MT-Interview: Nina Rekert ist die einzige Therapeutin für Onkologische Trainings- und Bewegungstherapie im Mühlenkreis Astrid Plaßhenrich Minden/Hüllhorst. Es war Zufall. Ein Krebspatient fragte Nina Rekert 2017, ob er in ihrer Hüllhorster Physiotherapiepraxis ein betreutes Training absolvieren dürfte. Grundsätzlich war die 43-Jährige sofort dazu bereit. „Ich wollte mich aber vorab über Trainingsmethoden für Krebspatienten informieren“, erinnert sie sich. Die Hüllhorsterin grub tief, fand über das Thema allerdings nur sehr wenig: „Darüber war ich echt erschrocken.“ Dann stieß sie auf die Onkologische Trainings- und Bewegungstherapie (OTT), die vom Centrum für Integrierte Onkologie (CIO) in Köln in Zusammenarbeit mit der Deutschen Sporthochschule entwickelt worden ist. Seit 2018 bietet Nina Rekert als bislang einzige Therapeutin im Kreis Minden-Lübbecke diese spezielle Trainingsmethode an. Frau Rekert, was reizt Sie an der Onkologischen Trainings- und Bewegungstherapie? Als Physiotherapeutin war ich zunächst chirurgisch, orthopädisch orientiert. Mit dem onkologischen Bereich hatte ich nichts zutun. Nachdem mich der Krebspatient kontaktiert hatte, wurde ich aber neugierig und habe mich sehr kurzfristig für die viertägige OTT-Weiterbildung angemeldet. Als ich dann mit den Patienten gearbeitet habe, stellten sich schnell Erfolge ein. Es ist ein unglaublich spannendes Feld, weil die Therapie uns Therapeuten sehr fordert. Jedes Training ist wahnsinnig individuell. Dazu ist es unglaublich schön, die Lebensqualität von Menschen verbessern zu können und zu sehen, wie motiviert die Patienten bei den Übungen sind. Was zeichnet die OTT aus? Es ist ein wissenschaftlich erforschtes Programm, das auf jede Krebsart, die möglichen Nebenwirkungen und auf die persönlichen Bedürfnisse der Patienten abgestimmt ist. Es ist ein begleitetes Training, dessen Ziele individuell und je nach Phase der Erkrankung definiert werden. Unser oberstes Ziel lautet immer, die Patienten bestmöglich durch die medizinische Therapie zu bringen. Es gilt den Leistungsstand auf möglichst hohem Niveau zu halten und den Nebenwirkungen entgegenzuwirken. Können Sie dafür konkrete Beispiele nennen? Patienten mit Prostatakrebs werden häufig mit einer hormonellen Therapie behandelt. Das hat wiederum zur Folge, dass Muskelmasse abgebaut wird. Dagegen wirken wir mit der OTT intensiv entgegen. Bei Brustkrebspatienten kann sich aufgrund der Antihormon-Therapie die Knochendichte verringern. Auch hier können wir mit dem Training Masse wieder aufbauen. Das sind aber nur zwei Beispiele. Es gibt unglaublich viele Nebenwirkungen, gegen die wir antrainieren können. Bewegung ist mindestens genauso hilfreich wie ein Medikament: Sie muss nur richtig dosiert werden, damit sie die volle Wirkung entfaltet. Wann kann mit der Trainingstherapie begonnen werden? Sofort nach der Diagnose. Auch während der Chemotherapie kann trainiert werden, da jedes Programm auf den Patienten genau abgestimmt ist. Es gibt beispielsweise aber auch Patienten, die 48 Stunden nach der Chemotherapie sich körperlich nicht belasten dürfen, weil sogenannte kardiotoxische Substanzen den Herzmuskel angreifen können. Grundsätzlich lautet die Empfehlung, zweimal in der Woche für etwa eine Stunde die OTT anzuwenden. Einzige Voraussetzung ist, dass die Krebspatienten mindestens 18 Jahre alt sein müssen. Seit diesem Monat kooperieren Sie mit den Mühlenkreiskliniken. Warum? Die OTT ist noch weitgehend unbekannt. Sie gibt es erst seit 2015 für den ambulanten Bereich. Dadurch sind noch nicht viele Therapeuten ausgebildet, so dass eine flächendeckende Versorgung fehlt. Die Mühlenkreiskliniken haben von einem Patienten, der in unserer Praxis trainiert, von uns erfahren. Für uns ist es elementar, eng mit Ärzten zusammenzuarbeiten. Wir brauchen beispielsweise die Blutwerte, um das Training abzustimmen oder aber die Info von der medizinischen Seite, wann wir die Patienten nicht ins Training bringen dürfen. Dazu können Ärzte Patienten an uns vermitteln, für die die OTT in der Behandlung eine sinnvolle Ergänzung ist. Aber es gibt auch Schwierigkeiten. Welche sind das? Ärzte müssen die Onkologische Trainings- und Bewegungstherapie verordnen. Allerdings ist sie noch nicht in den Heilmittelkatalog der gesetzlichen Krankenkassen aufgenommen. Das heißt, dass die Kosten dafür ein Großteil der Kassen nicht übernimmt. Trotzdem ist es möglich die OTT zu machen, dafür muss der Arzt allerdings die Therapie „Krankengymnastik am Gerät“ verordnen. Das ist eine vergleichbare Leistung, die von den Krankenkassen akzeptiert wird. Was ist Ihr Wunsch für die OTT? Der Bekanntheitsgrad muss steigen – bei Patienten, Physiotherapeuten, Krankenkassen und auch bei Ärzten, die die OTT ihren Patienten empfehlen. Gleichzeitig muss die Therapie schnellstmöglich in den Heilmittelkatalog verankert werden, um die Kostenübernahme zu garantieren. Aber ich glaube, bis dahin müssen wir uns noch einige Jahre gedulden. Alle Teile der Serien finden Sie hier.

MT-Interview: Nina Rekert ist die einzige Therapeutin für Onkologische Trainings- und Bewegungstherapie im Mühlenkreis

Nina Rekert ist ausgebildete Therapeutin für die Onkologische Trainings- und Bewegungstherapie. Ihr Mitarbeiter Niklas Röthemeier wird die Fortbildung dieses Jahr absolvieren. © Astrid Plaßhenrich

Minden/Hüllhorst. Es war Zufall. Ein Krebspatient fragte Nina Rekert 2017, ob er in ihrer Hüllhorster Physiotherapiepraxis ein betreutes Training absolvieren dürfte. Grundsätzlich war die 43-Jährige sofort dazu bereit. „Ich wollte mich aber vorab über Trainingsmethoden für Krebspatienten informieren“, erinnert sie sich. Die Hüllhorsterin grub tief, fand über das Thema allerdings nur sehr wenig: „Darüber war ich echt erschrocken.“ Dann stieß sie auf die Onkologische Trainings- und Bewegungstherapie (OTT), die vom Centrum für Integrierte Onkologie (CIO) in Köln in Zusammenarbeit mit der Deutschen Sporthochschule entwickelt worden ist. Seit 2018 bietet Nina Rekert als bislang einzige Therapeutin im Kreis Minden-Lübbecke diese spezielle Trainingsmethode an.

Frau Rekert, was reizt Sie an der Onkologischen Trainings- und Bewegungstherapie?

Als Physiotherapeutin war ich zunächst chirurgisch, orthopädisch orientiert. Mit dem onkologischen Bereich hatte ich nichts zutun. Nachdem mich der Krebspatient kontaktiert hatte, wurde ich aber neugierig und habe mich sehr kurzfristig für die viertägige OTT-Weiterbildung angemeldet. Als ich dann mit den Patienten gearbeitet habe, stellten sich schnell Erfolge ein. Es ist ein unglaublich spannendes Feld, weil die Therapie uns Therapeuten sehr fordert. Jedes Training ist wahnsinnig individuell. Dazu ist es unglaublich schön, die Lebensqualität von Menschen verbessern zu können und zu sehen, wie motiviert die Patienten bei den Übungen sind.

Was zeichnet die OTT aus?

Es ist ein wissenschaftlich erforschtes Programm, das auf jede Krebsart, die möglichen Nebenwirkungen und auf die persönlichen Bedürfnisse der Patienten abgestimmt ist. Es ist ein begleitetes Training, dessen Ziele individuell und je nach Phase der Erkrankung definiert werden. Unser oberstes Ziel lautet immer, die Patienten bestmöglich durch die medizinische Therapie zu bringen. Es gilt den Leistungsstand auf möglichst hohem Niveau zu halten und den Nebenwirkungen entgegenzuwirken.

Können Sie dafür konkrete Beispiele nennen?

Patienten mit Prostatakrebs werden häufig mit einer hormonellen Therapie behandelt. Das hat wiederum zur Folge, dass Muskelmasse abgebaut wird. Dagegen wirken wir mit der OTT intensiv entgegen. Bei Brustkrebspatienten kann sich aufgrund der Antihormon-Therapie die Knochendichte verringern. Auch hier können wir mit dem Training Masse wieder aufbauen. Das sind aber nur zwei Beispiele. Es gibt unglaublich viele Nebenwirkungen, gegen die wir antrainieren können. Bewegung ist mindestens genauso hilfreich wie ein Medikament: Sie muss nur richtig dosiert werden, damit sie die volle Wirkung entfaltet.

Wann kann mit der Trainingstherapie begonnen werden?

Sofort nach der Diagnose. Auch während der Chemotherapie kann trainiert werden, da jedes Programm auf den Patienten genau abgestimmt ist. Es gibt beispielsweise aber auch Patienten, die 48 Stunden nach der Chemotherapie sich körperlich nicht belasten dürfen, weil sogenannte kardiotoxische Substanzen den Herzmuskel angreifen können. Grundsätzlich lautet die Empfehlung, zweimal in der Woche für etwa eine Stunde die OTT anzuwenden. Einzige Voraussetzung ist, dass die Krebspatienten mindestens 18 Jahre alt sein müssen.

Seit diesem Monat kooperieren Sie mit den Mühlenkreiskliniken. Warum?

Die OTT ist noch weitgehend unbekannt. Sie gibt es erst seit 2015 für den ambulanten Bereich. Dadurch sind noch nicht viele Therapeuten ausgebildet, so dass eine flächendeckende Versorgung fehlt. Die Mühlenkreiskliniken haben von einem Patienten, der in unserer Praxis trainiert, von uns erfahren. Für uns ist es elementar, eng mit Ärzten zusammenzuarbeiten. Wir brauchen beispielsweise die Blutwerte, um das Training abzustimmen oder aber die Info von der medizinischen Seite, wann wir die Patienten nicht ins Training bringen dürfen. Dazu können Ärzte Patienten an uns vermitteln, für die die OTT in der Behandlung eine sinnvolle Ergänzung ist. Aber es gibt auch Schwierigkeiten.

Welche sind das?

Ärzte müssen die Onkologische Trainings- und Bewegungstherapie verordnen. Allerdings ist sie noch nicht in den Heilmittelkatalog der gesetzlichen Krankenkassen aufgenommen. Das heißt, dass die Kosten dafür ein Großteil der Kassen nicht übernimmt. Trotzdem ist es möglich die OTT zu machen, dafür muss der Arzt allerdings die Therapie „Krankengymnastik am Gerät“ verordnen. Das ist eine vergleichbare Leistung, die von den Krankenkassen akzeptiert wird.

Was ist Ihr Wunsch für die OTT?

Der Bekanntheitsgrad muss steigen – bei Patienten, Physiotherapeuten, Krankenkassen und auch bei Ärzten, die die OTT ihren Patienten empfehlen. Gleichzeitig muss die Therapie schnellstmöglich in den Heilmittelkatalog verankert werden, um die Kostenübernahme zu garantieren. Aber ich glaube, bis dahin müssen wir uns noch einige Jahre gedulden.

Alle Teile der Serien finden Sie hier.

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