MT-Serie "Corona-Jahr": Ein anderes Virus macht Pferdesportlern auch Sorgen Astrid Plaßhenrich Minden. Der erste Lockdown vor einem Jahr traf Ann Katrin Dettmer und ihre Tiere hart. „Die Pferde standen voll im Saft und waren für die anstehenden Turniere austrainiert“, berichtet die Springreiterin. Anfang März startete die 23-Jährige noch bei Wettbewerben – dann war plötzlich Schluss. Für die Handballerin Anna Bödeker war die Corona-Zeit sportlich sehr erfolgreich. Mit den A-Mädchen des HSV Minden-Nord spielte die 17-Jährige erstmals die Bundesliga-Vorrunde. „Und das“, sagt die Gymnasiastin völlig zurecht, „kann nicht jeder von sich behaupten.“ Harte Zeiten „Man kann die Pferde nicht einfach in die Box oder auf die Wiese stellen“, erklärt Ann Katrin Dettmer, „wie Leistungssportler müssen auch sie abtrainiert werden.“ Zudem müsse die Ernährung wie in der Winterpause bei den Tieren umgestellt werden. Ansonsten drohen den Pferden ernsthafte gesundheitliche Probleme bei der Wiederaufnahme des Turniersports. Dieser fand mit erheblichen Einschränkungen ab dem Spätsommer auch wieder statt. An Normalität war aber nicht zu denken: Die Anzahl der Wettbewerbe ging dramatisch zurück, weil sich nicht jeder Turnierveranstalter in der Lage sah, ein Hygienekonzept umzusetzen. Gleichzeitig stiegen die Meldegelder für die wenigen stattfindenden Turniere aufgrund der Kosten für die Hygienemaßnahmen. „Und der Turniersport ist sowieso schon kostspielig“, sagt die selbstständige Pferdewirtin. Beruflich traf die 23-Jährige die Corona-Krise zwar auch, doch sie ist sich bewusst, „dass es vielen sicher noch sehr viel schlechter geht.“ Dabei denkt sie an den Einzelhandel und auch an die Gastronomie. „Viele sind schon kaputt gegangen, viele wird es noch treffen.“ Auch auf den Pferdesport wird die Pandemie gravierende Folgen haben, ist sich Dettmer sicher. Zum einen würden sich weniger Eltern den Reitunterricht für ihre Kinder leisten können. Zum anderen hätten viele Züchter kapituliert. „Aus finanziellen Gründen können sie die Stuten nicht mehr decken lassen. Es wird weniger Fohlen geben und in einigen Jahren dementsprechend sehr viel weniger Turnierpferde.“ Diese Negativspirale erlebte der Pferdesport bereits nach der letzten Wirtschaftskrise, und diese wirkt sich aufgrund der zeitlichen Verzögerung in Teilen immer noch aus. „Ich hoffe, die schlimmsten Monate liegen hinter uns“, sagt Dettmer. Neben den Sorgen um die Zukunft des Pferdesports erlebte die Portanerin auch privat einige bange Wochen. „Vor Corona habe ich meine Oma in Dehme vier Mal in der Woche gesehen. Plötzlich ging das nicht mehr.“ Hinzu kamen noch zwei Krankenhausaufenthalte ihrer Oma. „Bei einem wussten wir nicht, ob sie es schaffen wird. Und dann durfte ich sie noch nicht einmal besuchen. Das war eine harte Zeit für mich.“ Ihrer Oma geht es inzwischen wieder besser. Jetzt machen Dettmer ihre Pferde wieder größere Sorgen. Bei einem Turnier in Valencia trat das Herpes-Virus bei den Tieren auf. Viele starben. „Das macht mich wütend“, sagt die Springreiterin, denn der Veranstalter versuchte, den Ausbruch der hochinfektiösen und oft tödlich verlaufenden Krankheit zu vertuschen. „Wenn ich das Virus an der Kleidung habe und damit in den Stall gehe, ist die Ansteckungsgefahr für die Pferde riesig“, erklärt Dettmer sorgenvoll. Das Übergreifen auf deutsche Ställe wäre die wahrscheinlich noch größere Katastrophe für die Pferdesportler als es jetzt Corona ist. Abenteuer Bundesliga Einfach mal wieder in der Disco tanzen – das wär’s. Anna Bödeker fehlt das Feiern. „Man lernt überhaupt keine neuen Leute mehr kennen“, sagt die 17-jährige Handballerin des HSV Minden-Nord. Immerhin hat Bödeker ihren Nebenjob im Supermarkt behalten, während viele Schüler und Studenten, die in der Gastronomie ihr Taschengeld aufbesserten, den gleich am Anfang der Pandemie verloren hatten. „Deswegen bin ich auch gut ausgelastet“, erklärt Bödeker, „Langeweile kenne ich nicht.“ Etwa dreimal in der Woche sitzt die Schülerin an der Kasse oder räumt Regale ein. „Es fällt immer etwas an“, sagt sie. Die Kollegen und Chefs seien supernett und nehmen Rücksicht, wenn sie für Klausuren lernen muss. Um das besser zu können, hat sich Bödeker von ihrem Lohn ein iPad gekauft. „Das war praktischer für den Distanzunterricht“, erzählt die Halblinke. Im kommenden Jahr wird die Rechtshänderin am Gymnasium Petershagen ihr Abitur ablegen. Danach peilt sie ein duales Studium bei der Polizei an. „Ich hoffe, dass ich einen Platz hier in der Nähe finde. Dann kann ich auch beim HSV bleiben“, sagt die Warmserin. Mit den Mindener Mädels hat sie ausgerechnet im Pandemiejahr ihren bislang größten Erfolg gefeiert. Die HSV-A-Mädchen spielten erstmals in der Vereinsgeschichte von Ende September bis Ende Oktober in der Jugend-Bundesliga. Es war genau das kleine Zeitfenster, in dem Corona einen Spielbetrieb zuließ. Die Reisen zum Berliner TSC, bei dem die Mindener mit 29:28 gewannen, oder nach Bad Schwartau, wo es eine 23:45-Niederlage setzte, seien sehr besonders gewesen. „Wir haben ein paar coole Socken bei uns in der Mannschaft, da ist immer Stimmung“, sagt Anna Bödeker und lacht. Sie selbst kann noch ein Jahr bei den A-Mädchen spielen. Für ihre Teamkolleginnen, die jetzt in die Frauenmannschaften aufrücken, tut es ihr leid: „Sie haben zum einen keinen vernünftigen Abschluss von der Jugend, zum anderen fehlt ihnen auch ein Jahr Spielpraxis.“ Das mache den Wechsel noch schwieriger. Aktuell hält sich die 17-Jährige mit Laufen, Inlinern und Workouts fit. „Die ersten Wochen nach jedem Lockdown habe ich mich ausgeruht. Aber dann habe ich festgestellt, dass ich nicht mehr so gut schlafen konnte, deswegen mache ich jetzt täglich Sport.“ Eine andere Sache fehlt ihr dann auch noch: Bödeker ist im Schützenverein aktiv und bestreitet Wettkämpfe mit Luftgewehr und -pistole. „Luftpistole macht mir mehr Spaß. Das ist die größere Herausforderung.“

MT-Serie "Corona-Jahr": Ein anderes Virus macht Pferdesportlern auch Sorgen

AnnvKatrin Dettmer feierte bereits viele Erfolge. Die 23-Jährige gewann beispielsweise 2018 die Westfälische Meisterschaft und wurde Fünfte beim S-Springen in Hille. In dem Jahr machte sie sich auch selbstständig. Foto: privat

Minden. Der erste Lockdown vor einem Jahr traf Ann Katrin Dettmer und ihre Tiere hart. „Die Pferde standen voll im Saft und waren für die anstehenden Turniere austrainiert“, berichtet die Springreiterin. Anfang März startete die 23-Jährige noch bei Wettbewerben – dann war plötzlich Schluss. Für die Handballerin Anna Bödeker war die Corona-Zeit sportlich sehr erfolgreich. Mit den A-Mädchen des HSV Minden-Nord spielte die 17-Jährige erstmals die Bundesliga-Vorrunde. „Und das“, sagt die Gymnasiastin völlig zurecht, „kann nicht jeder von sich behaupten.“

Harte Zeiten

„Man kann die Pferde nicht einfach in die Box oder auf die Wiese stellen“, erklärt Ann Katrin Dettmer, „wie Leistungssportler müssen auch sie abtrainiert werden.“ Zudem müsse die Ernährung wie in der Winterpause bei den Tieren umgestellt werden. Ansonsten drohen den Pferden ernsthafte gesundheitliche Probleme bei der Wiederaufnahme des Turniersports. Dieser fand mit erheblichen Einschränkungen ab dem Spätsommer auch wieder statt. An Normalität war aber nicht zu denken: Die Anzahl der Wettbewerbe ging dramatisch zurück, weil sich nicht jeder Turnierveranstalter in der Lage sah, ein Hygienekonzept umzusetzen. Gleichzeitig stiegen die Meldegelder für die wenigen stattfindenden Turniere aufgrund der Kosten für die Hygienemaßnahmen. „Und der Turniersport ist sowieso schon kostspielig“, sagt die selbstständige Pferdewirtin.

Anna Bödeker ist zurecht stolz auf die Leistungen ihres Team. Foto: cb - © Christian Bendig
Anna Bödeker ist zurecht stolz auf die Leistungen ihres Team. Foto: cb - © Christian Bendig

Beruflich traf die 23-Jährige die Corona-Krise zwar auch, doch sie ist sich bewusst, „dass es vielen sicher noch sehr viel schlechter geht.“ Dabei denkt sie an den Einzelhandel und auch an die Gastronomie. „Viele sind schon kaputt gegangen, viele wird es noch treffen.“ Auch auf den Pferdesport wird die Pandemie gravierende Folgen haben, ist sich Dettmer sicher. Zum einen würden sich weniger Eltern den Reitunterricht für ihre Kinder leisten können. Zum anderen hätten viele Züchter kapituliert. „Aus finanziellen Gründen können sie die Stuten nicht mehr decken lassen. Es wird weniger Fohlen geben und in einigen Jahren dementsprechend sehr viel weniger Turnierpferde.“ Diese Negativspirale erlebte der Pferdesport bereits nach der letzten Wirtschaftskrise, und diese wirkt sich aufgrund der zeitlichen Verzögerung in Teilen immer noch aus.

„Ich hoffe, die schlimmsten Monate liegen hinter uns“, sagt Dettmer. Neben den Sorgen um die Zukunft des Pferdesports erlebte die Portanerin auch privat einige bange Wochen. „Vor Corona habe ich meine Oma in Dehme vier Mal in der Woche gesehen. Plötzlich ging das nicht mehr.“ Hinzu kamen noch zwei Krankenhausaufenthalte ihrer Oma. „Bei einem wussten wir nicht, ob sie es schaffen wird. Und dann durfte ich sie noch nicht einmal besuchen. Das war eine harte Zeit für mich.“

Ihrer Oma geht es inzwischen wieder besser. Jetzt machen Dettmer ihre Pferde wieder größere Sorgen. Bei einem Turnier in Valencia trat das Herpes-Virus bei den Tieren auf. Viele starben. „Das macht mich wütend“, sagt die Springreiterin, denn der Veranstalter versuchte, den Ausbruch der hochinfektiösen und oft tödlich verlaufenden Krankheit zu vertuschen. „Wenn ich das Virus an der Kleidung habe und damit in den Stall gehe, ist die Ansteckungsgefahr für die Pferde riesig“, erklärt Dettmer sorgenvoll. Das Übergreifen auf deutsche Ställe wäre die wahrscheinlich noch größere Katastrophe für die Pferdesportler als es jetzt Corona ist.

Abenteuer Bundesliga

Einfach mal wieder in der Disco tanzen – das wär’s. Anna Bödeker fehlt das Feiern. „Man lernt überhaupt keine neuen Leute mehr kennen“, sagt die 17-jährige Handballerin des HSV Minden-Nord. Immerhin hat Bödeker ihren Nebenjob im Supermarkt behalten, während viele Schüler und Studenten, die in der Gastronomie ihr Taschengeld aufbesserten, den gleich am Anfang der Pandemie verloren hatten. „Deswegen bin ich auch gut ausgelastet“, erklärt Bödeker, „Langeweile kenne ich nicht.“ Etwa dreimal in der Woche sitzt die Schülerin an der Kasse oder räumt Regale ein. „Es fällt immer etwas an“, sagt sie. Die Kollegen und Chefs seien supernett und nehmen Rücksicht, wenn sie für Klausuren lernen muss. Um das besser zu können, hat sich Bödeker von ihrem Lohn ein iPad gekauft. „Das war praktischer für den Distanzunterricht“, erzählt die Halblinke.

Im kommenden Jahr wird die Rechtshänderin am Gymnasium Petershagen ihr Abitur ablegen. Danach peilt sie ein duales Studium bei der Polizei an. „Ich hoffe, dass ich einen Platz hier in der Nähe finde. Dann kann ich auch beim HSV bleiben“, sagt die Warmserin. Mit den Mindener Mädels hat sie ausgerechnet im Pandemiejahr ihren bislang größten Erfolg gefeiert. Die HSV-A-Mädchen spielten erstmals in der Vereinsgeschichte von Ende September bis Ende Oktober in der Jugend-Bundesliga. Es war genau das kleine Zeitfenster, in dem Corona einen Spielbetrieb zuließ. Die Reisen zum Berliner TSC, bei dem die Mindener mit 29:28 gewannen, oder nach Bad Schwartau, wo es eine 23:45-Niederlage setzte, seien sehr besonders gewesen. „Wir haben ein paar coole Socken bei uns in der Mannschaft, da ist immer Stimmung“, sagt Anna Bödeker und lacht.

Sie selbst kann noch ein Jahr bei den A-Mädchen spielen. Für ihre Teamkolleginnen, die jetzt in die Frauenmannschaften aufrücken, tut es ihr leid: „Sie haben zum einen keinen vernünftigen Abschluss von der Jugend, zum anderen fehlt ihnen auch ein Jahr Spielpraxis.“ Das mache den Wechsel noch schwieriger. Aktuell hält sich die 17-Jährige mit Laufen, Inlinern und Workouts fit. „Die ersten Wochen nach jedem Lockdown habe ich mich ausgeruht. Aber dann habe ich festgestellt, dass ich nicht mehr so gut schlafen konnte, deswegen mache ich jetzt täglich Sport.“ Eine andere Sache fehlt ihr dann auch noch: Bödeker ist im Schützenverein aktiv und bestreitet Wettkämpfe mit Luftgewehr und -pistole. „Luftpistole macht mir mehr Spaß. Das ist die größere Herausforderung.“

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