Jörg Schiebel erklärt, wie nach einer Krebsdiagnose die Rückkehr zum Sport gelingen kann Astrid Plaßhenrich Minden. Jörg Schiebel begleitet seit drei Jahrzehnten als Diakon und Mentalcoach Krebspatienten. Sport spielt dabei oft eine zentrale Rolle. Er stellt aber auch immer wieder fest, dass der Umgang mit der Krankheit von Trauer, Wut und Hoffnungslosigkeit geprägt ist. Das muss nicht sein. Ein Gespräch über den gesunden Teil des Körpers, Fokusveränderung und neuronale Autobahnen. Herr Schiebel, für einen Großteil der Menschen sind Sport und Krebs Gegenpole. Bedeutet die Krankheit gleichzeitig, in einer Lethargie gefangen zu sein? Nein, wir gehen nur viel zu häufig falsch mit der Diagnose um. Es ist nicht der Mensch krank, sondern nur ein Teil seines Körpers. Oft sind das zehn, fünf oder sogar nur ein Prozent. Die Frage lautet, was wollen denn die gesunden 90 oder mehr Prozent? Die möchten sehr oft wieder joggen, radfahren oder wandern. Es zu wollen ist das eine, es mit einer Krebserkrankung zu tun das andere. Der erste Schritt zurück in ein aktives Leben ist, sich zu erinnern. Es hilft, sich alte Fotos anzuschauen, auf denen man Sport treibt. Dadurch werden Gefühle, Geräusche, Gerüche und Bilder geweckt. Die sind oft positiv besetzt. Je öfter ein Patient das macht, stellt er fest, dass sich diese Gefühle nach der Diagnose nicht verändert haben. Darin verbirgt sich die große Chance, aktiv zu werden. Der Mensch ist immer 100 Prozent. Das gilt es, zu verstehen. Aber ein Teil ist doch krank und damit nicht mehr bei 100 Prozent. „Das ist falsch. Jeder hat immer 100 Prozent zur Verfügung. Der Patient muss aber lernen, dass der Krebs zu ihm gehört und einen Teil seiner Lebensgeschichte ausmacht. Und mit diesen 100 Prozent kann er arbeiten. Das erstaunliche ist, wenn Menschen ihren Krebs akzeptieren, mehr leisten, länger spazieren oder joggen können.“ Ist es der schwerwiegendste Fehler, zu denken, dass mit der Diagnose Krebs das Lebensende gesetzt ist? Viele legen sich danach sinnbildlich hin. Die allgemeine Meinung ist leider noch, dass Krebs gleich Tod bedeutet – auch wenn sich die Medizin stetig weiterentwickelt und viele Krebsarten heilbar sind. Eine Methode, sich davor zu schützen, ist, sich eine so genannte neuronale Autobahn zu bauen. In jedem Gehirn entstehen innere Landkarten, wodurch sich Glaubenssätze bilden. Der darf dann nicht mehr lauten: Krebs gleich Tod, sondern er muss mit dem Impuls verbunden sein: Krebs – jetzt gehe ich Radfahren. Der Gedanke an die Krankheit darf den Patienten nicht runterziehen. Viele zweifeln aber an ihrer Leistungsfähigkeit. Darum geht es doch gar nicht. Leistung ist immer tagesformabhängig, immer unterschiedlich – egal ob krank oder gesund. Das Problem ist doch, dass viele Sport mit Auspowern und völliger Erschöpfung verbinden. Darum geht es nicht. Sport kann auch bedeuten, seinen Fokus zu verändern. Es darf nicht heißen: Ich muss zum Sport, sondern: Ich darf zum Sport, ich kann mein Training jetzt genießen. Ein anderer Ansatz ist, Sätze umzuformulieren. Es darf nicht heißen: Ich mache das, weil..., sondern: Ich mache das für ... – und im Zweifel mache ich das für mich. Das reicht doch. Ist es für einen 30-jährigen Krebspatienten leichter, sich zum Sport zu motivieren, als für einen 70-jährigen? Nein, das hat mit dem Alter überhaupt nichts zu tun. Das ist typbedingt. Wir werden im Kopf nicht alt. Kaum ein 70-Jähriger denkt doch, dass er sein Leben gelebt hat. Die meisten haben Pläne. Sie wollen die Enkelkinder aufwachsen sehen, reisen, sich mit Freunden treffen oder, oder, oder. Wenn der Patient sein Leben lebenswert findet, ist es egal, wo er steht oder in welchem Alter er ist. Was bewirkt Sport bei Krebspatienten? Es ist ein Baustein der Therapie. Sport hilft, sich lebendig zu fühlen, sich selbst zu spüren und trägt sehr oft zum Heilungsprozess bei. Das ist wissenschaftlich bewiesen. Dazu hat Sport eine euphorisierende Wirkung. Aber fest steht auch: Der Gedanke, Krebs zu haben oder gehabt zu haben, wird immer wieder zurückkehren. Deshalb ist es unerlässlich, diesen Gedanken nicht zur Seite zu drängen, sondern sich mit ihm auseinanderzusetzen, sich mit ihm zu ,unterhalten’. Man muss zu seinen Gedanken ehrlich sein. Auch dafür kann Sport ein Ventil sein. Denn das klappt beim Radfahren, Schwimmen oder Joggen recht gut. Aber noch einmal: Der Patient hat immer selbst die Möglichkeit, den Zeitpunkt zu wählen, wann er sich mit seiner Krankheit beschäftigt. Gelingt das immer? Nein. Aber je mehr sich ein Mensch die Freiheit dazu nimmt, löst er Blockaden. Es werden Wege frei, von denen er dachte, dass diese längst verbaut sind. Dazu gehört auch, mal wieder ins Fitnessstudio zu gehen. Es kann Phasen während der Krankheit geben, in denen Sport unmöglich ist. Kann man trotzdem beweglich bleiben? Mit Hilfe von Meditation ist das durchaus möglich. Man kann beispielsweise virtuell joggen, radfahren oder schwimmen. Dann werden Bilder und Gefühle erzeugt, die man auch reell erlebt und man stellt fest: In mir pulsiert das Leben.

Jörg Schiebel erklärt, wie nach einer Krebsdiagnose die Rückkehr zum Sport gelingen kann

Jörg Schiebel ist Diakon und Mentalcoach. Wie an seinem T-Shirt mit dem Vereinswappen zu sehen ist, arbeitet der Mindener unter anderem auch mit der Bundesligamannschaft von GWD. MT-Foto: Astrid Plaßhenrich © Astrid Plaßhenrich

Minden. Jörg Schiebel begleitet seit drei Jahrzehnten als Diakon und Mentalcoach Krebspatienten. Sport spielt dabei oft eine zentrale Rolle. Er stellt aber auch immer wieder fest, dass der Umgang mit der Krankheit von Trauer, Wut und Hoffnungslosigkeit geprägt ist. Das muss nicht sein. Ein Gespräch über den gesunden Teil des Körpers, Fokusveränderung und neuronale Autobahnen.

Herr Schiebel, für einen Großteil der Menschen sind Sport und Krebs Gegenpole. Bedeutet die Krankheit gleichzeitig, in einer Lethargie gefangen zu sein?

Nein, wir gehen nur viel zu häufig falsch mit der Diagnose um. Es ist nicht der Mensch krank, sondern nur ein Teil seines Körpers. Oft sind das zehn, fünf oder sogar nur ein Prozent. Die Frage lautet, was wollen denn die gesunden 90 oder mehr Prozent? Die möchten sehr oft wieder joggen, radfahren oder wandern.

Es zu wollen ist das eine, es mit einer Krebserkrankung zu tun das andere.

Der erste Schritt zurück in ein aktives Leben ist, sich zu erinnern. Es hilft, sich alte Fotos anzuschauen, auf denen man Sport treibt. Dadurch werden Gefühle, Geräusche, Gerüche und Bilder geweckt. Die sind oft positiv besetzt. Je öfter ein Patient das macht, stellt er fest, dass sich diese Gefühle nach der Diagnose nicht verändert haben. Darin verbirgt sich die große Chance, aktiv zu werden. Der Mensch ist immer 100 Prozent. Das gilt es, zu verstehen.

Aber ein Teil ist doch krank und damit nicht mehr bei 100 Prozent.

„Das ist falsch. Jeder hat immer 100 Prozent zur Verfügung. Der Patient muss aber lernen, dass der Krebs zu ihm gehört und einen Teil seiner Lebensgeschichte ausmacht. Und mit diesen 100 Prozent kann er arbeiten. Das erstaunliche ist, wenn Menschen ihren Krebs akzeptieren, mehr leisten, länger spazieren oder joggen können.“

Ist es der schwerwiegendste Fehler, zu denken, dass mit der Diagnose Krebs das Lebensende gesetzt ist?

Viele legen sich danach sinnbildlich hin. Die allgemeine Meinung ist leider noch, dass Krebs gleich Tod bedeutet – auch wenn sich die Medizin stetig weiterentwickelt und viele Krebsarten heilbar sind. Eine Methode, sich davor zu schützen, ist, sich eine so genannte neuronale Autobahn zu bauen. In jedem Gehirn entstehen innere Landkarten, wodurch sich Glaubenssätze bilden. Der darf dann nicht mehr lauten: Krebs gleich Tod, sondern er muss mit dem Impuls verbunden sein: Krebs – jetzt gehe ich Radfahren. Der Gedanke an die Krankheit darf den Patienten nicht runterziehen.

Viele zweifeln aber an ihrer Leistungsfähigkeit.

Darum geht es doch gar nicht. Leistung ist immer tagesformabhängig, immer unterschiedlich – egal ob krank oder gesund. Das Problem ist doch, dass viele Sport mit Auspowern und völliger Erschöpfung verbinden. Darum geht es nicht. Sport kann auch bedeuten, seinen Fokus zu verändern. Es darf nicht heißen: Ich muss zum Sport, sondern: Ich darf zum Sport, ich kann mein Training jetzt genießen. Ein anderer Ansatz ist, Sätze umzuformulieren. Es darf nicht heißen: Ich mache das, weil..., sondern: Ich mache das für ... – und im Zweifel mache ich das für mich. Das reicht doch.

Ist es für einen 30-jährigen Krebspatienten leichter, sich zum Sport zu motivieren, als für einen 70-jährigen?

Nein, das hat mit dem Alter überhaupt nichts zu tun. Das ist typbedingt. Wir werden im Kopf nicht alt. Kaum ein 70-Jähriger denkt doch, dass er sein Leben gelebt hat. Die meisten haben Pläne. Sie wollen die Enkelkinder aufwachsen sehen, reisen, sich mit Freunden treffen oder, oder, oder. Wenn der Patient sein Leben lebenswert findet, ist es egal, wo er steht oder in welchem Alter er ist.

Was bewirkt Sport bei Krebspatienten?

Es ist ein Baustein der Therapie. Sport hilft, sich lebendig zu fühlen, sich selbst zu spüren und trägt sehr oft zum Heilungsprozess bei. Das ist wissenschaftlich bewiesen. Dazu hat Sport eine euphorisierende Wirkung. Aber fest steht auch: Der Gedanke, Krebs zu haben oder gehabt zu haben, wird immer wieder zurückkehren. Deshalb ist es unerlässlich, diesen Gedanken nicht zur Seite zu drängen, sondern sich mit ihm auseinanderzusetzen, sich mit ihm zu ,unterhalten’. Man muss zu seinen Gedanken ehrlich sein. Auch dafür kann Sport ein Ventil sein. Denn das klappt beim Radfahren, Schwimmen oder Joggen recht gut. Aber noch einmal: Der Patient hat immer selbst die Möglichkeit, den Zeitpunkt zu wählen, wann er sich mit seiner Krankheit beschäftigt.

Gelingt das immer?

Nein. Aber je mehr sich ein Mensch die Freiheit dazu nimmt, löst er Blockaden. Es werden Wege frei, von denen er dachte, dass diese längst verbaut sind. Dazu gehört auch, mal wieder ins Fitnessstudio zu gehen.

Es kann Phasen während der Krankheit geben, in denen Sport unmöglich ist. Kann man trotzdem beweglich bleiben?

Mit Hilfe von Meditation ist das durchaus möglich. Man kann beispielsweise virtuell joggen, radfahren oder schwimmen. Dann werden Bilder und Gefühle erzeugt, die man auch reell erlebt und man stellt fest: In mir pulsiert das Leben.

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