Ein Leben für fünf Sekunden: Mindenerin will im Bob zu den olympischen Spielen Sebastian Külbel Minden. Das Leben von Leonie Fiebig dreht sich um fünf Sekunden. Fünf Sekunden, in denen sie ihre ganze Kraft in die Eisbahn tritt. Fünf Sekunden, in denen sie einen 170 Kilogramm schweren Schlitten so in Fahrt bringen muss, dass er mit höchstem Tempo in die erste Kurve rauscht. Seit 2018 ist die gebürtige Mindenerin professionell als Bob-Anschieberin unterwegs, sie steht vor ihrer dritten Weltcup-Saison. Dabei war der Wintersport nie ihr Ziel. „Das kam für mich überhaupt nicht in Frage“, erinnert sich die 30-Jährige an den ersten Kontakt mit ihrem heutigen Hauptberuf vor acht Jahren. Bei einem Leichtathletik-Wettkampf war sie Trainer Thomas Prange aus Porta Westfalica aufgefallen, der früher selbst als Anschieber im Eiskanal unterwegs war. „Er hat mich gefragt, ob ich Interesse am Bobsport habe“, sagt Fiebig. Sie sagte freundlich ab und dachte nie mehr darüber nach. Überhaupt schob die Modellathletin den Leistungssport irgendwann beiseite. Bis zum 17. Lebensjahr turnte sie ambitioniert, danach wechselte sie zur Leichtathletik, „Sprint und Sprung“. Aber auch die gab sie mit 22 zugunsten des Studiums an der Sporthochschule Köln auf. „Ich bin Perfektionistin und habe beides nicht mehr unter einen Hut bekommen“, erklärt Fiebig. Dem Leistungssport blieb sie durch ihren Studienschwerpunkt trotzdem verbunden. Und der hat sie irgendwann wieder zu diesem kleinen Gedanken geführt, den Thomas Prange ihr einst in den Hinterkopf gesetzt hatte. „Wir hatten 2016 ein Projekt mit Wintersportlern in Berchtesgaden, da waren auch Bobfahrer dabei. Und irgendwann hat es bei mir Klick gemacht. Ich habe Thomas angerufen und gesagt, dass ich jetzt bereit bin.“ Der Coach aus Neesen ließ umgehend seine Kontakte spielen und schickte Leonie Fiebig auf die Bobbahn. „Ich hatte gar keine Sportsachen dabei, stand da in zu großen Schuhen und habe im Licht der Autoscheinwerfer meine ersten Schübe gemacht. Aber es hat mich irgendwie begeistert.“ Bis heute ist der Bobsport eine Hassliebe für die Sprinterin. „Vor meiner ersten Fahrt in Winterberg habe ich mir echt fast in die Hose gemacht, und auch heute ist der Respekt oben jedes Mal sehr groß.“ Auf der anderen Seite stehen die Erfolge. 2017 schaffte sie es auf Anhieb in den Europacup, ein Jahr später schob sie schon im Weltcup. Die vergangene Saison beendete sie mit Pilotin Stephanie Schneider als Gesamtsiegerin. Noch wichtiger: Wenn Fiebig anschob, dominierten die beiden die Startzeiten im Weltcup. Das ist allerdings nicht immer der Fall, denn ein Bobteam besteht bei den Frauen aus einer Pilotin und mindestens zwei Anschieberinnen. Die wechseln sich je nach Leistungs- und Regenerationsstand ab. „Beim Saisonhöhepunkten schiebt die Schnellste“, sagt Fiebig. Das war in der Vorsaison, als die Sprinterinnen im Bob Schneider sogar zu dritt waren, sie. Als bei der WM in Altenberg die Karten auf den Tisch kamen, stand sie am Heck des Schlittens. Der fünfte Platz war am Ende für das Duo eher enttäuschend. Für Fiebig zählen aber auch andere Erfolge. Bei der WM legte sie mit Schneider ebenso die Startbestzeit hin wie in ihren drei Weltcup-Einsätzen. Für die Bahn im französischen La Plagne stellten die beiden sogar einen Startrekord auf. Diese Leistungen beruhen auf einem durchgetakteten Athletenalltag, den Leonie Fiebig hin und wieder auch in Minden verbringt. Hier lebte sie bis zur zweiten Klasse, bevor sie mit der Mutter nach Lohmar bei Köln zog. Hier leben immer noch ihr Vater und ihre Großeltern, erst am vorigen Montag war sie zum 90. Geburtstag des Opas in Minden. Als Familienmensch versucht sie, ein Mal im Monat hier zu sein. „Das sind meine Wurzeln“, sagt die 30-Jährige über die Domstadt an der Weser. Die Heimat liegt aber ganz klar am Rhein. Leonie Fiebig ist „Herzenskölnerin“ trägt in Corona-Zeiten einen Mundschutz mit der Skyline der Stadt und startet im Weltcup nicht ohne ihre kölschen Herz-Söckchen: „Meine Glücksbringer.“ Die kann sie für ihre nächsten Ziele auch gut gebrauchen, denn in diesem Winter wird es langsam ernst: „Mein Ziel war es immer, einen Olympia-Zyklus mitzumachen“, sagt Fiebig. Der aktuelle endet 2022 mit den Winterspielen in Peking. Zurzeit läuft die Qualifikation für die Weltcup-Saison, die erste Hürde hat sie beim Leistungstest erfolgreich gemeistert. Wenn alles glatt läuft, wird Leonie Fiebig im Frühjahr 2021 mit ihrem Coach Thomas Prange für Olympia trainieren – möglicherweise auch in Minden. „Ich habe einfach festgestellt, dass das persönliche Training mit Thomas noch mehr bringt als mit Plänen und Videos über die Entfernung. Man muss einfach alles herausholen, um seine Leistung zu optimieren.“ Schließlich hat sie nur fünf Sekunden. Gefördert seit 2018 Als Leonie Fiebig beschloss, professionell Bob zu fahren, ließ sie ihr Studium ruhen, seit 2018 genießt sie die Spitzensportförderung der Bundeswehr. „Profisport kann man einfach nicht nebenher laufen lassen“, sagt sie. Ihre Masterarbeit will die 30-Jährige aber jetzt abschließen, Thema: „Effektivität von Krafttraining in Schwerelosigkeit“. Bis 2022 plant Fiebig weiter für den Profisport. Ob sie danach weitermacht, ist noch offen. (kül)

Ein Leben für fünf Sekunden: Mindenerin will im Bob zu den olympischen Spielen

Bei der Arbeit: Leonie Fiebig (links) und Stephanie Schneider schieben den Bob in die WM-Bahn. Foto: Imago © imago images/foto2press

Minden. Das Leben von Leonie Fiebig dreht sich um fünf Sekunden. Fünf Sekunden, in denen sie ihre ganze Kraft in die Eisbahn tritt. Fünf Sekunden, in denen sie einen 170 Kilogramm schweren Schlitten so in Fahrt bringen muss, dass er mit höchstem Tempo in die erste Kurve rauscht. Seit 2018 ist die gebürtige Mindenerin professionell als Bob-Anschieberin unterwegs, sie steht vor ihrer dritten Weltcup-Saison. Dabei war der Wintersport nie ihr Ziel.

„Das kam für mich überhaupt nicht in Frage“, erinnert sich die 30-Jährige an den ersten Kontakt mit ihrem heutigen Hauptberuf vor acht Jahren. Bei einem Leichtathletik-Wettkampf war sie Trainer Thomas Prange aus Porta Westfalica aufgefallen, der früher selbst als Anschieber im Eiskanal unterwegs war. „Er hat mich gefragt, ob ich Interesse am Bobsport habe“, sagt Fiebig. Sie sagte freundlich ab und dachte nie mehr darüber nach.

„Hier sind meine Wurzeln“: Leonie Fiebig besucht regelmäßig ihre Familie in Minden. Die Weserpromenade mit Schiffmühle und Fußgängerbrücke kannte sie aber noch nicht: „Echt schön hier.“ - © MT-Foto: Sebastian Külbel
„Hier sind meine Wurzeln“: Leonie Fiebig besucht regelmäßig ihre Familie in Minden. Die Weserpromenade mit Schiffmühle und Fußgängerbrücke kannte sie aber noch nicht: „Echt schön hier.“ - © MT-Foto: Sebastian Külbel

Überhaupt schob die Modellathletin den Leistungssport irgendwann beiseite. Bis zum 17. Lebensjahr turnte sie ambitioniert, danach wechselte sie zur Leichtathletik, „Sprint und Sprung“. Aber auch die gab sie mit 22 zugunsten des Studiums an der Sporthochschule Köln auf. „Ich bin Perfektionistin und habe beides nicht mehr unter einen Hut bekommen“, erklärt Fiebig.

Dem Leistungssport blieb sie durch ihren Studienschwerpunkt trotzdem verbunden. Und der hat sie irgendwann wieder zu diesem kleinen Gedanken geführt, den Thomas Prange ihr einst in den Hinterkopf gesetzt hatte. „Wir hatten 2016 ein Projekt mit Wintersportlern in Berchtesgaden, da waren auch Bobfahrer dabei. Und irgendwann hat es bei mir Klick gemacht. Ich habe Thomas angerufen und gesagt, dass ich jetzt bereit bin.“

Der Coach aus Neesen ließ umgehend seine Kontakte spielen und schickte Leonie Fiebig auf die Bobbahn. „Ich hatte gar keine Sportsachen dabei, stand da in zu großen Schuhen und habe im Licht der Autoscheinwerfer meine ersten Schübe gemacht. Aber es hat mich irgendwie begeistert.“

Bis heute ist der Bobsport eine Hassliebe für die Sprinterin. „Vor meiner ersten Fahrt in Winterberg habe ich mir echt fast in die Hose gemacht, und auch heute ist der Respekt oben jedes Mal sehr groß.“ Auf der anderen Seite stehen die Erfolge. 2017 schaffte sie es auf Anhieb in den Europacup, ein Jahr später schob sie schon im Weltcup. Die vergangene Saison beendete sie mit Pilotin Stephanie Schneider als Gesamtsiegerin. Noch wichtiger: Wenn Fiebig anschob, dominierten die beiden die Startzeiten im Weltcup.

Das ist allerdings nicht immer der Fall, denn ein Bobteam besteht bei den Frauen aus einer Pilotin und mindestens zwei Anschieberinnen. Die wechseln sich je nach Leistungs- und Regenerationsstand ab. „Beim Saisonhöhepunkten schiebt die Schnellste“, sagt Fiebig. Das war in der Vorsaison, als die Sprinterinnen im Bob Schneider sogar zu dritt waren, sie. Als bei der WM in Altenberg die Karten auf den Tisch kamen, stand sie am Heck des Schlittens. Der fünfte Platz war am Ende für das Duo eher enttäuschend. Für Fiebig zählen aber auch andere Erfolge. Bei der WM legte sie mit Schneider ebenso die Startbestzeit hin wie in ihren drei Weltcup-Einsätzen. Für die Bahn im französischen La Plagne stellten die beiden sogar einen Startrekord auf.

Diese Leistungen beruhen auf einem durchgetakteten Athletenalltag, den Leonie Fiebig hin und wieder auch in Minden verbringt. Hier lebte sie bis zur zweiten Klasse, bevor sie mit der Mutter nach Lohmar bei Köln zog. Hier leben immer noch ihr Vater und ihre Großeltern, erst am vorigen Montag war sie zum 90. Geburtstag des Opas in Minden. Als Familienmensch versucht sie, ein Mal im Monat hier zu sein.

„Das sind meine Wurzeln“, sagt die 30-Jährige über die Domstadt an der Weser. Die Heimat liegt aber ganz klar am Rhein. Leonie Fiebig ist „Herzenskölnerin“ trägt in Corona-Zeiten einen Mundschutz mit der Skyline der Stadt und startet im Weltcup nicht ohne ihre kölschen Herz-Söckchen: „Meine Glücksbringer.“

Die kann sie für ihre nächsten Ziele auch gut gebrauchen, denn in diesem Winter wird es langsam ernst: „Mein Ziel war es immer, einen Olympia-Zyklus mitzumachen“, sagt Fiebig. Der aktuelle endet 2022 mit den Winterspielen in Peking. Zurzeit läuft die Qualifikation für die Weltcup-Saison, die erste Hürde hat sie beim Leistungstest erfolgreich gemeistert.

Wenn alles glatt läuft, wird Leonie Fiebig im Frühjahr 2021 mit ihrem Coach Thomas Prange für Olympia trainieren – möglicherweise auch in Minden. „Ich habe einfach festgestellt, dass das persönliche Training mit Thomas noch mehr bringt als mit Plänen und Videos über die Entfernung. Man muss einfach alles herausholen, um seine Leistung zu optimieren.“ Schließlich hat sie nur fünf Sekunden.

Gefördert seit 2018

Als Leonie Fiebig beschloss, professionell Bob zu fahren, ließ sie ihr Studium ruhen, seit 2018 genießt sie die Spitzensportförderung der Bundeswehr. „Profisport kann man einfach nicht nebenher laufen lassen“, sagt sie.

Ihre Masterarbeit will die 30-Jährige aber jetzt abschließen, Thema: „Effektivität von Krafttraining in Schwerelosigkeit“. Bis 2022 plant Fiebig weiter für den Profisport. Ob sie danach weitermacht, ist noch offen. (kül)

Copyright © Mindener Tageblatt 2021
Texte und Fotos von MT.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.
Weiterlesen in Sportmix