Die Einsamkeit der Läufer: Wie Vereine die Motivation der Sportler hochhalten Astrid Plaßhenrich Minden. Wenigstens etwas: Joggen ist auch in Corona-Zeiten erlaubt. Alleine oder auch zu zweit – dann heißt es aber trotzdem: Abstand halten. Handballer, Fußballer, Volleyballer oder auch Schwimmer durchpflügen seit Wochen die Wälder. Die Strecken sind hoch frequentiert. Das ist auffällig. Für diejenigen, für die das Laufen allerdings eine Passion ist und die sich gezielt auf Marathon, Halbmarathon, Mühlenkreisserie oder Volksläufe vorbereiten, fällt seit Mitte März das Training in der Gruppe aus. Und das hat einen größeren Stellenwert als viele vermuten, wie Reiner Göring vom Lauftreff Petershagen bestätigt: „Laufen ist Kopfsache. Der innere Schweinehund ist ein stetiger Begleiter. In einer Trainingsgruppe lässt sich der besser vertreiben.“ Die Frühjahrs-Klassiker fallen aus. Dazu zählen in OWL der Paderborner Osterlauf oder der 31,1 Kilometer lange Hermannslauf durch den Teutoburger Wald. Auch der Berliner Halbmarathon oder der Hamburg-Marathon kapitulieren vor dem Virus. „Die Absagen sind natürlich für alle ein Dämpfer gewesen. Glücklicherweise ist es in Deutschland möglich, an jedem Wochenende irgendwo bei einer Veranstaltung zu starten, wenn denn der Normalbetrieb wieder läuft“, sagt Helmut Engel, der das Erwachsenentraining für Mittel- und Langstreckenläufer beim SV 1860 Minden leitet. Der Petershäger Reiner Göring hatte sich wie auch 25 Hiller Mohrläufer mit drei Einheiten pro Woche auf den 33,333 Kilometer langen Syltlauf vorbereitet. Der sollte dieses Jahr am 15. März ausgetragen werden und war einer der ersten Läufe, die abgesagt wurden. „Da war die Enttäuschung natürlich riesig“, sagt Andreas Backhaus von den Mohrläufern. Seit Weihnachten trainierten auch die Hiller mit drei Einheiten pro Woche auf den Insellauf hin, am Wochenende stand dann immer ein langer Lauf von 20 bis 30 Kilometer an. „Einige sind trotzdem nach Sylt gefahren und privat gelaufen. Das war zu der Zeit ja noch möglich“, erklärt Backhaus. Doch jetzt setzen die Hiller mindestens bis Mitte Mai mit dem Gruppentraining aus. Backhaus sieht wie Göring einen Nachteil darin: „Ein Trainingsfortschritt ist mit der Gruppe schneller und gezielter zu erreichen. Der Ansporn ist auch ein ganz anderer.“ Die Absagen führen dazu, dass auch ambitionierte Athleten ihre Trainingsläufe aktuell recht perspektiv- und ziellos absolvieren. Um dem vorzubeugen, lässt Hartmut Engel seiner Gruppe jeden Mittwoch einen Trainingsplan per Whats-app zukommen. „Normalerweise treffen wir uns dann immer im Weserstadion zum Training“, sagt der 1860-Trainer. Doch jetzt sind die Athleten auf sich allein gestellt, müssen die Übungen wie das Lauf-ABC, das der Verletzungsvorbeugung und der Verbesserung des Laufstils sowie der Kräftigung dient, sowie Intervall- und Tempoläufe individuell abspulen. Engel weiß, wie schwer es fällt, sich immer wieder selbst zu motivieren: „In der Gruppe pushen wir uns gegenseitig. Man strengt sich zusammen an, bekommt sofort Lob und Bestätigung und geht über den gewissen Punkt hinaus. Es macht deutlich mehr Spaß, als alleine zu trainieren.“ Immerhin hilft auch im Laufsport die Digitalisierung, die verordnete Isolation zu überwinden. Über Apps können die Athleten gegenseitig ihren Trainingsfortschritt verfolgen, die Strecken gegenseitig einsehen, Ziele festlegen und sich auch per Knopfdruck antreiben. Dann ertönt bei dem anderen beispielsweise eine Fanfare oder Anfeuerungsrufe. Das ist sicherlich kein Ersatz für das Gruppentraining, hilft aber, die Zeit des Kontaktverbots zu überbrücken. Reiner Göring will seinen Lauftreff auch für virtuelle Läufe begeistern. GID-Projects, ein Dienstleister für Zeitmessung bei Laufveranstaltungen, hat die kostenlose Online-Plattform „Lauf-weiter“ gegründet. Vereine, deren Veranstaltungen in den kommenden Wochen ausfallen, können dort ihre Wettkämpfe anmelden. Die Athleten können dann ihre Wunschdistanz auswählen. Anschließend laufen sie gegeneinander, aber nicht miteinander. Mit einem virtuellen Startschuss beginnen die Wettkämpfe, so dass alle zeitgleich loslaufen – direkt vor der eigenen Haustür. Jeder Athlet stoppt seine persönliche Zeit und kann sie dann per Upload-Link auf der Homepage hochladen. Die Wertungen der einzelnen Strecken sind abends online einsehbar. „Die Teilnehmerzahlen sind schon jetzt extrem gestiegen“, sagt Göring. Dass jeder seine ehrliche Zeit übermittelt, ist ein Gebot der Fairness. Ehrensache. www.lauf-weiter.de

Die Einsamkeit der Läufer: Wie Vereine die Motivation der Sportler hochhalten

Allein auf der Strecke: Läuferinnen und Läufer müssen sich aktuell selbst motivieren, um ihr Training zu absolvieren. MT- © Foto: Astrid Plaßhenrich

Minden. Wenigstens etwas: Joggen ist auch in Corona-Zeiten erlaubt. Alleine oder auch zu zweit – dann heißt es aber trotzdem: Abstand halten. Handballer, Fußballer, Volleyballer oder auch Schwimmer durchpflügen seit Wochen die Wälder. Die Strecken sind hoch frequentiert. Das ist auffällig. Für diejenigen, für die das Laufen allerdings eine Passion ist und die sich gezielt auf Marathon, Halbmarathon, Mühlenkreisserie oder Volksläufe vorbereiten, fällt seit Mitte März das Training in der Gruppe aus. Und das hat einen größeren Stellenwert als viele vermuten, wie Reiner Göring vom Lauftreff Petershagen bestätigt: „Laufen ist Kopfsache. Der innere Schweinehund ist ein stetiger Begleiter. In einer Trainingsgruppe lässt sich der besser vertreiben.“

Die Frühjahrs-Klassiker fallen aus. Dazu zählen in OWL der Paderborner Osterlauf oder der 31,1 Kilometer lange Hermannslauf durch den Teutoburger Wald. Auch der Berliner Halbmarathon oder der Hamburg-Marathon kapitulieren vor dem Virus. „Die Absagen sind natürlich für alle ein Dämpfer gewesen. Glücklicherweise ist es in Deutschland möglich, an jedem Wochenende irgendwo bei einer Veranstaltung zu starten, wenn denn der Normalbetrieb wieder läuft“, sagt Helmut Engel, der das Erwachsenentraining für Mittel- und Langstreckenläufer beim SV 1860 Minden leitet.

Der Petershäger Reiner Göring hatte sich wie auch 25 Hiller Mohrläufer mit drei Einheiten pro Woche auf den 33,333 Kilometer langen Syltlauf vorbereitet. Der sollte dieses Jahr am 15. März ausgetragen werden und war einer der ersten Läufe, die abgesagt wurden. „Da war die Enttäuschung natürlich riesig“, sagt Andreas Backhaus von den Mohrläufern. Seit Weihnachten trainierten auch die Hiller mit drei Einheiten pro Woche auf den Insellauf hin, am Wochenende stand dann immer ein langer Lauf von 20 bis 30 Kilometer an. „Einige sind trotzdem nach Sylt gefahren und privat gelaufen. Das war zu der Zeit ja noch möglich“, erklärt Backhaus. Doch jetzt setzen die Hiller mindestens bis Mitte Mai mit dem Gruppentraining aus. Backhaus sieht wie Göring einen Nachteil darin: „Ein Trainingsfortschritt ist mit der Gruppe schneller und gezielter zu erreichen. Der Ansporn ist auch ein ganz anderer.“ Die Absagen führen dazu, dass auch ambitionierte Athleten ihre Trainingsläufe aktuell recht perspektiv- und ziellos absolvieren.

Um dem vorzubeugen, lässt Hartmut Engel seiner Gruppe jeden Mittwoch einen Trainingsplan per Whats-app zukommen. „Normalerweise treffen wir uns dann immer im Weserstadion zum Training“, sagt der 1860-Trainer. Doch jetzt sind die Athleten auf sich allein gestellt, müssen die Übungen wie das Lauf-ABC, das der Verletzungsvorbeugung und der Verbesserung des Laufstils sowie der Kräftigung dient, sowie Intervall- und Tempoläufe individuell abspulen. Engel weiß, wie schwer es fällt, sich immer wieder selbst zu motivieren: „In der Gruppe pushen wir uns gegenseitig. Man strengt sich zusammen an, bekommt sofort Lob und Bestätigung und geht über den gewissen Punkt hinaus. Es macht deutlich mehr Spaß, als alleine zu trainieren.“

Immerhin hilft auch im Laufsport die Digitalisierung, die verordnete Isolation zu überwinden. Über Apps können die Athleten gegenseitig ihren Trainingsfortschritt verfolgen, die Strecken gegenseitig einsehen, Ziele festlegen und sich auch per Knopfdruck antreiben. Dann ertönt bei dem anderen beispielsweise eine Fanfare oder Anfeuerungsrufe. Das ist sicherlich kein Ersatz für das Gruppentraining, hilft aber, die Zeit des Kontaktverbots zu überbrücken.

Reiner Göring will seinen Lauftreff auch für virtuelle Läufe begeistern. GID-Projects, ein Dienstleister für Zeitmessung bei Laufveranstaltungen, hat die kostenlose Online-Plattform „Lauf-weiter“ gegründet. Vereine, deren Veranstaltungen in den kommenden Wochen ausfallen, können dort ihre Wettkämpfe anmelden. Die Athleten können dann ihre Wunschdistanz auswählen. Anschließend laufen sie gegeneinander, aber nicht miteinander. Mit einem virtuellen Startschuss beginnen die Wettkämpfe, so dass alle zeitgleich loslaufen – direkt vor der eigenen Haustür. Jeder Athlet stoppt seine persönliche Zeit und kann sie dann per Upload-Link auf der Homepage hochladen. Die Wertungen der einzelnen Strecken sind abends online einsehbar. „Die Teilnehmerzahlen sind schon jetzt extrem gestiegen“, sagt Göring. Dass jeder seine ehrliche Zeit übermittelt, ist ein Gebot der Fairness. Ehrensache.

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