MT-Serie: Mit Bewegung gegen den Stillstand Marcus Riechmannund Astrid Plaßhenrich Minden. Corona nervt. Auch Ruderin Inken Neppert und Läufer Emanuel Meier. Doch Trübsal blasen ist für die beiden Vollblutsportler keine Alternative. Sie gestalten die Krisenzeit kreativ und begegnen der Zeit des Stillstands mit Bewegung: im improvisierten Sportstudio in der Garage oder zwischen Sonntagsausflüglern auf dem Weserradweg. Doch auch sie spüren, wie die Zeit ohne Ziel allmählich an ihrer Motivation nagt. Team Red drohte das Aus Inken Neppert freute sich. Endlich waren ihre Schüler zurück im Klassenraum. Die Grundschullehrerin hat ihre zweite Klasse vermisst. Und umgekehrt war es genauso. Der Lockdown fühlte sich für ihre Schüler extrem lang an, und Gewohnheiten änderten sich. „Ich werde jetzt öfter mal mit Mama oder Papa angesprochen“, sagt die Mindenerin und lacht: „Das ist für beide Seiten immer witzig.“ Wenn Neppert über ihren Beruf in den vergangenen zwölf Monaten spricht, sprudelt es nur so aus ihr heraus. Sie sei unheimlich stolz auf die Kinder. „Alle haben so toll die Situation angenommen und super zu Hause gelernt“, erzählt die 30-Jährige. Für sie selbst habe sich der Berufsalltag komplett verändert. Freie Tage gab es nicht mehr. Auch am Wochenende stand die Schule im Mittelpunkt und nicht – wie sonst die Jahre – Regatten. Und anstatt das Addieren von zweistelligen Zahlen an der Tafel zu erklären, drehte sie nun Lehrvideos. Mit dem Handy, der Wäscheständer diente als Stativ. „Mir war es wichtig, dass meine Schüler mich sehen und meine Stimme hören“, sagt Neppert. Trotz der Distanz wollte sie die Nähe zu den Kindern behalten. Der Star in den Videos war aber sowieso jemand anders: Giraffe Gloria, das Klassenmaskottchen. Das sorgte auch über den Bildschirm für ein Wir-Gefühl. Neppert erreichte die Zweitklässler auch mit Videokonferenzen, Gruppen- und Einzelgespräche fanden statt. „Jeder brauchte in der Zeit mal einen Motivationsschub. Den habe ich versucht, so zu vermitteln.“ Jetzt sind die Schüler zurück. Zwar im Wechselunterricht, aber es ist ein Schritt zurück zur Normalität. „Das einzige was mir schwer fällt, ist auf den Sportunterricht zu verzichten“, sagt Neppert. Bewegung gibt es nur auf den Schulhof – mit Maske und Abstand. „Da können sich die Kinder allerdings nicht auspowern, aber genau das ist wichtig.“ Sie selbst powert sich regelmäßig aus. Das braucht sie. Bei ihren Eltern hat sich die Ruderin ein kleines „Sportstudio“ in der Garage eingerichtet. Der Ruderergometer bildet das Herzstück, das von Gewichten umrahmt ist. Neppert ist glücklich über die Möglichkeit, flexibel trainieren zu können. „Aber mit der Zeit wurde es immer schwieriger. Ich bin es gewohnt, auf Regatten hinzuarbeiten. Dieses Ziel sah ich nicht.“ Und: Es fehlt das Wasser, es fehlen die Teamkolleginnen. „Inzwischen trainieren wir immerhin ein- bis zweimal in der Woche per Videokonferenz“, sagt die 30-Jährige. Schließlich habe die Vorbereitung auf die kommende Bundesligasaison begonnen – auch wenn niemand weiß, in welchem Rahmen diese ausgetragen wird. Aber Neppert ist glücklich, dass das Team Red überhaupt in diesem Jahr starten kann: „Im Winter stand es auf der Kippe, ob wir den Frauenachter für die Bundesliga melden.“ Die personelle Situation war zu angespannt. Jetzt steht fest, dass die Jugendlichen das Bessel-Boot unterstützen werden. Zudem werden zwei Münsteranerinnen für Minden rudern. Alles fügt sich langsam zusammen. Züge der Vor-Corona-Zeit sind spürbar. „Ich bin für jede Lockerung dankbar“, sagt Neppert. Meier knackt den Rekord Keine Frage: Das Jahr der Pandemie hatte auch für Emanuel Meier sportlich wenig zu bieten. Doch dem Leichtathleten von SV 1860 Minden ist bewusst, dass er es als Läufer noch verhältnismäßig gut getroffen hatte: „Ball- und Mannschaftssportler oder die Leute in den Fitnessstudios konnten ja fast gar nichts machen außer mit dem Laufen anzufangen“, sagt der 27-Jährige, „bei mir hat sich das Training ja gar nicht so sehr verändert.“ Damit legt Meier allerdings eine positive Perspektive an, denn auch sein sportlicher Alltag war in der Corona-Zeit auf den Kopf gestellt. Schließlich musste die Trainingsgruppe um Coach Wolfgang Vehlewald den Betrieb stoppen, das Training wurde zur Solo-Nummer. Und statt auf der Bahn im Weserstadion, wo er als Mittelstreckler mit Spikes an den Füßen seine Heimat hat, ging es regelmäßig auf den Weserradweg zwischen Minden und Hausberge. „Sonntags bei schönem Wetter ist es zwar recht voll“, sagt Meier, aber: „Ich konnte da Intervalltraining und Tempoläufe machen. Das war schon okay.“ Dass aus dem, was im März 2020 mit dem abrupten Stillstand des öffentlichen Lebens begann, ein ganzes Jahr werden würde, hatte sich Meier nicht vorstellen können. „So weit konnte man gar nicht nach vorn schauen“, erinnert er sich: Er hatte die Saison geplant, Trainingspläne erstellt. „Man hat schon gedacht, dass es dann irgendwann wieder los geht“, sagt Meier. Zu seinem Glück ging es zumindest eine kurze Zeit wieder los. Einige wenige Leichtathletik-Meetings wurden unter strengen Hygieneregeln möglich. Und gleich bei einem der ersten, dem „Back on Track“ in Dortmund, erfüllte sich am 11. Juli ein lang gehegter Traum: Der ehemalige Volksläufer Meier, der erst vor ein paar Jahren zu den Bahnläufern gewechselt war, rannte die 800 Meter in 1:59,38 Minuten und unterbot erstmals die Zwei-Minuten-Grenze. „Das war schon beeindruckend, was die in Dortmund trotz Corona auf die Beine gestellt hatten“, denkt Meier an den stimmungsvollen Flutlichtlauf und einen Glücksmoment zurück. Er wollte die Leistung bestätigen und auf anderen Strecken gute Zeiten nachlegen. Bei diesem Vorhaben wurde er in Topform von der Pandemie ausgebremst. Auch die Hallensaison ist komplett ausgefallen. „Als im November klar wurde, dass in der Halle nichts geht und der erste Wettkampf frühestens in einem halben Jahr wieder möglich sein würde, war es schon hart, dass zu realisieren“, sagt Meier, der beim Maschinenbauer Rose und Krieger als technischer Produktdesigner arbeitet. Er hat trotzdem weitertrainiert. „Ich bin optimistisch, dass ich auch in diesem Sommer ganz gute Zeiten hinbekomme“, sagt er und zielt aufgrund des veränderten Trainings auf die etwas längeren Strecken. Er denkt positiv, doch er hätte nichts dagegen, wenn allmählich die Perspektive wieder etwas erkennbarer würde. „Ich gucke immer mal wieder in die Ausschreibungen, aber da steht einfach noch nichts drin“, weiß er nicht, wann und wo er wieder einen Wettkampf bestreiten kann. Man trainiere ins Blaue, sagt er: „Ein konkretes Ziel würde für die Motivation eine Menge bringen.“ Er hofft, dass Wettkämpfe unter Einhaltung besonderer Hygieneregeln bald wieder möglich sein werden. Weiter will er nicht schauen, dass hat die Erfahrung des Pandemie-Beginns vor einem Jahr gelehrt. „Normalität“, sagt Meier vorsichtig, sei in dieser Zeit ohnehin „ein schwieriger Begriff.“ MT-Serie: Ein Jahr Sport und Pandemie Freitag, der 13. März 2020 – der Tag der Zäsur. Corona traf den Sport vor einem Jahr mit voller Wucht. Spiel- und Trainingsbetrieb wurden von einem Tag auf den anderen eingestellt, wenige Wochen später alle Ligen abgebrochen.

MT-Serie: Mit Bewegung gegen den Stillstand

Da war die Ruderwelt noch in Ordnung: Inken Neppert (rechts), Kapitänin des Melitta-Achters Red, und Johanna Soester klatschen sich ab. Foto: Alexander Pischke © Ruder-Bundesliga

Minden. Corona nervt. Auch Ruderin Inken Neppert und Läufer Emanuel Meier. Doch Trübsal blasen ist für die beiden Vollblutsportler keine Alternative. Sie gestalten die Krisenzeit kreativ und begegnen der Zeit des Stillstands mit Bewegung: im improvisierten Sportstudio in der Garage oder zwischen Sonntagsausflüglern auf dem Weserradweg. Doch auch sie spüren, wie die Zeit ohne Ziel allmählich an ihrer Motivation nagt.

Team Red drohte das Aus

Inken Neppert freute sich. Endlich waren ihre Schüler zurück im Klassenraum. Die Grundschullehrerin hat ihre zweite Klasse vermisst. Und umgekehrt war es genauso. Der Lockdown fühlte sich für ihre Schüler extrem lang an, und Gewohnheiten änderten sich. „Ich werde jetzt öfter mal mit Mama oder Papa angesprochen“, sagt die Mindenerin und lacht: „Das ist für beide Seiten immer witzig.“ Wenn Neppert über ihren Beruf in den vergangenen zwölf Monaten spricht, sprudelt es nur so aus ihr heraus. Sie sei unheimlich stolz auf die Kinder. „Alle haben so toll die Situation angenommen und super zu Hause gelernt“, erzählt die 30-Jährige. Für sie selbst habe sich der Berufsalltag komplett verändert. Freie Tage gab es nicht mehr. Auch am Wochenende stand die Schule im Mittelpunkt und nicht – wie sonst die Jahre – Regatten. Und anstatt das Addieren von zweistelligen Zahlen an der Tafel zu erklären, drehte sie nun Lehrvideos. Mit dem Handy, der Wäscheständer diente als Stativ. „Mir war es wichtig, dass meine Schüler mich sehen und meine Stimme hören“, sagt Neppert. Trotz der Distanz wollte sie die Nähe zu den Kindern behalten. Der Star in den Videos war aber sowieso jemand anders: Giraffe Gloria, das Klassenmaskottchen. Das sorgte auch über den Bildschirm für ein Wir-Gefühl.

Ein seltener Moment des Sommers 2020: Emanuel Meier auf der Bahn. Hier bei seinem Top-Lauf über 800 Meter beim Meeting in Dortmund. Foto: Wolfgang Birkenstock - © brikenstock
Ein seltener Moment des Sommers 2020: Emanuel Meier auf der Bahn. Hier bei seinem Top-Lauf über 800 Meter beim Meeting in Dortmund. Foto: Wolfgang Birkenstock - © brikenstock

Neppert erreichte die Zweitklässler auch mit Videokonferenzen, Gruppen- und Einzelgespräche fanden statt. „Jeder brauchte in der Zeit mal einen Motivationsschub. Den habe ich versucht, so zu vermitteln.“ Jetzt sind die Schüler zurück. Zwar im Wechselunterricht, aber es ist ein Schritt zurück zur Normalität. „Das einzige was mir schwer fällt, ist auf den Sportunterricht zu verzichten“, sagt Neppert. Bewegung gibt es nur auf den Schulhof – mit Maske und Abstand. „Da können sich die Kinder allerdings nicht auspowern, aber genau das ist wichtig.“

Sie selbst powert sich regelmäßig aus. Das braucht sie. Bei ihren Eltern hat sich die Ruderin ein kleines „Sportstudio“ in der Garage eingerichtet. Der Ruderergometer bildet das Herzstück, das von Gewichten umrahmt ist. Neppert ist glücklich über die Möglichkeit, flexibel trainieren zu können. „Aber mit der Zeit wurde es immer schwieriger. Ich bin es gewohnt, auf Regatten hinzuarbeiten. Dieses Ziel sah ich nicht.“ Und: Es fehlt das Wasser, es fehlen die Teamkolleginnen. „Inzwischen trainieren wir immerhin ein- bis zweimal in der Woche per Videokonferenz“, sagt die 30-Jährige. Schließlich habe die Vorbereitung auf die kommende Bundesligasaison begonnen – auch wenn niemand weiß, in welchem Rahmen diese ausgetragen wird. Aber Neppert ist glücklich, dass das Team Red überhaupt in diesem Jahr starten kann: „Im Winter stand es auf der Kippe, ob wir den Frauenachter für die Bundesliga melden.“ Die personelle Situation war zu angespannt. Jetzt steht fest, dass die Jugendlichen das Bessel-Boot unterstützen werden. Zudem werden zwei Münsteranerinnen für Minden rudern. Alles fügt sich langsam zusammen. Züge der Vor-Corona-Zeit sind spürbar. „Ich bin für jede Lockerung dankbar“, sagt Neppert.

Meier knackt den Rekord

Keine Frage: Das Jahr der Pandemie hatte auch für Emanuel Meier sportlich wenig zu bieten. Doch dem Leichtathleten von SV 1860 Minden ist bewusst, dass er es als Läufer noch verhältnismäßig gut getroffen hatte: „Ball- und Mannschaftssportler oder die Leute in den Fitnessstudios konnten ja fast gar nichts machen außer mit dem Laufen anzufangen“, sagt der 27-Jährige, „bei mir hat sich das Training ja gar nicht so sehr verändert.“

Damit legt Meier allerdings eine positive Perspektive an, denn auch sein sportlicher Alltag war in der Corona-Zeit auf den Kopf gestellt. Schließlich musste die Trainingsgruppe um Coach Wolfgang Vehlewald den Betrieb stoppen, das Training wurde zur Solo-Nummer. Und statt auf der Bahn im Weserstadion, wo er als Mittelstreckler mit Spikes an den Füßen seine Heimat hat, ging es regelmäßig auf den Weserradweg zwischen Minden und Hausberge. „Sonntags bei schönem Wetter ist es zwar recht voll“, sagt Meier, aber: „Ich konnte da Intervalltraining und Tempoläufe machen. Das war schon okay.“

Dass aus dem, was im März 2020 mit dem abrupten Stillstand des öffentlichen Lebens begann, ein ganzes Jahr werden würde, hatte sich Meier nicht vorstellen können. „So weit konnte man gar nicht nach vorn schauen“, erinnert er sich: Er hatte die Saison geplant, Trainingspläne erstellt. „Man hat schon gedacht, dass es dann irgendwann wieder los geht“, sagt Meier. Zu seinem Glück ging es zumindest eine kurze Zeit wieder los. Einige wenige Leichtathletik-Meetings wurden unter strengen Hygieneregeln möglich. Und gleich bei einem der ersten, dem „Back on Track“ in Dortmund, erfüllte sich am 11. Juli ein lang gehegter Traum: Der ehemalige Volksläufer Meier, der erst vor ein paar Jahren zu den Bahnläufern gewechselt war, rannte die 800 Meter in 1:59,38 Minuten und unterbot erstmals die Zwei-Minuten-Grenze. „Das war schon beeindruckend, was die in Dortmund trotz Corona auf die Beine gestellt hatten“, denkt Meier an den stimmungsvollen Flutlichtlauf und einen Glücksmoment zurück.

Er wollte die Leistung bestätigen und auf anderen Strecken gute Zeiten nachlegen. Bei diesem Vorhaben wurde er in Topform von der Pandemie ausgebremst. Auch die Hallensaison ist komplett ausgefallen. „Als im November klar wurde, dass in der Halle nichts geht und der erste Wettkampf frühestens in einem halben Jahr wieder möglich sein würde, war es schon hart, dass zu realisieren“, sagt Meier, der beim Maschinenbauer Rose und Krieger als technischer Produktdesigner arbeitet.

Er hat trotzdem weitertrainiert. „Ich bin optimistisch, dass ich auch in diesem Sommer ganz gute Zeiten hinbekomme“, sagt er und zielt aufgrund des veränderten Trainings auf die etwas längeren Strecken. Er denkt positiv, doch er hätte nichts dagegen, wenn allmählich die Perspektive wieder etwas erkennbarer würde. „Ich gucke immer mal wieder in die Ausschreibungen, aber da steht einfach noch nichts drin“, weiß er nicht, wann und wo er wieder einen Wettkampf bestreiten kann. Man trainiere ins Blaue, sagt er: „Ein konkretes Ziel würde für die Motivation eine Menge bringen.“ Er hofft, dass Wettkämpfe unter Einhaltung besonderer Hygieneregeln bald wieder möglich sein werden. Weiter will er nicht schauen, dass hat die Erfahrung des Pandemie-Beginns vor einem Jahr gelehrt. „Normalität“, sagt Meier vorsichtig, sei in dieser Zeit ohnehin „ein schwieriger Begriff.“

MT-Serie: Ein Jahr Sport und Pandemie

Freitag, der 13. März 2020 – der Tag der Zäsur. Corona traf den Sport vor einem Jahr mit voller Wucht. Spiel- und Trainingsbetrieb wurden von einem Tag auf den anderen eingestellt, wenige Wochen später alle Ligen abgebrochen.

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