Zweibettzimmer und erhebliche Hygienedefizite: Deutscher Handball-Bund gesteht Fehler ein Minden. Die Debatte rund um die Corona-Krise im deutschen Handball kocht auf hoher Flamme. Genau gesagt: auf zwei Flammen. Denn in der Kritik stehen einerseits der Deutsche Handballbund DHB wegen der folgenreichen Länderspielwoche und andererseits der Bundesliga-Dachverband HBL, der den Spielplan der Liga trotz der Infektionslage auch gegen den Widerstand einzelner Klub-Vertreter durchziehen will. Vier Nationalspieler hatten sich nach dem DHB-Lehrgang mit den EM-Qualifikationsspielen gegen Bosnien-Herzegowina und Estland mit dem Corona-Virus infiziert. Mit den Erkrankungen von Johannes Bitter, Marian Michalczik, Juri Knorr und Finn Lemke hat sich das Risiko der Länderspiele genauso verwirklicht, wie es befürchtet worden war. „Wir wussten, dass das Probleme bereiten kann. Jetzt haben wir den Salat“, kommentierte GWD Mindens Sportgeschäftsführer Frank von Behren das Infektionsgeschehen, das im Fall von GWD Minden zu Spielabsagen und einer 14-tägigen Quarantäne für das gesamte Team geführt haben. Die Erkrankungen der Nationalspieler strahlen auf die gesamte Bundesliga ab: Bereits acht Begegnungen wurden verlegt, der Spielplan gerät ins Wanken, Trainer und Manager sind ebenso verunsichert wie verärgert. Der Verband äußerte am Donnerstag, man habe bisher keine Erklärung dafür, wo sich die Nationalspieler infiziert haben könnten. „Wir haben das DHB-Hygienekonzept für Nationalmannschaften nach bestem Wissen und Gewissen sorgfältig umgesetzt“, sagte Sportvorstand Axel Kromer in einer DHB-Pressemitteilung. „Die nun vorliegenden positiven Ergebnisse der PCR-Tests stehen unserem Anspruch, höchste Sicherheit zu gewährleisten, leider entgegen.“ Der Verband wolle nun eine tiefgreifende Analyse durchführen, „um für die Zukunft besser aufgestellt zu sein und die Sicherheit weiter zu erhöhen“. Allzu tief wird man nicht forschen müssen, denn der Umgang mit den eigenen strengen Hygieneregeln entsprach stellenweise nicht den Vorschriften. Vor allem aber wirft ein Beitrag in der ZDF-Nachrichtensendung „Heute“ die Frage auf, ob es der DHB bei der Umsetzung der Hygienestandards so genau genommen hat, wie er vorgibt. Im Beitrag des ZDF-Journalisten Lars Ruthemann, der zwei Tage vor dem Heimspiel gegen Bosnien-Herzegowina ausgestrahlt wurde (abgelegt in der ZDF-Mediathek) , ist zu sehen, wie der langjährige Mannschaftsarzt Dr. Kurt Steuer dem Nationalspieler Uwe Gensheimer im Hotel eine Speichelprobe entnimmt. Der Arzt trägt dabei lediglich einen Mundschutz. Vorgeschrieben sind bei der Durchführung dieser Tests aber neben dem Mund-Nase-Schutz auch Schutzkleidung, Handschuhe und ein Gesichtsvisier. Bei den Bundesligisten übernehmen häufig die Physiotherapeuten die Entnahmen der Proben, bei GWD Minden haben beispielsweise Britta Wagner und Philipp Rösler entsprechende Schulungen erhalten. Dass sich nun ausrechnet der DHB nicht an die strengen Schutzvorschriften hält, lässt Zweifel aufkommen, ob man beim Verband wirklich das Hygienekonzept mit Sorgfalt und nach „bestem Wissen und Gewissen“ (Kromer) gehandelt oder die Situation doch unterschätzt hat. Das betrifft auch andere Bereiche: War die Hotel-Belegung mit Zwei-Bett-Zimmern sinnvoll? Wurde die Maskenpflicht konsequent durchgesetzt? Auch die Hin- und Rückreise der Nationalspieler in Fahrgemeinschaften ist eine Problemzone, die der DHB in seinem Hygienekonzept gar nicht behandelt: Wenn gleich mehrere Handballer über Stunden gemeinsam im einem Auto sitzen, werden die Hygieneregeln über den Haufen geworfen – erst recht im November mit geschlossenen Fenstern und Heizungsbetrieb. Ob die Spieler im Auto konstant den Mund-Nasenschutz tragen – laut MT-Informationen war das nicht immer der Fall – spielt dabei fast keine Rolle mehr. Der DHB gab sich gestern auf MT-Anfrage selbstkritisch. „Dem Anspruch, höchste Sicherheit zu gewährleisten, stehen die inzwischen bekannten Corona-Befunde entgegen. Wir haben deshalb bereits mit einer umfassenden Analyse begonnen“, heißt es in der schriftlichen Stellungnahme. Dabei räumt der Verband zwei Fehler ein: Zum Bild der PCR-Testung im ZDF-Beitrag heißt es: „Dieses Bild ist am Anreisetag entstanden. Der Ablauf der Tests ist an den Folgetagen angepasst worden.“ Die Antwort deckt sich mit den Informationen, die auch dem MT vorliegen. Auch die Übernachtungen würde man beim Verband künftig anders arrangieren: „Im Nachhinein müssen wir feststellen, dass sich zum Beispiel Zweibettzimmer für die Spieler als riskant erwiesen haben“, schreibt der DHB weiter. Darüber hinaus betont der Handballbund die umfangreichen Testungen und weitere Vorsichtsmaßnahmen. Zu den anderen Fragen, so zur Anreise der Nationalspieler in Fahrgemeinschaften oder der Durchsetzung des Masken-Gebots bleibt der Verband Antworten schuldig. Das betrifft auch die knifflige Situation, wenn bei einer Auslandsreise ein Spieler positiv auf das Corona-Virus getestet wird? Ob der Sportler am Spielort in 14-tägige Quarantäne gesetzt wird oder ob es einen Plan für die Rückreise gibt, lässt der Verband offen. Die Erkrankungen nach der Länderspielwoche befeuern auch die Diskussion um die Sinnhaftigkeit der Weltmeisterschaft, die im Januar mit 32 Mannschaften in Ägypten ausgetragen werden soll. „Natürlich ist die WM für den Handball von großer Bedeutung. Aber wenn die Gesundheit an erste Stelle steht, muss man sie nicht stattfinden lassen. Die Bundesliga ist das Brot- und Buttergeschäft für uns alle. Das sollte man nicht gefährden“, fasste GWD Mindens Sportgeschäftsführer Frank von Behren die Sorgen seiner Manager-Kollegen der Liga zusammen.

Zweibettzimmer und erhebliche Hygienedefizite: Deutscher Handball-Bund gesteht Fehler ein

Die entscheidende Szene aus dem ZDF-Beitrag über die deutsche Nationalmannschaft in den Heute-Nachrichten vom 3. November: DHB-Teamarzt Dr. Kurt Steuer entnimmt Uwe Gensheimer eine Speichelprobe. Dabei trägt der Mediziner lediglich eine Maske. Schutzbekleidung, Gesichtsvisier und Handschuhe sind nicht zu sehen. Screenshot: MT © Screenshot Marcus Riechmann

Minden. Die Debatte rund um die Corona-Krise im deutschen Handball kocht auf hoher Flamme. Genau gesagt: auf zwei Flammen. Denn in der Kritik stehen einerseits der Deutsche Handballbund DHB wegen der folgenreichen Länderspielwoche und andererseits der Bundesliga-Dachverband HBL, der den Spielplan der Liga trotz der Infektionslage auch gegen den Widerstand einzelner Klub-Vertreter durchziehen will.

Vier Nationalspieler hatten sich nach dem DHB-Lehrgang mit den EM-Qualifikationsspielen gegen Bosnien-Herzegowina und Estland mit dem Corona-Virus infiziert. Mit den Erkrankungen von Johannes Bitter, Marian Michalczik, Juri Knorr und Finn Lemke hat sich das Risiko der Länderspiele genauso verwirklicht, wie es befürchtet worden war. „Wir wussten, dass das Probleme bereiten kann. Jetzt haben wir den Salat“, kommentierte GWD Mindens Sportgeschäftsführer Frank von Behren das Infektionsgeschehen, das im Fall von GWD Minden zu Spielabsagen und einer 14-tägigen Quarantäne für das gesamte Team geführt haben. Die Erkrankungen der Nationalspieler strahlen auf die gesamte Bundesliga ab: Bereits acht Begegnungen wurden verlegt, der Spielplan gerät ins Wanken, Trainer und Manager sind ebenso verunsichert wie verärgert.

So wie hier beim Handball-Bundeslisten GWD Minden soll es eigentlich aussehen: Physiotherapeutin Britta Wagner entnimmt Spieler Simon Strakeljahn eine Speichelprobe und trägt dabei die vorgeschriebene Schutzkleidung. MT-Archivfoto: Sebastian Külbel - © Sebastian Külbel
So wie hier beim Handball-Bundeslisten GWD Minden soll es eigentlich aussehen: Physiotherapeutin Britta Wagner entnimmt Spieler Simon Strakeljahn eine Speichelprobe und trägt dabei die vorgeschriebene Schutzkleidung. MT-Archivfoto: Sebastian Külbel - © Sebastian Külbel

Der Verband äußerte am Donnerstag, man habe bisher keine Erklärung dafür, wo sich die Nationalspieler infiziert haben könnten. „Wir haben das DHB-Hygienekonzept für Nationalmannschaften nach bestem Wissen und Gewissen sorgfältig umgesetzt“, sagte Sportvorstand Axel Kromer in einer DHB-Pressemitteilung. „Die nun vorliegenden positiven Ergebnisse der PCR-Tests stehen unserem Anspruch, höchste Sicherheit zu gewährleisten, leider entgegen.“ Der Verband wolle nun eine tiefgreifende Analyse durchführen, „um für die Zukunft besser aufgestellt zu sein und die Sicherheit weiter zu erhöhen“.

Allzu tief wird man nicht forschen müssen, denn der Umgang mit den eigenen strengen Hygieneregeln entsprach stellenweise nicht den Vorschriften.

Vor allem aber wirft ein Beitrag in der ZDF-Nachrichtensendung „Heute“ die Frage auf, ob es der DHB bei der Umsetzung der Hygienestandards so genau genommen hat, wie er vorgibt. Im Beitrag des ZDF-Journalisten Lars Ruthemann, der zwei Tage vor dem Heimspiel gegen Bosnien-Herzegowina ausgestrahlt wurde (abgelegt in der ZDF-Mediathek) , ist zu sehen, wie der langjährige Mannschaftsarzt Dr. Kurt Steuer dem Nationalspieler Uwe Gensheimer im Hotel eine Speichelprobe entnimmt. Der Arzt trägt dabei lediglich einen Mundschutz.

Vorgeschrieben sind bei der Durchführung dieser Tests aber neben dem Mund-Nase-Schutz auch Schutzkleidung, Handschuhe und ein Gesichtsvisier. Bei den Bundesligisten übernehmen häufig die Physiotherapeuten die Entnahmen der Proben, bei GWD Minden haben beispielsweise Britta Wagner und Philipp Rösler entsprechende Schulungen erhalten. Dass sich nun ausrechnet der DHB nicht an die strengen Schutzvorschriften hält, lässt Zweifel aufkommen, ob man beim Verband wirklich das Hygienekonzept mit Sorgfalt und nach „bestem Wissen und Gewissen“ (Kromer) gehandelt oder die Situation doch unterschätzt hat.

Das betrifft auch andere Bereiche: War die Hotel-Belegung mit Zwei-Bett-Zimmern sinnvoll? Wurde die Maskenpflicht konsequent durchgesetzt? Auch die Hin- und Rückreise der Nationalspieler in Fahrgemeinschaften ist eine Problemzone, die der DHB in seinem Hygienekonzept gar nicht behandelt: Wenn gleich mehrere Handballer über Stunden gemeinsam im einem Auto sitzen, werden die Hygieneregeln über den Haufen geworfen – erst recht im November mit geschlossenen Fenstern und Heizungsbetrieb. Ob die Spieler im Auto konstant den Mund-Nasenschutz tragen – laut MT-Informationen war das nicht immer der Fall – spielt dabei fast keine Rolle mehr.

Der DHB gab sich gestern auf MT-Anfrage selbstkritisch. „Dem Anspruch, höchste Sicherheit zu gewährleisten, stehen die inzwischen bekannten Corona-Befunde entgegen. Wir haben deshalb bereits mit einer umfassenden Analyse begonnen“, heißt es in der schriftlichen Stellungnahme. Dabei räumt der Verband zwei Fehler ein: Zum Bild der PCR-Testung im ZDF-Beitrag heißt es: „Dieses Bild ist am Anreisetag entstanden. Der Ablauf der Tests ist an den Folgetagen angepasst worden.“ Die Antwort deckt sich mit den Informationen, die auch dem MT vorliegen.

Auch die Übernachtungen würde man beim Verband künftig anders arrangieren: „Im Nachhinein müssen wir feststellen, dass sich zum Beispiel Zweibettzimmer für die Spieler als riskant erwiesen haben“, schreibt der DHB weiter. Darüber hinaus betont der Handballbund die umfangreichen Testungen und weitere Vorsichtsmaßnahmen. Zu den anderen Fragen, so zur Anreise der Nationalspieler in Fahrgemeinschaften oder der Durchsetzung des Masken-Gebots bleibt der Verband Antworten schuldig.

Das betrifft auch die knifflige Situation, wenn bei einer Auslandsreise ein Spieler positiv auf das Corona-Virus getestet wird? Ob der Sportler am Spielort in 14-tägige Quarantäne gesetzt wird oder ob es einen Plan für die Rückreise gibt, lässt der Verband offen.

Die Erkrankungen nach der Länderspielwoche befeuern auch die Diskussion um die Sinnhaftigkeit der Weltmeisterschaft, die im Januar mit 32 Mannschaften in Ägypten ausgetragen werden soll. „Natürlich ist die WM für den Handball von großer Bedeutung. Aber wenn die Gesundheit an erste Stelle steht, muss man sie nicht stattfinden lassen. Die Bundesliga ist das Brot- und Buttergeschäft für uns alle. Das sollte man nicht gefährden“, fasste GWD Mindens Sportgeschäftsführer Frank von Behren die Sorgen seiner Manager-Kollegen der Liga zusammen.

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