Mit langer Hose Zeichen gesetzt: Wie Mindener Turn-Trainer und Sportpsychologe Ben Göller Sarah Voss' Aktion gegen sexualisierte Gewalt beurteilen Astrid Plaßhenrich Minden. Das mediale Echo war groß. Als die deutsche Kunstturnerin Sarah Voss während der Europameisterschaft in Basel auf den knappen Turnanzug verzichtete und stattdessen im eleganten Gymnastikanzug am Schwebebalken und am Sprung antrat, war es ihr Weg, um ein Zeichen gegen Sexualisierung im Sport zu setzen. Dabei war das kein rebellischer oder gar revolutionärer Akt, da die Anzüge erlaubt sind. Aber die 21-Jährige stellte sich bewusst gegen eine Tradition. Ihre Botschaft: Turnerinnen, die sich in den üblichen Anzügen unwohl fühlen, sollen ermutigt werden, dem Beispiel zu folgen. Bei Frank Eigenrauch vom SV 1860 Minden findet die Aktion uneingeschränkte Unterstützung. Ines Gidius von Tuspo Meißen stimmt ihr auch zu, ordnet sie allerdings differenzierter ein. Obwohl der Welt-Turnverband (FIG) das Tragen einer langen, engen Hose oder eines Gymnastikanzugs im Wettkampf erlaubt, wird das vom Spitzen- bis hin zum Breitensport kaum gelebt. „Ich habe vor ein paar Jahren versucht, im Turnbezirk Minden das Tragen von langen und auch kurzen Hosen zu etablieren“, sagt Frank Eigenrauch. Doch damit traf der Turn-Abteilungsleiter des SV 1860 auf keine breite Zustimmung: „Es kam vor allem immer wieder das Argument, dass eine genau Wertung nicht möglich sei, weil beispielsweise die Winkel der Beine schwer zu erkennen sind.“ Für Eigenrauch macht das allerdings keinen Sinn: „Schließlich tragen Männer an vier von sechs Geräten auch lange Hosen und ansonsten kurze.“ Für Ines Gidius gehört das badezugähnliche Wettkampfdress zum Turnen dazu. „Die Anzüge halten hohen Belastungen stand. Bei wem er verrutscht, hat womöglich eine falsche Größe oder Passform gewählt“, sagt die Tuspo-Abteilungsleiterin und meint: „Beim Schwimmen sind die Mädchen und Frauen noch knapper bekleidet und spreizen beim Brustschwimmen ihre Beine. Das wird nicht hinterfragt.“ Um das Verrutschen des Turnanzugs vorzubeugen, fixieren viele Athletinnen inzwischen ihr Dress am Gesäß und anderen Körperstellen mit Textilkleber. Das gab es noch nicht, als Gidius selbst mit dem Turnen begann. Damals war das Wettkampfdress an Beinen, Dekolleté und Rücken noch um einiges höher ausgeschnitten. „Natürlich kommt es auch immer auf die Persönlichkeit jedes Einzelnen an, mit so einer Situation umzugehen“, sagt die Meißener Trainerin. Sie habe gelernt, mit geschickten Posen unangenehme Situationen zu überspielen und den Anzug dadurch an die richtigen Stellen zurückzuziehen. Sportpsychologe Ben Göller hofft, dass Voss’ Aktion eine Signalwirkung hat. „Junge Athleten müssen lernen, für sich und ihre Werte einzustehen. Das hat Sarah Voss gemacht. Es ist wichtig, Grenzen zu ziehen, Nein zu sagen, sobald wir uns unwohl fühlen“, sagt der ehemalige Handballer von GWD Minden. Im Leistungssport, in dem die Athleten stets funktionieren sollten, sei es nicht immer leicht, den Mut zu haben, sich treu zu bleiben. „Man kann sich in dem System schnell verlieren, anstatt als Persönlichkeit zu agieren“, meint Göller. Persönlichkeit und Körpergefühl entwickeln sich vor allem in der Pubertät. Dann entsteht auch das Schamgefühl. „Als kleines Mädchen fand ich die knappen Turnanzüge nicht so hochdramatisch. Aber als die Pubertät begann, als die Periode dazu kam, da hatte ich zunehmend ein ungutes Gefühl“, sagte Sarah Voss unlängst im ZDF. Auch Frank Eigenrauch trainierte eine Turnerin, die nur in Hose bei Wettkämpfen starten wollte. „Sie hat bewusst Punktabzüge in Kauf genommen“, sagt der 1860-Trainer. Grundsätzlich stellt der Abteilungsleiter seinen Turnerinnen frei, welchen Dress sie tragen. „Kinder und Jugendliche sollen in erster Linie Spaß am Turnen haben. Den hat aber niemand, der sich schämt“, erklärt Eigenrauch. In den Einzelwettbewerben ist das auch unproblematisch. Bei Mannschaftswettkämpfen müssen die Riegen aber gleich gekleidet sein. Da heißt es: Entweder treten alle in kurz oder alle in lang an. Dazu stellt Gidius fest: „Wir haben erst jetzt Turnanzüge im Wert von 4.000 Euro bestellt. Die Gymnastikanzüge kosten ein Vielfaches mehr. Das ist für uns als Verein nicht finanzierbar.“ Gleichzeitig sensibilisiert Frank Eigenrauch noch für ein anderes Problem: „Als männlicher Kampfrichter war es mir immer unangenehm, wenn die Mädchen und jungen Frauen in den knappen Turnanzüge an Boden oder Balken bestimmte Übungen machen mussten. Deswegen habe ich mich auch auf den Sprung und Barren konzentriert.“ Eigenrauch begann bereits als 14-Jähriger als Trainer, macht das jetzt seit 38 Jahren. Es gilt, die Sportlerinnen bestmöglich zu schützen, aber sich selbst muss er auch schützen. Dass sich die deutschen Kunstturnerinnen gegen den knappen Dresscode wehren, löste schließlich auch der massenhafte Missbrauchsskandal im US-Team durch Mannschaftsarzt Larry Nassar aus. Dazu tauchen auf pornografischen Internetseiten immer wieder Fotos von Nachwuchsturnerinnen auf. „Wir müssen uns darüber bewusst sein, dass Sport immer auch ein Schlaraffenland für Sexualstraftäter ist. Deshalb gilt es, frühestmöglich die Athleten zu schützen und sie für das Thema sowohl zu sensibilisieren als es auch zu enttabuisieren“, sagt Ben Göller. Der Sportpsychologe kann sich übrigens vorstellen, dass sich Sarah Voss auf das mediale Echo vorbereitet hat: „Ich traue ihr zu, dass sie im Vorfeld mit ihrem engen Umfeld über die Aktion und Szenarien, die auf sie zukommen können, gesprochen hat.“ Für die Kunstturnerin sei es nur ein kleiner Schritt, im Gymnastikanzug zu starten. „Aber vielleicht hat sie dadurch ein Bewusstsein geschaffen, dass den gesamten Sport verändert“, sagt Göller. Wer gegen die vorgeschriebene Wettkampfbekleidung verstößt, erhält Punktabzüge Die Wettkampfbekleidung ist in den 271 Seiten umfassenden Wettkampfvorschriften der Fédération Internationale de Gymnastique (FIG), dem Internationalen Turnverband mit Sitz im schweizerischen Lausanne, geregelt. Bei Verstoß werden Punkte abgezogen. Die Turnerin hat einen sportlich-korrekten, undurchsichtigen Turn- oder Gymnastikanzug (durchgehender Turnanzug mit langen von der Hüfte bis zum Knöchel reichenden Beinen) zu tragen, der ein elegantes Design aufweisen muss. Sie kann über oder unter dem Anzug eine lange Hose in der Farbe des Turnanzuges tragen. Der Halsausschnitt an der Vorder- und Rückseite des Anzugs muss korrekt sein, das heißt, er darf nicht über die Mitte des Brustbeins und die untere Linie der Schulterblätter hinausgehen. Die Anzüge dürfen mit oder ohne Ärmel sein. Die Träger müssen mindestens zwei Zentimeter breit sein. Der Beinausschnitt des Anzugs darf nicht über die Leistenbeuge (Maximum) hinausgehen. Die Länge des Turnanzuges darf die horizontale Linie um das Bein nicht überschreiten. Diese Linie verläuft etwa zwei Zentimeter unterhalb des Gesäßes. In Mannschaftswettkämpfen muss der Turn- oder Gymnastikanzug für alle Mitglieder eines Teams einheitlich sein. Einzelturnerinnen dürfen außerhalb des Mannschaftswettbewerbs unterschiedliche Turn- oder Gymnastikanzüge tragen. (apl/mt)

Mit langer Hose Zeichen gesetzt: Wie Mindener Turn-Trainer und Sportpsychologe Ben Göller Sarah Voss' Aktion gegen sexualisierte Gewalt beurteilen

Die deutsche Kunstturnerin Sarah Voss zeigte ihre Balkenübung bei der EM im schwarz-roten Gymnastikanzug. Foto: Fabrice Coffrini/imago © AFP or licensors

Minden. Das mediale Echo war groß. Als die deutsche Kunstturnerin Sarah Voss während der Europameisterschaft in Basel auf den knappen Turnanzug verzichtete und stattdessen im eleganten Gymnastikanzug am Schwebebalken und am Sprung antrat, war es ihr Weg, um ein Zeichen gegen Sexualisierung im Sport zu setzen. Dabei war das kein rebellischer oder gar revolutionärer Akt, da die Anzüge erlaubt sind. Aber die 21-Jährige stellte sich bewusst gegen eine Tradition. Ihre Botschaft: Turnerinnen, die sich in den üblichen Anzügen unwohl fühlen, sollen ermutigt werden, dem Beispiel zu folgen. Bei Frank Eigenrauch vom SV 1860 Minden findet die Aktion uneingeschränkte Unterstützung. Ines Gidius von Tuspo Meißen stimmt ihr auch zu, ordnet sie allerdings differenzierter ein.

Obwohl der Welt-Turnverband (FIG) das Tragen einer langen, engen Hose oder eines Gymnastikanzugs im Wettkampf erlaubt, wird das vom Spitzen- bis hin zum Breitensport kaum gelebt. „Ich habe vor ein paar Jahren versucht, im Turnbezirk Minden das Tragen von langen und auch kurzen Hosen zu etablieren“, sagt Frank Eigenrauch. Doch damit traf der Turn-Abteilungsleiter des SV 1860 auf keine breite Zustimmung: „Es kam vor allem immer wieder das Argument, dass eine genau Wertung nicht möglich sei, weil beispielsweise die Winkel der Beine schwer zu erkennen sind.“ Für Eigenrauch macht das allerdings keinen Sinn: „Schließlich tragen Männer an vier von sechs Geräten auch lange Hosen und ansonsten kurze.“

Für Ines Gidius gehört das badezugähnliche Wettkampfdress zum Turnen dazu. „Die Anzüge halten hohen Belastungen stand. Bei wem er verrutscht, hat womöglich eine falsche Größe oder Passform gewählt“, sagt die Tuspo-Abteilungsleiterin und meint: „Beim Schwimmen sind die Mädchen und Frauen noch knapper bekleidet und spreizen beim Brustschwimmen ihre Beine. Das wird nicht hinterfragt.“ Um das Verrutschen des Turnanzugs vorzubeugen, fixieren viele Athletinnen inzwischen ihr Dress am Gesäß und anderen Körperstellen mit Textilkleber.

Das gab es noch nicht, als Gidius selbst mit dem Turnen begann. Damals war das Wettkampfdress an Beinen, Dekolleté und Rücken noch um einiges höher ausgeschnitten. „Natürlich kommt es auch immer auf die Persönlichkeit jedes Einzelnen an, mit so einer Situation umzugehen“, sagt die Meißener Trainerin. Sie habe gelernt, mit geschickten Posen unangenehme Situationen zu überspielen und den Anzug dadurch an die richtigen Stellen zurückzuziehen.

Sportpsychologe Ben Göller hofft, dass Voss’ Aktion eine Signalwirkung hat. „Junge Athleten müssen lernen, für sich und ihre Werte einzustehen. Das hat Sarah Voss gemacht. Es ist wichtig, Grenzen zu ziehen, Nein zu sagen, sobald wir uns unwohl fühlen“, sagt der ehemalige Handballer von GWD Minden. Im Leistungssport, in dem die Athleten stets funktionieren sollten, sei es nicht immer leicht, den Mut zu haben, sich treu zu bleiben. „Man kann sich in dem System schnell verlieren, anstatt als Persönlichkeit zu agieren“, meint Göller.

Persönlichkeit und Körpergefühl entwickeln sich vor allem in der Pubertät. Dann entsteht auch das Schamgefühl. „Als kleines Mädchen fand ich die knappen Turnanzüge nicht so hochdramatisch. Aber als die Pubertät begann, als die Periode dazu kam, da hatte ich zunehmend ein ungutes Gefühl“, sagte Sarah Voss unlängst im ZDF. Auch Frank Eigenrauch trainierte eine Turnerin, die nur in Hose bei Wettkämpfen starten wollte. „Sie hat bewusst Punktabzüge in Kauf genommen“, sagt der 1860-Trainer. Grundsätzlich stellt der Abteilungsleiter seinen Turnerinnen frei, welchen Dress sie tragen. „Kinder und Jugendliche sollen in erster Linie Spaß am Turnen haben. Den hat aber niemand, der sich schämt“, erklärt Eigenrauch. In den Einzelwettbewerben ist das auch unproblematisch. Bei Mannschaftswettkämpfen müssen die Riegen aber gleich gekleidet sein. Da heißt es: Entweder treten alle in kurz oder alle in lang an. Dazu stellt Gidius fest: „Wir haben erst jetzt Turnanzüge im Wert von 4.000 Euro bestellt. Die Gymnastikanzüge kosten ein Vielfaches mehr. Das ist für uns als Verein nicht finanzierbar.“

Gleichzeitig sensibilisiert Frank Eigenrauch noch für ein anderes Problem: „Als männlicher Kampfrichter war es mir immer unangenehm, wenn die Mädchen und jungen Frauen in den knappen Turnanzüge an Boden oder Balken bestimmte Übungen machen mussten. Deswegen habe ich mich auch auf den Sprung und Barren konzentriert.“ Eigenrauch begann bereits als 14-Jähriger als Trainer, macht das jetzt seit 38 Jahren. Es gilt, die Sportlerinnen bestmöglich zu schützen, aber sich selbst muss er auch schützen. Dass sich die deutschen Kunstturnerinnen gegen den knappen Dresscode wehren, löste schließlich auch der massenhafte Missbrauchsskandal im US-Team durch Mannschaftsarzt Larry Nassar aus. Dazu tauchen auf pornografischen Internetseiten immer wieder Fotos von Nachwuchsturnerinnen auf. „Wir müssen uns darüber bewusst sein, dass Sport immer auch ein Schlaraffenland für Sexualstraftäter ist. Deshalb gilt es, frühestmöglich die Athleten zu schützen und sie für das Thema sowohl zu sensibilisieren als es auch zu enttabuisieren“, sagt Ben Göller.

Der Sportpsychologe kann sich übrigens vorstellen, dass sich Sarah Voss auf das mediale Echo vorbereitet hat: „Ich traue ihr zu, dass sie im Vorfeld mit ihrem engen Umfeld über die Aktion und Szenarien, die auf sie zukommen können, gesprochen hat.“ Für die Kunstturnerin sei es nur ein kleiner Schritt, im Gymnastikanzug zu starten. „Aber vielleicht hat sie dadurch ein Bewusstsein geschaffen, dass den gesamten Sport verändert“, sagt Göller.

Wer gegen die vorgeschriebene Wettkampfbekleidung verstößt, erhält Punktabzüge

Die Wettkampfbekleidung ist in den 271 Seiten umfassenden Wettkampfvorschriften der Fédération Internationale de Gymnastique (FIG), dem Internationalen Turnverband mit Sitz im schweizerischen Lausanne, geregelt. Bei Verstoß werden Punkte abgezogen.

Die Turnerin hat einen sportlich-korrekten, undurchsichtigen Turn- oder Gymnastikanzug (durchgehender Turnanzug mit langen von der Hüfte bis zum Knöchel reichenden Beinen) zu tragen, der ein elegantes Design aufweisen muss. Sie kann über oder unter dem Anzug eine lange Hose in der Farbe des Turnanzuges tragen.

Der Halsausschnitt an der Vorder- und Rückseite des Anzugs muss korrekt sein, das heißt, er darf nicht über die Mitte des Brustbeins und die untere Linie der Schulterblätter hinausgehen. Die Anzüge dürfen mit oder ohne Ärmel sein. Die Träger müssen mindestens zwei Zentimeter breit sein.

Der Beinausschnitt des Anzugs darf nicht über die Leistenbeuge (Maximum) hinausgehen. Die Länge des Turnanzuges darf die horizontale Linie um das Bein nicht überschreiten. Diese Linie verläuft etwa zwei Zentimeter unterhalb des Gesäßes.

In Mannschaftswettkämpfen muss der Turn- oder Gymnastikanzug für alle Mitglieder eines Teams einheitlich sein. Einzelturnerinnen dürfen außerhalb des Mannschaftswettbewerbs unterschiedliche Turn- oder Gymnastikanzüge tragen. (apl/mt)

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