„Wir fangen nicht bei Null an“: Andreas Tiemann spricht im MT-Interview über den zweiten Lockdown der Amateurhandballer Minden. Handball-Funktionär Andreas Tiemann ist in Zeiten der Corona-Pandemie ein besonders beliebter Gesprächspartner. Bereits beim ersten Lockdown im März dieses Jahres stand er vor der Frage, wie es weitergehen kann in seiner Sportart. Welcher Spielmodus ist für welche Liga die beste Lösung? Gibt es Auf- und Absteiger? Wie groß sind die Ligen und wird mit Hin- und Rückrunde gespielt? Viele Fragen tauchen nun erneut in der zweiten Phase mit der Spielpause im November auf. Im Handballverband Westfalen tüftelt er als Vize-Präsident Spieltechnik gemeinsam mit seinen Funktionärskollegen am „Re-Start 2.0“ von der Landesliga bis zur Oberliga. Und als stellvertretender Vorsitzender der Spielkommission für die 3. Liga kommt ein weiteres Betätigungsfeld hinzu, das zusätzlich Arbeit macht. Welcher Spielbetrieb bereitet Ihnen derzeit mehr schlaflose Nächte. Die 3. Liga oder die Spielklassen darunter? Weder die eine Liga noch die anderen. Im Gegensatz zum ersten Lockdown sind wir diesmal besser vorbereitet und fangen nicht bei Null an. Das heißt, Sie glauben daran, dass es nach den vier Wochen Pause problemlos weitergehen kann? Nein, das glaube ich nicht. Das wäre auch utopisch. Die Entwicklung mit den steigenden Inzidenzwerten war ja abzusehen. Überrascht hat uns nur der frühe Zeitpunkt. Wir haben zwar im Bereich des Handballverbandes Westfalen sieben Nachhol-Spieltage als Puffer eingebaut. Doch die dürften schnell aufgebraucht sein. Was glauben Sie, wann wieder gespielt werden kann? Das lässt sich schwer sagen und liegt nicht in unseren Händen. Wir sollten nur vorbereitet sein, wenn wir wieder grünes Licht von der Politik bekommen. Wir arbeiten an einem Plan. Aber den stimmen wir erst untereinander im Verband ab und beraten uns dann mit den Vereinen. Erst wenn alles geklärt ist, kann es wieder losgehen. Wir bleiben gelassen, weil wir bis Ende Juni kommenden Jahres Zeit haben, die Saison zu Ende zu spielen. Und sollte es doch zu einem Saisonabbruch kommen, könnte wieder die Quotientenregelung greifen. Wichtig ist aber, dass bei einem vorzeitigen Saison-Abbruch mindestens jeder einmal gegen jeden gespielt haben sollte. Aber noch einmal: So weit sind wir noch lange nicht. Im Bereich der Landesverbände war man sich nicht einig, ob man aus eigenem Antrieb die Saison unterbrechen soll oder nicht. Das stimmt. Und ich muss sagen, dass mich das auch maßlos geärgert hat. In der Öffentlichkeit konnte man den Eindruck gewinnen, dass es eine Art Wettbewerb gegeben hat unter dem Motto: Welche Liga stoppt zuerst? Das war leider nicht nur im Handball so, sondern auch in anderen Sportarten. Das war mehr als kontraproduktiv und eine Steilvorlage für die Politik, den Sport wieder in den Lockdown zu schicken. Wie kann es aus Ihrer Sicht denn jetzt weitergehen? Wir verfallen nicht in Hektik, auch wenn ich fast täglich Anrufe von Vereinsfunktionären bekomme, die genau das wissen sollen. Und was antworten Sie denen? Dass wir abwarten müssen, bis es gesicherte Fakten gibt und Handballspielen wieder gefahrlos möglich ist. Es ist natürlich denkbar, dass es Mitte Dezember weitergehen kann. Im Gegensatz zur ersten Lockdown-Phase fangen die Vereine und die Spieler ja nicht bei Null an. Statt einem halben Jahr Spielpause reden wir nun von vier Wochen Unterbrechung. Auch die Aktiven wissen inzwischen, wie sie sich fit halten können. In der Vor-Corona-Zeit hatten wir drei Wochen Weihnachtspause, jetzt ist es gerade einmal eine Woche mehr. Das dürfte also kein Problem sein für die Mannschaften. Im Handballkreis Minden-Lübbecke hat man sich dazu entschieden, in diesem Jahr überhaupt nicht mehr zu spielen. War diese Entscheidung richtig? Auf jeden Fall. Und es war eine kluge Entscheidung. Man muss schon unterscheiden, über welche Ligen wir reden. Wenn es eine Anlaufzeit von zwei Wochen im Dezember gibt, würde es bedeuten, das ein bis zwei Spieltage im Dezember ausgetragen werden könnten. Das hieße, es würde auch am 4. Advent gespielt. Das kann zumindest auf Kreisebene niemand ernsthaft wollen. In der 3. Liga wird darüber diskutiert, ob es sich um Profisport handelt, der weiter trainieren und weiter spielen könnte. Ihre Meinung? Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) prüft derzeit für alle Sportarten, welcher Sportler als Profi zu bewerten sind und welche nicht. Im Handball sehe ich die 3.Liga eher als Profisportart und zwar aus folgendem Grund: Auf den Abrechnungen der Berufsgenossenschaft, die die Vereine abgeben müssen, werden die Spieler als Profis eingestuft. Über die hohen Zahlungen an die BG stöhnen viele Klubs. Viele Spieler sind – zumindest auf Minijob-Basis bei den Vereinen bzw. deren wirtschaftlichen Trägern angestellt – üben also einen Beruf aus. Selbstverständlich ist dieser Beruf in der Mehrzahl nicht der Hauptberuf, aber Beruf bleibt Beruf. Ein weiteres Indiz sind die Corona-Soforthilfen des Bundes, die die Drittligisten beantragen können. Hier wird die 3. Liga im Handball explizit dem Profibereich zugeordnet. Wenn nun Vereine von sich behaupten, dass sie Amateure sind und gleichzeitig die Corona-Hilfen des Bundes beantragen, ist das für mich ein Widerspruch. Was glauben Sie, wie lange Sie brauchen werden, um ein neues tragfähiges Konzept zu entwickeln?

„Wir fangen nicht bei Null an“: Andreas Tiemann spricht im MT-Interview über den zweiten Lockdown der Amateurhandballer

Bleibt trotz der unklaren Situation noch gelassen und blickt zuversichtlich in die Zukunft: Andreas Tiemann. MT-Foto: Jörg Wehling © Jörg Wehling

Minden. Handball-Funktionär Andreas Tiemann ist in Zeiten der Corona-Pandemie ein besonders beliebter Gesprächspartner. Bereits beim ersten Lockdown im März dieses Jahres stand er vor der Frage, wie es weitergehen kann in seiner Sportart. Welcher Spielmodus ist für welche Liga die beste Lösung? Gibt es Auf- und Absteiger? Wie groß sind die Ligen und wird mit Hin- und Rückrunde gespielt? Viele Fragen tauchen nun erneut in der zweiten Phase mit der Spielpause im November auf. Im Handballverband Westfalen tüftelt er als Vize-Präsident Spieltechnik gemeinsam mit seinen Funktionärskollegen am „Re-Start 2.0“ von der Landesliga bis zur Oberliga. Und als stellvertretender Vorsitzender der Spielkommission für die 3. Liga kommt ein weiteres Betätigungsfeld hinzu, das zusätzlich Arbeit macht.

Welcher Spielbetrieb bereitet Ihnen derzeit mehr schlaflose Nächte. Die 3. Liga oder die Spielklassen darunter?

Weder die eine Liga noch die anderen. Im Gegensatz zum ersten Lockdown sind wir diesmal besser vorbereitet und fangen nicht bei Null an.

Das heißt, Sie glauben daran, dass es nach den vier Wochen Pause problemlos weitergehen kann?

Nein, das glaube ich nicht. Das wäre auch utopisch. Die Entwicklung mit den steigenden Inzidenzwerten war ja abzusehen. Überrascht hat uns nur der frühe Zeitpunkt. Wir haben zwar im Bereich des Handballverbandes Westfalen sieben Nachhol-Spieltage als Puffer eingebaut. Doch die dürften schnell aufgebraucht sein.

Was glauben Sie, wann wieder gespielt werden kann?

Das lässt sich schwer sagen und liegt nicht in unseren Händen. Wir sollten nur vorbereitet sein, wenn wir wieder grünes Licht von der Politik bekommen. Wir arbeiten an einem Plan. Aber den stimmen wir erst untereinander im Verband ab und beraten uns dann mit den Vereinen. Erst wenn alles geklärt ist, kann es wieder losgehen. Wir bleiben gelassen, weil wir bis Ende Juni kommenden Jahres Zeit haben, die Saison zu Ende zu spielen. Und sollte es doch zu einem Saisonabbruch kommen, könnte wieder die Quotientenregelung greifen. Wichtig ist aber, dass bei einem vorzeitigen Saison-Abbruch mindestens jeder einmal gegen jeden gespielt haben sollte. Aber noch einmal: So weit sind wir noch lange nicht.

Im Bereich der Landesverbände war man sich nicht einig, ob man aus eigenem Antrieb die Saison unterbrechen soll oder nicht.

Das stimmt. Und ich muss sagen, dass mich das auch maßlos geärgert hat. In der Öffentlichkeit konnte man den Eindruck gewinnen, dass es eine Art Wettbewerb gegeben hat unter dem Motto: Welche Liga stoppt zuerst? Das war leider nicht nur im Handball so, sondern auch in anderen Sportarten. Das war mehr als kontraproduktiv und eine Steilvorlage für die Politik, den Sport wieder in den Lockdown zu schicken.

Wie kann es aus Ihrer Sicht denn jetzt weitergehen?

Wir verfallen nicht in Hektik, auch wenn ich fast täglich Anrufe von Vereinsfunktionären bekomme, die genau das wissen sollen.

Und was antworten Sie denen?

Dass wir abwarten müssen, bis es gesicherte Fakten gibt und Handballspielen wieder gefahrlos möglich ist. Es ist natürlich denkbar, dass es Mitte Dezember weitergehen kann. Im Gegensatz zur ersten Lockdown-Phase fangen die Vereine und die Spieler ja nicht bei Null an. Statt einem halben Jahr Spielpause reden wir nun von vier Wochen Unterbrechung. Auch die Aktiven wissen inzwischen, wie sie sich fit halten können. In der Vor-Corona-Zeit hatten wir drei Wochen Weihnachtspause, jetzt ist es gerade einmal eine Woche mehr. Das dürfte also kein Problem sein für die Mannschaften.

Im Handballkreis Minden-Lübbecke hat man sich dazu entschieden, in diesem Jahr überhaupt nicht mehr zu spielen. War diese Entscheidung richtig?

Auf jeden Fall. Und es war eine kluge Entscheidung. Man muss schon unterscheiden, über welche Ligen wir reden. Wenn es eine Anlaufzeit von zwei Wochen im Dezember gibt, würde es bedeuten, das ein bis zwei Spieltage im Dezember ausgetragen werden könnten. Das hieße, es würde auch am 4. Advent gespielt. Das kann zumindest auf Kreisebene niemand ernsthaft wollen.

In der 3. Liga wird darüber diskutiert, ob es sich um Profisport handelt, der weiter trainieren und weiter spielen könnte. Ihre Meinung?

Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) prüft derzeit für alle Sportarten, welcher Sportler als Profi zu bewerten sind und welche nicht. Im Handball sehe ich die 3.Liga eher als Profisportart und zwar aus folgendem Grund: Auf den Abrechnungen der Berufsgenossenschaft, die die Vereine abgeben müssen, werden die Spieler als Profis eingestuft. Über die hohen Zahlungen an die BG stöhnen viele Klubs. Viele Spieler sind – zumindest auf Minijob-Basis bei den Vereinen bzw. deren wirtschaftlichen Trägern angestellt – üben also einen Beruf aus. Selbstverständlich ist dieser Beruf in der Mehrzahl nicht der Hauptberuf, aber Beruf bleibt Beruf. Ein weiteres Indiz sind die Corona-Soforthilfen des Bundes, die die Drittligisten beantragen können. Hier wird die 3. Liga im Handball explizit dem Profibereich zugeordnet. Wenn nun Vereine von sich behaupten, dass sie Amateure sind und gleichzeitig die Corona-Hilfen des Bundes beantragen, ist das für mich ein Widerspruch.

Was glauben Sie, wie lange Sie brauchen werden, um ein neues tragfähiges Konzept zu entwickeln?

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