Kein Land in Sicht: Schwimm-Ausbildung leidet massiv unter dem Lockdown Thomas Kühlmann Minden / Porta Westfalica. Schwimmen ist eine der beliebtesten und häufigsten sportlichen Freizeitbetätigungen in Deutschland. Gleichzeitig ist das Erlernen der Fortbewegung im Wasser eine der ältesten Kulturtechniken und der sicherste Schutz vor dem Ertrinken. Unverzichtbare Partner bei der Schwimmausbildung sind die Schwimmvereine, die DLRG, die Schulen und die Kommunen als Träger der Bäder-Infrastruktur. Mit etwa fünf Jahren kann es mit einem Schwimmkurs in der Schwimmhalle losgehen – in „Normalzeiten". Doch von Normalität ist die Welt momentan meilenweit entfernt. Der Corona-Lockdown hat Land und Leute fest im Griff und sorgt mit massiven Einschränkungen nicht bei jedem für Begeisterung. Auch der Amateur- und Breitensport liegt brach, ein Ende der Zwangspause ist bislang nicht in Sicht. Besonders hart betroffen von der sportlichen Auszeit ist die Schwimm-Ausbildung. „In jüngster Zeit ist zu beobachten, dass die jungen Leute sehr die sozialen Kontakte vermissen. Viele Kinder und Jugendliche kommen mit ihrer Tagesplanung nicht klar und werden mehr und mehr psychisch auffällig. Viele Wissenschaftler sehen die Entwicklung skeptisch und plädieren dafür, deswegen spätestens im Sommer eine weitreichende Öffnung hin zum normalen Leben zu gewährleisten", blickt der Mindener Sportarzt Dr. Heinz Schumacher mit Sorgen in die Zukunft. Noch ein Stück weiter geht Helmut Schemmann, Geschäftsführer des Kreissportbundes Minden-Lübbecke: „Der Ausfall des Freizeit- und Breitensports ist schon schlimm genug. Doch das Schwimmen ist noch einmal eine ganz andere Dimension. Sicheres Schwimmen ist eine Basiskompetenz für die Persönlichkeitsentwicklung eines jeden Kindes", behauptet er und liefert die Begründung gleich hinterher. „Schwimmen fördert das Selbstbewusstsein, etwas zu können. Wenn einer beispielsweise nicht gut gegen den Ball treten kann, nimmt er sich beim Fußball etwas zurück und versucht, sich anderweitig umso stärker einzubringen. Beim Schwimmen ist das anders. Wenn ein Kind nicht schwimmen kann und die Gruppe einen Besuch im Bad plant, gehört es nicht mehr zu der Gruppe", beschreibt Schemmann das Phänomen. „Nur mit einer konzertierten Aktion von Verbänden, Schulen, Vereinen und Bäderbetrieben können wir der momentan fatalen Entwicklung ein wenig entgegenwirken", so Schemmann. Carsten Urbat, Vorsitzender des KSC Porta, merkt an: „In Lockdown-Zeiten wird zurecht angemerkt, dass es einer zügigen Öffnung der Schulen und Kitas bedarf, um die soziale Entwicklung der Kinder nicht zu zerstören." Zudem gibt er zu bedenken: „Ein Jahr ohne Schwimmausbildung gefährdet und vernichtet die lebenserhaltende Grundausbildung." Daniel Westermann, Geschäftsführer der DLRG Minden, sieht in dem Dauer-Lockdown ebenfalls eine Gefahr. „Das Schwimmen ist mit dem Erlangen des Seepferdchens nicht richtig abgeschlossen. Sicher schwimmen kann ein Kind erst mit dem bronzenen Schwimmabzeichen, wo auch eine längere Distanz zu bewältigen ist." Er teilt die Grundsorge der DLRG: „Viele wollen sich im Urlaub nach dem Corona-Lockdown eine Belohnung in Form eines Badeurlaubs gönnen und erleben dann böse Überraschungen, wenn das Kind unter Umständen gar nicht schwimmen kann." Sein Kollege Ralf Krömer von der Ortsgruppe Porta ergänzt: „Das Schwimmen ist als Basis für viele Wassersportarten wie Segeln, Surfen oder Kanufahren unentbehrlich." Sorgen bereitet die momentane Situation auch den Schulen, vor allem den Grundschulen. „In der Vergangenheit hatten wir in Sachen Schwimm-Ausbildung immer eine hervorragende Quote, weil wir schon immer mehr Schwimmunterricht absolviert haben, als im Lehrplan vorgesehen war. Zwei bis drei Schüler fielen seinerzeit nur durchs Sieb und konnten nach Grundschulabschluss nicht schwimmen", sagt Britta Gundermann, Rektorin des Grundschulverbundes Holzhausen/Vennebeck, und ergänzt. „Diese Quote werden wir auf keinen Fall halten können. Ich befürchte, dass nun 30 bis 40 der 75 zu weiterführenden Schulen wechselnden Kinder nicht schwimmen können." Auch sie bedauert die Dauerschließung des Porta-Bades, weiß aber, dass sie sich in Geduld üben muss. Geduldig wartet zudem Randulph Noack, Geschäftsführer der Stadtwerke Porta, auf ein Signal der Regierung, dass das Porta-Bad wieder öffnen darf. „Erhalten wir die Genehmigung, wieder aufzumachen, brauchen wir beim Hallenbad 14 Tage, um das Bad mit Wasser einlassen, Wasseraufbereitung, Wassererwärmung sowie Personaleinteilung betriebsbereit an den Start zu bringen. Beim Freibad dauert diese Vorlaufzeit drei Wochen, da wir mehrere und größere Becken haben", sagt Noack. Momentan fallen bei dem Bad im Lockdown bei herausgelassenem Wasser bis zu 40.000 Euro weniger Energiekosten monatlich an. „Dafür habe ich Kosten für den Auszubildenden, der nicht in Kurzarbeit darf ,sowie Instandhaltungskosten", rechnet Noack gegen. Wann die positiven Nachrichten von der Regierung kommen, weiß auch er nicht, verrät aber doch: „Sollte das Lockdown-Ende in den April fallen, lohnt es sich nicht, für eine oder zwei Wochen das Hallenbad zu öffnen. Dann werden wir sofort alles in die Freibaderöffnung für Anfang Mai setzen und das Hallenbad bis September geschlossen halten." Für die Schwimm-Ausbildung wären das weitere fünf Monate sehnsüchtigen Wartens. Land in Sicht fühlt sich anders an. Fatale Spirale Kommentar von Thomas Kühlmann Schwimmen ist gerade in Deutschland ein Kulturgut, welches auf eine lange Historie zurückblickt. Dieser Tradition sah man sich deswegen lange verpflichtet. Aber schon seit einigen Jahren ist immer wieder von Badschließungen in Kommunen, größtenteils durch hohe Kosten begründet, zu lesen. Spätestens der schon lange anhaltende zweite Lockdown dürfte diesem Trend Vorschub leisten, da die Badbetreiber sich nicht nur mit enormen Ausgaben, sondern auch mit fehlenden Einnahmen konfrontiert sehen. Die Folge: Deutschland entwickelt sich immer mehr zu einem Land der Nichtschwimmer. Wie aber kann diese Spirale gestoppt werden, wenn noch mehr Bäder aufgrund von Unrentabilität schließen müssen, den Schwimmvereinen und ihren vielen ehrenamtlichen Helfern die Grundlage für ihre engagierte Arbeit entzogen wird, die das vorrangige Ziel hat, Kindern und Erwachsenen die Schwimmfähigkeit zu vermitteln? Der Lockdown setzt dem Ganzen noch die Krone auf. Dabei wurden bereits nach der ersten sportlichen Auszeit entsprechende Hygienekonzepte mit viel zeitlichem Aufwand von Badbetreibern und Vereinen erstellt und konsequent umgesetzt. Eltern und Sportler verhielten sich vorbildlich, akzeptierten Einschränkungen, agierten bei kleinsten Krankheitssymptomen vorausschauend und kamen nicht zum Training, um jetzt beim zweiten Lockdown gnadenlos bestraft zu werden. Dabei haben Experimente bewiesen, dass ein Infektionsrisiko in Schwimmbädern minimal ist. Zum einen hat das gechlorte Wasser eine desinfizierende Wirkung. Zum anderen macht die hohe Luftfeuchtigkeit die Aerosole schwerer und unterbindet eher deren Ausbreitung als dass sie sie fördert. Nicht zu unterschätzen ist der soziale Aspekt. Kinder, die nicht in festen Gruppen beim Training agieren, verabreden sich anderweitig , um am sozialen Leben teilzuhaben. Damit steigt die Zahl der Kontaktpersonen und somit auch das Infektionsrisiko. Eine fatale Entwicklung.

Kein Land in Sicht: Schwimm-Ausbildung leidet massiv unter dem Lockdown

Symbolfoto: Pixabay © Pixabay

Minden / Porta Westfalica. Schwimmen ist eine der beliebtesten und häufigsten sportlichen Freizeitbetätigungen in Deutschland. Gleichzeitig ist das Erlernen der Fortbewegung im Wasser eine der ältesten Kulturtechniken und der sicherste Schutz vor dem Ertrinken. Unverzichtbare Partner bei der Schwimmausbildung sind die Schwimmvereine, die DLRG, die Schulen und die Kommunen als Träger der Bäder-Infrastruktur.

Mit etwa fünf Jahren kann es mit einem Schwimmkurs in der Schwimmhalle losgehen – in „Normalzeiten". Doch von Normalität ist die Welt momentan meilenweit entfernt. Der Corona-Lockdown hat Land und Leute fest im Griff und sorgt mit massiven Einschränkungen nicht bei jedem für Begeisterung. Auch der Amateur- und Breitensport liegt brach, ein Ende der Zwangspause ist bislang nicht in Sicht.

Illustration: Alex Lehn - © Alex Lehn
Illustration: Alex Lehn - © Alex Lehn

Besonders hart betroffen von der sportlichen Auszeit ist die Schwimm-Ausbildung. „In jüngster Zeit ist zu beobachten, dass die jungen Leute sehr die sozialen Kontakte vermissen. Viele Kinder und Jugendliche kommen mit ihrer Tagesplanung nicht klar und werden mehr und mehr psychisch auffällig. Viele Wissenschaftler sehen die Entwicklung skeptisch und plädieren dafür, deswegen spätestens im Sommer eine weitreichende Öffnung hin zum normalen Leben zu gewährleisten", blickt der Mindener Sportarzt Dr. Heinz Schumacher mit Sorgen in die Zukunft.

Noch ein Stück weiter geht Helmut Schemmann, Geschäftsführer des Kreissportbundes Minden-Lübbecke: „Der Ausfall des Freizeit- und Breitensports ist schon schlimm genug. Doch das Schwimmen ist noch einmal eine ganz andere Dimension. Sicheres Schwimmen ist eine Basiskompetenz für die Persönlichkeitsentwicklung eines jeden Kindes", behauptet er und liefert die Begründung gleich hinterher. „Schwimmen fördert das Selbstbewusstsein, etwas zu können. Wenn einer beispielsweise nicht gut gegen den Ball treten kann, nimmt er sich beim Fußball etwas zurück und versucht, sich anderweitig umso stärker einzubringen. Beim Schwimmen ist das anders. Wenn ein Kind nicht schwimmen kann und die Gruppe einen Besuch im Bad plant, gehört es nicht mehr zu der Gruppe", beschreibt Schemmann das Phänomen. „Nur mit einer konzertierten Aktion von Verbänden, Schulen, Vereinen und Bäderbetrieben können wir der momentan fatalen Entwicklung ein wenig entgegenwirken", so Schemmann.

Carsten Urbat, Vorsitzender des KSC Porta, merkt an: „In Lockdown-Zeiten wird zurecht angemerkt, dass es einer zügigen Öffnung der Schulen und Kitas bedarf, um die soziale Entwicklung der Kinder nicht zu zerstören." Zudem gibt er zu bedenken: „Ein Jahr ohne Schwimmausbildung gefährdet und vernichtet die lebenserhaltende Grundausbildung."

Daniel Westermann, Geschäftsführer der DLRG Minden, sieht in dem Dauer-Lockdown ebenfalls eine Gefahr. „Das Schwimmen ist mit dem Erlangen des Seepferdchens nicht richtig abgeschlossen. Sicher schwimmen kann ein Kind erst mit dem bronzenen Schwimmabzeichen, wo auch eine längere Distanz zu bewältigen ist." Er teilt die Grundsorge der DLRG: „Viele wollen sich im Urlaub nach dem Corona-Lockdown eine Belohnung in Form eines Badeurlaubs gönnen und erleben dann böse Überraschungen, wenn das Kind unter Umständen gar nicht schwimmen kann." Sein Kollege Ralf Krömer von der Ortsgruppe Porta ergänzt: „Das Schwimmen ist als Basis für viele Wassersportarten wie Segeln, Surfen oder Kanufahren unentbehrlich."

Sorgen bereitet die momentane Situation auch den Schulen, vor allem den Grundschulen. „In der Vergangenheit hatten wir in Sachen Schwimm-Ausbildung immer eine hervorragende Quote, weil wir schon immer mehr Schwimmunterricht absolviert haben, als im Lehrplan vorgesehen war. Zwei bis drei Schüler fielen seinerzeit nur durchs Sieb und konnten nach Grundschulabschluss nicht schwimmen", sagt Britta Gundermann, Rektorin des Grundschulverbundes Holzhausen/Vennebeck, und ergänzt. „Diese Quote werden wir auf keinen Fall halten können. Ich befürchte, dass nun 30 bis 40 der 75 zu weiterführenden Schulen wechselnden Kinder nicht schwimmen können." Auch sie bedauert die Dauerschließung des Porta-Bades, weiß aber, dass sie sich in Geduld üben muss.

Geduldig wartet zudem Randulph Noack, Geschäftsführer der Stadtwerke Porta, auf ein Signal der Regierung, dass das Porta-Bad wieder öffnen darf. „Erhalten wir die Genehmigung, wieder aufzumachen, brauchen wir beim Hallenbad 14 Tage, um das Bad mit Wasser einlassen, Wasseraufbereitung, Wassererwärmung sowie Personaleinteilung betriebsbereit an den Start zu bringen. Beim Freibad dauert diese Vorlaufzeit drei Wochen, da wir mehrere und größere Becken haben", sagt Noack. Momentan fallen bei dem Bad im Lockdown bei herausgelassenem Wasser bis zu 40.000 Euro weniger Energiekosten monatlich an. „Dafür habe ich Kosten für den Auszubildenden, der nicht in Kurzarbeit darf ,sowie Instandhaltungskosten", rechnet Noack gegen. Wann die positiven Nachrichten von der Regierung kommen, weiß auch er nicht, verrät aber doch: „Sollte das Lockdown-Ende in den April fallen, lohnt es sich nicht, für eine oder zwei Wochen das Hallenbad zu öffnen. Dann werden wir sofort alles in die Freibaderöffnung für Anfang Mai setzen und das Hallenbad bis September geschlossen halten." Für die Schwimm-Ausbildung wären das weitere fünf Monate sehnsüchtigen Wartens. Land in Sicht fühlt sich anders an.

Fatale Spirale

Kommentar von Thomas Kühlmann

Schwimmen ist gerade in Deutschland ein Kulturgut, welches auf eine lange Historie zurückblickt. Dieser Tradition sah man sich deswegen lange verpflichtet. Aber schon seit einigen Jahren ist immer wieder von Badschließungen in Kommunen, größtenteils durch hohe Kosten begründet, zu lesen. Spätestens der schon lange anhaltende zweite Lockdown dürfte diesem Trend Vorschub leisten, da die Badbetreiber sich nicht nur mit enormen Ausgaben, sondern auch mit fehlenden Einnahmen konfrontiert sehen.

Die Folge: Deutschland entwickelt sich immer mehr zu einem Land der Nichtschwimmer. Wie aber kann diese Spirale gestoppt werden, wenn noch mehr Bäder aufgrund von Unrentabilität schließen müssen, den Schwimmvereinen und ihren vielen ehrenamtlichen Helfern die Grundlage für ihre engagierte Arbeit entzogen wird, die das vorrangige Ziel hat, Kindern und Erwachsenen die Schwimmfähigkeit zu vermitteln? Der Lockdown setzt dem Ganzen noch die Krone auf.

Dabei wurden bereits nach der ersten sportlichen Auszeit entsprechende Hygienekonzepte mit viel zeitlichem Aufwand von Badbetreibern und Vereinen erstellt und konsequent umgesetzt. Eltern und Sportler verhielten sich vorbildlich, akzeptierten Einschränkungen, agierten bei kleinsten Krankheitssymptomen vorausschauend und kamen nicht zum Training, um jetzt beim zweiten Lockdown gnadenlos bestraft zu werden.

Dabei haben Experimente bewiesen, dass ein Infektionsrisiko in Schwimmbädern minimal ist. Zum einen hat das gechlorte Wasser eine desinfizierende Wirkung. Zum anderen macht die hohe Luftfeuchtigkeit die Aerosole schwerer und unterbindet eher deren Ausbreitung als dass sie sie fördert. Nicht zu unterschätzen ist der soziale Aspekt. Kinder, die nicht in festen Gruppen beim Training agieren, verabreden sich anderweitig , um am sozialen Leben teilzuhaben. Damit steigt die Zahl der Kontaktpersonen und somit auch das Infektionsrisiko. Eine fatale Entwicklung.

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