MT-Interview: Judotrainerin über Pandemie-Frust, Perspektiven und das Problem des Rückwärtslaufens Sebastian Külbel Minden. Tetana Zimbelmann lebt für ihren Sport, und zwar im wahrsten Sinne. Die Sportwissenschaftlerin ist als Judo-Trainerin bei GWD Minden angestellt und betreut Sportgruppen im Verein, in Schulen und an Kindergärten. Vor allem die Leistungskämpfer von GWD feiern Erfolge bei Wettkämpfen und Meisterschaften. Die Corona-Pandemie trifft die 40-Jährige hart, denn ihr Berufsleben liegt mit einer kurzen Ausnahme im Herbst seit mehr als 13 Monaten lahm. Im MT-Interview spricht sie über die Situation ihres Sports in einer schwierigen Zeit. Frau Zimbelmann, wie geht es Ihnen? Ich bin frustriert, man bekommt langsam eine Depression. Man ist zu Hause, kann nichts machen. Die Judoabteilung ist mein Hauptberuf, und ich sitze hier nur herum. Unser letzter Wettkampf war am 8. März 2020. Danach kam der Lockdown und das war’s. Ich kann von Glück sagen, dass der Verein mich weiter bezahlt und ich nicht in Kurzarbeit bin oder so. Wie sieht denn ihr beruflicher Alltag normalerweise aus? Ich bin angestellt bei GWD, unterrichte nicht nur im Verein, sondern auch an Kindergärten und Schulen. Ich bin Sportwissenschaftlerin und habe insgesamt 16 Gruppen, da mache ich Akrobatik, Judo oder Sport und Bewegung allgemein. Und wenn ich gute Kinder sehe, nehme ich sie mit zu GWD. Ich habe dort wirklich eine sehr gute Gruppe – gehabt. Haben Sie schon Kinder aus dieser Gruppe verloren? Noch nicht direkt. Aber man macht sich Gedanken. Viele sind jetzt in der Pubertätsphase, da hören sie oft sowieso auf. Und jetzt noch ein Jahr Pause – es ist traurig. Ich merke es an meiner Tochter, die mittlerweile schon ein wenig die Lust auf Judo verloren hat. Wann war das letzte Training? Im November. Von September bis November konnten wir zwei Monate in der Halle trainieren. Besonders für die kleinen Kinder ist es schwer: Im März standen sie kurz vor der Gürtelprüfung, dann kam der Lockdown und sie hatten alles vergessen. Dann haben wir trainiert, um die Prüfung noch zu machen – und wieder war Lockdown. Man kann einfach nicht viel machen. Gibt es Alternativen für Judosportler? Wir arbeiten zusammen mit einem Herforder Verein und bieten Online-Training an. Das ist zwar besser als nichts, aber nichts Vernünftiges. Gibt es Hygienekonzepte für Judotraining in der Halle? Wie haben im Herbst Listen geführt, natürlich hatten wir Desinfektionsmittel und haben auf Abstände geachtet. Wir haben deshalb zum Beispiel mehr Zirkeltraining gemacht. Ist Training mit Tests möglich? Nein, wir dürfen nicht. Ich habe vor den Ferien in einer Schule angefangen. Ich muss eine Maske tragen, die Kinder auch, und wir dürfen nicht in die Sporthalle. Nach zehn Minuten Laufen waren die Kinder außer Puste, das geht mit der Maske nicht. Jetzt machen wir erstmal wieder Pause. Kann man Judo ohne Körperkontakt trainieren? Natürlich gibt es da Möglichkeiten. Aber es ist nicht das, was meine Leistungssportler brauchen. Die müssen kämpfen, kämpfen, kämpfen, also viele Randori (Trainingskämpfe, Anm. d. Verf.) machen, um Erfahrungen zu sammeln. Wie halten Sie Kontakt zu Ihren Trainingsgruppen? Wir haben zwei Whatsapp-Gruppen, da stelle ich regelmäßig Übungen rein. Wir machen auch dreimal pro Woche Training über Zoom. Aber es ist schwierig, nicht jeder hat zu Hause eine Matte oder genug Platz. Ich versuche, mit allen in Kontakt zu bleiben und sie zu motivieren. Ist Motivation das größte Problem? Ich sehe es bei meinen Kindern. Im ersten Lockdown sind sie jeden Tag gelaufen oder haben im Garten trainiert. Aber jetzt haben sie auch keine Lust mehr, genauso wie ich. Ich sehe keine Zukunft. Mein jüngster Sohn kann immerhin noch zum Fußballtraining der D-Junioren. Mein Ältester spielt bei den B-Junioren, die dürfen nur laufen. Gibt es überhaupt eine Perspektive für Kampf- und Kontaktsport? Ich fürchte, vor dem Herbst wird das nichts. Ich denke, der aktuelle Lockdown geht bis zu den Sommerferien. Und ich habe die große Hoffnung, dass es danach langsam wieder los geht. Judo ist ein Sport, der viel Training benötigt. Verlieren die Kinder gerade mehr als dieses gut eine Jahr? Auf jeden Fall. Ich muss schon fast lachen, wenn ich den Kindern sage, dass wir erst einmal wieder lernen müssen, zu fallen. Denn das ist das wichtigste im Judo. Wer lesen will, muss erst die Buchstaben lernen. Wir müssen mit vielen Dingen von vorne anfangen. Was fehlt den Kindern am meisten? Als Sportwissenschaftlerin sage ich, der Sport grundsätzlich. Wenn ich in manche Schulen komme, können Mädchen nicht Springseil springen oder rückwärts laufen. Das ist traurig. Der Sport kommt in Deutschland generell zu kurz. Nur Fußballspielen reicht nicht. Und in der Pandemie wird alles noch schlimmer. Und was fehlt Ihnen am meisten? Arbeit. Mir fehlen die Kinder, ich liebe meine Arbeit mit ihnen, das ist alles für mich. Man sitzt nur zu Hause, langsam kommt die Frustration. Wenn wir wenigstens in die Sporthallen könnten, da kann man auch ohne Kontakt viele Sachen wie Krafttraining oder Akrobatik machen. Aber wir dürfen nicht. Am schlimmsten leiden aber die Kinder. Die möchten spielen, sich bewegen, sie haben keine Sozialkontakte. Sie sitzen zu Hause, zocken und verlieren die Lust am Sport.

MT-Interview: Judotrainerin über Pandemie-Frust, Perspektiven und das Problem des Rückwärtslaufens

Judo im Garten: Tetana Zimbelmann übt Griffe mit ihrem jüngsten Sohn Daniel. MT-Foto: Sebastian Külbe © Sebastian Külbel

Minden. Tetana Zimbelmann lebt für ihren Sport, und zwar im wahrsten Sinne. Die Sportwissenschaftlerin ist als Judo-Trainerin bei GWD Minden angestellt und betreut Sportgruppen im Verein, in Schulen und an Kindergärten. Vor allem die Leistungskämpfer von GWD feiern Erfolge bei Wettkämpfen und Meisterschaften. Die Corona-Pandemie trifft die 40-Jährige hart, denn ihr Berufsleben liegt mit einer kurzen Ausnahme im Herbst seit mehr als 13 Monaten lahm. Im MT-Interview spricht sie über die Situation ihres Sports in einer schwierigen Zeit.

Frau Zimbelmann, wie geht es Ihnen?

Ich bin frustriert, man bekommt langsam eine Depression. Man ist zu Hause, kann nichts machen. Die Judoabteilung ist mein Hauptberuf, und ich sitze hier nur herum. Unser letzter Wettkampf war am 8. März 2020. Danach kam der Lockdown und das war’s. Ich kann von Glück sagen, dass der Verein mich weiter bezahlt und ich nicht in Kurzarbeit bin oder so.

Wie sieht denn ihr beruflicher Alltag normalerweise aus?

Ich bin angestellt bei GWD, unterrichte nicht nur im Verein, sondern auch an Kindergärten und Schulen. Ich bin Sportwissenschaftlerin und habe insgesamt 16 Gruppen, da mache ich Akrobatik, Judo oder Sport und Bewegung allgemein. Und wenn ich gute Kinder sehe, nehme ich sie mit zu GWD. Ich habe dort wirklich eine sehr gute Gruppe – gehabt.

Haben Sie schon Kinder aus dieser Gruppe verloren?

Noch nicht direkt. Aber man macht sich Gedanken. Viele sind jetzt in der Pubertätsphase, da hören sie oft sowieso auf. Und jetzt noch ein Jahr Pause – es ist traurig. Ich merke es an meiner Tochter, die mittlerweile schon ein wenig die Lust auf Judo verloren hat.

Wann war das letzte Training?

Im November. Von September bis November konnten wir zwei Monate in der Halle trainieren. Besonders für die kleinen Kinder ist es schwer: Im März standen sie kurz vor der Gürtelprüfung, dann kam der Lockdown und sie hatten alles vergessen. Dann haben wir trainiert, um die Prüfung noch zu machen – und wieder war Lockdown. Man kann einfach nicht viel machen.

Gibt es Alternativen für Judosportler?

Wir arbeiten zusammen mit einem Herforder Verein und bieten Online-Training an. Das ist zwar besser als nichts, aber nichts Vernünftiges.

Gibt es Hygienekonzepte für Judotraining in der Halle?

Wie haben im Herbst Listen geführt, natürlich hatten wir Desinfektionsmittel und haben auf Abstände geachtet. Wir haben deshalb zum Beispiel mehr Zirkeltraining gemacht.

Ist Training mit Tests möglich?

Nein, wir dürfen nicht. Ich habe vor den Ferien in einer Schule angefangen. Ich muss eine Maske tragen, die Kinder auch, und wir dürfen nicht in die Sporthalle. Nach zehn Minuten Laufen waren die Kinder außer Puste, das geht mit der Maske nicht. Jetzt machen wir erstmal wieder Pause.

Kann man Judo ohne Körperkontakt trainieren?

Natürlich gibt es da Möglichkeiten. Aber es ist nicht das, was meine Leistungssportler brauchen. Die müssen kämpfen, kämpfen, kämpfen, also viele Randori (Trainingskämpfe, Anm. d. Verf.) machen, um Erfahrungen zu sammeln.

Wie halten Sie Kontakt zu Ihren Trainingsgruppen?

Wir haben zwei Whatsapp-Gruppen, da stelle ich regelmäßig Übungen rein. Wir machen auch dreimal pro Woche Training über Zoom. Aber es ist schwierig, nicht jeder hat zu Hause eine Matte oder genug Platz. Ich versuche, mit allen in Kontakt zu bleiben und sie zu motivieren.

Ist Motivation das größte Problem?

Ich sehe es bei meinen Kindern. Im ersten Lockdown sind sie jeden Tag gelaufen oder haben im Garten trainiert. Aber jetzt haben sie auch keine Lust mehr, genauso wie ich. Ich sehe keine Zukunft. Mein jüngster Sohn kann immerhin noch zum Fußballtraining der D-Junioren. Mein Ältester spielt bei den B-Junioren, die dürfen nur laufen.

Gibt es überhaupt eine Perspektive für Kampf- und Kontaktsport?

Ich fürchte, vor dem Herbst wird das nichts. Ich denke, der aktuelle Lockdown geht bis zu den Sommerferien. Und ich habe die große Hoffnung, dass es danach langsam wieder los geht.

Judo ist ein Sport, der viel Training benötigt. Verlieren die Kinder gerade mehr als dieses gut eine Jahr?

Auf jeden Fall. Ich muss schon fast lachen, wenn ich den Kindern sage, dass wir erst einmal wieder lernen müssen, zu fallen. Denn das ist das wichtigste im Judo. Wer lesen will, muss erst die Buchstaben lernen. Wir müssen mit vielen Dingen von vorne anfangen.

Was fehlt den Kindern am meisten?

Als Sportwissenschaftlerin sage ich, der Sport grundsätzlich. Wenn ich in manche Schulen komme, können Mädchen nicht Springseil springen oder rückwärts laufen. Das ist traurig. Der Sport kommt in Deutschland generell zu kurz. Nur Fußballspielen reicht nicht. Und in der Pandemie wird alles noch schlimmer.

Und was fehlt Ihnen am meisten?

Arbeit. Mir fehlen die Kinder, ich liebe meine Arbeit mit ihnen, das ist alles für mich. Man sitzt nur zu Hause, langsam kommt die Frustration. Wenn wir wenigstens in die Sporthallen könnten, da kann man auch ohne Kontakt viele Sachen wie Krafttraining oder Akrobatik machen. Aber wir dürfen nicht. Am schlimmsten leiden aber die Kinder. Die möchten spielen, sich bewegen, sie haben keine Sozialkontakte. Sie sitzen zu Hause, zocken und verlieren die Lust am Sport.

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