„Das ist nur schwer nachzuvollziehen" - Bob-Anschieberin Leonie Fiebig reist nur als Ersatzfrau zu Olympia Astrid Plaßhenrich Minden. Der Traum ist aus – und ihr Herz gebrochen. Leonie Fiebig hat vier Jahre lang alles dafür gegeben, um bei den Olympischen Spielen in Peking im Zweierbob den Eiskanal hinabzustürzen. „Ich bin in der Form meines Lebens, so schnell wie noch nie und bewege Gewichte im Kraftraum, die ich noch nie bewegt habe“, sagt die gebürtige Mindenerin. Trotzdem hat sich Bundestrainer René Spies gegen die 31-Jährige entschieden. Zwei Hundertstelsekunden waren dafür ausschlaggebend. „Ich respektiere und akzeptiere die Entscheidung – nachvollziehen kann ich sie zu 100 Prozent aber aber nicht“, sagt die Anschieberin. Leonie Fiebig befindet sich zurzeit mit der deutschen Bob-Nationalmannschaft in der Vorbereitung für den Weltcup in Winterberg. Dort wird die Wahl-Kölnerin zusammen mit Pilotin Kim Kalicki am Sonntag starten. Es ist ein Ort, an dem kein Platz für Schwäche ist. Das weiß die studierte Sportwissenschaftlerin ganz genau. Sie ist Profi und verhält sich trotz der Enttäuschung auch so: „Ich werde weiterhin alles dafür tun, damit wir als deutsche Mannschaft erfolgreich sind. Ich muss funktionieren.“ Fiebig wird als Ersatz-Anschieberin mit nach Peking reisen – es brauchte Tage, bis sie die Rolle für sich interpretieren konnte. Im zweiten Glied zu stehen, entspricht nicht ihrem Anspruch.Die Entscheidung fiel einen Tag vor Heiligabend. Der Bundestrainer hatte zum letzten Anschubtest nach Oberhof geladen. Laura Nolte und Deborah Levi waren zu diesem Zeitpunkt bereits als Team für die Spiele gesetzt. Es ging darum, die Anschieberinnen für die beiden weiteren Schlitten zu finden, die Mariama Jamanka und Kim Kalicki steuern werden. Der Test ist ein Sprint, den Alexandra Burghardt gewann. Es folgten Lisa Buckwitz, Kira Lipperheide und Leonie Fiebig. Das Trio trennte zwei Hundertstel – ein Wimpernschlag, der Fiebigs Traum platzen ließ. René Spies nominierte die beiden Erstplatzierten. Kira Lipperheide fliegt wie Fiebig als Ersatzfrau mit nach China. „Ein unspezifischer Einzeltest war entscheidend“, hadert die gebürtige Mindenerin, „das ist nicht eins zu eins auf Wettkampfbedingungen übertragbar.“ Sie sieht ihre Stärke nicht in den Anschubtests, in denen jede Athletin für sich alleine kämpft, sondern in der Teamarbeit im Kanal und auf der Startrampe.Bis dahin hatte Fiebig starke Argumente für die Olympianominierung geliefert. Als Anschieberin sorgt sie seit drei Jahren kontinuierlich für schnelle Startzeiten im Weltcup, harmonierte mit verschiedenen Pilotinnen und brachte bei jedem Saisonhöhepunkt ihre Leistung. Die Form stimmte, und sie stimmt auch in diesem Winter. Am 21. November gewann die 1,80 Meter lange Athletin mit Laura Nolte den Weltcup-Auftakt in Innsbruck. Eine Woche später holte Fiebig mit Kim Kalicki an gleicher Stelle Silber. Dabei war ihre Startzeit im zweiten Lauf mit 5,51 Sekunden genauso schnell wie die der Siegerinnen Nolte/Levi. Der dritte Wettkampf in Winterberg endete mit Kalicki zwar auf Platz drei, aber das Duo erzielte in den beiden Läufen nur die zehnt- und elftbeste Startzeit. „Das war für mich ungewohnt. Es war das einzig schwächere Ergebnis, seitdem ich im Weltcup fahre“, erzählt Fiebig. Erkenntnisse blieben bei der Fehleranalyse aus. Eine Erklärung könnte sein, dass die 31-Jährige mit einer kleinen Fußverletzung an den Start gegangen und Kalicki von der Impfung noch angeschlagen war. Ihre bisherigen Erfolge erscheinen Fiebig momentan aber wertlos. Denn das Training, die harte Arbeit, die Disziplin und die Entbehrungen in den vergangenen Jahren waren einzig auf die Olympischen Spiele ausgerichtet. Jeden Baustein, den sie auf den Weg nach Peking selbst bewegen konnte, hat sie exakt ausgerichtet und verlegt. „Ich habe nicht nur meine Athletik auf ein neues Level gehoben und in den Wettkämpfen performt, sondern auch in schwierigen Situationen bewiesen, dass ich mental stark bin“, sagt Fiebig. Sie hat Verletzungsprophylaxe betrieben, ihr Immunsystem gestärkt, den Schlaf, das Essen und die Regeneration optimiert. „Ich kann mir nichts vorwerfen. Ich habe alle Asse gespielt, um zu jeden Zeitpunkt 100-prozentig leistungsfähig zu sein.“ Die Historie von Lisa Buckwitz liest sich anders. Zwar hatte die 27-Jährige mit Mariama Jamanka 2018 überraschend den Olympiasieg in Pyeongchang gefeiert, schulte danach aber zur Pilotin um und startete zuletzt im Europacup. Als Anschieberin griff Buckwitz erst am 19. Dezember in den Weltcup in Altenberg ein – drei Jahre und 301 Tage nach ihrem letzten Wettkampf als Anschieberin, wie sie selbst auf Instagram schrieb. Sie gewann mit Kalicki auf Anhieb. Dieser Sieg und der Anschubtest in Oberhof reichten Buckwitz für die Nominierung aus. „Es ist eine strategische Entscheidung, die lange mit ihr geplant war“, hatte René Spies vor den Rennen in Altenberg zur Nachrichtenagentur dpa gesagt. Alexandra Burghardt startete bereits im vergangenen Jahr bei den Olympischen Spielen – allerdings im Sommer in Tokio über die Sprintdistanzen. Die 27-Jährige ist Deutschlands schnellste Frau und läuft die 100 Meter in elf Sekunden. Bis vor diesem Winter hatte sie mit dem Bobsport keine Berührungspunkte und gab erst in Innsbruck am 28. November ihr Debüt. Dort, wo Kalicki/Fiebig Silber holten, belegte Burghardt Platz vier mit Jamanka. In zwei weiteren Weltcups in Winterberg und Altenberg sprangen zwei zweite Plätze heraus. Die sechsfache deutsche Sprint-Meisterin, die betont, dass ihre Leichtathletik-Karriere Priorität hat, geht also mit der Erfahrung aus drei Weltcups in Peking an den Start. Dort erwartet die Athletinnen ein Eiskanal der Superlative. Für 2,5 Milliarden Dollar bauten die Chinesen im Xiaohaituo-Gebirge eine knapp 1,9 Kilometer lange Bobbahn mit 16 Kurven. Im Gegensatz zu Buckwitz und Burghardt kennt Leonie Fiebig bereits den hypermodernen Kurs mit seinen offenen Kurven und den 127 Metern Höhenunterschied. Im Oktober fand in dem Eiskanal die Olympiaqualifikation der Pilotinnen statt. Die 31-Jährige trat damals mit Stephanie Schneider an. Seitdem weiß Fiebig, wie sie reagieren muss, wenn die Pilotin den Sprint zu früh abbricht oder wie sich der Schlitten verhält, wenn die Startphase zu lang gewählt wird. „Das waren unglaublich wichtige Wettkämpfe – und wir haben mit der besten Startzeit überzeugt. Aber anscheinend war es nicht überzeugend genug“, sagt Fiebig.Nach der endgültigen Entscheidung fiel die Sportwissenschaftlerin in ein mentales Loch. „Es fühlt sich an wie Liebeskummer“, sagt sie: „Natürlich bin ich getroffen. Ich habe so viele Hürden genommen.“ Leonie Fiebig versucht die vergangenen Monate und Jahre objektiv zu reflektieren: „Aber auch dann kann ich nur schwer nachvollziehen, warum sich gegen mich entschieden wurde. Wer sucht, findet sicherlich ein Argument gegen mich. Aber das steht in keinem Verhältnis zu denen, die für mich sprechen.“Für die 31-Jährige bleibt nun die Ersatzrolle, und sie gibt sich kämpferisch: „Ich habe meine Messlatte jetzt noch höher gelegt. Aufgeben ist keine Option.“ Zwei Liedzeilen von Rio Reiser beschreiben ihre momentane Gefühlslage wohl treffend: „Der Traum ist aus. Aber ich werde alles geben, dass er Wirklichkeit wird.“

„Das ist nur schwer nachzuvollziehen" - Bob-Anschieberin Leonie Fiebig reist nur als Ersatzfrau zu Olympia

Leonie Fiebig (links) und Kim Kalicki beim Start in Innsbruck. Das Duo belegte Ende November Platz zwei hinter Laura Nolte und Deborah Levy. © imago images/GEPA pictures

Minden. Der Traum ist aus – und ihr Herz gebrochen. Leonie Fiebig hat vier Jahre lang alles dafür gegeben, um bei den Olympischen Spielen in Peking im Zweierbob den Eiskanal hinabzustürzen. „Ich bin in der Form meines Lebens, so schnell wie noch nie und bewege Gewichte im Kraftraum, die ich noch nie bewegt habe“, sagt die gebürtige Mindenerin. Trotzdem hat sich Bundestrainer René Spies gegen die 31-Jährige entschieden. Zwei Hundertstelsekunden waren dafür ausschlaggebend. „Ich respektiere und akzeptiere die Entscheidung – nachvollziehen kann ich sie zu 100 Prozent aber aber nicht“, sagt die Anschieberin.

Leonie Fiebig befindet sich zurzeit mit der deutschen Bob-Nationalmannschaft in der Vorbereitung für den Weltcup in Winterberg. Dort wird die Wahl-Kölnerin zusammen mit Pilotin Kim Kalicki am Sonntag starten. Es ist ein Ort, an dem kein Platz für Schwäche ist. Das weiß die studierte Sportwissenschaftlerin ganz genau. Sie ist Profi und verhält sich trotz der Enttäuschung auch so: „Ich werde weiterhin alles dafür tun, damit wir als deutsche Mannschaft erfolgreich sind. Ich muss funktionieren.“ Fiebig wird als Ersatz-Anschieberin mit nach Peking reisen – es brauchte Tage, bis sie die Rolle für sich interpretieren konnte. Im zweiten Glied zu stehen, entspricht nicht ihrem Anspruch.

Die Entscheidung fiel einen Tag vor Heiligabend. Der Bundestrainer hatte zum letzten Anschubtest nach Oberhof geladen. Laura Nolte und Deborah Levi waren zu diesem Zeitpunkt bereits als Team für die Spiele gesetzt. Es ging darum, die Anschieberinnen für die beiden weiteren Schlitten zu finden, die Mariama Jamanka und Kim Kalicki steuern werden. Der Test ist ein Sprint, den Alexandra Burghardt gewann. Es folgten Lisa Buckwitz, Kira Lipperheide und Leonie Fiebig. Das Trio trennte zwei Hundertstel – ein Wimpernschlag, der Fiebigs Traum platzen ließ. René Spies nominierte die beiden Erstplatzierten. Kira Lipperheide fliegt wie Fiebig als Ersatzfrau mit nach China. „Ein unspezifischer Einzeltest war entscheidend“, hadert die gebürtige Mindenerin, „das ist nicht eins zu eins auf Wettkampfbedingungen übertragbar.“ Sie sieht ihre Stärke nicht in den Anschubtests, in denen jede Athletin für sich alleine kämpft, sondern in der Teamarbeit im Kanal und auf der Startrampe.

Bis dahin hatte Fiebig starke Argumente für die Olympianominierung geliefert. Als Anschieberin sorgt sie seit drei Jahren kontinuierlich für schnelle Startzeiten im Weltcup, harmonierte mit verschiedenen Pilotinnen und brachte bei jedem Saisonhöhepunkt ihre Leistung. Die Form stimmte, und sie stimmt auch in diesem Winter. Am 21. November gewann die 1,80 Meter lange Athletin mit Laura Nolte den Weltcup-Auftakt in Innsbruck. Eine Woche später holte Fiebig mit Kim Kalicki an gleicher Stelle Silber. Dabei war ihre Startzeit im zweiten Lauf mit 5,51 Sekunden genauso schnell wie die der Siegerinnen Nolte/Levi. Der dritte Wettkampf in Winterberg endete mit Kalicki zwar auf Platz drei, aber das Duo erzielte in den beiden Läufen nur die zehnt- und elftbeste Startzeit. „Das war für mich ungewohnt. Es war das einzig schwächere Ergebnis, seitdem ich im Weltcup fahre“, erzählt Fiebig. Erkenntnisse blieben bei der Fehleranalyse aus. Eine Erklärung könnte sein, dass die 31-Jährige mit einer kleinen Fußverletzung an den Start gegangen und Kalicki von der Impfung noch angeschlagen war.

Da war die Welt noch in Ordnung: Beim Weltcup-Start in Innsbruck sicherten sich Anschieberin Leonie Fiebig (rechts) und Pilotin Laura Nolte den Sieg. - © imago images/Eibner Europa
Da war die Welt noch in Ordnung: Beim Weltcup-Start in Innsbruck sicherten sich Anschieberin Leonie Fiebig (rechts) und Pilotin Laura Nolte den Sieg. - © imago images/Eibner Europa

Ihre bisherigen Erfolge erscheinen Fiebig momentan aber wertlos. Denn das Training, die harte Arbeit, die Disziplin und die Entbehrungen in den vergangenen Jahren waren einzig auf die Olympischen Spiele ausgerichtet. Jeden Baustein, den sie auf den Weg nach Peking selbst bewegen konnte, hat sie exakt ausgerichtet und verlegt. „Ich habe nicht nur meine Athletik auf ein neues Level gehoben und in den Wettkämpfen performt, sondern auch in schwierigen Situationen bewiesen, dass ich mental stark bin“, sagt Fiebig. Sie hat Verletzungsprophylaxe betrieben, ihr Immunsystem gestärkt, den Schlaf, das Essen und die Regeneration optimiert. „Ich kann mir nichts vorwerfen. Ich habe alle Asse gespielt, um zu jeden Zeitpunkt 100-prozentig leistungsfähig zu sein.“

Die Historie von Lisa Buckwitz liest sich anders. Zwar hatte die 27-Jährige mit Mariama Jamanka 2018 überraschend den Olympiasieg in Pyeongchang gefeiert, schulte danach aber zur Pilotin um und startete zuletzt im Europacup. Als Anschieberin griff Buckwitz erst am 19. Dezember in den Weltcup in Altenberg ein – drei Jahre und 301 Tage nach ihrem letzten Wettkampf als Anschieberin, wie sie selbst auf Instagram schrieb. Sie gewann mit Kalicki auf Anhieb. Dieser Sieg und der Anschubtest in Oberhof reichten Buckwitz für die Nominierung aus. „Es ist eine strategische Entscheidung, die lange mit ihr geplant war“, hatte René Spies vor den Rennen in Altenberg zur Nachrichtenagentur dpa gesagt.

Alexandra Burghardt startete bereits im vergangenen Jahr bei den Olympischen Spielen – allerdings im Sommer in Tokio über die Sprintdistanzen. Die 27-Jährige ist Deutschlands schnellste Frau und läuft die 100 Meter in elf Sekunden. Bis vor diesem Winter hatte sie mit dem Bobsport keine Berührungspunkte und gab erst in Innsbruck am 28. November ihr Debüt. Dort, wo Kalicki/Fiebig Silber holten, belegte Burghardt Platz vier mit Jamanka. In zwei weiteren Weltcups in Winterberg und Altenberg sprangen zwei zweite Plätze heraus. Die sechsfache deutsche Sprint-Meisterin, die betont, dass ihre Leichtathletik-Karriere Priorität hat, geht also mit der Erfahrung aus drei Weltcups in Peking an den Start.

Dort erwartet die Athletinnen ein Eiskanal der Superlative. Für 2,5 Milliarden Dollar bauten die Chinesen im Xiaohaituo-Gebirge eine knapp 1,9 Kilometer lange Bobbahn mit 16 Kurven. Im Gegensatz zu Buckwitz und Burghardt kennt Leonie Fiebig bereits den hypermodernen Kurs mit seinen offenen Kurven und den 127 Metern Höhenunterschied. Im Oktober fand in dem Eiskanal die Olympiaqualifikation der Pilotinnen statt. Die 31-Jährige trat damals mit Stephanie Schneider an. Seitdem weiß Fiebig, wie sie reagieren muss, wenn die Pilotin den Sprint zu früh abbricht oder wie sich der Schlitten verhält, wenn die Startphase zu lang gewählt wird. „Das waren unglaublich wichtige Wettkämpfe – und wir haben mit der besten Startzeit überzeugt. Aber anscheinend war es nicht überzeugend genug“, sagt Fiebig.

Nach der endgültigen Entscheidung fiel die Sportwissenschaftlerin in ein mentales Loch. „Es fühlt sich an wie Liebeskummer“, sagt sie: „Natürlich bin ich getroffen. Ich habe so viele Hürden genommen.“ Leonie Fiebig versucht die vergangenen Monate und Jahre objektiv zu reflektieren: „Aber auch dann kann ich nur schwer nachvollziehen, warum sich gegen mich entschieden wurde. Wer sucht, findet sicherlich ein Argument gegen mich. Aber das steht in keinem Verhältnis zu denen, die für mich sprechen.“

Für die 31-Jährige bleibt nun die Ersatzrolle, und sie gibt sich kämpferisch: „Ich habe meine Messlatte jetzt noch höher gelegt. Aufgeben ist keine Option.“ Zwei Liedzeilen von Rio Reiser beschreiben ihre momentane Gefühlslage wohl treffend: „Der Traum ist aus. Aber ich werde alles geben, dass er Wirklichkeit wird.“

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