Der Doc macht den Laden dicht: Nach 40 Jahren schließt die Sportlersprechstunde von Heinz Schumacher Marcus Riechmann Minden. An den ersten Sportler in seinem Behandlungszimmer kann sich Dr. Heinz Schumacher nicht mehr erinnern, an den letzten schon: „Das war ein Beratungsgespräch über die Weiterbehandlung nach einer Kreuzband-Operation“, sagt der Arzt, den alle nur „Doc Schumacher“ nennen. Zum Jahreswechsel erlebte nach 40 Jahren eine Mindener Institution ein stilles Ende: Die Sportlersprechstunde gibt es nicht mehr. Zwischen dem ersten und dem letzten Patienten liegen unzählige Behandlungstermine, Verletzungen und Sorgen. Wie viele Sportler er betreut hat? Schumacher zieht die Stirn in Falten und hebt die Hände in die Höhe. „Keine Ahnung, tausende wahrscheinlich“, vermutet er. 20 oder auch mal 30 Athleten waren es manchmal, die montags und donnerstags in den Nachmittagsstunden das Wartezimmer an der Hahler Straße bevölkerten und dort, die Krücken an die Wand gelehnt, über ihre jeweiligen Verletzungen, vor allem aber über das aktuelle Sportgeschehen plauderten. „Manchmal saßen sie sogar auf der Treppe“, erinnert sich der 72-jährige Mediziner an besonders folgenreiche Wochenenden.Vier Jahrzehnte lang war Schumacher einer der ersten Ansprechpartner für die Athleten, wenn Muskeln, Knochen oder Sehnen schmerzten. Er nahm sich ihrer an. Schumacher hörte zu, diagnostizierte, beriet die Behandlung und veranlasste die weiteren Untersuchungen. Wichtiges Instrument war der Telefonhörer, mit dem er meist im Beisein seines Patienten Termine zur radiologischen Begutachtung vermittelte. „Ein guter Kontakt zu den Sprechstundenhilfen ist von großem Wert“, sagt er und lächelt vielsagend.Bereits bevor sich der in Gestringen geborene Schumacher im Alter von damals 32 Jahren im Oktober 1981 als Allgemeinmediziner in Minden niederließ, hatte er die Idee zur Sportlersprechstunde ersonnen. „Das sollte eine Art Schaltzentrale sein“, erläutert er. Mit der Zulassung als Sportmediziner führte er die besondere Behandlungszeit im Januar 1982 ein. „Am Anfang waren es nur ein paar Patienten, aber das hat sich dann rumgesprochen“, beschreibt Schumacher. Bald füllte sich das Wartezimmer, schnell wurde er bekannt. Hilfreich waren seine Tätigkeiten als Mannschaftsarzt. Bei Eintracht Oberlübbe, dem TSV Hahlen, den Bundesliga-Frauen von Eintracht Minden oder den Profis des TuS N-Lübbecke war Schumacher im Einsatz. Er betreute unter anderem die Handballerinnen der HSG Stemmer/Friedewalde, die Fußballer von RW Maaslingen und noch heute die Männer des Handball-Drittligisten Lit 1912. „Da hat sich manches verändert“, hat Schumacher über die Jahrzehnte festgestellt: „Die Sportler heute haben ein ganz anderes Verhältnis zu ihrem Körper als früher.“ Ebenso eng wie mit den Athleten war der Kontakt mit den Trainern. Von Dieter Löffelmann bis Daniel Gerling – alle hatten einen kurzen Draht zum Mannschaftsarzt.„Diese Tätigkeit hat einen besonderen Reiz. Man ist ein Teil eines Teams und mehr als nur Arzt“, berichtet er und erinnert beispielhaft an die Reisen im Europapokal mit dem damaligen TuS Nettelstedt: „Da war man mittendrin.“ Der große zeitliche Aufwand hat ihn nie gestört. „Das hat mir eigentlich immer Spaß gemacht“, sagt er. Nur manchmal nicht: „Wenn man einem Patienten mitteilen muss, dass er seinen Sport so nicht weiter ausüben kann, braucht man Fingerspitzengefühl. Aber das kam zum Glück nicht oft vor“, erinnert sich Schumacher.Die Arbeit mit Sportlern hat einen in vielerlei Hinsicht belebenden Kontrapunkt zur üblichen Tätigkeit als Hausarzt gesetzt. „Ich habe immer viel mit jungen Menschen zu tun gehabt. Das hält dann auch den Mediziner fit“, hebt Schumacher hervor. So gehört das „Du“ für ihn dazu. „Das ist im Sport einfach so“, sagt Schumacher, der keine Sporthalle besuchen kann, ohne hier und da einen Schnack zu halten. Er, der lediglich in seiner Schulzeit Handball gespielt hat, gehört fest zur heimischen Handballfamilie dazu. Nun nimmt er Abschied. Der einst bei ihm angestellte Dr. Michael Woite hat längst die Praxis übernommen, in Pamela Rohde wurde eine allgemeinmedizinische Nachfolgerin gefunden. „Jetzt war einfach der Zeitpunkt gekommen, den Platz ganz zu räumen“, erzählt Schumacher. Die Pandemie hat ihm den Abschied erleichtert. „Als in der Corona-Zeit kein Sport stattfand, war die Zahl der Sportverletzungen deutlich reduziert.“ Und das Wartezimmer zur Sportlersprechstunde bisweilen ungewohnt leer. In den Phasen der gelockerten Beschränkungen, als der Sport wieder losging, habe sich das aber schlagartig geändert: „Man hat gemerkt, dass die alle lange nichts gemacht hatten.“Ganz in Rente geht der ebenso rüstige wie unternehmungslustige Senior nicht. „Ich mache weiter bei der Impfkampagne mit“, sagt er, „das dauert ja leider noch eine Weile.“ Außerdem führt er die Aufgabe als sportmedizinische Untersuchungsstelle des Landessportbundes und die Untersuchungen der Kader-Athleten fort. Auch den Nordhemmeraner Handballern bleibt er als Teamarzt erhalten. „Ganz ohne geht es noch nicht“, meint er lächelnd. Doch andere Dinge stehen nun stärker im Vordergrund: „Ich habe eine große Familie mit sechs Enkelkindern. Da werde ich mich einbringen“, kündigt der Großvater an. Dreimal pro Woche will er es ins Fitnessstudio schaffen. „Ich bemühe mich jedenfalls“, kennt er seinen inneren Schweinehund. Und mit seiner Frau Petra will er nach nunmehr 42 Ehejahren Rad fahren und Ski laufen. „Außerdem werde ich auch weiter in die Hallen gehen und mir Handballspiele anschauen. Wenn man das so lange gemacht hat, lässt einen das nicht mehr los.“

Der Doc macht den Laden dicht: Nach 40 Jahren schließt die Sportlersprechstunde von Heinz Schumacher

Per Du mit der heimischen Sportszene. „Das hat mir eigentlich immer Spaß gemacht“, sagt Dr. Heinz Schumacher über seine 40-jährige Arbeit mit den Athleten. MT-Foto: © Marcus Riechmann

Minden. An den ersten Sportler in seinem Behandlungszimmer kann sich Dr. Heinz Schumacher nicht mehr erinnern, an den letzten schon: „Das war ein Beratungsgespräch über die Weiterbehandlung nach einer Kreuzband-Operation“, sagt der Arzt, den alle nur „Doc Schumacher“ nennen. Zum Jahreswechsel erlebte nach 40 Jahren eine Mindener Institution ein stilles Ende: Die Sportlersprechstunde gibt es nicht mehr.

Zwischen dem ersten und dem letzten Patienten liegen unzählige Behandlungstermine, Verletzungen und Sorgen. Wie viele Sportler er betreut hat? Schumacher zieht die Stirn in Falten und hebt die Hände in die Höhe. „Keine Ahnung, tausende wahrscheinlich“, vermutet er. 20 oder auch mal 30 Athleten waren es manchmal, die montags und donnerstags in den Nachmittagsstunden das Wartezimmer an der Hahler Straße bevölkerten und dort, die Krücken an die Wand gelehnt, über ihre jeweiligen Verletzungen, vor allem aber über das aktuelle Sportgeschehen plauderten. „Manchmal saßen sie sogar auf der Treppe“, erinnert sich der 72-jährige Mediziner an besonders folgenreiche Wochenenden.

Vier Jahrzehnte lang war Schumacher einer der ersten Ansprechpartner für die Athleten, wenn Muskeln, Knochen oder Sehnen schmerzten. Er nahm sich ihrer an. Schumacher hörte zu, diagnostizierte, beriet die Behandlung und veranlasste die weiteren Untersuchungen. Wichtiges Instrument war der Telefonhörer, mit dem er meist im Beisein seines Patienten Termine zur radiologischen Begutachtung vermittelte. „Ein guter Kontakt zu den Sprechstundenhilfen ist von großem Wert“, sagt er und lächelt vielsagend.

Bereits bevor sich der in Gestringen geborene Schumacher im Alter von damals 32 Jahren im Oktober 1981 als Allgemeinmediziner in Minden niederließ, hatte er die Idee zur Sportlersprechstunde ersonnen. „Das sollte eine Art Schaltzentrale sein“, erläutert er. Mit der Zulassung als Sportmediziner führte er die besondere Behandlungszeit im Januar 1982 ein. „Am Anfang waren es nur ein paar Patienten, aber das hat sich dann rumgesprochen“, beschreibt Schumacher. Bald füllte sich das Wartezimmer, schnell wurde er bekannt. Hilfreich waren seine Tätigkeiten als Mannschaftsarzt. Bei Eintracht Oberlübbe, dem TSV Hahlen, den Bundesliga-Frauen von Eintracht Minden oder den Profis des TuS N-Lübbecke war Schumacher im Einsatz. Er betreute unter anderem die Handballerinnen der HSG Stemmer/Friedewalde, die Fußballer von RW Maaslingen und noch heute die Männer des Handball-Drittligisten Lit 1912. „Da hat sich manches verändert“, hat Schumacher über die Jahrzehnte festgestellt: „Die Sportler heute haben ein ganz anderes Verhältnis zu ihrem Körper als früher.“ Ebenso eng wie mit den Athleten war der Kontakt mit den Trainern. Von Dieter Löffelmann bis Daniel Gerling – alle hatten einen kurzen Draht zum Mannschaftsarzt.

„Diese Tätigkeit hat einen besonderen Reiz. Man ist ein Teil eines Teams und mehr als nur Arzt“, berichtet er und erinnert beispielhaft an die Reisen im Europapokal mit dem damaligen TuS Nettelstedt: „Da war man mittendrin.“ Der große zeitliche Aufwand hat ihn nie gestört. „Das hat mir eigentlich immer Spaß gemacht“, sagt er. Nur manchmal nicht: „Wenn man einem Patienten mitteilen muss, dass er seinen Sport so nicht weiter ausüben kann, braucht man Fingerspitzengefühl. Aber das kam zum Glück nicht oft vor“, erinnert sich Schumacher.

Die Arbeit mit Sportlern hat einen in vielerlei Hinsicht belebenden Kontrapunkt zur üblichen Tätigkeit als Hausarzt gesetzt. „Ich habe immer viel mit jungen Menschen zu tun gehabt. Das hält dann auch den Mediziner fit“, hebt Schumacher hervor. So gehört das „Du“ für ihn dazu. „Das ist im Sport einfach so“, sagt Schumacher, der keine Sporthalle besuchen kann, ohne hier und da einen Schnack zu halten. Er, der lediglich in seiner Schulzeit Handball gespielt hat, gehört fest zur heimischen Handballfamilie dazu.

Nun nimmt er Abschied. Der einst bei ihm angestellte Dr. Michael Woite hat längst die Praxis übernommen, in Pamela Rohde wurde eine allgemeinmedizinische Nachfolgerin gefunden. „Jetzt war einfach der Zeitpunkt gekommen, den Platz ganz zu räumen“, erzählt Schumacher. Die Pandemie hat ihm den Abschied erleichtert. „Als in der Corona-Zeit kein Sport stattfand, war die Zahl der Sportverletzungen deutlich reduziert.“ Und das Wartezimmer zur Sportlersprechstunde bisweilen ungewohnt leer. In den Phasen der gelockerten Beschränkungen, als der Sport wieder losging, habe sich das aber schlagartig geändert: „Man hat gemerkt, dass die alle lange nichts gemacht hatten.“

Ganz in Rente geht der ebenso rüstige wie unternehmungslustige Senior nicht. „Ich mache weiter bei der Impfkampagne mit“, sagt er, „das dauert ja leider noch eine Weile.“ Außerdem führt er die Aufgabe als sportmedizinische Untersuchungsstelle des Landessportbundes und die Untersuchungen der Kader-Athleten fort. Auch den Nordhemmeraner Handballern bleibt er als Teamarzt erhalten. „Ganz ohne geht es noch nicht“, meint er lächelnd. Doch andere Dinge stehen nun stärker im Vordergrund: „Ich habe eine große Familie mit sechs Enkelkindern. Da werde ich mich einbringen“, kündigt der Großvater an. Dreimal pro Woche will er es ins Fitnessstudio schaffen. „Ich bemühe mich jedenfalls“, kennt er seinen inneren Schweinehund. Und mit seiner Frau Petra will er nach nunmehr 42 Ehejahren Rad fahren und Ski laufen. „Außerdem werde ich auch weiter in die Hallen gehen und mir Handballspiele anschauen. Wenn man das so lange gemacht hat, lässt einen das nicht mehr los.“

Copyright © Mindener Tageblatt 2022
Texte und Fotos von MT.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.
Weiterlesen in Sportmix