Training in der Krise: Handballer können ohne Zeitdruck Grundlagen schaffen Christian Bendig Minden. Der allseits erwartete Saisonabbruch im Handball ist seit einer Woche perfekt. Die Sporthallen sind dicht, ein geregeltes Training ist zurzeit unmöglich. Der Mindener Sportmediziner Dr. Heinz Schumacher sieht darin aber auch eine Chance für die Athleten. Seit einigen Wochen müssen die Trainer auf die Eigenverantwortung ihrer Schützlinge vertrauen. Training in den eigenen vier Wänden oder im Freien sind derzeit angesagt. „Ich bewege mich jeden Tag eine Stunde lang im Glacis. Und das sehe ich sehr viele Sportler, vor allem mir bekannte Handballer“, meint Schumacher, der sich neben seinem Praxisbetrieb auch um die Drittliga-Spieler von Lit Tribe Germania kümmert. Die 3. Liga stellt die Schwelle vom Amateurhandball mit Leistungsgedanken zum Profitum dar. Der Trainingsaufwand ist dementsprechend hoch. „Je höher die Liga, desto höher ist die Eigenverantwortung, fit zu bleiben“, sagt der Mediziner. Unter normalen Umständen ist der Rhythmus Jahr für Jahr gleich: Letzter Spieltag, Mannschaftsfahrt, trainingsfreie Zeit, Beginn der Vorbereitung. Nach dem Abbruch und der Ungewissheit, ob die Saison 2020/21 wie gewohnt im September beginnen wird, sind die Anforderungen an Spieler und Trainer deutlich gestiegen. Die Grundlagenausdauer könne jeder Sportler selbstständig trainieren, sagt Schumacher. Kniffliger wird es beim handballspezifischen Training. „Zum Beispiel wird die Schultermuskulatur bei den Würfen extrem beansprucht“, weiß Schumacher und ergänzt: „Dazu kommen dann noch die Belastungen bei den Kontakten in den Zweikämpfen.“ Gerade in dieser Phase, in den Testspielen und auch an den ersten Spieltagen nach Saisonbeginn, sei die Verletzungsanfälligkeit besonders für Kreuzbandrisse hoch. Allen Unwägbarkeiten zum Trotz müsse sich laut Schumacher der „Amateurhandballer jederzeit bewusst sein, dass irgendwann die nächste Stufe nach dem Grundlagenausdauertraining kommen wird“ und sich auf diese vorbereiten. Reines Lauftraining und gesunde Ernährung sind dann zu wenig. Muskelerhalt und Muskelaufbau an den besonders gefährdeten Körperstellen wie Sprunggelenke, Knie, Oberschenkel, Rücken oder Schulter sind unerlässlich. „In allen Bereichen besteht jedoch die Gefahr, dass falsch, zu wenig oder zu viel trainiert wird“, warnt der Lit-Teamarzt. Akteure, die schludern oder mit zu hohem Ehrgeiz das Training betreiben „sind später hinten dran“ und vergeuden wichtige Zeit. In Bezug auf die Handballer ist Schumacher aber optimistisch: „Diejenigen, die ich kenne, haben inzwischen ein feines Gespür für das Zusammenspiel von Muskeln und Sehnen entwickelt.“ Eine ausschließliche Fokussierung auf ein reines Muskeltraining sei ohnehin grundlegend falsch. Nicht nur für Handballer. Um falschem Training vorzubeugen, gebe es bereits seit einiger Zeit im Internet hilfreiche Videos. Der Deutsche Handballbund hat etwa in Zusammenarbeit mit dem Athletik-Bundestrainer David Gröger eine Videosammlung zu verschiedenen Themen veröffentlicht. Schumacher stellt aber auch fest: „Die Kenntnisse der Trainingsmodalitäten sind bei der heutigen Spielergeneration höher als noch vor 15 oder 20 Jahren.“ Die Spieler stellten viel häufiger Fragen: Was darf ich? In welchen Umfängen? Und welche Regenerationszeiten sind einzuhalten? Für die Regeneration spiele auch die Ernährung eine nicht zu unterschätzende Rolle. Hier gelten für Sportler die gleichen Vorgaben wie für alle anderen auch. Vitaminreiche Kost mit viel Obst und Gemüse seien laut Schumacher wichtig. „Und die Bewegung an der frischen Luft für den Vitamin-D-Haushalt des Köpers.“ Für derzeit verletzte Sportler ist die Corona-Krise sogar eine Chance. „Sie können sich ohne Zeitdruck eine Grundfitness erarbeiten“, meint Schumacher. Aber auch nicht verletzte Spieler könnten beim Beginn der Vorbereitung auf einem höheren Level einsteigen. Übrigens ist eine bessere Fitness im Hinblick auf die kommende Spielzeit wichtig. Weil es keine Absteiger, aber aufgrund der Wildcard-Regelung mehr Aufsteiger gibt, werden die Ligen mit deutlich mehr Teams ausgetragen. Die Folge sind mehr Partien und somit eine höhere Verletzungsgefahr. Wer jetzt schludert, könnte also im Herbst bestraft werden. Einer, der auch die positiven Seiten der Corona-Krise sieht, ist Jannik Gartmann. Der Lit-Rückraumspieler erlitt in der vorigen Saison nicht nur einen Handbruch, sondern laborierte auch an Schulterproblemen. „Diese Schmerzen sind erst einmal weg. Es fühlt sich so an, als wäre die Schulter ausgeheilt“, sagt Gartmann: „Insgesamt glaube ich, dass jeder Spieler nun die Gelegenheit hat, fitter in die Saison zu gehen.“ Denn die kurze Phase zwischen Saisonende und Trainingsauftakt habe selten ausgereicht, „um Wehwehchen richtig auszukurieren“. Gartmann blickt zurück: „Eigentlich bin wie viele andere auch immer angeschlagen in die Vorbereitung gegangen.“ Lehrprobe als Basis für das Heimtraining Der 12. März war nicht nur als Tag der Saisonunterbrechung im Handball, die dann zum Abbruch führte, denkwürdig. Für Jannik Gartmann war es auch das Datum seiner erfolgreichen Lehrprüfung. „Am nächsten Tag waren die Schulen dicht und ich hätte sie nicht machen können“, erzählt der angehende Lehrer für Sport und Biologie. Sein Thema im Fach Sport, „Functional Training für Zuhause – Training mit Alltagsgegenständen“, war eine gute Basis für die Monate im daheim. „Die Schüler sollten sich Übungen mit Haushaltsgegenständen ausdenken, falls draußen schlechtes Wetter ist oder das Kind nicht im Sportverein ist“, erklärt der 26-Jährige. Er selbst habe von diesem Wissen profitiert. Krafttraining betrieb Gartmann zuletzt mit gefüllten Benzinkanistern, Ausfallschritte simulierte er mit Putzlappen. (cb) Training in der Krise Der Sport steht still, Athleten und Trainer hängen in der Luft: Wann geht es endlich wieder los? Wann werden die Sportstätten geöffnet? Wann gehen Wettbewerbe und Meisterschaften weiter? Mit der MT-Serie „Training in der Krise“ gibt die Sportredaktion einen Überblick, wie sich die heimischen Sportler in Zeiten des Coronavirus fit halten.

Training in der Krise: Handballer können ohne Zeitdruck Grundlagen schaffen

Training mit Benzinkanistern: Jannik Gartmann wird in der Krise kreativ. © Foto: privat

Minden. Der allseits erwartete Saisonabbruch im Handball ist seit einer Woche perfekt. Die Sporthallen sind dicht, ein geregeltes Training ist zurzeit unmöglich. Der Mindener Sportmediziner Dr. Heinz Schumacher sieht darin aber auch eine Chance für die Athleten.

Seit einigen Wochen müssen die Trainer auf die Eigenverantwortung ihrer Schützlinge vertrauen. Training in den eigenen vier Wänden oder im Freien sind derzeit angesagt. „Ich bewege mich jeden Tag eine Stunde lang im Glacis. Und das sehe ich sehr viele Sportler, vor allem mir bekannte Handballer“, meint Schumacher, der sich neben seinem Praxisbetrieb auch um die Drittliga-Spieler von Lit Tribe Germania kümmert.

Sportmediziner Dr. Heinz Schumacher ist Teamarzt bei Lit Tribe Germania und auch sonst ein gern gefragter Ratgeber für Handballer. - © Foto: Bendig
Sportmediziner Dr. Heinz Schumacher ist Teamarzt bei Lit Tribe Germania und auch sonst ein gern gefragter Ratgeber für Handballer. - © Foto: Bendig

Die 3. Liga stellt die Schwelle vom Amateurhandball mit Leistungsgedanken zum Profitum dar. Der Trainingsaufwand ist dementsprechend hoch. „Je höher die Liga, desto höher ist die Eigenverantwortung, fit zu bleiben“, sagt der Mediziner. Unter normalen Umständen ist der Rhythmus Jahr für Jahr gleich: Letzter Spieltag, Mannschaftsfahrt, trainingsfreie Zeit, Beginn der Vorbereitung. Nach dem Abbruch und der Ungewissheit, ob die Saison 2020/21 wie gewohnt im September beginnen wird, sind die Anforderungen an Spieler und Trainer deutlich gestiegen.

Die Grundlagenausdauer könne jeder Sportler selbstständig trainieren, sagt Schumacher. Kniffliger wird es beim handballspezifischen Training. „Zum Beispiel wird die Schultermuskulatur bei den Würfen extrem beansprucht“, weiß Schumacher und ergänzt: „Dazu kommen dann noch die Belastungen bei den Kontakten in den Zweikämpfen.“ Gerade in dieser Phase, in den Testspielen und auch an den ersten Spieltagen nach Saisonbeginn, sei die Verletzungsanfälligkeit besonders für Kreuzbandrisse hoch.

Allen Unwägbarkeiten zum Trotz müsse sich laut Schumacher der „Amateurhandballer jederzeit bewusst sein, dass irgendwann die nächste Stufe nach dem Grundlagenausdauertraining kommen wird“ und sich auf diese vorbereiten. Reines Lauftraining und gesunde Ernährung sind dann zu wenig. Muskelerhalt und Muskelaufbau an den besonders gefährdeten Körperstellen wie Sprunggelenke, Knie, Oberschenkel, Rücken oder Schulter sind unerlässlich. „In allen Bereichen besteht jedoch die Gefahr, dass falsch, zu wenig oder zu viel trainiert wird“, warnt der Lit-Teamarzt. Akteure, die schludern oder mit zu hohem Ehrgeiz das Training betreiben „sind später hinten dran“ und vergeuden wichtige Zeit. In Bezug auf die Handballer ist Schumacher aber optimistisch: „Diejenigen, die ich kenne, haben inzwischen ein feines Gespür für das Zusammenspiel von Muskeln und Sehnen entwickelt.“ Eine ausschließliche Fokussierung auf ein reines Muskeltraining sei ohnehin grundlegend falsch. Nicht nur für Handballer.

Um falschem Training vorzubeugen, gebe es bereits seit einiger Zeit im Internet hilfreiche Videos. Der Deutsche Handballbund hat etwa in Zusammenarbeit mit dem Athletik-Bundestrainer David Gröger eine Videosammlung zu verschiedenen Themen veröffentlicht. Schumacher stellt aber auch fest: „Die Kenntnisse der Trainingsmodalitäten sind bei der heutigen Spielergeneration höher als noch vor 15 oder 20 Jahren.“

Die Spieler stellten viel häufiger Fragen: Was darf ich? In welchen Umfängen? Und welche Regenerationszeiten sind einzuhalten? Für die Regeneration spiele auch die Ernährung eine nicht zu unterschätzende Rolle. Hier gelten für Sportler die gleichen Vorgaben wie für alle anderen auch. Vitaminreiche Kost mit viel Obst und Gemüse seien laut Schumacher wichtig. „Und die Bewegung an der frischen Luft für den Vitamin-D-Haushalt des Köpers.“

Für derzeit verletzte Sportler ist die Corona-Krise sogar eine Chance. „Sie können sich ohne Zeitdruck eine Grundfitness erarbeiten“, meint Schumacher. Aber auch nicht verletzte Spieler könnten beim Beginn der Vorbereitung auf einem höheren Level einsteigen. Übrigens ist eine bessere Fitness im Hinblick auf die kommende Spielzeit wichtig. Weil es keine Absteiger, aber aufgrund der Wildcard-Regelung mehr Aufsteiger gibt, werden die Ligen mit deutlich mehr Teams ausgetragen. Die Folge sind mehr Partien und somit eine höhere Verletzungsgefahr. Wer jetzt schludert, könnte also im Herbst bestraft werden.

Einer, der auch die positiven Seiten der Corona-Krise sieht, ist Jannik Gartmann. Der Lit-Rückraumspieler erlitt in der vorigen Saison nicht nur einen Handbruch, sondern laborierte auch an Schulterproblemen. „Diese Schmerzen sind erst einmal weg. Es fühlt sich so an, als wäre die Schulter ausgeheilt“, sagt Gartmann: „Insgesamt glaube ich, dass jeder Spieler nun die Gelegenheit hat, fitter in die Saison zu gehen.“ Denn die kurze Phase zwischen Saisonende und Trainingsauftakt habe selten ausgereicht, „um Wehwehchen richtig auszukurieren“. Gartmann blickt zurück: „Eigentlich bin wie viele andere auch immer angeschlagen in die Vorbereitung gegangen.“

Lehrprobe als Basis für das Heimtraining

Der 12. März war nicht nur als Tag der Saisonunterbrechung im Handball, die dann zum Abbruch führte, denkwürdig. Für Jannik Gartmann war es auch das Datum seiner erfolgreichen Lehrprüfung. „Am nächsten Tag waren die Schulen dicht und ich hätte sie nicht machen können“, erzählt der angehende Lehrer für Sport und Biologie.

Sein Thema im Fach Sport, „Functional Training für Zuhause – Training mit Alltagsgegenständen“, war eine gute Basis für die Monate im daheim. „Die Schüler sollten sich Übungen mit Haushaltsgegenständen ausdenken, falls draußen schlechtes Wetter ist oder das Kind nicht im Sportverein ist“, erklärt der 26-Jährige. Er selbst habe von diesem Wissen profitiert. Krafttraining betrieb Gartmann zuletzt mit gefüllten Benzinkanistern, Ausfallschritte simulierte er mit Putzlappen. (cb)

Training in der Krise

Der Sport steht still, Athleten und Trainer hängen in der Luft: Wann geht es endlich wieder los? Wann werden die Sportstätten geöffnet? Wann gehen Wettbewerbe und Meisterschaften weiter? Mit der MT-Serie „Training in der Krise“ gibt die Sportredaktion einen Überblick, wie sich die heimischen Sportler in Zeiten des Coronavirus fit halten.

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