Olympia lokal: Für Kirsten Münchow ist ihre Bronzemedaille "noch heute ein Gänsehauterlebnis“ Jörg Wehling Porta Westfalica. Selbstverständlich läuft im Hause Münchow der Fernseher, wann immer Olympia in Tokio gezeigt wird. In der nun beginnenden Woche sogar etwas intensiver, denn die gehört traditionell verstärkt den Leichtathleten. Genauer hin schaut Kirsten Münchow, Bronzemedaillengewinnerin im Hammerwurf von Sydney 2000, wenn ihre Disziplin beginnt. Dann drückt sie Samantha Borutta und Tristan Schwandtke ganz besonders die Daumen. „Eine gute Platzierung ist für beide möglich. Doch für Samantha wäre es schon ein großer Erfolg, wenn sie überhaupt das Finale der besten Zwölf erreichen würde“, sagt Münchow über die 21-jährige Hammerwerferin. Warum sie ausgerechnet für Borutta große Sympathien hegt, ist einfach erklärt. „Es gibt vielen Parallelen zwischen ihr und mir. Sie kommt aus einem kleinen Verein, wird in besonderem Maße von ihrer Familie unterstützt, und sie fährt als Außenseiterin zu einer Olympiade“, sagt Münchow. Und schon spielt sich im Kopf von Münchow wieder der Film ab, der sie bis heute nicht mehr loslässt. Die Qualifikation für Sydney, ihr besonderer Wurf, der sie in das Finale brachte, bis hin zur Rückkehr in der Heimatstadt Porta Westfalica, wo sie von Bürgermeister Heinrich Schäfer im Rathaus empfangen wurde und wo es in ihrem Heimatdorf Wülpke ihr zu Ehren ein Straßenfest gab. „Es lässt einen nie wieder los. Selbst heute noch, nach gut 20 Jahren, bekomme ich Gänsehaut, wenn ich diese Bilder sehe. Und an der einen oder anderen Stelle schießen einem auch noch einmal ein paar Tränen in die Augen“, sagt Münchow. „Hammerwurf war zum ersten Mal eine olympische Disziplin für Frauen und dann ist mir ein Wurf in der Qualifikation gelungen, der zu einer Medaille reichen würde“, berichtet sie. Dankbar war sie damals, dass sie von den erfahrenen Athleten ein bisschen an die Seite genommen wurde, um ihre Nerven wieder in den Griff zu bekommen und sich nicht all zu sehr unter Druck zu setzen. „Mit Franka Dietzsch und Jürgen Schult sind wir fernab vom Trubel einem Tag vor dem Finale in einen Pub gegangen, haben eine Flasche Wein getrunken. Und sie haben mir Mut zugesprochen. Das hat offensichtlich geholfen“, schmunzelt Münchow. „Während des Wettkampf ist es einfach wichtig, weder links noch rechts zuschauen, sondern fokussiert zu sein. Ab und an schaut man, was die direkten Konkurrenten so machen“, berichtet Münchow. Ihre Weite in Sidney von 69,28 Meter bedeutete Bronze, die beiden vor ihr Platzierten, eine Polin und eine Russin, blieben unerreichbar. Aber: Es war neben Bronze von Kugelstoßerin Astrid Kumbernuss die einzige Medaille in den Wurfdisziplinen der Frauen. „Plötzlich war die Aufmerksamkeit eine ganze andere“ erinnert sich Münchow. Dort, wo zuvor Zehnkämpfer Frank Busemann, Diskuswerfer Lars Riedel und Heike Drechsler im Fokus standen, interessierte sich die Öffentlichkeit nun auch für Münchow. „Von allen Medaillengewinnern wurde einer kleiner Film gedreht. So kam ich zu meiner Sightseeing-Tour in Sydney“, erzählt Münchow. Was sie ärgert, ist, dass damals wie heute eine gute Platzierung ohne Medaille oft nicht sonderlich wertgeschätzt wird. „Für jeden, der sich für Olympia qualifiziert, ist das schon ein Riesenerfolg, dabei zu sein. Dort starten im Gegensatz zu anderen Veranstaltungen wirklich nur die Besten der Besten. Wer dabei war, für den bleibt Olympia ein Teil seines Lebens. Etwas, dass man niemals mehr vergisst“, sagt Münchow. „Die Tausenden von Zuschauern im Stadion ist man als Leichtathlet nicht gewohnt. Auch das macht Olympia aus und hat mich besonders in meinem Wettkampf gepusht. Darum ist es ja jetzt sehr schade, dass diesmal keine Zuschauer dabei sein können, die einen zusätzlich motivieren.“ Dass die deutschen Leichtathleten dennoch gute Ergebnisse abliefern, davon ist Münchow überzeugt. Weitspringerin Malaika Mihambo und Speerwerferin Christin Hussong traut sie durchaus eine Medaille zu und bei den Männern Johannes Vetter sogar eine Goldmedaille. Neben der Siegerehrung war für Münchow die Schlussfeier einer der bewegendsten Momente während der Sommerspiele. Die Eröffnungsfeier hatte sie aus zeitlichen Gründen verpasst. Was sie auch betont: Neben den vielen wertvollen Erlebnissen mit der Bronzemedaille von Sydney hat ihr Olympia 2000 auch eine berufliche Perspektive gegeben. Nachdem sie gerade ihre Ausbildung zur Schauwerbegestalterin abgeschlossen hatte, bekam sie einen Anruf vom Deutschen-Leichtathletik-Verband (DLV). Der bot ihr an, in die Sportförderkompanie der Bundeswehr zu kommen. „Das war die Chance meines Lebens und die Möglichkeit, meinen Sport professionell auszuüben“, sagt Münchow. Fortan gehörte sie der Kompanie in Hannover an, zu der auch der ehemalige Tennis-Profi Nikolas Kiefer und Deutschlands Weltklasse-Tischtennisspieler Timo Boll zählten, der auch jetzt in Tokio noch spielte. Auf einem ähnlichen Weg befindet sich derzeit Münchows Sohn Sören Klose, der sich anschickt, vielleicht selber einmal Olympionike im Hammerwurf zu werden. Einen Vorgeschmack hat Klose schon gehabt als Teilnehmer der Olympischen Jugendspielen in Argentinien 2018.

Olympia lokal: Für Kirsten Münchow ist ihre Bronzemedaille "noch heute ein Gänsehauterlebnis“

Kirsten Münchow bei der Siegerehrung 2000 in Sydney. Foto: imago © imago

Porta Westfalica. Selbstverständlich läuft im Hause Münchow der Fernseher, wann immer Olympia in Tokio gezeigt wird. In der nun beginnenden Woche sogar etwas intensiver, denn die gehört traditionell verstärkt den Leichtathleten. Genauer hin schaut Kirsten Münchow, Bronzemedaillengewinnerin im Hammerwurf von Sydney 2000, wenn ihre Disziplin beginnt. Dann drückt sie Samantha Borutta und Tristan Schwandtke ganz besonders die Daumen. „Eine gute Platzierung ist für beide möglich. Doch für Samantha wäre es schon ein großer Erfolg, wenn sie überhaupt das Finale der besten Zwölf erreichen würde“, sagt Münchow über die 21-jährige Hammerwerferin.

Warum sie ausgerechnet für Borutta große Sympathien hegt, ist einfach erklärt. „Es gibt vielen Parallelen zwischen ihr und mir. Sie kommt aus einem kleinen Verein, wird in besonderem Maße von ihrer Familie unterstützt, und sie fährt als Außenseiterin zu einer Olympiade“, sagt Münchow.

Und schon spielt sich im Kopf von Münchow wieder der Film ab, der sie bis heute nicht mehr loslässt. Die Qualifikation für Sydney, ihr besonderer Wurf, der sie in das Finale brachte, bis hin zur Rückkehr in der Heimatstadt Porta Westfalica, wo sie von Bürgermeister Heinrich Schäfer im Rathaus empfangen wurde und wo es in ihrem Heimatdorf Wülpke ihr zu Ehren ein Straßenfest gab.

Samantha Borutta will in Tokio ins Finale der Hammerwerferinnen. Kirsten Münchow traut der deutschen Athletin diesen Sprung zu. Foto: imago - © imago images/Beautiful Sports
Samantha Borutta will in Tokio ins Finale der Hammerwerferinnen. Kirsten Münchow traut der deutschen Athletin diesen Sprung zu. Foto: imago - © imago images/Beautiful Sports

„Es lässt einen nie wieder los. Selbst heute noch, nach gut 20 Jahren, bekomme ich Gänsehaut, wenn ich diese Bilder sehe. Und an der einen oder anderen Stelle schießen einem auch noch einmal ein paar Tränen in die Augen“, sagt Münchow. „Hammerwurf war zum ersten Mal eine olympische Disziplin für Frauen und dann ist mir ein Wurf in der Qualifikation gelungen, der zu einer Medaille reichen würde“, berichtet sie. Dankbar war sie damals, dass sie von den erfahrenen Athleten ein bisschen an die Seite genommen wurde, um ihre Nerven wieder in den Griff zu bekommen und sich nicht all zu sehr unter Druck zu setzen. „Mit Franka Dietzsch und Jürgen Schult sind wir fernab vom Trubel einem Tag vor dem Finale in einen Pub gegangen, haben eine Flasche Wein getrunken. Und sie haben mir Mut zugesprochen. Das hat offensichtlich geholfen“, schmunzelt Münchow.

„Während des Wettkampf ist es einfach wichtig, weder links noch rechts zuschauen, sondern fokussiert zu sein. Ab und an schaut man, was die direkten Konkurrenten so machen“, berichtet Münchow. Ihre Weite in Sidney von 69,28 Meter bedeutete Bronze, die beiden vor ihr Platzierten, eine Polin und eine Russin, blieben unerreichbar. Aber: Es war neben Bronze von Kugelstoßerin Astrid Kumbernuss die einzige Medaille in den Wurfdisziplinen der Frauen.

„Plötzlich war die Aufmerksamkeit eine ganze andere“ erinnert sich Münchow. Dort, wo zuvor Zehnkämpfer Frank Busemann, Diskuswerfer Lars Riedel und Heike Drechsler im Fokus standen, interessierte sich die Öffentlichkeit nun auch für Münchow. „Von allen Medaillengewinnern wurde einer kleiner Film gedreht. So kam ich zu meiner Sightseeing-Tour in Sydney“, erzählt Münchow.

Was sie ärgert, ist, dass damals wie heute eine gute Platzierung ohne Medaille oft nicht sonderlich wertgeschätzt wird. „Für jeden, der sich für Olympia qualifiziert, ist das schon ein Riesenerfolg, dabei zu sein. Dort starten im Gegensatz zu anderen Veranstaltungen wirklich nur die Besten der Besten. Wer dabei war, für den bleibt Olympia ein Teil seines Lebens. Etwas, dass man niemals mehr vergisst“, sagt Münchow. „Die Tausenden von Zuschauern im Stadion ist man als Leichtathlet nicht gewohnt. Auch das macht Olympia aus und hat mich besonders in meinem Wettkampf gepusht. Darum ist es ja jetzt sehr schade, dass diesmal keine Zuschauer dabei sein können, die einen zusätzlich motivieren.“

Dass die deutschen Leichtathleten dennoch gute Ergebnisse abliefern, davon ist Münchow überzeugt. Weitspringerin Malaika Mihambo und Speerwerferin Christin Hussong traut sie durchaus eine Medaille zu und bei den Männern Johannes Vetter sogar eine Goldmedaille.

Neben der Siegerehrung war für Münchow die Schlussfeier einer der bewegendsten Momente während der Sommerspiele. Die Eröffnungsfeier hatte sie aus zeitlichen Gründen verpasst. Was sie auch betont: Neben den vielen wertvollen Erlebnissen mit der Bronzemedaille von Sydney hat ihr Olympia 2000 auch eine berufliche Perspektive gegeben. Nachdem sie gerade ihre Ausbildung zur Schauwerbegestalterin abgeschlossen hatte, bekam sie einen Anruf vom Deutschen-Leichtathletik-Verband (DLV). Der bot ihr an, in die Sportförderkompanie der Bundeswehr zu kommen. „Das war die Chance meines Lebens und die Möglichkeit, meinen Sport professionell auszuüben“, sagt Münchow. Fortan gehörte sie der Kompanie in Hannover an, zu der auch der ehemalige Tennis-Profi Nikolas Kiefer und Deutschlands Weltklasse-Tischtennisspieler Timo Boll zählten, der auch jetzt in Tokio noch spielte.

Auf einem ähnlichen Weg befindet sich derzeit Münchows Sohn Sören Klose, der sich anschickt, vielleicht selber einmal Olympionike im Hammerwurf zu werden. Einen Vorgeschmack hat Klose schon gehabt als Teilnehmer der Olympischen Jugendspielen in Argentinien 2018.

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