Erst Olympia, dann ins All: Bob-Anschieberin Leonie Fiebig will Astronautin werden Astrid Plaßhenrich Minden/Köln. Manchmal, ja manchmal ist es Quälerei. Immer dann wenn es zur Regeneration ins Eisbad geht, wenn nach fünf Stunden im Kraftraum oder auf der Tartanbahn einfach jede Bewegung nur noch schwerfällt. „Aber dann erscheinen vor meinem inneren Augen die Olympischen Ringe“, sagt Leonie Fiebig, „und dann ziehe ich durch. Immer.“ Die Bob-Anschieberin will im Februar unbedingt zu den Winterspielen nach Peking. Das ist ihr großer Traum. Dafür gibt die gebürtige Mindenerin alles – ohne ihren Weitblick zu verlieren. Denn auch für die Zeit nach Olympia hat die 31-Jährige bereits Pläne: Bei der ESA hat sie sich als Astronautin beworben. Perfektionismus ist ein Zeitfresser. Das stellt Leonie Fiebig jeden Tag fest. Aber er hilft auch, Ziele konsequent zu verfolgen. In ihrer Wohnung in Köln füllt sie regelmäßig die Wanne mit Eis. Doch dann windet sich die ehemalige Leichtathletin fünf, zehn, fünfzehn Minuten bis sie endlich ins Wasser gleitet. „Das ist total bescheuert. Ich weiß doch eh, dass ich es mache“, sagt Fiebig. Zumal die 31-Jährige wahrscheinlich nur schlecht schlafen könnte, wenn sie ihren Plan nicht zu 100 Prozent einhält. Und dann wäre die zweite Katastrophe gleich angeschlossen: Denn ausreichend Schlaf gehört genauso zur Regeneration. „Und ich brauche davon neun Stunden“, gibt sie zu. Nichts wird auf dem Weg nach Peking dem Zufall überlassen. Fiebigs gesamtes Leben ist darauf abgestimmt. Sie weiß, dass es wahrscheinlich ihre einzige Chance ist, die Olympischen Spielen als Athletin zu erleben. Deswegen reihen sich an Sprint-, Kraft-, Ausdauertraining, Yoga-Einheiten, mentale Übungen, Physiotherapie, Regeneration auch eine gesunde Ernährung, bei der sie auf eine Säure-Basen-Balance setzt. Ein großes Spezialisten-Team hilft ihr, jeden einzelnen Baustein immer weiter zu optimieren. Vor allem mental ist es schwierig, die Balance zu halten: „Die Kunst ist es, jetzt nicht in Panik zu verfallen und tausend Dinge anders zu machen, weil es das Jahr der Jahre ist. Aber ich muss mir dennoch bewusst machen, was es für ein besonderes Jahr ist und alles reinlegen und vieles verbessern“, sagt die dreifache Weltcup-Siegerin von 2020, „ich darf mich auf den Erfolgen des Vorjahres nicht ausruhen.“ Einen Großteil ihrer Zeit trainiert die Bobfahrerin in Köln allein. Umso dankbarer war sie, dass die Pandemie Mitte Juni endlich wieder ein Trainingslager zuließ. Es ging ins mallorquinische Magaluf. Neun Tage, zwölf Einheiten. An ihrer Seite war ihr Entdecker und Athletikcoach Thomas Prange. „Das war super anstrengend, aber eine sehr wertvolle Zeit. Ich profitiere immer von Thomas’ querdenkendem Fachwissen“, erzählt Fiebig. An dem Mindener Trainer schätzt sie seine innovativen Methoden, das biomechanische Wissen – und seine Geduld. Dazu war die 31-Jährige in Magaluf von mehreren Leichtathleten umgeben: „Die Konkurrenz hat mich noch einmal vorangebracht. Egal wie mental stark du bist, und egal wie hoch du dich pushen kannst: Wenn Läufer auf der Bahn neben dir sind, kitzelst du noch ein, zwei Prozent mehr aus dir heraus.“ Sowieso ist Leonie Fiebig ständig unterwegs: Im sauerländischen Winterberg wird ebenso trainiert wie auf der Anschubstrecke in Oberhof. Dort wird Anfang September auch der erste Qualifikationswettkampf für die Winterspiele ausgetragen. „Das wird ein ganz knappes Rennen. Bei einem Sport, bei dem jede Hundertstel zählt, sind Nuancen entscheidend – und das Quäntchen Glück“, erklärt die Sportsoldatin. Schließlich gibt es nur drei Olympiaplätze für Deutschlands Anschieberinnen. Bis Anfang des Jahres fließen aber auch die Weltcup-Ergebnisse in die Bewertung des Bundestrainers mit ein. Ihren Kopf für die Peking-Vorbereitung hat Fiebig erst seit Ende April richtig frei Da hat sie ihre Masterarbeit abgegeben. Die beschäftigte sich – ganz vereinfacht gesagt – mit Effektivität von Krafttraining in der Schwerelosigkeit. Vier Jahre lang hat die ehemalige Studentin der Sporthochschule in Köln dazu geforscht. Abschlussnote: 1,1. Dabei entstand eine enge Zusammenarbeit mit dem Europäischen Astronautenzentrum der ESA, das ebenfalls in Köln ansässig ist. Dort werden Astronauten für künftige Missionen ausgebildet. Leonie Fiebig sah sich also seit Beginn ihrer Masterarbeit unablässig mit Raumfahrttechnik, -programmen und -strategien konfrontiert. Vor dem Hintergrund scheint es nur ein kleiner Schritt, dass sich die Weltklasse-Bobfahrerin jetzt als Astronautin beworben hat. „Als die ESA die Ausschreibung veröffentlichte, habe ich mich zunächst überhaupt nicht damit beschäftigt“, erklärt die 1,80 Meter lange Sportlerin. Doch aus ihrem nahen Umfeld kamen immer wieder Stimmen auf, sie solle sich bewerben. „Ich dachte immer, dass man mindestens Superman oder Superwoman sein müsste, um ins All zu fliegen“, erklärt Fiebig. Dem ist aber nicht so. Natürlich müssen die Bewerber bestimmte Kriterien erfüllen. „Aber ich denke, dass ich das tue. Außerdem habe ich schon so viel geschafft: Vor ein paar Jahren hätte ich auch nicht gedacht, dass ich mal in einem Bob sitze, und mittlerweile kämpfe ich um ein Olympiaticket.“ Jetzt ist Leonie Fiebig eine von mehr als 22.000 Menschen aus ganz Europa, die den Job im All wollen. Aus diesem Pool wählt die Weltraumagentur vier bis sechs Kandidaten für die Astronauten-Ausbildung aus. „Ich hätte mir Vorwürfe gemacht, wenn ich die Chance hätte verstreichen lassen. Ich musste das einfach machen.“ Angst hat sie vor einer Weltraummission nicht. Großen Respekt aber sehr wohl. Anfang Juli war Leonie Fiebig übrigens zuletzt in Minden. Ihre Oma Gerda Detering feierte ihren 89. Geburtstag. Es sind die wenigen Augenblicke, in den die Sportlerin abschalten kann. „Das gelingt mir dann aber auch recht gut, und ich genieße das auch sehr“, sagt die 31-Jährige, „dann stehen meine Großeltern im Mittelpunkt und eben nicht der Sport.“ Es sind die kleinen, bewussten Auszeiten, aus denen sie Kraft schöpft, um anschließend wieder Vollgas zu geben. In jeder Trainingseinheit. Wie immer. Dann tauchen auch wieder die Olympischen Ringe vor ihrem inneren Auge auf. Und vielleicht werden nach den Winterspielen die Ringe von der Internationale Raumstation ISS abgelöst.

Erst Olympia, dann ins All: Bob-Anschieberin Leonie Fiebig will Astronautin werden

Minden/Köln. Manchmal, ja manchmal ist es Quälerei. Immer dann wenn es zur Regeneration ins Eisbad geht, wenn nach fünf Stunden im Kraftraum oder auf der Tartanbahn einfach jede Bewegung nur noch schwerfällt. „Aber dann erscheinen vor meinem inneren Augen die Olympischen Ringe“, sagt Leonie Fiebig, „und dann ziehe ich durch. Immer.“ Die Bob-Anschieberin will im Februar unbedingt zu den Winterspielen nach Peking. Das ist ihr großer Traum. Dafür gibt die gebürtige Mindenerin alles – ohne ihren Weitblick zu verlieren. Denn auch für die Zeit nach Olympia hat die 31-Jährige bereits Pläne: Bei der ESA hat sie sich als Astronautin beworben.

Für einen Extraschub Motivation: Auf der Anschubstrecke in Winterberg haben Leonie Fiebig und ihre Teamkolleginnen bereits eine Fahne mit den Olympischen Ringen und dem Aufdruck Beijing 2022 aufgehangen. Fotos: privat - © privat
Für einen Extraschub Motivation: Auf der Anschubstrecke in Winterberg haben Leonie Fiebig und ihre Teamkolleginnen bereits eine Fahne mit den Olympischen Ringen und dem Aufdruck Beijing 2022 aufgehangen. Fotos: privat - © privat

Perfektionismus ist ein Zeitfresser. Das stellt Leonie Fiebig jeden Tag fest. Aber er hilft auch, Ziele konsequent zu verfolgen. In ihrer Wohnung in Köln füllt sie regelmäßig die Wanne mit Eis. Doch dann windet sich die ehemalige Leichtathletin fünf, zehn, fünfzehn Minuten bis sie endlich ins Wasser gleitet. „Das ist total bescheuert. Ich weiß doch eh, dass ich es mache“, sagt Fiebig. Zumal die 31-Jährige wahrscheinlich nur schlecht schlafen könnte, wenn sie ihren Plan nicht zu 100 Prozent einhält. Und dann wäre die zweite Katastrophe gleich angeschlossen: Denn ausreichend Schlaf gehört genauso zur Regeneration. „Und ich brauche davon neun Stunden“, gibt sie zu.

Mindener unter sich: Bobfahrerin Leonie Fiebig und ihr Trainer Thomas Prange im Trainingslager auf Mallorca. „Die Zeit war sehr wertvoll“, sagt Fiebig. - © privat
Mindener unter sich: Bobfahrerin Leonie Fiebig und ihr Trainer Thomas Prange im Trainingslager auf Mallorca. „Die Zeit war sehr wertvoll“, sagt Fiebig. - © privat

Nichts wird auf dem Weg nach Peking dem Zufall überlassen. Fiebigs gesamtes Leben ist darauf abgestimmt. Sie weiß, dass es wahrscheinlich ihre einzige Chance ist, die Olympischen Spielen als Athletin zu erleben. Deswegen reihen sich an Sprint-, Kraft-, Ausdauertraining, Yoga-Einheiten, mentale Übungen, Physiotherapie, Regeneration auch eine gesunde Ernährung, bei der sie auf eine Säure-Basen-Balance setzt. Ein großes Spezialisten-Team hilft ihr, jeden einzelnen Baustein immer weiter zu optimieren.

Vor allem mental ist es schwierig, die Balance zu halten: „Die Kunst ist es, jetzt nicht in Panik zu verfallen und tausend Dinge anders zu machen, weil es das Jahr der Jahre ist. Aber ich muss mir dennoch bewusst machen, was es für ein besonderes Jahr ist und alles reinlegen und vieles verbessern“, sagt die dreifache Weltcup-Siegerin von 2020, „ich darf mich auf den Erfolgen des Vorjahres nicht ausruhen.“

Einen Großteil ihrer Zeit trainiert die Bobfahrerin in Köln allein. Umso dankbarer war sie, dass die Pandemie Mitte Juni endlich wieder ein Trainingslager zuließ. Es ging ins mallorquinische Magaluf. Neun Tage, zwölf Einheiten. An ihrer Seite war ihr Entdecker und Athletikcoach Thomas Prange. „Das war super anstrengend, aber eine sehr wertvolle Zeit. Ich profitiere immer von Thomas’ querdenkendem Fachwissen“, erzählt Fiebig. An dem Mindener Trainer schätzt sie seine innovativen Methoden, das biomechanische Wissen – und seine Geduld. Dazu war die 31-Jährige in Magaluf von mehreren Leichtathleten umgeben: „Die Konkurrenz hat mich noch einmal vorangebracht. Egal wie mental stark du bist, und egal wie hoch du dich pushen kannst: Wenn Läufer auf der Bahn neben dir sind, kitzelst du noch ein, zwei Prozent mehr aus dir heraus.“

Sowieso ist Leonie Fiebig ständig unterwegs: Im sauerländischen Winterberg wird ebenso trainiert wie auf der Anschubstrecke in Oberhof. Dort wird Anfang September auch der erste Qualifikationswettkampf für die Winterspiele ausgetragen. „Das wird ein ganz knappes Rennen. Bei einem Sport, bei dem jede Hundertstel zählt, sind Nuancen entscheidend – und das Quäntchen Glück“, erklärt die Sportsoldatin. Schließlich gibt es nur drei Olympiaplätze für Deutschlands Anschieberinnen. Bis Anfang des Jahres fließen aber auch die Weltcup-Ergebnisse in die Bewertung des Bundestrainers mit ein.

Ihren Kopf für die Peking-Vorbereitung hat Fiebig erst seit Ende April richtig frei Da hat sie ihre Masterarbeit abgegeben. Die beschäftigte sich – ganz vereinfacht gesagt – mit Effektivität von Krafttraining in der Schwerelosigkeit.

Vier Jahre lang hat die ehemalige Studentin der Sporthochschule in Köln dazu geforscht. Abschlussnote: 1,1. Dabei entstand eine enge Zusammenarbeit mit dem Europäischen Astronautenzentrum der ESA, das ebenfalls in Köln ansässig ist. Dort werden Astronauten für künftige Missionen ausgebildet. Leonie Fiebig sah sich also seit Beginn ihrer Masterarbeit unablässig mit Raumfahrttechnik, -programmen und -strategien konfrontiert.

Vor dem Hintergrund scheint es nur ein kleiner Schritt, dass sich die Weltklasse-Bobfahrerin jetzt als Astronautin beworben hat. „Als die ESA die Ausschreibung veröffentlichte, habe ich mich zunächst überhaupt nicht damit beschäftigt“, erklärt die 1,80 Meter lange Sportlerin. Doch aus ihrem nahen Umfeld kamen immer wieder Stimmen auf, sie solle sich bewerben. „Ich dachte immer, dass man mindestens Superman oder Superwoman sein müsste, um ins All zu fliegen“, erklärt Fiebig. Dem ist aber nicht so. Natürlich müssen die Bewerber bestimmte Kriterien erfüllen. „Aber ich denke, dass ich das tue. Außerdem habe ich schon so viel geschafft: Vor ein paar Jahren hätte ich auch nicht gedacht, dass ich mal in einem Bob sitze, und mittlerweile kämpfe ich um ein Olympiaticket.“

Jetzt ist Leonie Fiebig eine von mehr als 22.000 Menschen aus ganz Europa, die den Job im All wollen. Aus diesem Pool wählt die Weltraumagentur vier bis sechs Kandidaten für die Astronauten-Ausbildung aus. „Ich hätte mir Vorwürfe gemacht, wenn ich die Chance hätte verstreichen lassen. Ich musste das einfach machen.“ Angst hat sie vor einer Weltraummission nicht. Großen Respekt aber sehr wohl.

Anfang Juli war Leonie Fiebig übrigens zuletzt in Minden. Ihre Oma Gerda Detering feierte ihren 89. Geburtstag. Es sind die wenigen Augenblicke, in den die Sportlerin abschalten kann. „Das gelingt mir dann aber auch recht gut, und ich genieße das auch sehr“, sagt die 31-Jährige, „dann stehen meine Großeltern im Mittelpunkt und eben nicht der Sport.“ Es sind die kleinen, bewussten Auszeiten, aus denen sie Kraft schöpft, um anschließend wieder Vollgas zu geben. In jeder Trainingseinheit. Wie immer. Dann tauchen auch wieder die Olympischen Ringe vor ihrem inneren Auge auf. Und vielleicht werden nach den Winterspielen die Ringe von der Internationale Raumstation ISS abgelöst.

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