Jörg Deerberg schafft 1996 die Olmpianorm - doch dann wird der Sprinter ausgebootet Michael Lorenz Minden. In einer kleinen Randgeschichte im Mindener Tageblatt vom 13. Februar 1996 hieß die Überschrift: „Jörg Deerberg erfüllte die B-Kader-Norm“. Die noch viel verheißungsvollere Unterzeile lautete: „Eintracht Mindens Sprint-As darf jetzt sogar von Olympia in Atlanta träumen“. Tatsächlich war der Sprinter kurz vor der Teilnahme an der 4 x 100-Meter-Staffel bei den Olympischen Sommerspielen 1996 in Atlanta (USA) – wurde aber kurz vorher ausgebootet. 25 Jahre später blickt er zurück: „Das ist bis heute eine ganz große Wunde in meinem Leben, die noch immer nicht ganz verheilt ist. Besonders wenn ich bedenke, wie das damals alles abgelaufen ist. Man muss sich das mal vorstellen: Ich war nicht nur nominiert und akkreditiert, sondern war in Frankfurt bereits für die Spiele eingekleidet worden. Inklusive der Anzüge und Hüte für die Eröffnungszeremonie. Ich habe die Sachen bis heute in meinem Schrank.“ Doch der Reihe nach: Jörg Deerberg lief bei einem sehr stark besetzten Hallenmeeting in Dortmund über 60 Meter in 6,68 Sekunden hinter dem damals stärksten deutschen Sprinter Marc Blume die zweitschnellste Zeit. Er lief die Zeit kurz nachdem er von einer Muskelverletzung genesen war und verbesserte seine eigene Bestleistung um sieben Hundertstelsekunden– auf der 60-Meter-Strecke ist das eine gewaltige Steigerung. Den endgültigen Durchbruch schaffte er bei den Deutsche Hallenmeisterschaften in Karlsruhe mit 6,66 Sekunden. Hinter Michael Huke und Marc Blume wurde er Dritter und gewann die Bronzemedaille. Mit diesem Ergebnis qualifizierte sich Deerberg für den ersten Nationalmannschaft-Einssatz bei der Halleneuropameisterschaft in Stockholm, zudem gehörte er zu dem Sprintteam des Deutschen Leichathletik-Verbandes (DLV), welches sich auf Olympia in Atlanta vorbereitete. Beim Freiluft-Europapokal in Madrid erzielte er mit 10,34 Sekunden über 100 Meter den bis heute bestehenden Rekord für den Kreis Minden-Lübbecke. Es folgten im Sommer 1996 für Jörg Deerberg weitere DLV-Maßnahmen, alle mit dem Ziel, die Olympia-Norm für die deutsche 4 x 100-Meter-Staffel zu erreichen. „Für das Olympia-Staffelteam war die DLV-Norm eine große Hürde, die relativ früh erreicht werden musste, die wir aber geschafft haben“, erinnert sich der Mindener. Dann aber kamen als letzte Station vor Atlanta die Deutschen Meisterschaften, die vom 21. bis 23. Juni 1996 in Köln ausgetragen wurden. Jörg Deerberg wurde im 100-Meter-Sprint in 10,51 Sekunden Sechster. Einen Platz vor ihm landete in 10,46 Sekunden Andreas Ruth vom LC Rehlingen. Der Saarländer war bis dahin eher als Spezialist für die 200-Meter-Strecke bekannt. „Der hat sich dann auf die Hinterbeine gestellt und auf eine Teilnahme gedrängt, was aus seiner Sicht sicherlich auch irgendwie verständlich ist, und auf den aktuellen Leistungsbescheid verwiesen“, schildert Deerberg. „Ich habe alles noch frisch im Gedächtnis. Gedanklich war ich ja bereits in Atlanta. Die Ausladung war der schwerste Schlag, den ich in meinem Leben hinnehmen musste.“ Auch seine Staffel-Kollegen wunderten sich, wie der Mindener berichtet: „Wir waren als Staffelteam mit den Blume-Zwillingen, Marc und Holger, den anderen Wattenscheidern Michael Huke und Robert Kurnicki sowie mir ein fest umschlossener Kreis. Nicht nur ich, auch die Staffelkollegen haben dumm aus der Wäsche geguckt.“ Die Kollegen reisten nach Atlanta, Jörg Deerberg schaute in die Röhre, im wahrsten Sinne des Wortes: „Ich habe mir die Spiele natürlich im Fernsehen angeschaut. Schließlich war ich sechster Mann der Staffel und wäre nachnominiert worden, wenn sich einer verletzt hätte. Aber das wünscht man ja auch niemanden.“ Der Traum von Olympia war geplatzt. „Ich war zwar 1999 bei der Weltmeisterschaft in Sevilla dabei, und das war natürlich auch ein tolles Erlebnis. Aber Olympia ist nun mal etwas anderes. Für einen Leichtathleten sind die Spiele das Größte überhaupt.“ Trotz des traumatischen Erlebnisses des Jahres 1996 geht es Jörg Deerberg gut. Nennenswerte Spuren hat die Ausbootung bei ihm nicht hinterlassen. Ein Studium zum Versicherungs-Betriebswirt schloss er in München ab. Dort betrieb er über mehrere Jahre eine sehr erfolgreiche Salsa-Tanzschule. „Aber ich wollte auch nicht mein ganzes restliches Leben lang nur tanzen. Also habe ich meinen ursprünglichen Plan wieder aufgenommen und ein Aufbaustudium im Bereich Versicherung-Management in Köln angehängt. Seit 2017 bin ich Spezialist für Betriebliche Altersversorgung (BAV) und habe eine Festanstellung bei einer Lebensversicherung in Hamburg.“ Kontakte nach Minden pflegt er bis heute – hauptsächlich zu seinen Eltern und seinem alten Sprint-Spezi und -Rivalen Thomas Prange. Historische Seite als Downloadauf MT.de

Jörg Deerberg schafft 1996 die Olmpianorm - doch dann wird der Sprinter ausgebootet

Das Rennen der Deutschen Meisterschaften am 22. Juni 1996: Der Mindener Jörg Deerberg (links) und der Zweitplatzierte Michael Huke beglückwünschen im Zieleinlauf Marc Blume (Mitte), der den 100-Meter-Lauf in 10,16 Sekunden gewann. Foto: imago/Sven Simon © imago sportfotodienst

Minden. In einer kleinen Randgeschichte im Mindener Tageblatt vom 13. Februar 1996 hieß die Überschrift: „Jörg Deerberg erfüllte die B-Kader-Norm“. Die noch viel verheißungsvollere Unterzeile lautete: „Eintracht Mindens Sprint-As darf jetzt sogar von Olympia in Atlanta träumen“. Tatsächlich war der Sprinter kurz vor der Teilnahme an der 4 x 100-Meter-Staffel bei den Olympischen Sommerspielen 1996 in Atlanta (USA) – wurde aber kurz vorher ausgebootet.

25 Jahre später blickt er zurück: „Das ist bis heute eine ganz große Wunde in meinem Leben, die noch immer nicht ganz verheilt ist. Besonders wenn ich bedenke, wie das damals alles abgelaufen ist. Man muss sich das mal vorstellen: Ich war nicht nur nominiert und akkreditiert, sondern war in Frankfurt bereits für die Spiele eingekleidet worden. Inklusive der Anzüge und Hüte für die Eröffnungszeremonie. Ich habe die Sachen bis heute in meinem Schrank.“

Deerberg betrieb erfolgreich eine Salsa-Tanzschule. Foto: privat - © privat
Deerberg betrieb erfolgreich eine Salsa-Tanzschule. Foto: privat - © privat

Doch der Reihe nach: Jörg Deerberg lief bei einem sehr stark besetzten Hallenmeeting in Dortmund über 60 Meter in 6,68 Sekunden hinter dem damals stärksten deutschen Sprinter Marc Blume die zweitschnellste Zeit. Er lief die Zeit kurz nachdem er von einer Muskelverletzung genesen war und verbesserte seine eigene Bestleistung um sieben Hundertstelsekunden– auf der 60-Meter-Strecke ist das eine gewaltige Steigerung.

Die historische MT-Seite vom 13. Februar 1996. Repro: MT - © MT
Die historische MT-Seite vom 13. Februar 1996. Repro: MT - © MT

Den endgültigen Durchbruch schaffte er bei den Deutsche Hallenmeisterschaften in Karlsruhe mit 6,66 Sekunden. Hinter Michael Huke und Marc Blume wurde er Dritter und gewann die Bronzemedaille. Mit diesem Ergebnis qualifizierte sich Deerberg für den ersten Nationalmannschaft-Einssatz bei der Halleneuropameisterschaft in Stockholm, zudem gehörte er zu dem Sprintteam des Deutschen Leichathletik-Verbandes (DLV), welches sich auf Olympia in Atlanta vorbereitete. Beim Freiluft-Europapokal in Madrid erzielte er mit 10,34 Sekunden über 100 Meter den bis heute bestehenden Rekord für den Kreis Minden-Lübbecke.

Es folgten im Sommer 1996 für Jörg Deerberg weitere DLV-Maßnahmen, alle mit dem Ziel, die Olympia-Norm für die deutsche 4 x 100-Meter-Staffel zu erreichen. „Für das Olympia-Staffelteam war die DLV-Norm eine große Hürde, die relativ früh erreicht werden musste, die wir aber geschafft haben“, erinnert sich der Mindener.

Dann aber kamen als letzte Station vor Atlanta die Deutschen Meisterschaften, die vom 21. bis 23. Juni 1996 in Köln ausgetragen wurden. Jörg Deerberg wurde im 100-Meter-Sprint in 10,51 Sekunden Sechster. Einen Platz vor ihm landete in 10,46 Sekunden Andreas Ruth vom LC Rehlingen. Der Saarländer war bis dahin eher als Spezialist für die 200-Meter-Strecke bekannt. „Der hat sich dann auf die Hinterbeine gestellt und auf eine Teilnahme gedrängt, was aus seiner Sicht sicherlich auch irgendwie verständlich ist, und auf den aktuellen Leistungsbescheid verwiesen“, schildert Deerberg. „Ich habe alles noch frisch im Gedächtnis. Gedanklich war ich ja bereits in Atlanta. Die Ausladung war der schwerste Schlag, den ich in meinem Leben hinnehmen musste.“

Auch seine Staffel-Kollegen wunderten sich, wie der Mindener berichtet: „Wir waren als Staffelteam mit den Blume-Zwillingen, Marc und Holger, den anderen Wattenscheidern Michael Huke und Robert Kurnicki sowie mir ein fest umschlossener Kreis. Nicht nur ich, auch die Staffelkollegen haben dumm aus der Wäsche geguckt.“

Die Kollegen reisten nach Atlanta, Jörg Deerberg schaute in die Röhre, im wahrsten Sinne des Wortes: „Ich habe mir die Spiele natürlich im Fernsehen angeschaut. Schließlich war ich sechster Mann der Staffel und wäre nachnominiert worden, wenn sich einer verletzt hätte. Aber das wünscht man ja auch niemanden.“

Der Traum von Olympia war geplatzt. „Ich war zwar 1999 bei der Weltmeisterschaft in Sevilla dabei, und das war natürlich auch ein tolles Erlebnis. Aber Olympia ist nun mal etwas anderes. Für einen Leichtathleten sind die Spiele das Größte überhaupt.“

Trotz des traumatischen Erlebnisses des Jahres 1996 geht es Jörg Deerberg gut. Nennenswerte Spuren hat die Ausbootung bei ihm nicht hinterlassen. Ein Studium zum Versicherungs-Betriebswirt schloss er in München ab. Dort betrieb er über mehrere Jahre eine sehr erfolgreiche Salsa-Tanzschule. „Aber ich wollte auch nicht mein ganzes restliches Leben lang nur tanzen. Also habe ich meinen ursprünglichen Plan wieder aufgenommen und ein Aufbaustudium im Bereich Versicherung-Management in Köln angehängt. Seit 2017 bin ich Spezialist für Betriebliche Altersversorgung (BAV) und habe eine Festanstellung bei einer Lebensversicherung in Hamburg.“ Kontakte nach Minden pflegt er bis heute – hauptsächlich zu seinen Eltern und seinem alten Sprint-Spezi und -Rivalen Thomas Prange.

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