Die Geschichte des SC Rodenbeck: Mit ambitionierten Zielen gestartet, existiert der Verein nur noch auf dem Papier Astrid Plaßhenrich Minden. Der SC Rodenbeck existiert – noch. Im Moment allerdings nur auf dem Papier. „Wir müssen abwarten, was die nächste Mitgliederversammlung bringt“, sagt Karl-Friedrich Schmidt, der sich im Vorstand um die Finanzen und Verwaltung in dem Verein kümmert. Die Fußballmannschaft hat sich Ende 2021 nach viereinhalb Jahren vom Spielbetrieb abgemeldet. Es war die letzte Sparte, die den 2013 gegründeten Club mit Leben füllte. Die Anfangszeit des SC Rodenbeck ist eng mit dem Kinder- und Jugendtreff Westside verbunden. Mitte Dezember 2013 gründeten 23 Mitglieder den Sportclub. „Wir haben damals Nischensportarten angeboten“, sagt Sandy Kranich, Leiterin des Westsides. Dazu zählten beispielsweise verschiedene Tanzgruppen, Selbstverteidigung für Mädchen, Tricking oder Longboard-Kurse. Eine Fußballsparte für Erwachsene zu implementieren war damals nie der Plan. Um den jungen Verein auf die Schienen zu setzen und ihn ins Rollen zu bringen, engagierten sich die Mitarbeiter des Kinder- und Jugendtreffs mehrere Jahre im Vorstand. „Allerdings überstieg das mit der Zeit die Kapazitäten. Beruf und Ehrenamt vermischten sich zu sehr“, sagt Guido Niemeyer, Quartiersmanager in Rodenbeck, „ständig und nebenher ging irgendwann nicht mehr.“ Die Idee sei es seit der Gründung gewesen, dass Menschen aus dem Stadtteil den Verein und die Strukturen kennenlernen und sich dann in ihm engagieren. Das blieb aus.Darüber hinaus steht in der Satzung, das Ziel sei es, Zusammengehörigkeitsgefühl und Integration zu fördern. Letzteres nahm an Fahrt auf, als 2015 immer mehr Flüchtlinge nach Deutschland und damit auch nach Minden strömten. Das Jugendhaus am Piwittskamp war plötzlich Treffpunkt von Syrern, Kurden, Irakern oder Somaliern, die nach Beschäftigung suchten. Schnell entstand die Idee, mit ihnen auf dem kleinen Rasenplatz neben dem Westside regelmäßig Fußball zu spielen. Niemand dachte zu der Zeit daran, eine Mannschaft für den offiziellen Spielbetrieb zu melden. Aber die jungen Männer waren ehrgeizig, es bildete sich ein fester Kern. Zudem konnte Ahmed Mejri als Trainer gewonnen werden. Der Tunesier sollte bis zur Abmeldung der Mannschaft in diesem Dezember ihr Coach bleiben.Zur Saison 2017/2018 war es dann soweit: Der SC Rodenbeck meldete seine erste Mannschaft in der Kreisliga C. Dafür erhielt das Team Starthilfe von den Flüchtlingspartnern Minden, ein Zusammenschluss von verschiedenen Serviceclubs, den Bildungspartnern, Unternehmen und caritativen Einrichtungen. Sie stellten Trikots und gaben einen finanziellen Zuschuss. Der sportliche Erfolg stellte sich schnell ein: Die Rodenbecker eilten gleich in ihrer ersten Saison von Sieg zu Sieg und stiegen direkt auf. In dieser Zeit schlossen sich sehr viele Spieler dem Verein an. Die Fußballer bildeten schnell die mitgliedsstärkste Abteilung. „Für uns war aber von Anfang an klar, dass das nur ein zeitlich begrenztes Nebenprojekt sein kann“, erklärt Kranich, „unser Konzept ist für Kinder und Jugendliche ausgelegt und nicht für Erwachsene.“ Im Sommer 2019 war es dann soweit: Die Wege des Sportclubs und des Westsides trennten sich.Die Fußballer trainierten zu diesem Zeitpunkt bereits nicht mehr auf dem kleinen Platz in dem Stadtteil, sondern auf dem Rasen am Besselgymnasium, im Hahler Feld und später im Sportpark Zähringerallee – auch weil dort im Gegensatz zum Westside-Platz Kabinen vorhanden sind. Die Verbindungen nach Rodenbeck rissen immer mehr ab, auch weil kaum ein Spieler noch aus dem Quartier kam. Dazu übernahm Hussein Hassan, ein syrischer Arzt aus Herford, den Vorsitz. Gleichzeitig schliefen die anderen Sportangebote ein, übrig blieb das multikulturelle Fußballteam. Das startete jetzt in der Kreisliga B. Ahmed Mejri engagierte sich dabei weit über seine Aufgaben als Trainer hinaus. Er war der Anker des Vereins, arbeitete auch im Vorstand mit, wusch die Trikots und hielt die Mannschaft in der Coronazeit zusammen.Allerdings wuchsen die Probleme: Die Rodenbecker fanden sich seit dem Aufstieg im unteren Tabellendrittel wieder. Nach der jüngsten Halbserie stand der Sportclub mit nur einem Punkt abgeschlagen auf dem letzten Platz. Zudem wechselten Spieler zu anderen Vereinen. Mejri kritisierte zuletzt zwar die Trainingseinstellung und -moral, schloss aber sofort an: „Genügend Spieler hatte ich immer.“Auch die finanzielle Lage spitzte sich zu. „Der Spielbetrieb kann nur mit den Mitgliedsbeiträgen nicht aufrecht gehalten werden. Sponsoren blieben während der Pandemie aber aus“, berichtet Karl-Friedrich Schmidt. Aktuell zählt der Verein 43 Mitglieder von denen 15 jünger als 18 Jahre alt sind. Zu den Ausgaben zählen unter anderem Platzmieten, Verbandsbeiträge oder Gebühren für Spielerpässe und Schiedsrichterkosten. Mejri hat im vergangenen Jahr bereits auf seine Aufwandsentschädigung, die er als Trainer erhält, freiwillig verzichtet. Daneben fühlten sich die Rodenbecker aber auch mehrmals auf dem Platz benachteiligt. Der Spielabbruch beim FC Holtrup und die darauffolgende Strafe für Alhaj Osman brachten das Fass zum Überlaufen, wie Mejri berichtet. Sein Kapitän soll Schiedsrichter Olaf Biere als Nazi beschimpft haben. Der Unparteiische beendete daraufhin in der 30. Minute die Partie. Das Sportgericht Minden unter Vorsitz von Alexandros Papassimos sperrte Osman für acht Spiele. „Alhaj hat den Schiedsrichter nicht beleidigt“, beteuert Mejri und führt aus: „Wenn meine Spieler undiszipliniert sind, greife ich durch. Aber in dem Fall ist nichts passiert.“ Der Trainer berichtet, dass er Einspruch gegen das Urteil eingelegt und versucht habe, Papassimos telefonisch zu erreichen. „Mindestens 50-mal“, sagt Mejri, „aber ich habe ihn nie erreicht.“ Der Mindener Rechtsanwalt streitet das ab: „Wir haben sehr wohl miteinander gesprochen. Es ist völlig in Ordnung, dass Ahmed mit der Sperre nicht einverstanden ist. Aber ich habe nach der Faktenlage geurteilt und kann es nicht zurücknehmen.“ Papassimos habe Mejri erklärt, dass ein Einspruch fristgerecht bei der Bezirksspruchkammer eingereicht werden müsse: „Entweder wird mein Urteil dann bestätigt oder aufgehoben. Bei letzterem werde ich in Kenntnis gesetzt, aber ich habe nichts gehört.“ Nach Bekanntwerden des Urteils entschied ein Großteil der Mannschaft, nicht mehr weiterzuspielen, sagt Mejri. Der hofft trotzdem, dass der Sportclub im Sommer neu durchstartet. Aktuell sieht es danach aber nicht aus: Das Projekt „SC Rodenbeck“ scheint gescheitert.

Die Geschichte des SC Rodenbeck: Mit ambitionierten Zielen gestartet, existiert der Verein nur noch auf dem Papier

Der größte sportliche Erfolg: Das mulitkulturelle Fußballteam des SC Rodenbeck steigt 2018 nach nur einer Saison im Spielbetrieb in die Kreisliga B auf. © Sebastian Külbel

Minden. Der SC Rodenbeck existiert – noch. Im Moment allerdings nur auf dem Papier. „Wir müssen abwarten, was die nächste Mitgliederversammlung bringt“, sagt Karl-Friedrich Schmidt, der sich im Vorstand um die Finanzen und Verwaltung in dem Verein kümmert. Die Fußballmannschaft hat sich Ende 2021 nach viereinhalb Jahren vom Spielbetrieb abgemeldet. Es war die letzte Sparte, die den 2013 gegründeten Club mit Leben füllte.

Die Anfangszeit des SC Rodenbeck ist eng mit dem Kinder- und Jugendtreff Westside verbunden. Mitte Dezember 2013 gründeten 23 Mitglieder den Sportclub. „Wir haben damals Nischensportarten angeboten“, sagt Sandy Kranich, Leiterin des Westsides. Dazu zählten beispielsweise verschiedene Tanzgruppen, Selbstverteidigung für Mädchen, Tricking oder Longboard-Kurse. Eine Fußballsparte für Erwachsene zu implementieren war damals nie der Plan.

Ahmed Mejri ist seit Gründung der Fußballmannschaft ihr Trainer und engagiert sich gleichzeitig auch im Vorstand. - © Sebastian Külbel
Ahmed Mejri ist seit Gründung der Fußballmannschaft ihr Trainer und engagiert sich gleichzeitig auch im Vorstand. - © Sebastian Külbel

Um den jungen Verein auf die Schienen zu setzen und ihn ins Rollen zu bringen, engagierten sich die Mitarbeiter des Kinder- und Jugendtreffs mehrere Jahre im Vorstand. „Allerdings überstieg das mit der Zeit die Kapazitäten. Beruf und Ehrenamt vermischten sich zu sehr“, sagt Guido Niemeyer, Quartiersmanager in Rodenbeck, „ständig und nebenher ging irgendwann nicht mehr.“ Die Idee sei es seit der Gründung gewesen, dass Menschen aus dem Stadtteil den Verein und die Strukturen kennenlernen und sich dann in ihm engagieren. Das blieb aus.

Darüber hinaus steht in der Satzung, das Ziel sei es, Zusammengehörigkeitsgefühl und Integration zu fördern. Letzteres nahm an Fahrt auf, als 2015 immer mehr Flüchtlinge nach Deutschland und damit auch nach Minden strömten. Das Jugendhaus am Piwittskamp war plötzlich Treffpunkt von Syrern, Kurden, Irakern oder Somaliern, die nach Beschäftigung suchten. Schnell entstand die Idee, mit ihnen auf dem kleinen Rasenplatz neben dem Westside regelmäßig Fußball zu spielen. Niemand dachte zu der Zeit daran, eine Mannschaft für den offiziellen Spielbetrieb zu melden. Aber die jungen Männer waren ehrgeizig, es bildete sich ein fester Kern. Zudem konnte Ahmed Mejri als Trainer gewonnen werden. Der Tunesier sollte bis zur Abmeldung der Mannschaft in diesem Dezember ihr Coach bleiben.

Zur Saison 2017/2018 war es dann soweit: Der SC Rodenbeck meldete seine erste Mannschaft in der Kreisliga C. Dafür erhielt das Team Starthilfe von den Flüchtlingspartnern Minden, ein Zusammenschluss von verschiedenen Serviceclubs, den Bildungspartnern, Unternehmen und caritativen Einrichtungen. Sie stellten Trikots und gaben einen finanziellen Zuschuss. Der sportliche Erfolg stellte sich schnell ein: Die Rodenbecker eilten gleich in ihrer ersten Saison von Sieg zu Sieg und stiegen direkt auf.

In dieser Zeit schlossen sich sehr viele Spieler dem Verein an. Die Fußballer bildeten schnell die mitgliedsstärkste Abteilung. „Für uns war aber von Anfang an klar, dass das nur ein zeitlich begrenztes Nebenprojekt sein kann“, erklärt Kranich, „unser Konzept ist für Kinder und Jugendliche ausgelegt und nicht für Erwachsene.“ Im Sommer 2019 war es dann soweit: Die Wege des Sportclubs und des Westsides trennten sich.

Die Fußballer trainierten zu diesem Zeitpunkt bereits nicht mehr auf dem kleinen Platz in dem Stadtteil, sondern auf dem Rasen am Besselgymnasium, im Hahler Feld und später im Sportpark Zähringerallee – auch weil dort im Gegensatz zum Westside-Platz Kabinen vorhanden sind. Die Verbindungen nach Rodenbeck rissen immer mehr ab, auch weil kaum ein Spieler noch aus dem Quartier kam. Dazu übernahm Hussein Hassan, ein syrischer Arzt aus Herford, den Vorsitz. Gleichzeitig schliefen die anderen Sportangebote ein, übrig blieb das multikulturelle Fußballteam.

Das startete jetzt in der Kreisliga B. Ahmed Mejri engagierte sich dabei weit über seine Aufgaben als Trainer hinaus. Er war der Anker des Vereins, arbeitete auch im Vorstand mit, wusch die Trikots und hielt die Mannschaft in der Coronazeit zusammen.

Allerdings wuchsen die Probleme: Die Rodenbecker fanden sich seit dem Aufstieg im unteren Tabellendrittel wieder. Nach der jüngsten Halbserie stand der Sportclub mit nur einem Punkt abgeschlagen auf dem letzten Platz. Zudem wechselten Spieler zu anderen Vereinen. Mejri kritisierte zuletzt zwar die Trainingseinstellung und -moral, schloss aber sofort an: „Genügend Spieler hatte ich immer.“

Auch die finanzielle Lage spitzte sich zu. „Der Spielbetrieb kann nur mit den Mitgliedsbeiträgen nicht aufrecht gehalten werden. Sponsoren blieben während der Pandemie aber aus“, berichtet Karl-Friedrich Schmidt. Aktuell zählt der Verein 43 Mitglieder von denen 15 jünger als 18 Jahre alt sind. Zu den Ausgaben zählen unter anderem Platzmieten, Verbandsbeiträge oder Gebühren für Spielerpässe und Schiedsrichterkosten. Mejri hat im vergangenen Jahr bereits auf seine Aufwandsentschädigung, die er als Trainer erhält, freiwillig verzichtet.

Daneben fühlten sich die Rodenbecker aber auch mehrmals auf dem Platz benachteiligt. Der Spielabbruch beim FC Holtrup und die darauffolgende Strafe für Alhaj Osman brachten das Fass zum Überlaufen, wie Mejri berichtet. Sein Kapitän soll Schiedsrichter Olaf Biere als Nazi beschimpft haben. Der Unparteiische beendete daraufhin in der 30. Minute die Partie. Das Sportgericht Minden unter Vorsitz von Alexandros Papassimos sperrte Osman für acht Spiele. „Alhaj hat den Schiedsrichter nicht beleidigt“, beteuert Mejri und führt aus: „Wenn meine Spieler undiszipliniert sind, greife ich durch. Aber in dem Fall ist nichts passiert.“

Der Trainer berichtet, dass er Einspruch gegen das Urteil eingelegt und versucht habe, Papassimos telefonisch zu erreichen. „Mindestens 50-mal“, sagt Mejri, „aber ich habe ihn nie erreicht.“ Der Mindener Rechtsanwalt streitet das ab: „Wir haben sehr wohl miteinander gesprochen. Es ist völlig in Ordnung, dass Ahmed mit der Sperre nicht einverstanden ist. Aber ich habe nach der Faktenlage geurteilt und kann es nicht zurücknehmen.“ Papassimos habe Mejri erklärt, dass ein Einspruch fristgerecht bei der Bezirksspruchkammer eingereicht werden müsse: „Entweder wird mein Urteil dann bestätigt oder aufgehoben. Bei letzterem werde ich in Kenntnis gesetzt, aber ich habe nichts gehört.“

Nach Bekanntwerden des Urteils entschied ein Großteil der Mannschaft, nicht mehr weiterzuspielen, sagt Mejri. Der hofft trotzdem, dass der Sportclub im Sommer neu durchstartet. Aktuell sieht es danach aber nicht aus: Das Projekt „SC Rodenbeck“ scheint gescheitert.

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