laune und kann meinen Brustkrebs vergessen. Und sollte mir das nicht gelingen, habe ich hier immer jemanden, der mir zuhört und mich versteht.“ Kirsten Grotemeyer gestaltet das Programm abwechslungsreich. Mal wird Hockey gespielt, dann kommen die Fitnessbänder für die Muskulatur zum Einsatz. Ausdauer, Kraft, Koordination und Flexibilität werden in der wöchentlich stattfindenden Einheit auf ganz unterschiedlichen Weisen trainiert. Jeder macht das, was er sich zutraut. Auf körperliche Einschränkungen wird Rücksicht genommen. Dazu ist Sportlichkeit keine Voraussetzung, aber die Lust an der Bewegung. „Mir ist es wichtig, dass alle wieder Vertrauen in ihren Körper fassen“, sagt die erfahrene Übungsleiterin, die neben dieser Sportgruppe noch zahlreiche andere Reha-Kurse leitet. Grotemeyer geht demütig und ehrfürchtig an die Aufgabe heran. Sie ist dankbar, Sport treiben zu können und versucht genau diese Einstellung mit viel Esprit und Hingabe ihren Teilnehmern zu vermitteln. Sie feuert an, erklärt genau, gibt Hilfestellung bei jeder Übung. Wenn ihre Sportler an manchen Tagen aber lieber reden möchten, lässt sie sie reden. Der Austausch untereinander ist genauso wichtig wie die Muskeln zu stärken. In ihrem Studium hat ihr eine Professorin den Satz gelehrt: „Es geht nicht darum länger zu leben, sondern gesünder zu sterben.“ Da war sie Anfang 20, vergessen hat sie ihn nie und versteht ihn – je älter sie wird – immer besser. Neben der körperlichen Fitness ist die geistige aber genauso wichtig. Viele Krebspatienten machen die Erfahrung, dass durch Medikamente und Therapien die Konzentration leidet. Durch einfache, aber effektive Koordinationsübungen wie bestimmte Schrittfolgen wird diese gleichzeitig trainiert. „Sport ist immer und in fast jeder Lebenslage hilfreich“, sagt Kirsten Grotemeyer, „auch bei vielen Krankheiten.“ Die 51-Jährige ist auch der festen Überzeugung, dass das Gruppenerlebnis für viele der treibende Faktor ist. Auch außerhalb der Turnhalle Nammen treffen sich die Sportler. „Im Sommer gehen wir zusammen essen, im Winter haben wir schon mal Weihnachtsmärkte in Celle, Osnabrück oder Hannover besucht“, sagt Christine Potter. Die Krankheit steht dann genauso wenig im Mittelpunkt wie bei den Übungsstunden – auch wenn sie dazugehört und akzeptiert werden muss. Es sind diese beschwingten Augenblicke, die jedem in der Gruppe einen Halt geben. Aber es gibt auch schwere Momente. Die sind immer dann wenn eine Kerze angezündet werden muss. Das gehört auch dazu. Das Gute: Niemand ist mit seiner Trauer allein. Alle Teile der Serien finden Sie hier.

Seinem Körper wieder vertrauen: In einer Sportgruppe in Nammen erarbeiten sich Krebspatienten ihr Selbstwertgefühl zurück

Kräftigungsübungen mit den Fitnessbändern: Übungsleiterin Kirsten Grotemeyer (vorne) trainiert in der Nammener Sporthalle mit Heidrun Schäfer (von links), Christine Potter und Petra Behrens. © astrid plaßhenrich

Porta Westfalica. Auch wenn der Krebs ernst und schwierig ist – gelacht werden darf über die Krankheit auch. In der Sportgruppe für Krebsnachsorge des SC Porta Westfalica Nammen ist das regelmäßig der Fall. Beispielsweise dann, wenn die Teilnehmer über Situationskomik im Aufwachraum oder kleine Geschichten über vergessene Gummibrüste erzählen. Überhaupt wird in den 90 Minuten am Donnerstagabend viel gesprochen, und das zeigt: Die von Kirsten Grotemeyer geleitete Übungsstunde ist so viel mehr als Gymnastik, Ballspiele und Ausdauertraining.

130, 90, 95 – 133, 85, 95 – 134, 64, 73. Bevor es mit dem Sport losgeht, wird vor jedem Training Blutdruck und Puls gemessen. Und auch während und nach der Übungsstunde werden die Werte überprüft. „Das gibt allen Sicherheit“, sagt Kirsten Grotemeyer, die jede einzelne Messung in ihrer Kladde protokolliert. Die studierte Gesundheitswissenschaftlerin hat vor zweieinhalb Jahren die Sportgruppe in der Turnhalle der alten Grundschule in Nammen übernommen – und die ist ihr schnell ans Herz gewachsen. „Wir sind eine kleine, eingeschworene Gemeinschaft, die mich herzlich aufgenommen hat und auch jeden, der neu dazukommt, herzlich aufnimmt“, erzählt die 51-Jährige. Anfangs kamen noch etwa 15 Männer und Frauen mit unterschiedlichen Krebserkrankungen zum Training. Aktuell sind nur noch fünf Teilnehmerinnen im Alter von 45 bis 80 Jahren regelmäßig dabei. Dass die Gruppe sich verkleinerte, hat verschiedene Gründe, einige sind einfach zu alt geworden, andere starben.

„Wir würden uns über neue Mitstreiter sehr freuen“, sagt Heidrun Schäfer. Sie gehört zu den ersten Mitgliedern der 2008 gegründeten Gruppe: „Mir bringen diese 90 Minuten unglaublich viel. Wenn die Musik läuft, bekomme ich gleich gute Laune und kann meinen Brustkrebs vergessen. Und sollte mir das nicht gelingen, habe ich hier immer jemanden, der mir zuhört und mich versteht.“

Kirsten Grotemeyer gestaltet das Programm abwechslungsreich. Mal wird Hockey gespielt, dann kommen die Fitnessbänder für die Muskulatur zum Einsatz. Ausdauer, Kraft, Koordination und Flexibilität werden in der wöchentlich stattfindenden Einheit auf ganz unterschiedlichen Weisen trainiert. Jeder macht das, was er sich zutraut. Auf körperliche Einschränkungen wird Rücksicht genommen. Dazu ist Sportlichkeit keine Voraussetzung, aber die Lust an der Bewegung. „Mir ist es wichtig, dass alle wieder Vertrauen in ihren Körper fassen“, sagt die erfahrene Übungsleiterin, die neben dieser Sportgruppe noch zahlreiche andere Reha-Kurse leitet. Grotemeyer geht demütig und ehrfürchtig an die Aufgabe heran. Sie ist dankbar, Sport treiben zu können und versucht genau diese Einstellung mit viel Esprit und Hingabe ihren Teilnehmern zu vermitteln. Sie feuert an, erklärt genau, gibt Hilfestellung bei jeder Übung. Wenn ihre Sportler an manchen Tagen aber lieber reden möchten, lässt sie sie reden. Der Austausch untereinander ist genauso wichtig wie die Muskeln zu stärken. In ihrem Studium hat ihr eine Professorin den Satz gelehrt: „Es geht nicht darum länger zu leben, sondern gesünder zu sterben.“ Da war sie Anfang 20, vergessen hat sie ihn nie und versteht ihn – je älter sie wird – immer besser.

Neben der körperlichen Fitness ist die geistige aber genauso wichtig. Viele Krebspatienten machen die Erfahrung, dass durch Medikamente und Therapien die Konzentration leidet. Durch einfache, aber effektive Koordinationsübungen wie bestimmte Schrittfolgen wird diese gleichzeitig trainiert. „Sport ist immer und in fast jeder Lebenslage hilfreich“, sagt Kirsten Grotemeyer, „auch bei vielen Krankheiten.“

Die 51-Jährige ist auch der festen Überzeugung, dass das Gruppenerlebnis für viele der treibende Faktor ist. Auch außerhalb der Turnhalle Nammen treffen sich die Sportler. „Im Sommer gehen wir zusammen essen, im Winter haben wir schon mal Weihnachtsmärkte in Celle, Osnabrück oder Hannover besucht“, sagt Christine Potter. Die Krankheit steht dann genauso wenig im Mittelpunkt wie bei den Übungsstunden – auch wenn sie dazugehört und akzeptiert werden muss.

Es sind diese beschwingten Augenblicke, die jedem in der Gruppe einen Halt geben. Aber es gibt auch schwere Momente. Die sind immer dann wenn eine Kerze angezündet werden muss. Das gehört auch dazu. Das Gute: Niemand ist mit seiner Trauer allein.

Alle Teile der Serien finden Sie hier.

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