Impfzentrum statt Sporthalle: HSG EURo und beteiligte Klubs sehen Existenz bedroht Christian Bendig Hille. Alle Sportvereine tragen in Zeiten der Corona-Pandemie eine schwere Last. Allerorten machen sich Existenzängste breit. „Wann ist Sport wieder erlaubt?“ Diese Frage stellen sich Vorstände, Trainer, Aktive und Eltern. Ein besonders schweres Paket schleppt die Handballspielgemeinschaft HSG EURo mit den drei Mitgliedsvereinen aus Eickhorst, Unterlübbe und Rothenuffeln herum. Denn das Sportzentrum Unterlübbe wird auch über den Zeitpunkt der Lockerungen als Impfzentrum des Kreises Minden-Lübbecke benötigt werden. Bei Rot-Weiß Unterlübbe ahnte man zwar unmittelbar vor dem Bekanntwerden, dass ihre Heimstatt ein idealer Standort wäre. „Wir wurden aber kalt erwischt“, erinnert sich Andrea Kracht. Ende November hatte die Gemeinde Hille die Vereinsvertreter zu einem Gespräch geladen, doch der Kreis schuf schon vor dem Gespräch in einer Pressemitteilung Fakten. Danach musste alles schnell gehen. Bei einem Vor-Ort-Termin hatten die Kreisvertreter mitgeteilt, welche Räumlichkeiten genutzt werdenmüssen, damit die baulichen Maßnahmen für das Impfzentrum starten konnten. Wirklich absehbar, wie lange die Türen für die Sportler verschlossen bleiben werden, war noch völlig offen. Nun rechnen die Verantwortlichen mit bis zu eineinhalb Jahren. „Es wurde damals angedeutet, dass die Impfungen nach dem Start bis zu einem Jahr in Anspruch nehmen werden“, sagt Kracht. Zudem soll die Sporthalle anschließend mit einem neuen Hallenboden ausgestattet werden. „Da kann schlimmstenfalls auch noch ein halbes Jahr oben drauf kommen“, sagt die RWU-Verantwortliche. Das kann auch bedeuten, dass die HSG-Handballer als Hauptnutzer der Halle vielleicht vor dem Nichts stehen. „Wir sind jetzt auf die Solidarität der umliegenden Vereine aus Hille und Nettelstedt angewiesen“, betont Christof Meinert, Leiter der Spielgemeinschaft. Dessen erste Männermannschaft schaffte erst im vergangenen Jahr den Wiederaufstieg in die Landesliga und die Frauenmannschaft legte nach dem Oberliga-Rückzug einen vielversprechenden Neustart hin. Die Situation im Seniorenbereich dürfte für lange Zeit große Einschränkungen mit sich bringen. Dramatischer sieht es im Nachwuchsbereich aus. Eine andere Sorge treibt Meinert dabei um: Das Training der Jugendlichen, die in den jungen Jahrgängen zwischen Minis und C-Jugend aus der unmittelbaren Umgebung der Halle kommen. „Für die Kinder beziehungsweise ihre Eltern wird es natürlich schwierig, wenn das Training künftig an anderen, weiter entlegenen Orten stattfindet.“ Meinert umschreibt die Befürchtung des Mitgliederschwunds moderat: „Können wir kein adäquates Angebot schaffen, schließen sich die Kinder und Jugendlichen anderen Vereinen an.“ Lutz Niemeyer, der vor fünf Jahren von der JSG Lit 1912 durch seine Kinder zur HSG EURo stieß und mit einigen Mitstreitern die Nachwuchsarbeit wieder auf ein neues Level hob, hegt noch eine andere Befürchtung: „Die Trainingszeiten sind auf die zeitlichen Kapazitäten der Jugendtrainer abgestimmt.“ Völlig offen sei, ob die Trainer auch zu den vom Kreis Minden-Lübbecke zur Verfügung gestellten Trainingszeiten überhaupt ein Training leiten könnten. Schlimmstenfalls heißt es im Nachwuchs: Keine Übungsleiter, kein Training, keine Nachwuchsspieler. Dieses Szenario bedroht die sportliche Existenz der HSG EURo, sie würde die Arbeit der vergangenen Jahre wegradieren. Besonders bitter: In den zurückliegenden Monaten feierte der HSG-Nachwuchs mit vier Kreismeisterschaften, zwei Pokalsiegen sowie den Oberliga-Aufstieg der B-Jungen große Erfolge und verzeichnete so einen Zulauf an Jugendlichen. „Es zeigt sich, dass wir gute Arbeit machen. Das macht mich besonders stolz, denn andere Breitensport-Vereine verlieren eher Spieler“, fühlt sich Niemeyer bestätigt für „die tolle Arbeit unserer Trainer“. Ein fester Spielort ist für einen Verein darüber hinaus auch mehr als ein Anlaufpunkt, um Sport zu betreiben oder den Verein als Zuschauer zu unterstützen. Ein Spielort schafft Identität. Das wird bei den Worten von Matthias Bredemeier, zwei Spielzeiten lang Trainer der Oberliga-Handballerinnen deutlich: „Dadurch, dass Frauen- und Männermannschaften immer hintereinander gespielt haben, begegnete man sich nach den Spielen im Vereinsheim. Da fühlte man sich schnell aufgenommen und der HSG verbunden.“ Sollte die kommende Handballsaison tatsächlich Ende August für die HSG in diversen über das Kreisgebiet verteilten Ausweichquartieren starten, ist es fraglich, inwiefern dieses Zusammengehörigkeitsgefühl bestehen bleibt. Das Problem der drohenden Entwurzelung betrifft insbesondere den Handball. Doch auch die weiteren in Unterlübbe beheimateten Sportarten werden kreative Lösungen finden müssen, um den Mitgliedsbestand als wichtigste finanzielle Grundlage der Vereine erhalten zu können. Ganz so düster wie bei den Handballern sieht es bei den anderen Sparten der drei Vereine aber nicht aus, dennoch bleibt es für die Verantwortlichen ein Drahtseilakt. „Die Unterlübber Tischtennisspieler können wohl in Rothenuffeln trainieren, die Altherren-Riege des Vereins kann bei entsprechendem Wetter auch draußen Sport treiben und der Schießsport kann die modernisierte Anlage an der Halle nutzen, sobald es wieder erlaubt sein wird“, sagt Kracht. Die Gymnastik-Frauenriege findet inzwischen online statt. „Das wird super angenommen.“ Probleme sieht die RWU-Vorsitzende auf die Bogensport-Abteilung zukommen. Die kann zwar bei entsprechender Witterung mit temporären Schutzzäunen auf dem weitläufigen Areal in Unterlübbe dem Sport nachgehen, wird aber spätestens ab Herbst vor Herausforderungen gestellt. „Es ist nicht möglich, die Ausrüstung wie Scheiben und Netz in andere Hallen zu schaffen. Hier besteht die Angst, dass uns Mitglieder verloren gehen.“ Um dem drohenden Mitgliederschwund entgegenzuwirken, trat RWU zuletzt die Flucht nach vorne an und warb bei den Mitgliedern um Verständnis für die Situation. Für RWU kann Kracht eine kleine Entwarnung geben: „Noch sind die Mitglieder und Sponsoren entspannt.“ Aber im MT-Gespräch lag die Betonung deutlich wahrnehmbar auf dem Wort „noch“. Auch wenn die Sportler der drei Vereine noch entspannt sein mögen, verbirgt sich in Niemeyers Worten auch ein Appell: „Das Impfzentrum mit allen Vorzügen ist richtig und wichtig. Aber die Dringlichkeit bei der Suche nach Alternativen darf nicht allein bei der HSG EURo beziehungsweise den Stammvereinen liegen.“

Impfzentrum statt Sporthalle: HSG EURo und beteiligte Klubs sehen Existenz bedroht

Die Ehrung der HSG-Jugendmannschaften für ihre errungene Meisterschaften fand vor der Sporthalle unter freiem Himmel statt. In der Heimstätte der HSG EURo ist nun das Impfzentrum des Kreises. Foto: privat © privat

Hille. Alle Sportvereine tragen in Zeiten der Corona-Pandemie eine schwere Last. Allerorten machen sich Existenzängste breit. „Wann ist Sport wieder erlaubt?“ Diese Frage stellen sich Vorstände, Trainer, Aktive und Eltern. Ein besonders schweres Paket schleppt die Handballspielgemeinschaft HSG EURo mit den drei Mitgliedsvereinen aus Eickhorst, Unterlübbe und Rothenuffeln herum. Denn das Sportzentrum Unterlübbe wird auch über den Zeitpunkt der Lockerungen als Impfzentrum des Kreises Minden-Lübbecke benötigt werden.

Bei Rot-Weiß Unterlübbe ahnte man zwar unmittelbar vor dem Bekanntwerden, dass ihre Heimstatt ein idealer Standort wäre. „Wir wurden aber kalt erwischt“, erinnert sich Andrea Kracht. Ende November hatte die Gemeinde Hille die Vereinsvertreter zu einem Gespräch geladen, doch der Kreis schuf schon vor dem Gespräch in einer Pressemitteilung Fakten.

In Sorge um ihren Verein: Andrea Kracht, Bogenschützin und Vorsitzende bei RW Unterlübbe. - © Christian Bendig
In Sorge um ihren Verein: Andrea Kracht, Bogenschützin und Vorsitzende bei RW Unterlübbe. - © Christian Bendig

Danach musste alles schnell gehen. Bei einem Vor-Ort-Termin hatten die Kreisvertreter mitgeteilt, welche Räumlichkeiten genutzt werdenmüssen, damit die baulichen Maßnahmen für das Impfzentrum starten konnten. Wirklich absehbar, wie lange die Türen für die Sportler verschlossen bleiben werden, war noch völlig offen. Nun rechnen die Verantwortlichen mit bis zu eineinhalb Jahren. „Es wurde damals angedeutet, dass die Impfungen nach dem Start bis zu einem Jahr in Anspruch nehmen werden“, sagt Kracht. Zudem soll die Sporthalle anschließend mit einem neuen Hallenboden ausgestattet werden. „Da kann schlimmstenfalls auch noch ein halbes Jahr oben drauf kommen“, sagt die RWU-Verantwortliche.

Eine der jährlichen Großereignisse ist der Mühlenpokal der Unterlübber Bogenschützen. Fotos (2): Bendig - © Christian Bendig
Eine der jährlichen Großereignisse ist der Mühlenpokal der Unterlübber Bogenschützen. Fotos (2): Bendig - © Christian Bendig

Das kann auch bedeuten, dass die HSG-Handballer als Hauptnutzer der Halle vielleicht vor dem Nichts stehen. „Wir sind jetzt auf die Solidarität der umliegenden Vereine aus Hille und Nettelstedt angewiesen“, betont Christof Meinert, Leiter der Spielgemeinschaft. Dessen erste Männermannschaft schaffte erst im vergangenen Jahr den Wiederaufstieg in die Landesliga und die Frauenmannschaft legte nach dem Oberliga-Rückzug einen vielversprechenden Neustart hin.

Die Situation im Seniorenbereich dürfte für lange Zeit große Einschränkungen mit sich bringen. Dramatischer sieht es im Nachwuchsbereich aus. Eine andere Sorge treibt Meinert dabei um: Das Training der Jugendlichen, die in den jungen Jahrgängen zwischen Minis und C-Jugend aus der unmittelbaren Umgebung der Halle kommen. „Für die Kinder beziehungsweise ihre Eltern wird es natürlich schwierig, wenn das Training künftig an anderen, weiter entlegenen Orten stattfindet.“ Meinert umschreibt die Befürchtung des Mitgliederschwunds moderat: „Können wir kein adäquates Angebot schaffen, schließen sich die Kinder und Jugendlichen anderen Vereinen an.“

Lutz Niemeyer, der vor fünf Jahren von der JSG Lit 1912 durch seine Kinder zur HSG EURo stieß und mit einigen Mitstreitern die Nachwuchsarbeit wieder auf ein neues Level hob, hegt noch eine andere Befürchtung: „Die Trainingszeiten sind auf die zeitlichen Kapazitäten der Jugendtrainer abgestimmt.“ Völlig offen sei, ob die Trainer auch zu den vom Kreis Minden-Lübbecke zur Verfügung gestellten Trainingszeiten überhaupt ein Training leiten könnten. Schlimmstenfalls heißt es im Nachwuchs: Keine Übungsleiter, kein Training, keine Nachwuchsspieler. Dieses Szenario bedroht die sportliche Existenz der HSG EURo, sie würde die Arbeit der vergangenen Jahre wegradieren.

Besonders bitter: In den zurückliegenden Monaten feierte der HSG-Nachwuchs mit vier Kreismeisterschaften, zwei Pokalsiegen sowie den Oberliga-Aufstieg der B-Jungen große Erfolge und verzeichnete so einen Zulauf an Jugendlichen. „Es zeigt sich, dass wir gute Arbeit machen. Das macht mich besonders stolz, denn andere Breitensport-Vereine verlieren eher Spieler“, fühlt sich Niemeyer bestätigt für „die tolle Arbeit unserer Trainer“.

Ein fester Spielort ist für einen Verein darüber hinaus auch mehr als ein Anlaufpunkt, um Sport zu betreiben oder den Verein als Zuschauer zu unterstützen. Ein Spielort schafft Identität. Das wird bei den Worten von Matthias Bredemeier, zwei Spielzeiten lang Trainer der Oberliga-Handballerinnen deutlich: „Dadurch, dass Frauen- und Männermannschaften immer hintereinander gespielt haben, begegnete man sich nach den Spielen im Vereinsheim. Da fühlte man sich schnell aufgenommen und der HSG verbunden.“ Sollte die kommende Handballsaison tatsächlich Ende August für die HSG in diversen über das Kreisgebiet verteilten Ausweichquartieren starten, ist es fraglich, inwiefern dieses Zusammengehörigkeitsgefühl bestehen bleibt.

Das Problem der drohenden Entwurzelung betrifft insbesondere den Handball. Doch auch die weiteren in Unterlübbe beheimateten Sportarten werden kreative Lösungen finden müssen, um den Mitgliedsbestand als wichtigste finanzielle Grundlage der Vereine erhalten zu können. Ganz so düster wie bei den Handballern sieht es bei den anderen Sparten der drei Vereine aber nicht aus, dennoch bleibt es für die Verantwortlichen ein Drahtseilakt.

„Die Unterlübber Tischtennisspieler können wohl in Rothenuffeln trainieren, die Altherren-Riege des Vereins kann bei entsprechendem Wetter auch draußen Sport treiben und der Schießsport kann die modernisierte Anlage an der Halle nutzen, sobald es wieder erlaubt sein wird“, sagt Kracht. Die Gymnastik-Frauenriege findet inzwischen online statt. „Das wird super angenommen.“

Probleme sieht die RWU-Vorsitzende auf die Bogensport-Abteilung zukommen. Die kann zwar bei entsprechender Witterung mit temporären Schutzzäunen auf dem weitläufigen Areal in Unterlübbe dem Sport nachgehen, wird aber spätestens ab Herbst vor Herausforderungen gestellt. „Es ist nicht möglich, die Ausrüstung wie Scheiben und Netz in andere Hallen zu schaffen. Hier besteht die Angst, dass uns Mitglieder verloren gehen.“

Um dem drohenden Mitgliederschwund entgegenzuwirken, trat RWU zuletzt die Flucht nach vorne an und warb bei den Mitgliedern um Verständnis für die Situation. Für RWU kann Kracht eine kleine Entwarnung geben: „Noch sind die Mitglieder und Sponsoren entspannt.“ Aber im MT-Gespräch lag die Betonung deutlich wahrnehmbar auf dem Wort „noch“. Auch wenn die Sportler der drei Vereine noch entspannt sein mögen, verbirgt sich in Niemeyers Worten auch ein Appell: „Das Impfzentrum mit allen Vorzügen ist richtig und wichtig. Aber die Dringlichkeit bei der Suche nach Alternativen darf nicht allein bei der HSG EURo beziehungsweise den Stammvereinen liegen.“

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