Drei Weltcupsiege: Eine Mindenerin gehört zu Deutschlands erfolgreichsten Bob-Athletinnen Astrid Plaßhenrich Minden. Opa Wilhelm ist ein ausgezeichneter Trainingspartner. Zumindest jetzt nach der Saison, wenn Leonie Fiebig ihre Regenerationsläufe absolviert und der 90-Jährige mit seinem Elektro-Scooter konstant das Tempo vorgibt. Die Bob-Anschieberin spannt gerne bei ihrem Vater Berni Detering und ihren Großeltern in Minden aus. „Das war nach dieser langen und außergewöhnlichen Saison auch nötig“, sagt die 30-Jährige, die mit drei Weltcup-Siegen und EM-Bronze auf erfolgreiche Wintermonate zurückblickt. Karneval fiel dieses Jahr perfekt. Die Weltcup-Serie war mit der WM am ersten Februarwochenende beendet. Leonie Fiebig, die in Minden zwar geboren ist, sich aber selbst Herzens-Kölnerin nennt und nicht mehr in der Domstadt an der Weser, sondern in der am Rhein lebt, hätte ohne schlechtes Gewissen feiern können. Aber die Pandemie ließ das nicht zu. Es wäre eine schöne Zugabe gewesen – mehr aber auch nicht. „Ich war sehr dankbar, dass die Weltcupsaison überhaupt stattfinden konnte“, sagt die Modellathletin, „damit hätte ich im Herbst, als die Zahlen hochgingen, nicht gerechnet.“ Sie habe es als sehr großes Privileg empfunden, ihren Sport ausüben zu dürfen. „Das hat mich demütig gemacht“, erzählt sie. Leonie Fiebig lacht viel und gerne. Die kölsche Mentalität ist inzwischen in jede Faser ihres Körpers übergegangen. Die Rhein-Metropole trägt sie nicht nur in ihrem Herzen, sondern auch ein Stückweit im Koffer auf ihren Weltcup-Reisen. Ihre erste Amtshandlung nach der Ankunft im Hotel: den „Kölschen Schrein“ aufbauen. Stadtflagge auf dem Nachtisch ausbreiten, Kölsch-Glas und Bob, den Biber, der „Viva Colonia“ singen kann, darauf drapieren. Viele Sportler haben Rituale. Das ist ihres. Und das war eines der wenigen Konstanten in der Corona-Saison. Als im Frühjahr der erste Lockdown erfolgte, begann für Fiebig die Saisonvorbereitung. Sie musste täglich improvisieren, um ihr Trainingspensum durchzuziehen. „Köln nennt sich zwar Sportstadt, wird dem Titel zurzeit aber nicht gerecht“, sagt die frühere Leichtathletin. Obwohl die gebürtige Mindenerin zum Nationalkader des deutschen Bobteams gehört, darf sie auf keiner Tartanbahn trainieren. „In der Sporthochschule kann ich zwar einen Kraftraum nutzen, aber Sprinttraining fand auf dem Rasen oder Asphalt statt. Das war natürlich alles andere als optimal“, erklärt die 1,80 Meter lange Anschieberin. Deshalb pendelt sie seit einigen Monaten von Köln nach Dortmund, das Olympiastützpunkt des deutschen Bobteams ist. Die Trainingsbedingungen sind dort aktuell besser. Den Aufwand muss Fiebig auch in Kauf nehmen, weil ihr Part als Anschieberin ein Vollzeit-Job ist. Das wird von Zuschauern oft unterschätzt, weil diese offensichtlich nur die Arbeitszeit von etwa fünf Sekunden im Eiskanal wahrnehmen. „Es fängt aber schon mit dem Aufsetzen des ersten Fußes an. Es ist Detailarbeit. Nuancen entscheiden über Sieg oder Niederlage“, sagt die Sportsoldatin. Ihr Perfektionismus ist dabei sowohl ein Vor- als auch Nachteil. „Er ist vor allem ein unglaublicher Zeitfresser“, meint Fiebig. Allerdings ist Perfektionismus auch ein Grund dafür, dass sie die jährliche Qualifikation für den Nationalkader schafft. Pilotin Stephanie Schneider, mit der Fiebig in der Vorsaison ein Team bildete, scheiterte im September zunächst daran, arbeitete sich aber zurück ins Team. So war Fiebig im ersten Saisonteil eine Art „Springerin“ und bestritt ihre fünf Weltcups plus WM mit drei verschiedenen Pilotinnen. „Normalerweise werden vor der Saison feste Teams gebildet, die aus Pilotin und zwei Anschieberinnen bestehen. Dieses Jahr war eben alles anders“, sagt die 30-Jährige und lacht. Umso erstaunlicher, dass es ihre bislang erfolgreichste Saison wurde. Gleich zum Auftakt holte Fiebig mit Laura Nolte Gold. Es war überhaupt ihr allererster Weltcupsieg. Feiern konnte sie ihn aber nicht. Die Corona-Auflagen waren sehr streng. „Ich habe mir dann alleine auf dem Hotelzimmer einen Tee aus meinem Kölsch-Glas gegönnt“, erzählt Fiebig. Sie durfte noch nicht einmal mit zur Siegerehrung. Nach zwei weiteren Weltcup-Siegen zusammen mit Schneider bestritten die beiden auch die WM in Altenberg zusammen. Nach Platz fünf im Vorjahr verbesserte sich das Duo Anfang Februar um einen Rang. Nach einem fehlerhaften ersten Lauf und dem zwischenzeitlichen achten Platz steigerten sie sich im Wettkampfverlauf. „Wir haben sicherlich nicht unser Potenzial ausgeschöpft, aber ich sehe es auch als Teil des Prozesses. Die Olympischen Spiele im kommenden Jahr in Peking bleiben das große Ziel“, sagt Fiebig. Fiebigs Saisonerfolge Gleich bei ihrem ersten Saisonstart in Sigulda (Lettland) am 28. November holte Leonie Fiebig zusammen mit Pilotin Laura Nolte ihren ersten Weltcupsieg. Es folgte am 13. Dezember in Innsbruck der dritte Platz mit Pilotin Mariama Jamanka; eine Woche darauf an gleicher Stelle der zweite Weltcupsieg mit Stephanie Schneider. Bei der EM in Winterberg, die gleichzeitig als Weltcup zählt, holten Jamanka/Fiebig den geteilten dritten Platz mit Katrin Beierl/Jennifer Onasanya aus Österreich. Den dritten Weltcup-Erfolg feierten Schneider/Fiebig am 19. Januar in St. Moritz. Bei der WM in Altenberg schafften es die beiden Anfang Februar auf Platz vier. (apl)

Drei Weltcupsiege: Eine Mindenerin gehört zu Deutschlands erfolgreichsten Bob-Athletinnen

In Minden: Leonie Fiebig mit ihrem Vater Berni Detering und Opa Wilhelm Detering. Foto: privat © privat

Minden. Opa Wilhelm ist ein ausgezeichneter Trainingspartner. Zumindest jetzt nach der Saison, wenn Leonie Fiebig ihre Regenerationsläufe absolviert und der 90-Jährige mit seinem Elektro-Scooter konstant das Tempo vorgibt. Die Bob-Anschieberin spannt gerne bei ihrem Vater Berni Detering und ihren Großeltern in Minden aus. „Das war nach dieser langen und außergewöhnlichen Saison auch nötig“, sagt die 30-Jährige, die mit drei Weltcup-Siegen und EM-Bronze auf erfolgreiche Wintermonate zurückblickt.

Karneval fiel dieses Jahr perfekt. Die Weltcup-Serie war mit der WM am ersten Februarwochenende beendet. Leonie Fiebig, die in Minden zwar geboren ist, sich aber selbst Herzens-Kölnerin nennt und nicht mehr in der Domstadt an der Weser, sondern in der am Rhein lebt, hätte ohne schlechtes Gewissen feiern können. Aber die Pandemie ließ das nicht zu. Es wäre eine schöne Zugabe gewesen – mehr aber auch nicht. „Ich war sehr dankbar, dass die Weltcupsaison überhaupt stattfinden konnte“, sagt die Modellathletin, „damit hätte ich im Herbst, als die Zahlen hochgingen, nicht gerechnet.“ Sie habe es als sehr großes Privileg empfunden, ihren Sport ausüben zu dürfen. „Das hat mich demütig gemacht“, erzählt sie.

Im Eiskanal von Innsbruck: Leonie Fiebig (links) und Pilotin Mariama Jamanka steuern Mitte Dezember dem dritten Platz entgegen. Foto: GEPA pictures/Simona Donko/imago - © imago images/GEPA pictures
Im Eiskanal von Innsbruck: Leonie Fiebig (links) und Pilotin Mariama Jamanka steuern Mitte Dezember dem dritten Platz entgegen. Foto: GEPA pictures/Simona Donko/imago - © imago images/GEPA pictures

Leonie Fiebig lacht viel und gerne. Die kölsche Mentalität ist inzwischen in jede Faser ihres Körpers übergegangen. Die Rhein-Metropole trägt sie nicht nur in ihrem Herzen, sondern auch ein Stückweit im Koffer auf ihren Weltcup-Reisen. Ihre erste Amtshandlung nach der Ankunft im Hotel: den „Kölschen Schrein“ aufbauen. Stadtflagge auf dem Nachtisch ausbreiten, Kölsch-Glas und Bob, den Biber, der „Viva Colonia“ singen kann, darauf drapieren. Viele Sportler haben Rituale. Das ist ihres. Und das war eines der wenigen Konstanten in der Corona-Saison.

Als im Frühjahr der erste Lockdown erfolgte, begann für Fiebig die Saisonvorbereitung. Sie musste täglich improvisieren, um ihr Trainingspensum durchzuziehen. „Köln nennt sich zwar Sportstadt, wird dem Titel zurzeit aber nicht gerecht“, sagt die frühere Leichtathletin. Obwohl die gebürtige Mindenerin zum Nationalkader des deutschen Bobteams gehört, darf sie auf keiner Tartanbahn trainieren. „In der Sporthochschule kann ich zwar einen Kraftraum nutzen, aber Sprinttraining fand auf dem Rasen oder Asphalt statt. Das war natürlich alles andere als optimal“, erklärt die 1,80 Meter lange Anschieberin.

Deshalb pendelt sie seit einigen Monaten von Köln nach Dortmund, das Olympiastützpunkt des deutschen Bobteams ist. Die Trainingsbedingungen sind dort aktuell besser. Den Aufwand muss Fiebig auch in Kauf nehmen, weil ihr Part als Anschieberin ein Vollzeit-Job ist. Das wird von Zuschauern oft unterschätzt, weil diese offensichtlich nur die Arbeitszeit von etwa fünf Sekunden im Eiskanal wahrnehmen. „Es fängt aber schon mit dem Aufsetzen des ersten Fußes an. Es ist Detailarbeit. Nuancen entscheiden über Sieg oder Niederlage“, sagt die Sportsoldatin. Ihr Perfektionismus ist dabei sowohl ein Vor- als auch Nachteil. „Er ist vor allem ein unglaublicher Zeitfresser“, meint Fiebig. Allerdings ist Perfektionismus auch ein Grund dafür, dass sie die jährliche Qualifikation für den Nationalkader schafft.

Pilotin Stephanie Schneider, mit der Fiebig in der Vorsaison ein Team bildete, scheiterte im September zunächst daran, arbeitete sich aber zurück ins Team. So war Fiebig im ersten Saisonteil eine Art „Springerin“ und bestritt ihre fünf Weltcups plus WM mit drei verschiedenen Pilotinnen. „Normalerweise werden vor der Saison feste Teams gebildet, die aus Pilotin und zwei Anschieberinnen bestehen. Dieses Jahr war eben alles anders“, sagt die 30-Jährige und lacht.

Umso erstaunlicher, dass es ihre bislang erfolgreichste Saison wurde. Gleich zum Auftakt holte Fiebig mit Laura Nolte Gold. Es war überhaupt ihr allererster Weltcupsieg. Feiern konnte sie ihn aber nicht. Die Corona-Auflagen waren sehr streng. „Ich habe mir dann alleine auf dem Hotelzimmer einen Tee aus meinem Kölsch-Glas gegönnt“, erzählt Fiebig. Sie durfte noch nicht einmal mit zur Siegerehrung. Nach zwei weiteren Weltcup-Siegen zusammen mit Schneider bestritten die beiden auch die WM in Altenberg zusammen. Nach Platz fünf im Vorjahr verbesserte sich das Duo Anfang Februar um einen Rang. Nach einem fehlerhaften ersten Lauf und dem zwischenzeitlichen achten Platz steigerten sie sich im Wettkampfverlauf. „Wir haben sicherlich nicht unser Potenzial ausgeschöpft, aber ich sehe es auch als Teil des Prozesses. Die Olympischen Spiele im kommenden Jahr in Peking bleiben das große Ziel“, sagt Fiebig.

Fiebigs Saisonerfolge

Gleich bei ihrem ersten Saisonstart in Sigulda (Lettland) am 28. November holte Leonie Fiebig zusammen mit Pilotin Laura Nolte ihren ersten Weltcupsieg.

Es folgte am 13. Dezember in Innsbruck der dritte Platz mit Pilotin Mariama Jamanka; eine Woche darauf an gleicher Stelle der zweite Weltcupsieg mit Stephanie Schneider.

Bei der EM in Winterberg, die gleichzeitig als Weltcup zählt, holten Jamanka/Fiebig den geteilten dritten Platz mit Katrin Beierl/Jennifer Onasanya aus Österreich.

Den dritten Weltcup-Erfolg feierten Schneider/Fiebig am 19. Januar in St. Moritz. Bei der WM in Altenberg schafften es die beiden Anfang Februar auf Platz vier. (apl)

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