MT-Serie "Training in der Krise": Mindener Weltklasse-Tänzer wurden im Höhenflug ausgebremst Astrid Plaßhenrich Minden. Die Weltrangliste ist eingefroren. Seit Mitte März, seit Corona. „Für uns war das ein schlechter Zeitpunkt“, sagt Antje Reimann, „wir waren sehr gut drauf.“ Zusammen mit ihrem Mann Raymund liegt das Mindener Tanzsportpaar in ihrer Klasse „Senioren III S Standard“ weltweit auf Platz vier von mehr als 1.000 Paaren, die es in die Rangliste schafften. Sportlich ist die Pandemie aber längst nicht die größte Herausforderung, die die Inhaber der Tanzschule Am Ring gemeistert haben. Rückblick: Bilbao, im Oktober 2019. Als deutsche Vizemeister tanzten Antje und Raymund Reimann bei der Weltmeisterschaft auf Platz fünf. Es folgte der Sieg bei einem internationalen Weltranglistenturnier in Dresden, bei dem die Mindener vor den Deutschen Meistern, Susanne und Thomas Schmidt aus Wetzlar, landeten. Auch beim größten Tanzturnier der Welt rechneten sich die Reimanns Chancen aus. Doch die 34. Auflage der German Open Championships in Stuttgart fällt im August aufgrund der Corona-Situation aus. Dass das Ehepaar überhaupt auf dem Niveau tanzt, ist nur mit Willen, Ehrgeiz und Disziplin zu erklären. Zehn von insgesamt 20 gemeinsamen Tanzjahren mussten die beiden mit ihrem Sport pausieren. Ab 2003 stand der Aufbau ihrer Tanzschule im Vordergrund, die inzwischen zu den größten in NRW zählt. Dann riss bei Raymund Reimann zunächst die Achillessehne. Später unterzog er sich einer Osteotomie. Das ist ein Operationsverfahren, bei dem Knochen gezielt durchtrennt werden. Bei dem 59-Jährigen wurde dadurch eine Fehlstellung der Beine korrigiert. „Ich bin sehr stolz auf meinen Mann, dass er diszipliniert weitertrainiert hat, damit wir gemeinsam wieder auf dem Niveau tanzen können“, sagt Antje Reimann. Zu einem ihrer Bälle in ihrer Tanzschule luden die Reimanns als Dank seinen behandelnden Arzt ein. Der konnte es überhaupt nicht fassen, wie die Weltklasse-Tänzer wieder über das Parkett schwebten. Der Weg zurück an die Spitze war allerdings lang. „Unser Herz hängt an dem Sport. Es ist unsere Leidenschaft. Das ist Motivation genug“, sagt Raymund Reimann. Deshalb verzichteten die beiden auch auf Urlaub, fuhren stattdessen nach Wien, um mit Lasse Odegaard zu trainieren. Der Norweger war 1990 Europa- und Weltmeister bei den Amateuren, zählt dazu weltweit zu den besten Trainern für Standardtänze. „Es ist sehr inspirativ mit ihm zu arbeiten“, meint Raymund Reimann. Hinzu kommen Einheiten bei ihren Heimtrainern Mark Schulze-Altmann vom TSZ Creativ Osnabrück und Anne Weber vom BTSC Braunschweig plus individuelles Training in den eigenen Tanzsälen. „Wir lieben es, uns zu verbessern“, erklärt Antje Reimann. Doch Corona legte auch ihr tägliches Trainingsprogramm lahm. „Wie viele Sportler haben auch wir nur Cardio- und Krafteinheiten machen können“, sagt die 57-Jährige. Stattdessen nutzten die Mindener die Zeit, um ihre Tanzschule zu renovieren. Diese durfte das Paar Mitte Mai wiedereröffnen. Ihr Tanzsportverein TSC Am Ring bleibt aber weiterhin geschlossen, bis die Regierung Kontaktsportarten erlaubt. „Mit der Tanzschule erfüllen wir einen Bildungsauftrag. Sie ist deshalb im Kulturbereich angesiedelt. Der TSC wird wie jeder andere Sportverein behandelt, obwohl die Räumlichkeiten dieselben sind“, erklärt Raymund Reimann. Ihre acht Tanzsportpaare müssen deshalb mit dem Turniertraining noch warten. Sie können aber in dieser Zeit das Kursangebot nutzen, da sie gleichzeitig Mitglieder der Tanzschule sind. Um den reibungslosen Ablauf in der Tanzschule zu garantieren, erfüllen Reimanns die verordneten Auflagen. Sie haben eine Hygienebeauftragte, die am Eingang die Hände desinfiziert. In den beiden großen Sälen sind mit Klebeband Vierecke markiert, um die Abstandseinhaltung für Tanzpaare und Solotänzer zu gewährleisten. In allen Bereichen, bis auf die Säle, besteht Maskenpflicht. Die Tanzschüler werden am Ende der Stunde in Kleinstgruppen zeitlich getrennt aus den Sälen gelassen. Es wird ständig gelüftet, die Öffnungszeiten haben sich geändert, um die Kurse zu entzerren. „Das oberste Gebot ist und bleibt der Mindestabstand“, sagt Raymund Reimann. „Es hat etwas Zeit gekostet, alle Maßnahmen umzusetzen. Aber die Freude überwiegt, dass wir überhaupt wieder tanzen können“, ergänzt Antje Reimann. Die beiden haben eh schon ganz andere Herausforderungen gemeistert. Eine Pandemie wird die Weltklasse-Tänzer nicht aufhalten. Training in der Krise Der Sport stand still. Erst nach zehn Wochen gab es für Athleten und Trainer erste Lockerungen. An einen Normalbetrieb oder Wettbewerbe ist trotzdem nicht zu denken. Deshalb gibt die Sportredaktion mit der MT-Serie „Training in der Krise“ weiterhin einen Überblick, wie sich die heimischen Sportler in Zeiten des Coronavirus fit halten.

MT-Serie "Training in der Krise": Mindener Weltklasse-Tänzer wurden im Höhenflug ausgebremst

Minden. Die Weltrangliste ist eingefroren. Seit Mitte März, seit Corona. „Für uns war das ein schlechter Zeitpunkt“, sagt Antje Reimann, „wir waren sehr gut drauf.“ Zusammen mit ihrem Mann Raymund liegt das Mindener Tanzsportpaar in ihrer Klasse „Senioren III S Standard“ weltweit auf Platz vier von mehr als 1.000 Paaren, die es in die Rangliste schafften. Sportlich ist die Pandemie aber längst nicht die größte Herausforderung, die die Inhaber der Tanzschule Am Ring gemeistert haben.

Antje und Reymund Reimann tanzen seit dem Jahr 2000 zusammen – allerdings nicht durchgängig. Aufgrund ihrer Selbstständigkeit und gesundheitlichen Problemen pausierten sie insgesamt zehn Jahre. Fotos: privat
Antje und Reymund Reimann tanzen seit dem Jahr 2000 zusammen – allerdings nicht durchgängig. Aufgrund ihrer Selbstständigkeit und gesundheitlichen Problemen pausierten sie insgesamt zehn Jahre. Fotos: privat

Rückblick: Bilbao, im Oktober 2019. Als deutsche Vizemeister tanzten Antje und Raymund Reimann bei der Weltmeisterschaft auf Platz fünf. Es folgte der Sieg bei einem internationalen Weltranglistenturnier in Dresden, bei dem die Mindener vor den Deutschen Meistern, Susanne und Thomas Schmidt aus Wetzlar, landeten. Auch beim größten Tanzturnier der Welt rechneten sich die Reimanns Chancen aus. Doch die 34. Auflage der German Open Championships in Stuttgart fällt im August aufgrund der Corona-Situation aus.

In den Sälen der Tanzschule sind mit Klebestreifen Vierecke markiert, indem sich aufgrund des Mindestabstand nur ein Paar bewegen darf.
In den Sälen der Tanzschule sind mit Klebestreifen Vierecke markiert, indem sich aufgrund des Mindestabstand nur ein Paar bewegen darf.

Dass das Ehepaar überhaupt auf dem Niveau tanzt, ist nur mit Willen, Ehrgeiz und Disziplin zu erklären. Zehn von insgesamt 20 gemeinsamen Tanzjahren mussten die beiden mit ihrem Sport pausieren. Ab 2003 stand der Aufbau ihrer Tanzschule im Vordergrund, die inzwischen zu den größten in NRW zählt. Dann riss bei Raymund Reimann zunächst die Achillessehne. Später unterzog er sich einer Osteotomie. Das ist ein Operationsverfahren, bei dem Knochen gezielt durchtrennt werden. Bei dem 59-Jährigen wurde dadurch eine Fehlstellung der Beine korrigiert. „Ich bin sehr stolz auf meinen Mann, dass er diszipliniert weitertrainiert hat, damit wir gemeinsam wieder auf dem Niveau tanzen können“, sagt Antje Reimann. Zu einem ihrer Bälle in ihrer Tanzschule luden die Reimanns als Dank seinen behandelnden Arzt ein. Der konnte es überhaupt nicht fassen, wie die Weltklasse-Tänzer wieder über das Parkett schwebten.

Der Weg zurück an die Spitze war allerdings lang. „Unser Herz hängt an dem Sport. Es ist unsere Leidenschaft. Das ist Motivation genug“, sagt Raymund Reimann. Deshalb verzichteten die beiden auch auf Urlaub, fuhren stattdessen nach Wien, um mit Lasse Odegaard zu trainieren. Der Norweger war 1990 Europa- und Weltmeister bei den Amateuren, zählt dazu weltweit zu den besten Trainern für Standardtänze. „Es ist sehr inspirativ mit ihm zu arbeiten“, meint Raymund Reimann. Hinzu kommen Einheiten bei ihren Heimtrainern Mark Schulze-Altmann vom TSZ Creativ Osnabrück und Anne Weber vom BTSC Braunschweig plus individuelles Training in den eigenen Tanzsälen. „Wir lieben es, uns zu verbessern“, erklärt Antje Reimann.

Doch Corona legte auch ihr tägliches Trainingsprogramm lahm. „Wie viele Sportler haben auch wir nur Cardio- und Krafteinheiten machen können“, sagt die 57-Jährige. Stattdessen nutzten die Mindener die Zeit, um ihre Tanzschule zu renovieren. Diese durfte das Paar Mitte Mai wiedereröffnen. Ihr Tanzsportverein TSC Am Ring bleibt aber weiterhin geschlossen, bis die Regierung Kontaktsportarten erlaubt. „Mit der Tanzschule erfüllen wir einen Bildungsauftrag. Sie ist deshalb im Kulturbereich angesiedelt. Der TSC wird wie jeder andere Sportverein behandelt, obwohl die Räumlichkeiten dieselben sind“, erklärt Raymund Reimann. Ihre acht Tanzsportpaare müssen deshalb mit dem Turniertraining noch warten. Sie können aber in dieser Zeit das Kursangebot nutzen, da sie gleichzeitig Mitglieder der Tanzschule sind.

Um den reibungslosen Ablauf in der Tanzschule zu garantieren, erfüllen Reimanns die verordneten Auflagen. Sie haben eine Hygienebeauftragte, die am Eingang die Hände desinfiziert. In den beiden großen Sälen sind mit Klebeband Vierecke markiert, um die Abstandseinhaltung für Tanzpaare und Solotänzer zu gewährleisten. In allen Bereichen, bis auf die Säle, besteht Maskenpflicht. Die Tanzschüler werden am Ende der Stunde in Kleinstgruppen zeitlich getrennt aus den Sälen gelassen. Es wird ständig gelüftet, die Öffnungszeiten haben sich geändert, um die Kurse zu entzerren. „Das oberste Gebot ist und bleibt der Mindestabstand“, sagt Raymund Reimann. „Es hat etwas Zeit gekostet, alle Maßnahmen umzusetzen. Aber die Freude überwiegt, dass wir überhaupt wieder tanzen können“, ergänzt Antje Reimann. Die beiden haben eh schon ganz andere Herausforderungen gemeistert. Eine Pandemie wird die Weltklasse-Tänzer nicht aufhalten.

Training in der Krise

Der Sport stand still. Erst nach zehn Wochen gab es für Athleten und Trainer erste Lockerungen. An einen Normalbetrieb oder Wettbewerbe ist trotzdem nicht zu denken. Deshalb gibt die Sportredaktion mit der MT-Serie „Training in der Krise“ weiterhin einen Überblick, wie sich die heimischen Sportler in Zeiten des Coronavirus fit halten.

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