Mangelnde Balance: Flächendeckend existieren Herzsportgruppen - dagegen gibt es nur selten Angebote für die Krebsnachsorge Astrid Plaßhenrich Minden. Es ging alles ganz schnell. Als sich Olaf Wittkamp und seine Frau Birgit Bleke 1993 entschlossen, in Petershagen eine Herzsportgruppe zu gründen, dauerte das nur knapp zwei Monate. Bis heute leiten die beiden die Übungsstunden im dortigen Kneippverein. Gleichzeitig ist Wittkamp Fachreferent für Gesundheitssport im Kreissportbund Minden-Lübbecke und weiß um das Ungleichgewicht von Herzsportgruppen und Sportgruppen in der Krebsnachsorge: „Das Verhältnis liegt in NRW bei weit über 1.000 zu knapp 100. Im Kreis Minden-Lübbecke haben wir drei mir bekannte Sportgruppen für Krebspatienten, die in Vereinen verankert sind.“ Zum Vergleich: Allein in Petershagen gibt es vier Herzsportgruppen. Die Gründe für die mangelnde Balance seien vielfältig, meint Wittkamp. Entwicklung Herzsportgruppen gibt es in Deutschland seit den frühen 1970er-Jahren. In Köln gründete der renommierte Sportmediziner Wildor Hollmann mit Studenten an der dortigen Sporthochschule die ersten Gruppen für Herzkranke. Zeitgleich bildeten sich auch welche in Hamburg mit einem ähnlichen Konzept. Die Teilnehmer wurden wissenschaftlich begleitet, Erfolge schnell festgestellt. Seitdem etablierten sich die Herzsportgruppen innerhalb weniger Jahre deutschlandweit. Die ersten Krebsnachsorge-Sportgruppen entstanden 1981 ebenfalls Köln sowie beim Landessportbund NRW. In den ersten zehn Jahren fanden zum größten Teil aber nur Brustkrebspatienten Beachtung. Erst dann wurde das Sportangebot für weitere Krebsarten weiterentwickelt. Das Ziel: Es sollte eine kontinuierliche Betreuung von der Akutklinik über die Rehaklinik bis hin zur Wohnortnähe geschaffen werden. Das ist bis heute auch aufgrund der Komplexität der Krankheit nicht erreicht. Die zeitliche Entwicklung im Vergleich zu Herzsport ist deutlich langsamer. Ausbildung Aktuell gibt es keine eigenständige Aus- oder Fortbildung, die Übungsleiter speziell in der Krebsnachsorge schult. Vor etwa 20 Jahren hatte der Landessportbund ein solches Programm aufgelegt. „Das war auch sehr erfolgreich“, sagt Olaf Wittmann. Doch die Nachfrage ließ nach, zudem gab es nur wenige Ausbilder, die dem komplexen Thema gerecht wurden. Deshalb stellte der LSB vor etwa zehn Jahren seine Aus- und Fortbildungsstrukturen um. Das große und bis dahin eigenständige Thema „Krebsnachsorge“ wurde in die Ausbildung „Rehasport in der Orthopädie“ integriert. Von 90 Übungsstunden, die diese Fortbildung umfasst, nimmt „Sport und Krebs“ etwa ein Zehntel ein. Wittkamp schult selbst die Übungsleiter und gibt zu: „Das reicht nicht aus, um selbstständig eine Krebsnachsorge-Gruppe aufzubauen, wenn die Teilnehmer ihr Wissen nicht selbstständig vertiefen.“ Zum Vergleich: Um eine Herzsportgruppe zu leiten, muss eine separate Ausbildung von 105 Übungsstunden absolviert werden. Zudem sind die Übungsleiter von Krebssportgruppen psychisch stark gefordert. „Es geht auch permanent um Abschiednehmen, gleichzeitig aber auch darum, hoffnungsvoll in die Zukunft zu schauen. Das kann auch nicht jeder“, erklärt Wittkamp, sagt aber aus eigener Erfahrung: „Jeder, der eine Gruppe leitet, bekommt auch unheimlich viel zurück.“ Der Kreissportbund Minden-Lübbecke bietet im kommenden Jahr eine spezielle Fortbildung für Sport in der Krebsnachsorge an. „Uns ist die Relevanz bewusst“, sagt Wittkamp, „wir hoffen, dadurch ein neues Interesse zu schüren.“ Ein anderer Anspruch Herzkranke haben Angst, dass ihr lebenswichtiger Muskel versagt. Deshalb wird in den Herzsportgruppen dieser trainiert, um die Leistungsfähigkeit wieder zu steigern. Bis Anfang August war es zudem Pflicht, dass ein Arzt während der Übungsstunden anwesend war. Der kontrollierte regelmäßig Puls und Blutdruck, konnte Fragen schnell beantworten. „Dass ein Arzt medizinisch eingreifen muss, ist allerdings höchstselten“, erzählt Wittkamp: „Aber das gab den Teilnehmern eine vermeintliche Sicherheit.“ Aufgrund des Medizinermangels mussten sich allerdings in der jüngsten Vergangenheit immer mehr Herzsportgruppen auflösen. Deshalb hat sich seit Anfang August die „ständige Anwesenheit“ des Arztes in eine „ständige Bereitschaft“ gewandelt. Zudem können jetzt auch Rettungssanitäter den Part übernehmen. „Die Vereine werden demnächst über die neuen Modalitäten von uns informiert und beraten“, sagt Wittkamp. Herausfordernde Vielfalt Krebs ist keine einheitliche Krankheit, sondern ein Oberbegriff für viele verschiedene Erkrankungen, die sich hinsichtlich der Entstehung, des Verlaufs und der Behandlung stark unterscheiden. Ein Patient mit Brustkrebs muss anders trainieren als einer mit Prostatakrebs. „Trotzdem können Übungen kombiniert werden. Niemanden schadet es, auch Übungen für den Beckenboden zu machen oder seine Brust- oder Rückenmuskulatur zu stärken. Aber das muss ein Übungsleiter händeln können“, sagt Olaf Wittkamp. Durch das Gruppenerlebnis wird nicht nur dem Bewegungsmangel, dem Abbau der Muskelmasse und einer raschen Erschöpfung vorgebeugt, sondern auch der sozialen Isolation. „Für viele ist es motivierend, im Team zu trainieren“, sagt Wittkamp, „und jeder kann ja auch zusätzlich noch spezielle Übungen für sich machen.“ Alle Teile der Serien finden Sie hier.

Mangelnde Balance: Flächendeckend existieren Herzsportgruppen - dagegen gibt es nur selten Angebote für die Krebsnachsorge

Aus- und Fortbildungen für Sport in der Krebsnachsorge gibt es aktuell kaum. Der Sportkreisbund Minden-Lübbecke bietet im kommenden Jahr ein spezielles Seminar an. © imago stock&people

Minden. Es ging alles ganz schnell. Als sich Olaf Wittkamp und seine Frau Birgit Bleke 1993 entschlossen, in Petershagen eine Herzsportgruppe zu gründen, dauerte das nur knapp zwei Monate. Bis heute leiten die beiden die Übungsstunden im dortigen Kneippverein. Gleichzeitig ist Wittkamp Fachreferent für Gesundheitssport im Kreissportbund Minden-Lübbecke und weiß um das Ungleichgewicht von Herzsportgruppen und Sportgruppen in der Krebsnachsorge: „Das Verhältnis liegt in NRW bei weit über 1.000 zu knapp 100. Im Kreis Minden-Lübbecke haben wir drei mir bekannte Sportgruppen für Krebspatienten, die in Vereinen verankert sind.“ Zum Vergleich: Allein in Petershagen gibt es vier Herzsportgruppen. Die Gründe für die mangelnde Balance seien vielfältig, meint Wittkamp.

Entwicklung

Herzsportgruppen gibt es in Deutschland seit den frühen 1970er-Jahren. In Köln gründete der renommierte Sportmediziner Wildor Hollmann mit Studenten an der dortigen Sporthochschule die ersten Gruppen für Herzkranke. Zeitgleich bildeten sich auch welche in Hamburg mit einem ähnlichen Konzept. Die Teilnehmer wurden wissenschaftlich begleitet, Erfolge schnell festgestellt. Seitdem etablierten sich die Herzsportgruppen innerhalb weniger Jahre deutschlandweit.

Die ersten Krebsnachsorge-Sportgruppen entstanden 1981 ebenfalls Köln sowie beim Landessportbund NRW. In den ersten zehn Jahren fanden zum größten Teil aber nur Brustkrebspatienten Beachtung. Erst dann wurde das Sportangebot für weitere Krebsarten weiterentwickelt. Das Ziel: Es sollte eine kontinuierliche Betreuung von der Akutklinik über die Rehaklinik bis hin zur Wohnortnähe geschaffen werden. Das ist bis heute auch aufgrund der Komplexität der Krankheit nicht erreicht. Die zeitliche Entwicklung im Vergleich zu Herzsport ist deutlich langsamer.

Ausbildung

Aktuell gibt es keine eigenständige Aus- oder Fortbildung, die Übungsleiter speziell in der Krebsnachsorge schult. Vor etwa 20 Jahren hatte der Landessportbund ein solches Programm aufgelegt. „Das war auch sehr erfolgreich“, sagt Olaf Wittmann. Doch die Nachfrage ließ nach, zudem gab es nur wenige Ausbilder, die dem komplexen Thema gerecht wurden. Deshalb stellte der LSB vor etwa zehn Jahren seine Aus- und Fortbildungsstrukturen um. Das große und bis dahin eigenständige Thema „Krebsnachsorge“ wurde in die Ausbildung „Rehasport in der Orthopädie“ integriert. Von 90 Übungsstunden, die diese Fortbildung umfasst, nimmt „Sport und Krebs“ etwa ein Zehntel ein. Wittkamp schult selbst die Übungsleiter und gibt zu: „Das reicht nicht aus, um selbstständig eine Krebsnachsorge-Gruppe aufzubauen, wenn die Teilnehmer ihr Wissen nicht selbstständig vertiefen.“ Zum Vergleich: Um eine Herzsportgruppe zu leiten, muss eine separate Ausbildung von 105 Übungsstunden absolviert werden.

Zudem sind die Übungsleiter von Krebssportgruppen psychisch stark gefordert. „Es geht auch permanent um Abschiednehmen, gleichzeitig aber auch darum, hoffnungsvoll in die Zukunft zu schauen. Das kann auch nicht jeder“, erklärt Wittkamp, sagt aber aus eigener Erfahrung: „Jeder, der eine Gruppe leitet, bekommt auch unheimlich viel zurück.“ Der Kreissportbund Minden-Lübbecke bietet im kommenden Jahr eine spezielle Fortbildung für Sport in der Krebsnachsorge an. „Uns ist die Relevanz bewusst“, sagt Wittkamp, „wir hoffen, dadurch ein neues Interesse zu schüren.“

Ein anderer Anspruch

Herzkranke haben Angst, dass ihr lebenswichtiger Muskel versagt. Deshalb wird in den Herzsportgruppen dieser trainiert, um die Leistungsfähigkeit wieder zu steigern. Bis Anfang August war es zudem Pflicht, dass ein Arzt während der Übungsstunden anwesend war. Der kontrollierte regelmäßig Puls und Blutdruck, konnte Fragen schnell beantworten. „Dass ein Arzt medizinisch eingreifen muss, ist allerdings höchstselten“, erzählt Wittkamp: „Aber das gab den Teilnehmern eine vermeintliche Sicherheit.“ Aufgrund des Medizinermangels mussten sich allerdings in der jüngsten Vergangenheit immer mehr Herzsportgruppen auflösen. Deshalb hat sich seit Anfang August die „ständige Anwesenheit“ des Arztes in eine „ständige Bereitschaft“ gewandelt. Zudem können jetzt auch Rettungssanitäter den Part übernehmen. „Die Vereine werden demnächst über die neuen Modalitäten von uns informiert und beraten“, sagt Wittkamp.

Herausfordernde Vielfalt

Krebs ist keine einheitliche Krankheit, sondern ein Oberbegriff für viele verschiedene Erkrankungen, die sich hinsichtlich der Entstehung, des Verlaufs und der Behandlung stark unterscheiden. Ein Patient mit Brustkrebs muss anders trainieren als einer mit Prostatakrebs. „Trotzdem können Übungen kombiniert werden. Niemanden schadet es, auch Übungen für den Beckenboden zu machen oder seine Brust- oder Rückenmuskulatur zu stärken. Aber das muss ein Übungsleiter händeln können“, sagt Olaf Wittkamp. Durch das Gruppenerlebnis wird nicht nur dem Bewegungsmangel, dem Abbau der Muskelmasse und einer raschen Erschöpfung vorgebeugt, sondern auch der sozialen Isolation. „Für viele ist es motivierend, im Team zu trainieren“, sagt Wittkamp, „und jeder kann ja auch zusätzlich noch spezielle Übungen für sich machen.“

Alle Teile der Serien finden Sie hier.

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