Die Verunsicherung der Sportvereine ist groß Marcus Riechmann,Astrid Plaßhenrich Minden. Corona ist zurück und mit dem Virus auch die alten Fragen. Wie vor acht Monaten sind Sportler, Vereine und Eltern in Sorge: Was darf man tun und was nicht, wie schützt man sich und andere? Obgleich man in den vergangenen Monaten eine Menge über das Corona-Virus gelernt hat und zwischenzeitlich das Gefühl entstand, man könne mit der Situation umgehen, treffen die rasant steigenden Zahlen mit ihrer Wucht den Sport scheinbar unvorbereitet. Die Reaktionen auf die Situation sind jedenfalls sehr unterschiedlich. Manche Verbände setzten die Saison vorübergehend aus, andere versuchen es mit flexiblen Lösungen (das MT berichtete gestern). Politik und Verwaltung halten sich mit Vorgaben noch zurück. In dieser diffusen Lage suchen die Vereine nach Orientierung – und fühlen sich allein gelassen. Sie müssen Entscheidungen treffen: Darf man noch Training, insbesondere für Kinder und Jugendliche, anbieten? Wie geht man mit der Zuschauerfrage um? Will man weiter am Spielbetrieb teilnehmen und damit seine Spieler auf andere Sportler treffen lassen? „Die Risiko-Abschätzung übersteigt die Kompetenzen der Vorstände“, sagt Christian Oestreich, der sich als stellvertretender Vorsitzender beim TuS Eintracht Oberlübbe mit den Vorstandskollegen mit all diesen Fragen beschäftigt. Er wünscht sich klare Leitplanken, die zwischen Verbänden und Behörden bereits abgestimmt sind, denn: „Es kann nicht richtig sein, wenn in einer komplexen Lage am Ende die Vereine Entscheidungen treffen. Wir sind doch Laien in diesen Fragen.“ Obendrein sei es auch den Aktiven oder den Zuschauern kaum vermittelbar, dass ein Verein in Oberlübbe andere Regelungen aufstellt als vergleichbar aufgestellte Klubs in Nachbarorten. Im Angesicht der hohen Verantwortung für die Gesundheit seiner Mitglieder sehen manche Klubvorstände ohne helfende Richtlinien nur eine sichere Lösung: Laden abschließen und eine Spiel- und Trainingspause verordnen. Ein Stück weit hat das Eintracht Oberlübbe bereits umgesetzt und vorläufig den Trainings- und Handballspielbetrieb für Kinder und Jugendliche ausgesetzt. Wie lange hängt von den Infektionszahlen und auch von den politischen Vorgaben ab. Die Minden Wolves haben ebenfalls ihren Trainingsbetrieb eingestellt. Das Footballteam, das Anfang 2019 mit großen Ambitionen an den Start ging und in diesem Jahr erstmals am Spielbetrieb teilnehmen wollte, wird durch die Pandemie immer wieder ausgebremst. „Wir werden so lange pausieren, bis die Zahlen wieder verlässlich unter 35 sind“, sagt ihr Sprecher Volker Krusche, „wir trainieren mit bis zu 50 Mann, das übersteigt bei weitem die Mannschaftsstärke im Fuß- oder Handball. Wir gehen mit dieser Maßnahme unserer Fürsorgepflicht gegenüber der Bevölkerung nach.“ Neben der Verunsicherung kommt die Überlastung der Vereine hinzu. Sie stoßen an ihre Grenzen. Der Bünder SV schloss als einer der ersten Klubs in der Region seine Zuschauer von Fußballspielen aus. Die Bünder hätten ihr Hygienekonzept überarbeiten müssen, weil der Inzidenzwert 50 überschreitet. Der ehrenamtliche Aufwand wäre dafür zu groß gewesen. Auch bei RW Maaslingen kann nur aufgrund der vielen freiwilligen Helfer der Spielbetrieb mit Zuschauern aufrecht erhalten werden (siehe unten den Extra-Text). Das alles zeigt: Es fehlen verlässliche Daten über das Gefährdungspotenzial und die Wirksamkeit der bislang umgesetzten Schutzmaßnahmen. Das bedauert auch Helmut Schemmann, Geschäftsführer des Kreissportbundes Minden-Lübbecke. „Mir ist nicht bekannt, dass es Daten über Infektionen im Sport gibt“, sagt Schemmann. Er kann lediglich aus der Erfahrung der vergangenen acht Monate berichten: „Mir ist kein Fall zu Ohren gekommen, bei dem aufgrund des sportlichen Übungs- und Wettkampfbetriebs ein größeres Infektionsgeschehen ausgelöst wurde.“ Hilfreiche Schlüsse können daraus aber nicht gezogen werden, macht der Sport-Experte deutlich. Eine wissenschaftliche Absicherung vermisst auch Prof. Dr. Tim Meyer, Vorsitzender der Medizinischen Kommission des DFB und der Uefa. Der aus Nienburg stammende Sportmediziner vertritt allerdings die These, dass eine Ansteckung mit dem Covid-19-Virus auf dem Fußballplatz sehr unwahrscheinlich ist. Im Interview mit dem Internetportal Fussball.de beruft Meyer sich auf Analysen des Profi-Dachverbandes DFL und eine niederländische Studie. Danach sind die Kontaktzeiten beim Fußball so kurz, dass es auf dem Spielfeld kaum zu Infektionen kommen kann. Auch die Ausübung des Spiels an der frischen Luft spreche für ein geringes Infektionsrisiko auf dem Fußballplatz. Das höchste Risikopotenzial sieht Meyer nicht auf, sondern neben dem Platz: zum Beispiel bei Besprechungen, in Umkleide- oder Duschräumen sowie in der Vereinsgastronomie. Bei Missachtung der Hygienestandards steige das Infektionsrisiko, betont der Mediziner und steht damit auf einer Linie mit dem Handballverband Westfalen, der ausdrücklich vor den Gefahren der „dritten Halbzeit“ warnt. Das hilft den Vereinen an dieser seinen Stelle, doch nicht bei den drängenden Fragen nach Spiel- und Trainingsbetrieb, der ohnehin oft nur mit erhöhtem ehrenamtlichen Aufwand gestemmt werden kann. So bleibt den Klubs in einer diffusen Lage kaum eine Alternative dazu, als auf Sicherheit zu gehen. Wie ein Spieltag bei RW Maaslingen abläuft Als der Sport im Juni langsam aus dem Corona-Lockdown erwachte, mussten Sportvereine Hygienekonzepte umsetzen, um den Trainings- und Spielbetrieb wieder aufzunehmen. Die Verordnungen werden seitdem immer wieder angepasst und erweitert. Beim Fußballklub RW Maaslingen ist für die Hygienemaßnahmen Daniel Gieseking verantwortlich. „Wir folgen penibel den Verordnungen“, sagt er. Um das Konzept umzusetzen, braucht der Verein an einem Spieltag etwa 30 ehrenamtliche Helfer. „Um 9 Uhr morgens beginnt die erste Schicht mit dem Aufbau“, sagt Gieseking. Das Zelt, wo sich die Zuschauer in Listen eintragen, um die Nachverfolgung zu gewährleisten, wird aufgebaut. Das ansonsten von mehreren Seiten betretbare Sportgelände wird abgezäumt, um ein Einbahnstraßensystem mit separatem Ein- und Ausgang zu gewährleisten. Es übernehmen mittags die Kassierer, die Ordner, diejenigen, die sich um die Bewirtung kümmern. Nach dem Abpfiff wird alles wieder zurückgebaut. Feierabend ist oft erst gegen 19.30 Uhr. Ein enormer Aufwand für 90 Minuten Fußball, den viele Vereine nicht leisten können. (apl)

Die Verunsicherung der Sportvereine ist groß

Vereine und Verbände handeln: Der Trainings- und Spielbetrieb wird seit dem Wochenende in vielen Sportarten wieder deutlich zurückgefahren. Foto: Noah Wedel © Noah Wedel

Minden. Corona ist zurück und mit dem Virus auch die alten Fragen. Wie vor acht Monaten sind Sportler, Vereine und Eltern in Sorge: Was darf man tun und was nicht, wie schützt man sich und andere? Obgleich man in den vergangenen Monaten eine Menge über das Corona-Virus gelernt hat und zwischenzeitlich das Gefühl entstand, man könne mit der Situation umgehen, treffen die rasant steigenden Zahlen mit ihrer Wucht den Sport scheinbar unvorbereitet.

Die Reaktionen auf die Situation sind jedenfalls sehr unterschiedlich. Manche Verbände setzten die Saison vorübergehend aus, andere versuchen es mit flexiblen Lösungen (das MT berichtete gestern). Politik und Verwaltung halten sich mit Vorgaben noch zurück.

In dieser diffusen Lage suchen die Vereine nach Orientierung – und fühlen sich allein gelassen. Sie müssen Entscheidungen treffen: Darf man noch Training, insbesondere für Kinder und Jugendliche, anbieten? Wie geht man mit der Zuschauerfrage um? Will man weiter am Spielbetrieb teilnehmen und damit seine Spieler auf andere Sportler treffen lassen?

„Die Risiko-Abschätzung übersteigt die Kompetenzen der Vorstände“, sagt Christian Oestreich, der sich als stellvertretender Vorsitzender beim TuS Eintracht Oberlübbe mit den Vorstandskollegen mit all diesen Fragen beschäftigt. Er wünscht sich klare Leitplanken, die zwischen Verbänden und Behörden bereits abgestimmt sind, denn: „Es kann nicht richtig sein, wenn in einer komplexen Lage am Ende die Vereine Entscheidungen treffen. Wir sind doch Laien in diesen Fragen.“ Obendrein sei es auch den Aktiven oder den Zuschauern kaum vermittelbar, dass ein Verein in Oberlübbe andere Regelungen aufstellt als vergleichbar aufgestellte Klubs in Nachbarorten. Im Angesicht der hohen Verantwortung für die Gesundheit seiner Mitglieder sehen manche Klubvorstände ohne helfende Richtlinien nur eine sichere Lösung: Laden abschließen und eine Spiel- und Trainingspause verordnen. Ein Stück weit hat das Eintracht Oberlübbe bereits umgesetzt und vorläufig den Trainings- und Handballspielbetrieb für Kinder und Jugendliche ausgesetzt. Wie lange hängt von den Infektionszahlen und auch von den politischen Vorgaben ab.

Die Minden Wolves haben ebenfalls ihren Trainingsbetrieb eingestellt. Das Footballteam, das Anfang 2019 mit großen Ambitionen an den Start ging und in diesem Jahr erstmals am Spielbetrieb teilnehmen wollte, wird durch die Pandemie immer wieder ausgebremst. „Wir werden so lange pausieren, bis die Zahlen wieder verlässlich unter 35 sind“, sagt ihr Sprecher Volker Krusche, „wir trainieren mit bis zu 50 Mann, das übersteigt bei weitem die Mannschaftsstärke im Fuß- oder Handball. Wir gehen mit dieser Maßnahme unserer Fürsorgepflicht gegenüber der Bevölkerung nach.“

Neben der Verunsicherung kommt die Überlastung der Vereine hinzu. Sie stoßen an ihre Grenzen. Der Bünder SV schloss als einer der ersten Klubs in der Region seine Zuschauer von Fußballspielen aus. Die Bünder hätten ihr Hygienekonzept überarbeiten müssen, weil der Inzidenzwert 50 überschreitet. Der ehrenamtliche Aufwand wäre dafür zu groß gewesen. Auch bei RW Maaslingen kann nur aufgrund der vielen freiwilligen Helfer der Spielbetrieb mit Zuschauern aufrecht erhalten werden (siehe unten den Extra-Text).

Das alles zeigt: Es fehlen verlässliche Daten über das Gefährdungspotenzial und die Wirksamkeit der bislang umgesetzten Schutzmaßnahmen. Das bedauert auch Helmut Schemmann, Geschäftsführer des Kreissportbundes Minden-Lübbecke. „Mir ist nicht bekannt, dass es Daten über Infektionen im Sport gibt“, sagt Schemmann. Er kann lediglich aus der Erfahrung der vergangenen acht Monate berichten: „Mir ist kein Fall zu Ohren gekommen, bei dem aufgrund des sportlichen Übungs- und Wettkampfbetriebs ein größeres Infektionsgeschehen ausgelöst wurde.“ Hilfreiche Schlüsse können daraus aber nicht gezogen werden, macht der Sport-Experte deutlich.

Eine wissenschaftliche Absicherung vermisst auch Prof. Dr. Tim Meyer, Vorsitzender der Medizinischen Kommission des DFB und der Uefa. Der aus Nienburg stammende Sportmediziner vertritt allerdings die These, dass eine Ansteckung mit dem Covid-19-Virus auf dem Fußballplatz sehr unwahrscheinlich ist. Im Interview mit dem Internetportal Fussball.de beruft Meyer sich auf Analysen des Profi-Dachverbandes DFL und eine niederländische Studie. Danach sind die Kontaktzeiten beim Fußball so kurz, dass es auf dem Spielfeld kaum zu Infektionen kommen kann. Auch die Ausübung des Spiels an der frischen Luft spreche für ein geringes Infektionsrisiko auf dem Fußballplatz.

Das höchste Risikopotenzial sieht Meyer nicht auf, sondern neben dem Platz: zum Beispiel bei Besprechungen, in Umkleide- oder Duschräumen sowie in der Vereinsgastronomie. Bei Missachtung der Hygienestandards steige das Infektionsrisiko, betont der Mediziner und steht damit auf einer Linie mit dem Handballverband Westfalen, der ausdrücklich vor den Gefahren der „dritten Halbzeit“ warnt.

Das hilft den Vereinen an dieser seinen Stelle, doch nicht bei den drängenden Fragen nach Spiel- und Trainingsbetrieb, der ohnehin oft nur mit erhöhtem ehrenamtlichen Aufwand gestemmt werden kann. So bleibt den Klubs in einer diffusen Lage kaum eine Alternative dazu, als auf Sicherheit zu gehen.

Wie ein Spieltag bei RW Maaslingen abläuft

Als der Sport im Juni langsam aus dem Corona-Lockdown erwachte, mussten Sportvereine Hygienekonzepte umsetzen, um den Trainings- und Spielbetrieb wieder aufzunehmen. Die Verordnungen werden seitdem immer wieder angepasst und erweitert. Beim Fußballklub RW Maaslingen ist für die Hygienemaßnahmen Daniel Gieseking verantwortlich. „Wir folgen penibel den Verordnungen“, sagt er. Um das Konzept umzusetzen, braucht der Verein an einem Spieltag etwa 30 ehrenamtliche Helfer. „Um 9 Uhr morgens beginnt die erste Schicht mit dem Aufbau“, sagt Gieseking. Das Zelt, wo sich die Zuschauer in Listen eintragen, um die Nachverfolgung zu gewährleisten, wird aufgebaut. Das ansonsten von mehreren Seiten betretbare Sportgelände wird abgezäumt, um ein Einbahnstraßensystem mit separatem Ein- und Ausgang zu gewährleisten. Es übernehmen mittags die Kassierer, die Ordner, diejenigen, die sich um die Bewirtung kümmern. Nach dem Abpfiff wird alles wieder zurückgebaut. Feierabend ist oft erst gegen 19.30 Uhr. Ein enormer Aufwand für 90 Minuten Fußball, den viele Vereine nicht leisten können. (apl)

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